Im Seminar „Grammatik und Norm“ wurden verschiedene sprachliche Phänomene angesprochen, die viele Zweifels- oder Grenzfälle aufweisen. Es wurde festgestellt, dass ein Blick in die gängigen Grammatiken zumeist von dem Eindruck dominiert wird, neuere Tendenzen würden gar nicht erst als „Sprachnormalität“ anerkannt. Der Dudenverlag spricht gar von „Richtige[m] und gute[m] Deutsch“ , wenn er Normen vorgeben will. Betrachtet man dagegen die Sprachgewohnheiten der heutigen Sprecher, kommt die Frage nach der Ableitbarkeit von Alternativen in den Sinn. Es sollte keine Reduktion auf Zwänge stattfinden, sondern vielmehr durch Beobachtung des Sprachverhaltens ein deskriptiver Normbegriff entworfen werden.
Auch die Bildung der Perfektform mit haben oder sein weist einige Grenzfälle auf und soll daher das Thema meiner Arbeit sein. Dabei geht es mir zunächst darum, anhand verschiedener Grammatiken die Unterscheidungsmerkmale heraus zu arbeiten. Ich beginne mit Grammatiken, die für den „Hausgebrauch“ geschrieben sind. Dort wird nach einfachen Kriterien eingeteilt, um ein schnelles Nachschlagen oder auch Erlernen der Sprache durch einen Fremdsprachler zu erleichtern.
Dann werde ich einen Blick in die dreiteilige „Grammatik der deutschen Sprache“, herausgegeben unter den „Schriften des Instituts für deutsche Sprache“, werfen. Hier wird das Thema wesentlich differenzierter behandelt und es wird nicht von einem Deutschlerner ausgegangen oder einer Person, die nach einem schnellen Blick in die Grammatik eine Frage rein auf die Anwendung gerichtet beantwortet haben möchte.
Meine Fragestellung zielt auf den Umgang mit Grenzfällen. Welcher Erklärungsansatz kann die meisten Phänomene aufgreifen? Welche Vor- und Nachteile haben die verschiedenen Ansätze?
Die Bildung des Perfekts bei schwachen Verben geschieht durch die Bildung der finiten Form des Stamms von haben oder sein. Den zweiten Teil der analytischen Form bildet die Präfigierung von ge vor den Vollverbstamm und der Bildung des Präteritalstammes durch Anhängen von t. Anschaulich wird die Bildung am Beispiel hab+e ge+leg+t. Starke Verben bilden das Perfekt durch die finite Form des Stammes von haben oder sein und der Präfigierung von ge vor den Vollverbstamm und Anhängen von en, wie in dem Beispiel hab+e ge+ruf+en. Das Partizip II enthält also nicht das Präteritalmorphem, sondern das Infinitivmorphem.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bildung des Perfekts
3.: Verbale Subklassen
3.1: transitive und intransitive Verben
3.2: semantische Aufteilungsmöglichkeit der Verben nach Aktionsarten
3.2.1: zeitliche Verlaufsweise
3.2.2: Wiederholung
3.2.3.: Grad, Intensität
4.: Die Ordnungsansätze
4.1.: Ansätze aus allgemeinen Grammatiken
4.2.: Ansatz der „Grammatik der deutschen Sprache“ des Instituts für deutsche Sprache
5.: Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexen Regeln und Zweifelsfälle bei der Wahl des Hilfsverbs (haben oder sein) zur Perfektbildung in der deutschen Gegenwartssprache. Ziel ist es, verschiedene grammatikalische Erklärungsansätze hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit bei der Einordnung von Grenzfällen zu vergleichen und die Vor- und Nachteile der jeweiligen Modelle aufzuzeigen.
- Analyse der Hilfsverbselektion (haben vs. sein) im Perfekt
- Untersuchung von transitiven und intransitiven Verben
- Klassifizierung von Verben nach Aktionsarten und Verbalcharakter
- Vergleich von Modellen für den "Hausgebrauch" und wissenschaftlich differenzierten Grammatiken
- Umgang mit Grenzfällen und semantischen Ausnahmen
Auszug aus dem Buch
3.1: transitive und intransitive Verben
Als transitiv werden Verben bezeichnet, die ein Akkusativobjekt zu sich nehmen können. Manche Forscher schränken diesen Begriff auf die passivfähigen Akkusativverben ein. „Verfolgt man diesen Terminus auf seine Ursprünge zurück, so meint er offensichtlich Verben, die ein Geschehen bezeichnen, das nicht ‚in sich ruht‘, ‚in der Subjektsphäre verbleibt‘ (wie blühen, lachen, schlafen), sondern die Subjektsphäre überschreitet (lat. transire ‚überschreiten‛) und andere Größen einbezieht, die ebenfalls von dem Geschehen betroffen werden (wie betrauern, entsorgen, vergessen)“.
