Probleme der Hilfsverbselektion bei der Perfektbildung in der deutschen Gegenwartssprache


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bildung des Perfekts

3.: Verbale Subklassen
3.1: transitive und intransitive Verben
3.2: semantische Aufteilungsmöglichkeit der Verben nach Aktionsarten
3.2.1: zeitliche Verlaufsweise
3.2.2: Wiederholung
3.2.3.: Grad, Intensität

4.: Die Ordnungsansätze
4.1.: Ansätze aus allgemeinen Grammatiken
4.2.: Ansatz der „Grammatik der deutschen Sprache“ des Instituts für deutsche Sprache

5.: Fazit

Literaturliste

1. Einleitung

Im Seminar „Grammatik und Norm“ wurden verschiedene sprachliche Phänomene angesprochen, die viele Zweifels- oder Grenzfälle aufweisen. Es wurde festgestellt, dass ein Blick in die gängigen Grammatiken zumeist von dem Eindruck dominiert wird, neuere Tendenzen würden gar nicht erst als „Sprachnormalität“ anerkannt. Der Dudenverlag spricht gar von „Richtige[m] und gute[m] Deutsch“[1], wenn er Normen vorgeben will. Betrachtet man dagegen die Sprachgewohnheiten der heutigen Sprecher, kommt die Frage nach der Ableitbarkeit von Alternativen in den Sinn. Es sollte keine Reduktion auf Zwänge stattfinden, sondern vielmehr durch Beobachtung des Sprachverhaltens ein deskriptiver Normbegriff entworfen werden.

Auch die Bildung der Perfektform mit haben oder sein weist einige Grenzfälle auf und soll daher das Thema meiner Arbeit sein. Dabei geht es mir zunächst darum, anhand verschiedener Grammatiken die Unterscheidungsmerkmale heraus zu arbeiten. Ich beginne mit Grammatiken, die für den „Hausgebrauch“ geschrieben sind. Dort wird nach einfachen Kriterien eingeteilt, um ein schnelles Nachschlagen oder auch Erlernen der Sprache durch einen Fremdsprachler zu erleichtern.

Dann werde ich einen Blick in die dreiteilige „Grammatik der deutschen Sprache“, herausgegeben unter den „Schriften des Instituts für deutsche Sprache“, werfen. Hier wird das Thema wesentlich differenzierter behandelt und es wird nicht von einem Deutschlerner ausgegangen oder einer Person, die nach einem schnellen Blick in die Grammatik eine Frage rein auf die Anwendung gerichtet beantwortet haben möchte.

Meine Fragestellung zielt auf den Umgang mit Grenzfällen. Welcher Erklärungsansatz kann die meisten Phänomene aufgreifen? Welche Vor- und Nachteile haben die verschiedenen Ansätze?

2. Bildung des Perfekts

Die Bildung des Perfekts bei schwachen Verben geschieht durch die Bildung der finiten Form des Stamms von haben oder sein. Den zweiten Teil der analytischen Form bildet die Präfigierung von ge vor den Vollverbstamm und der Bildung des Präteritalstammes durch Anhängen von t. Anschaulich wird die Bildung am Beispiel hab+e ge+leg+t.

Starke Verben bilden das Perfekt durch die finite Form des Stammes von haben oder sein und der Präfigierung von ge vor den Vollverbstamm und Anhängen von en, wie in dem Beispiel hab+e ge+ruf+en. Das Partizip II enthält also nicht das Präteritalmorphem, sondern das Infinitivmorphem. Diese wird in manchen Fällen nicht an den Präsensstamm suffigiert, sondern an den Präteritalstamm, wie im Beispiel heben – hob – gehoben. Es gibt auch Besonderheiten in der Ablautreihe: stehlen – stahl – gestohlen.[2]

