Der Einfluß globaler Unternehmensstrategien auf die europäische Industriepolitik


Diplomarbeit, 1995

120 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Globalisierung als weltwirtschaftliches Phänomen
1.1 Einführung
1.2 Drei Phasen der Internationalisierung von Unternehmensaktivitäten
1.3 Ursachen der Globalisierung
1.4 Phänome der Globalisierung
1.5 Indikatoren für den Globalisierungsgrad einer Volkswirtschaft

2 Motive und Modelle der Globalisierung
2.1 Globalisierungsmotive der Unternehmen
2.2 Dimensionen der Globalisierung
2.3 Netzwerkvorteile der Globalisierung
2.4 Unterschiede zwischen multinationalen und globalen Unternehmen

3 Globale Unternehmensstrategien und industriepolitische Konsequenzen
3.1 Ausländische Direktinvestitionen
3.2 Fusionen und Akquisitionen
3.3 Global Switching und Global Focusing
3.4 Vertragliche Kooperationsvereinbarungen
3.5 Strategische Allianzen
3.5.1 Allianzen ohne Kapitalbeteiligungen
3.5.2 Allianzen mit Kapitalbeteiligungen
3.5.3 Die Verteilung der strategischen Allianzen zwischen den Triaderegionen
3.6 Die Bedeutung des unternehmensinternen Handels
3.7 Indikatoren für den Globalisierungsgrad eines Unternehmens

4 Rahmenbedingungen der europäischen Industriepolitik im Kontext der Globalisierung
4.1 Zur Abgrenzung der Industriepolitik
4.2 Zum Begriff der Wettbewerbsfähigkeit
4.2.1 Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen
4.2.2 Wettbewerbsfähigkeit der Nationen
4.3 Das Verhältnis von globalen Unternehmen und Staaten
4.4 Die Wirkungsunsicherheit industriepolitischer Maßnahmen
4.5 Fördermaßnahmen im Kontext der Globalisierung
4.6 Der Diffusions-Ansatz

5 Die Rolle globaler Unternehmensstrategien in den industriepolitischen Konzepten
der Europäischen Union
5.1 Die Mitteilung der Kommission von 1990: „Die europäische Industriepolitik für die 90er Jahre“
5.2 Das Weißbuch von 1993: „Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung“
5.3 Die Mitteilung der Kommission von 1994: „Eine Politik der industriellen Wettbewerbsfähigkeit
für die Europäische Union“
5.3.1 Reform der geographischen Sichtweise der europäischen Industriepolitik
5.3.2 Industriepolitisches Management strategischer Allianzen
5.3.3 Industriepolitische Unterstützung beim ausländischen Markteintritt
5.3.4 Ergebnis
5.4 Exkurs: Die europäische Industriepolitik aus der Managementperspektive

6 Der Einfluß globaler Unternehmensstrategien auf industriepolitische Projekte und Entscheidungen
6.1 Unternehmensstrategien und Anti-Dumping-Politik in der Mikroelektronik
6.2 Unternehmensstrategien und die Förderprogramme ESPRIT und JESSI
6.3 Unternehmensstrategien und die EU-Industriepolitik in der Automobilbranche

Schlußfolgerungen

Anhangsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 Globalisierung als weltwirtschaftliches Phänomen

Globalisation...

„...should indeed be considered as reflecting, however inadequately at present, a number of qualitatively new features and relationships in the world economy“ (OECD, 1992b, S. 209).

„... pertains to a set of conditions in which an increasing fraction of value and wealth is produced and distributed world-wide through a system of interlinking private networks“ (ebd. S. 210).

„... is marked by a new ranking of the factors creating interdependencies“ (ebd.).

„...is modifying the basis of competitiveness. It tends to reinforce the coumulative character of inovation-based competitive advantages for large firms, but it may weaken the resource base and organisational cohesion of domestic systems of innovation“ (ebd.).

„...represents a new phase in the process of internalisation and the spread of international production“ (ebd, S. 209).

„...may have begun as a catchword, it nonetheless reflects the emergence of a new set of processes and relationships“ (ebd.).