Diese Argumentation hingegen würde auch auf einige Dativverben (helfen) oder auch Präpositionalverben (vertrauen auf) zutreffen. Manche Forscher verzichten deshalb auf die Kategorie der transitiven Verben und arbeiten stattdessen mit verschiedenen Valenzklassen.
Die Duden-Grammatik definiert: „Verben mit einem Akkusativobjekt, das bei der Umwandlung ins Passiv zum Subjekt wird (Der Hund beißt den Jungen. – Der Junge wird vom Hund gebissen), nennt man transitiv (zielend), alle anderen intransitiv (nicht zielend)“. Das intransitive Verb zieht kein Akkusativobjekt nach sich und bildet kein persönliches Passiv. Diesen Definitionen des Dudens folge ich in meiner Hausarbeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Hilfsverbwahl bei der Perfektbildung ein und erläutert die Intention, verschiedene grammatikalische Ansätze kritisch zu beleuchten.
2. Bildung des Perfekts: Dieses Kapitel beschreibt die morphologische Bildung der Perfektform bei schwachen und starken Verben und gibt einen Überblick über die gängigen Kriterien zur Hilfsverbselektion.
3.: Verbale Subklassen: Es wird eine theoretische Einteilung der Verben nach Transität und verschiedenen Aktionsarten vorgenommen, um die grammatikalischen Merkmale für die Perfektbildung zu fundieren.
4.: Die Ordnungsansätze: Hier werden unterschiedliche Konzepte zur Einordnung der Verben aus allgemeinen Grammatiken sowie der spezifische Ansatz des Instituts für deutsche Sprache detailliert verglichen.
5.: Fazit: Das Fazit bewertet die vorgestellten Ansätze und kommt zu dem Schluss, dass die differenzierten Modelle des Instituts für deutsche Sprache trotz ihrer Komplexität eine sicherere Analyse der Zweifelsfälle ermöglichen als einfache Aktionsartensysteme.
Schlüsselwörter
Perfektbildung, Hilfsverbselektion, haben, sein, Transität, Intransität, Aktionsarten, Verbalcharakter, Transformativität, Telizität, Partizip II, Grammatiktheorie, Sprachnorm, Grenzfälle, deutsche Gegenwartssprache
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die grammatikalischen Regeln und Schwankungen bei der Entscheidung, ob ein Verb im Perfekt mit "haben" oder "sein" konjugiert werden muss.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind die Kategorisierung von Verben nach Transität, die Unterscheidung von Aktionsarten sowie die Analyse von Verbalsuffixen und Präfixen hinsichtlich ihrer Auswirkung auf die Tempusbildung.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, welcher wissenschaftliche Erklärungsansatz die meisten sprachlichen Grenzfälle und Ausnahmen bei der Hilfsverbwahl am konsistentesten erfassen und erklären kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse, bei der verschiedene bestehende grammatikalische Modelle (vom "Hausgebrauch" bis zur Fachgrammatik) anhand konkreter Beispiele gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Einteilung von Verben in transitive und intransitive Klassen sowie die Anwendung komplexer Konzepte wie Transformativität und Telizität auf die Hilfsverbselektion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Perfektbildung, Aktionsarten, Hilfsverbselektion, Transformativität und grammatikalische Klassifizierung charakterisiert.
Warum fällt bei Bewegungsverben die Wahl zwischen "haben" und "sein" oft so schwer?
Schwierigkeiten entstehen, weil diese Verben je nach Kontext (Betonung von Verlauf/Dauer vs. räumlicher Veränderung/Ziel) ihr Hilfsverb wechseln können, was die eindeutige Zuordnung in ein statisches System erschwert.
Was leistet der Ansatz des Instituts für deutsche Sprache im Vergleich zu einfacheren Grammatiken?
Er bietet eine fundierte Analyse über die Struktur der Argumente eines Verbs und ermöglicht durch Konzepte wie den "operationalen letztangebundenen Term" eine präzisere Erklärung für das Perfektverhalten, statt nur auf einfache Merkmale zurückzugreifen.
Gibt es eine endgültige Regel für alle Zweifelsfälle?
Nein, die Arbeit zeigt auf, dass das Deutsche eine inhärente Flexibilität besitzt und dass der Kontext für die korrekte Wahl des Hilfsverbs oft entscheidend bleibt, wodurch starre Systeme ihre Grenzen finden.
- Citation du texte
- Silke Wellnitz (Auteur), 2005, Probleme der Hilfsverbselektion bei der Perfektbildung in der deutschen Gegenwartssprache, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87551