In meiner Arbeit gilt die Betrachtung jedoch der Bildung des Perfekts mit haben oder sein. Die Aufteilung in verschiedenen Grammatiken kann wie folgt zusammengefasst werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der Perfektbildung der intransitiven Verben treten immer dann Schwankungen auf, wenn die Zuordnung eines bestimmten Verbs zu einer der möglichen Gruppen unsicher ist oder wechselt, z.B. intransitive Verben, die eine allmähliche Veränderung bezeichnen: der Wein hat/ist gegoren[15], oder bei Bewegungsverben, die entweder eine Dauer oder eine Bewegung ausdrücken können: ich habe früher viel getanzt – ich bin durch den Saal getanzt.[16] Auch bei Lokalangaben sind prinzipiell beide Bildungen möglich, außer bei den nur mit sein bildbaren Richtungsänderungen. Reziproke Verben mit Dativ bilden das Perfekt teils mit haben, teils mit sein: Die Zwillinge haben sich geglichen wie ein Ei dem anderen – sie sind sich heute zum ersten mal begegnet.[17] Außerdem kommen „zahlreiche Verben [...] entweder mit oder ohne Akkusativergänzung vor; sie sind dementsprechend passivfähig oder nicht und haben auch unterschiedliche Bedeutung. Die jeweils erste Variante bildet das Perfekt mit haben, die zweite mit sein:

Uli hat eine neue Packung angebrochen.

Der Tag ist bereits angebrochen.“[18]

Betrachtet man die Tatsache, dass die Mehrzahl der Verben das Perfekt mit haben bilden, könnte man von der Bildung mit sein als der markierten Form sprechen.

3.: Verbale Subklassen

Die im vorigen Kapitel genannten Unterscheidungsmerkmale werden interessant, betrachtet man die Grenzfälle und Überschneidungen. In diesem Zusammenhang möchte ich zunächst die Besonderheiten der Transität bzw. Intransität und die semantische Einteilungsmöglichkeit in ein Aktionsartensystem vorstellen, um die Merkmale der Verben deutlich zu machen.

3.1: transitive und intransitive Verben

Als transitiv werden Verben bezeichnet, die ein Akkusativobjekt zu sich nehmen können[19]. Manche Forscher schränken diesen Begriff auf die passivfähigen Akkusativverben ein[20]. „Verfolgt man diesen Terminus auf seine Ursprünge zurück, so meint er offensichtlich Verben, die ein Geschehen bezeichnen, das nicht ‚in sich ruht‘, ‚in der Subjektsphäre verbleibt‘ (wie blühen, lachen, schlafen), sondern die Subjektsphäre überschreitet (lat. transire ‚überschreiten‛) und andere Größen einbezieht, die ebenfalls von dem Geschehen betroffen werden (wie betrauern, entsorgen, vergessen)“[21]. Diese Argumentation hingegen würde auch auf einige Dativverben (helfen) oder auch Präpositionalverben (vertrauen auf) zutreffen[22]. Manche Forscher verzichten deshalb auf die Kategorie der transitiven Verben und arbeiten stattdessen mit verschiedenen Valenzklassen[23].

Die Duden-Grammatik definiert: „Verben mit einem Akkusativobjekt, das bei der Umwandlung ins Passiv zum Subjekt wird (Der Hund beißt den Jungen. – Der Junge wird vom Hund gebissen), nennt man transitiv (zielend), alle anderen intransitiv (nicht zielend)“[24]. Das intransitive Verb zieht kein Akkusativobjekt nach sich und bildet kein persönliches Passiv[25]. Diesen Definitionen des Dudens folge ich in meiner Hausarbeit.

3.2: semantische Aufteilungsmöglichkeit der Verben nach Aktionsarten

Die Verben der deutschen Sprache können ihrer Bedeutung nach in Handlungsverben (arbeiten, lachen), Vorgangsverben (blühen, schlafen), Zustandsverben (bleiben, wohnen) und die Unterklassen wie Veranlassungsverben (fällen, setzen) und Wiederholungsverben (husten, tropfen) unterteilt werden[26]. Ein weiteres Unterscheidungskriterium sind die Aktionsarten.

Der Begriff „Aktionsart“ wird im Verzeichnis der Fachausdrücke im Duden: Grammatik der deutschen Gegenwartssprache folgendermaßen definiert: „die Art und Weise, wie das durch ein Verb bezeichnete Geschehen abläuft; Geschehens-, Verlaufsweise, Handlungsart“[27]. Doch die „Differenzierung kann stärker zeitlich (Dauer, Anfang, Ende…) oder stärker qualitativ (Veranlassung…) erfolgen. Beide Verläufe greifen oft ineinander“[28].

Die Relevanz der Unterscheidung von Aktionsarten zeigt sich unter anderem darin, dass einige Aktionsartenunterschiede „die Bildung bestimmter Formtypen des Konjugationsparadigmas“[29] steuern und Einfluss auf die Benutzung bestimmter syntaktischer Fügungen haben. Dies ist zum einen der Fall bei der Perfektbildung mit haben/sein, aber auch bei der Fähigkeit zur Bildung des Zustandspassiv und der Fähigkeit des Partizips II zur attributiven Verwendung.