1.1 Einführung

Die europäische industriepolitische Debatte gewann Anfang der neunziger Jahre an Intensität, als von verschiedenen Seiten eine Abnahme der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Unternehmen im Bereich der Hoch- und Schlüsseltechnologien gegenüber ihren US-amerikanischen und japanischen Konkurrenten festgestellt wurde (Seitz, 1990, Weidenfeld/Turek, 1993). In diesen Beiträgen wurden Unternehmen den wettstreitenden Wirtschaftsregionen Europa, USA und Japan geographisch zugeordnet. Sie führten stellvertretend für ihre Herkunftsländer den „globalen Technologiewettlauf“ aus (Grewlich, 1992). Die Rolle und das Eigeninteresse der globalen Unternehmen in diesem Rennen blieb weitgehend unberücksichtigt. Ihr Verhalten hat jedoch zu einer Vernetzung der Weltwirtschaft geführt, in der Grenzen zunehmend an Bedeutung verlieren.

Globalisierung gilt bislang als ein geflügeltes Wort mit einem schwachen theoretischen Fundament, wie die vorangestellten Definitionen illustrieren. Nur wenige Fragen im Zusammenhang mit dem Globalisierungsphänomen sind hinreichend beantwortet. Auf die Frage „ Wer globalisiert sich?“ lautet die eindeutige Antwort: „Die Unternehmen“. Auf die Frage „ Wie globalisieren sich Unternehmen?“ gilt die Antwort: „Mit Hilfe globaler Unternehmensstrategien“. Die systematische Ordnung der entsprechenden Strategien ist eine Voraussetzung zum genaueren Verständnis des Globalisierungsphänomens und zur Ableitung industriepolitischer Konsequenzen für Europa. Sie soll im folgenden geleistet werden. Hinter der Fragestellung der Arbeit verbirgt sich die Annahme, daß globale Unternehmensstrategien die zentralen Ansatzpunkte für eine effektive europäische Industriepolitik sind oder sein müßten.

Die vorliegende Arbeit behandelt auch die Frage, warum sich Unternehmen globalisieren. Das Wissen um die Motivlage der Unternehmen ist wichtig, um effektive industriepolitische Maßnahmen zur Unterstützung oder Begegnung des Globalisierungsprozesses zu finden.

Die Auswirkungen der Globalisierung auf das internationale politische System sind weitgehend unerforscht. „The implications of globalisation for the international system are not yet fully understood.“ (OECD, 1992b, S. 209). Soweit es das Interessenverhältnis und das Zusammenspiel von europäischer Industriepolitik und globalen Unternehmen betrifft, finden sich im folgenden einige Hinweise.

Globalisierung bedeutet für viele Wettbewerbs- und Industriepolitiker einen bedrohlichen Machtzuwachs seitens der Unternehmen - womit sie den Prozeß der Analyse des Globalisierungsphänomens in Vorwegnahme des Ergebnisses beträchtlich verkürzen. Aus diesem Blickwinkel ergibt sich die Kernfrage, wie ein globaler Ordnungsrahmen entwickelt und durchgesetzt werden kann, damit sich der Globalisierungsprozeß nicht negativ auf nationale Wirtschaftssysteme auswirkt. Eine mögliche Antwort auf diese Frage könnte in der Schaffung einer supranationalen Kartellbehörde oder in dem Ausbau der Steuerungsmechanismen im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) liegen, um das ursprüngliche Machtverhältnis zwischen Staaten und Unternehmen wieder herzustellen.

Der Ansatz der vorliegenden Arbeit geht in der Analyse einige Schritte zurück und unterscheidet sich von dem beschriebenen Blickwinkel. Das bestehende Defizit eines globalen Ordnungsrahmens wird als dauerhafte Tatsache angesehen. Die Unternehmen können sich wahrscheinlich auch in Zukunft weltweit frei entfalten. Die europäische Industriepolitik muß globale Unternehmensstrategien daher als dauerhafte, entscheidende Determinante in ihrem Konzept berücksichtigen.

Die großen Unternehmen verfügen über Ressourcenpotentiale und strategische Optionen einer bisher unbekannten Dimension. Sie beeinflussen maßgeblich die weltweite Entstehung und Verteilung des Wohlstandes und fordern in dieser Fähigkeit die Gestaltungsmöglichkeiten von Staaten, Regionen und Staatenbünden wie der Europäischen Union heraus. Im folgenden wird davon ausgegangen, daß die Industriepolitik als „strategische Spitze“ der Wirtschaftspolitik ein weiterer bestimmender Faktor in der Entstehung und Verteilung des globalen Wohlstands ist. Industriepolitiker können dabei die Instrumente der Handels-, Technologie-, Wettbewerbs- und Steuerpolitik gezielt einsetzen. Diese Maßnahmen treffen auf die globalen Unternehmenstrategien und führen zu interessanten Reaktionen.

Mit den industriepolitischen Akteuren und den Entscheidungsträgern in globalen Unternehmen stehen sich damit annähernd gleichgewichtige und gleichstarke Verhandlungspartner gegenüber.

Stark vereinfacht skizziert sich der Verteilungsvorgang wie folgt: Die monetäre Zielgröße von Industriepolitikern ist die Sicherung des Einkommens der Einwohner des politischen Raumes, für den sie Verantwortung tragen. Die Unternehmenslenker sind für die Sicherung einer hinreichenden Rendite privatwirtschaftlicher Organisationen zuständig. Die Rendite ist das Einkommen der Anteilseigner der Unternehmen, nachdem die Produktionsfaktoren entlohnt worden sind. Somit verfolgen Industriepolitiker und Manager die gleiche Zielgröße: Einkommen.[1]

Die relative Höhe des Einkommens und der Beschäftigung der Einwohner eines politischen Raumes, also eines Staates, einer Region oder eines Staatenbundes, ist nach den jüngsten Überlegungen der OECD und der EU-Kommission der zentrale Indikator für dessen Wettbewerbsfähigkeit (vgl. Kap. 4). Die Sicherung und Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit ist wiederum die zentrale Zielgröße der europäischen Industriepolitik. Die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens wird ebenfalls durch die relative Höhe des Einkommens seiner Produktionsfaktoren (Kapital und Arbeit) angezeigt.

Beide Akteure verfügen jeweils über ein ganze Reihe von Instrumenten, mit der sie die eigene Zielgröße, aber auch diejenige des anderen beeinflussen können. Unternehmen können beispielsweise Standorte verlagern und damit das Einkommen und die Beschäftigung eines politischen Raumes senken. Staaten können den Unternehmensgewinn besteuern und damit Einkommen vom Unternehmen zugunsten ihrer Einwohner abzweigen.

Die Gliederung der Arbeit

Kapitel 1 gibt einen Überblick zu Phasen, Ursachen und Phänomen der Globalisierung. Die einzelnen Aspekte werden in den folgenden Kapiteln genauer erläutert.

Kapitel 2 untersucht die Konzepte der globalen Unternehmen. Neben dem Selbstverständnis globaler Unternehmen werden verschiedene Globalisierungsmotive und -modelle erläutert. Sie zeigen die Bemühungen, den Begriff der Globalisierung und die damit zusammenhängenden Unternehmensstrategien in einen theoretischen Rahmen zu fassen. Es wird auch untersucht, worin sich globale Unternehmen von traditionellen multinationalen Unternehmen unterscheiden, damit die Industriepolitik ihre Maßnahmen realitätsgerecht anpassen kann.

In Kapitel 3 werden zunächst die wichtigsten globalen Unternehmensstrategien und deren Ziele erläutert. Es schließen sich Überlegungen an, welche Auswirkungen die einzelnen Unternehmensstrategien auf die Ausgestaltung europäischer industriepolitischer Ziele und Maßnahmen haben könnten.

Kapitel 4 untersucht das Verhältnis zwischen den Akteuren des Globalisierungsprozesses. Es wird erläutert, wie sich die Beziehung „Staat-Unternehmen“ im Kontext der Globalisierung neu gestaltet. Dabei werden typische Aktions- und Reaktionsmuster untersucht. Eine Klärung dieses Verhältnisses läßt Rückschlüsse auf die grundsätzlichen Möglichkeiten und Grenzen einer industriepolitischen Unterstützung globaler Unternehmen mit dem Ziel der Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit eines politisch abgegrenzten Wirtschaftsraums wie der EU zu. Diesem Kapitel wird vorangestellt, wie sich die Abgrenzung der Industriepolitik und die Definition von Wettbewerbsfähigkeit im Zuge der Globalisierung und der europäischen industriepolitischen Diskussion verändert haben.