Verschiedene Aktionsarten sollen nun vorgestellt werden. Ihre Abgrenzungen sind im Deutschen nur schwer auszumachen und nicht immer eindeutig. Trotzdem möchte ich in diesem ersten Schritt einige Prototypen beschreiben:

3.2.1: zeitliche Verlaufsweise

- durative Verben beschreiben Vorgänge ohne zeitliche Begrenzung, dauernd, unvollendet[30], beispielsweise schlafen, bleiben, blühen. Sie können als unmarkiert bezeichnet werden, weil sie neutral ihrer aktionalen Bedeutungsopposition gegenüber stehen, gerade nicht die zeitlichen Besonderheiten hervorheben[31]. Ihre Neutralität aber bietet die Möglichkeit, durch „geeignete Kontextelemente (z.B. Tempus-, Wortbildungselemente, syntaktische Gefügepartner)“[32] auch einen zeitlich abgeschlossenen (perfektiven), einen Übergang in einen neuen Zustand bezeichnenden (mutativen) Charakter anzunehmen, wie in den Beispielen hat geschlafen, schläft ein, hört auf zu schlafen[33]. Sollen mit diesen Verben Dauer oder Verlauf akzentuiert werden, müssen Umschreibungen durch analytische Mittel gewählt werden, „z.B. mit ‚Hilfsverben‘: ist am Blühen, steht in Blüte; durch Wiederholung: redet und redet, reiten – reiten – reiten; vereinzelt auch durch Präelemente: durcharbeiten, weiterschlafen; oder durch Adverbialbestimmungen der Dauer: schneit in einem fort / fort und fort.[34]

[...]


[1] Duden (1985): Richtiges und gutes Deutsch. Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle

[2] vgl. Peter Eisenberg (1999): Grundriß der deutschen Grammatik. Bnd 2. Der Satz, S.106f.

[3] vgl. Duden (1998): Grammatik der deutschen Gegenwartssprache, S.121

[4] vgl. Karl-Ernst Sommerfeld/Günter Starke (1998): Einführung in die Grammatik der deutschen Gegenwartssprache, S.66

[5] vgl. ebd.

[6] vgl. Ulrich Engel (1996): Deutsche Grammatik, S.449

[7] vgl. Sommerfeld/Starke (1998):S.66

[8] vgl. ebd.

[9] vgl. Lutz Götze/Ernest W.B. Hess-Lüttich (1999): Grammatik der deutschen Sprache. Sprachsystem und Sprachgebrauch, S.58

[10] vgl. Sommerfeld/Starke (1998): S.66

[11] vgl. Götze/Hess-Lüttich (1999): S.89, 91

[12] vgl. Sommerfeld/Starke(1998): S.107

[13] vgl. ebd.

[14] vgl. Götze/Hess-Lüttich (1999): S.58

[15] vgl. Duden (1998):S.122

[16] vgl. ebd

[17] vgl. a.a.O., S.107

[18] Engel (1998): S.449

[19] vgl. Engel (1996): S.391

[20] vgl. ebd.

[21] ebd.

[22] vgl. ebd.

[23] vgl. ebd.

[24] Duden (1998): S.106

[25] vgl. a.a.O., S.864

[26] vgl. Götze/Hess-Lüttich (1999): S.88

[27] Duden (1998): S. 860

[28] Sommerfeld/Starke (1998): S.55

[29] Heidolph (1981): S.504

[30] vgl. Duden (1998): S.456.

[31] vgl. Karl Erich Heidolph u.a. (Hrsg) (1981): Grundzüge einer deutschen Grammatik, S.501

[32] ebd.

[33] vgl. ebd.

[34] ebd.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Probleme der Hilfsverbselektion bei der Perfektbildung in der deutschen Gegenwartssprache
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Grammatik und Norm
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V87551
ISBN (eBook)
9783638022637
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Probleme, Hilfsverbselektion, Perfektbildung, Gegenwartssprache, Grammatik, Norm
Arbeit zitieren
Silke Wellnitz (Autor), 2005, Probleme der Hilfsverbselektion bei der Perfektbildung in der deutschen Gegenwartssprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87551

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