In Kapitel 5 werden die wichtigsten industriepolitischen Beiträge der EU-Kommission im Hinblick darauf untersucht, ob und wie der Einfluß globaler Unternehmensstrategien in den theoretischen Konzepten der europäischen Industriepolitik berücksichtigt worden ist. Ein Schwerpunkt liegt in der Verdeutlichung des Wandels der Aussagen zu den globalen Unternehmensstrategien und des Zusammenspiels der Interessen von EU-Kommission, europäischen und außereuropäischen Unternehmen. Zum Abschluß des Kapitels wird die europäische Industriepolitik aus der Managementperspektive kritisch kommentiert.

In Kapitel 6 wird der Einfluß globaler Unternehmensstrategien auf die europäische Industriepolitik anhand von drei Fallstudien in den Branchen der Mikroelektronik und des Automobilbaus aufgezeigt. Die Unternehmen bestimmten zum Großteil den Erfolg der EU-Projekte ESPRIT und JESSI und die Ausgestaltung des Selbstbeschränkungsabkommens zwischen der EU und Japan im Automobilbereich.

Zum Abschluß der Arbeit werden zentrale Schlußfolgerungen für die europäische Industriepolitik im Überblick präsentiert. Sie fließen in ein Plädoyer für eine managementorientierte europäische Industriepolitik ein.

Eine durch alle Kapitel durchgängige Fragestellung zielt auf die enge Verknüpfung von globalen Unternehmensstrategien und der Ausgestaltung einer europäischen Industriepolitik. Unternehmenssphäre und politische Konzepte werden somit bewußt zusammenhängend behandelt und nicht in isolierten Kapiteln diskutiert. Das Aufeinandertreffen und die wechselseitige Beeinflussung von Unternehmenstrategien und industriepolitischen Maßnahmen stellt den übergreifenden Hintergrund der gesamten Arbeit dar.

Die Gliederung der Kapitel verdeutlicht, daß die Fragestellung mehrere Bezugsgrößen aufweist: Modelle, Strategien, Beziehungen, Konzepte und Fallstudien. Es wird versucht, das Globalisierungsphänomen und seine Auswirkungen für die europäische Industriepolitik mit Hilfe dieser verschiedenen Kriterien zu strukturieren und zu erläutern - auch ein Ausdruck des bislang fehlenden theoretischen Rahmens der behandelten Thematik.

1.2 Drei Phasen der Internationalisierung von Unternehmensaktivitäten

Der Handel ist seit einigen Jahrhunderten fester Bestandteil außenwirtschaftlicher Kontakte von Unternehmen. Je fortgeschrittener die Transportmöglichkeiten und die wirtschaftspolitischen Konzepte, desto mehr florierte der Welthandel. Für die letzten fünfzig Jahren grenzt die OECD grob drei Entwicklungsphasen der Internationalisierung von Unternehmensaktivitäten ab, die einen qualitativen Wandel ihrer Außenorientierung und Organisation aufzeigen (OECD, 1992c, S. 11):

- die erste Phase gilt als das „Golden Age of Trade“, das von der Nachkriegsphase bis Ende der sechziger Jahre andauerte, und in dem der internationale Handel rapide anwuchs. Als Internationalisierungsindikatoren dienten die Export- und Importanteile der Branchen und Unternehmen.
- in einer zweiten Phase in den siebziger Jahren kamen ausländische Direktinvestitionen als Internationalisierungsstrategie zum Handel in stärkerem Maße hinzu, ohne den Welthandel in seiner dominierenden Rolle zu verdrängen. Unternehmen gründeten verstärkt außerhalb ihres Herkunftslandes Produktions- oder Vertriebsfilialen.
- in den achtziger Jahren begann eine dritte Phase, die Globalisierungsphase. Sie kennzeichnet sich durch das Entstehen internationaler Unternehmensnetzwerke, damit einer neuen Form privatwirtschaftlicher Organisation. Netzwerkorganisationen konstituieren sich extern aus einer Vielzahl von Kooperationsvereinbarungen und intern durch neue Organisationformen der Unternehmen. Das Phänomen des „Global networking“ tritt zu den Exporten und Direktinvestitionen als relevante Unternehmensstrategie hinzu. Die relativen Wachstumsverhältnisse verändern sich in den Achtzigern zugunsten der Network-Strategien:[2] Die Wachstumsrate der Kooperationsvereinbarungen und der strategischen Allianzen übertrifft den Anstieg der Direktinvestitionen, die ihrerseits schneller als der Handel wachsen. Das Verhältnis der jeweiligen Wachstumsraten läßt sich grob mit 4 : 3 : 1 einschätzen. Das beschleunigte Wachstum der internationalen Direktinvestitionen bleibt aber weiterhin der bestdokumentierteste Indikator für den Globalisierungsproze? (vgl. OECD, 1992d, S. 197). In der Phase 1983-89 wuchsen die ausländischen Direktinvestitionen in den OECD-Ländern dreimal schneller als deren Handel und deren Bruttosozialprodukt (OECD, 1992d, S. 213f).

1.3 Ursachen der Globalisierung

Die während den neunziger Jahren andauernde Phase der Globalisierung wurde durch ein ganzes Ursachenbündel ausgelöst. Für die OECD liegt eine zentrale Ursache in der steigenden Bedeutung des Zugangs zu und der Beherrschung von Technologien.[3] „The ability to innovate and to adapt and implement technologies became key to industrial competitiveness“ (OECD, 1992c, S. 11). Die Fähigkeit zur wettbewerbsfähigen Innovation und zur Anwendung von Technologien konnte im Rahmen der traditionellen Unternehmens- und Wettbewerbsstrukturen nicht mehr hinreichend gesichert werden. Die Beherrschung und Weiterentwicklung der neuen, komplexen Technologien überfordert oft die Ressourcen einzelner Unternehmen und Standorte. Netzwerkorganisationen verschaffen sich Zugang zu vielen Ressourcenquellen in verschiedenen Standorten und bei mehreren privaten und institutionellen Kooperationspartnern.

Die steigende Bedeutung des Faktors Technologie in der Gestaltung von Markt- und Unternehmensstrukturen liegt in seiner doppelten Rolle. Einerseits wird der Zugang und die Beherrschung von Schlüsseltechnologien eine entscheidende Überlebensbedingung für Unternehmen, der durch Globalisierungsstrategien am besten zu entsprechen ist. Andererseits ermöglicht das Entstehen der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien erst eine effiziente globale Organisation der Unternehmen. Die neuen Technologien sind somit Voraussetzung und Bedingung für den Globalisierungsprozeß.

Ein Motor für die Globalisierung ist auch eine veränderte Weltwirtschaftspolitik. Die Deregulierung und Öffnung der Märkte gibt Unternehmen neue Marktchancen entlang der Wertschöpfungskette bis zum Absatz. Die Liberalisierung des weltweiten Kapitalverkehrs schafft die notwendigen finanziellen Voraussetzungen zur Verwirklichung globaler Unternehmensstrategien.

Regionale politische Integration vermindert die Heterogenität der staatlichen Akteure und Gesetzesregelungen, die den Unternehmen gegenüberstehen. Doch liegt darin ein fördernder oder hemmender Faktor für den Globalisierungsprozeß? Politisch integrierte Regionen können ihre Interessen gegenüber globalen Unternehmen besser vertreten als nationale Einzelakteure. Andererseits erleichtern homogenere Wirtschaftsräume die Globalisierungsstrategien der Unternehmen. Das Modell der Triade betont die überragende Rolle der Wirtschaftsregionen USA-Europa-Japan/Asien für Unternehmensstrategien (vgl. Ohmae, 1985, S. 144 und Anhang 1). Konzentrieren die Unternehmen ihre Aktivitäten auf diese drei Wirtschaftsregionen, dann wandeln sich Globalisierungsstrategien zu Triadisierungsstrategien. Unternehmen müssen dann ein adäquates Konzept zur Einbindung dieser drei dominierenden Wirtschaftsregionen in ihr globales Wachstumskonzept finden - sei es mit Hilfe von Export-, Investitions- oder Kooperationsstrategien.

1.4 Phänome der Globalisierung

Die Globalisierung ist auch auf den Wandel der Innovationsprozesse zurückzuführen. „Innovation ist nicht das Auffüllen technologischer Lücken, sondern die Anwendung international verteilt entstehenden Know-hows in den einzelnen Unternehmen“.[4] Um dieses Know-how für Innovationen nutzen zu können, müssen sich die Unternehmen in ein globales Netz integrieren, dessen Knotenpunkte - neben ihren eigenen vernetzten Standorten - auch andere technologisch führende Unternehmen und nationale Forschungszentren (Technologieparks, Universitäten, Institute) sind. Innovationen der Zukunft sind daher das Ergebnis von Netzwerktransaktionen (OECD, 1992b, S. 235). Sie zielen auf einen wechselseitigen Know-how-Fluß ab. Entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit wird es, unter welchen Bedingungen sich Unternehmen an den globalen Technologietransfer ankoppeln und wie effektiv sie ihn intern und extern organisieren können.

Diese Thesen werden durch Beobachtungen der OECD gestützt (vgl. OECD, 1992a, S. 127-148). Die Anzahl der Unternehmenskooperationen stieg auf nationaler und globaler Ebene. F&E-Allianzen und die globale Organisation von Forschungsaktivitäten belegen den Netzwerkcharakter von Innovationen. Die Beobachtungen im einzelnen:

(1) Drastischer Anstieg der internationalen Unternehmenskooperationen

Unternehmen ziehen internationale Unternehmenskooperationen weit häufiger in Betracht als früher. Die Anzahl der neuen vertraglichen zwischenbetrieblichen Vereinbarungen stieg in den achtziger Jahren exponentiell an - von 153 im Jahre 1976 auf 1936 Kooperationen im Jahre 1988 (vgl. OECD, 1992a, S. 134). Die EU-Kommission geht davon aus, daß sich von 1989-93 weitere 2000 strategische Allianzen „einer internationalen Dimension“ gebildet haben (Kommission der EG, 1993, S. 67). High-Tech Unternehmen haben im Laufe der achtziger Jahre „dichte Netzwerke transnationaler Zusammenarbeit“ entstehen lassen (vgl. OECD, 1992a, S. 132). Dabei rücken sie bewußt von Autarkiedenken ab und streben an, die „technische Interdependenz strategisch zu nutzen“ (Haklisch, 1989, S. 25-26). Ursache hierfür sind die immens gestiegenen Kosten für Produktentwicklungen im High-Tech-Bereich sowie der gestiegene Bedarf an Humankapital (Forscher, Techniker), der nicht mehr durch ein Unternehmen allein gedeckt werden kann. Der Einsatz des Faktors „Humankapital“ gewinnt gegenüber dem Einsatz von materieller Technologie zunehmend an Bedeutung. Humankapital bringt im Bereich komplexer Innovationen die höchsten Erträge, wenn es netzartig organisiert wird und der Wissenstransfer ein kritisches, innovationsnotwendiges Niveau überschreitet. Der Ausbau des Humankapitals, die Organisation des Wissenstransfers und der Wissensverwendung werden zu den bestimmenden Größen der Wettbewerbsfähigkeit: „Die Transfermöglichkeiten sind letztlich nicht durch die Verfügbarkeit von Datenbanken und Information-Highways, sondern durch die individuellen Kompetenzen bzw. die organisatorische Aufnahmefähigkeit der Adressaten begrenzt“ (Staudt, ebd.).

(2) Internationale Kooperationen übersteigen nationale Kooperationen

Unternehmen bevorzugen es, außerhalb ihres Ursprungslandes zu kooperieren. Im Jahre 1988 unterhielten westeuropäische Unternehmen innerhalb Europas 509 formelle Kooperationsvereinbarungen in den Bereichen Informations- und Biotechnologie und den neuen Werkstoffen. Gemeinsam mit amerikanischen und japanischen Unternehmen führten sie zum selben Zeitpunkt 776 Kooperationen durch. Noch deutlicher ist das Verhältnis bei den US-Unternehmen. Sie führten 428 Kooperationsvereinbarungen innerhalb der USA durch, außerhalb allerdings 1005. Die japanischen Unternehmen kooperierten innerhalb Japans offiziell mit 95 Vereinbarungen, außerhalb mit 583 Kooperationsverträgen (vgl. OECD, 1992a, S. 134). Die informellen und nicht erfaßten Kooperationen übersteigen diese Zahlen vermutlich um ein Vielfaches - besonders in bezug auf Japan.

(3) F&E-Allianzen als Hauptziel der Kooperationen

Die neuen internationalen Kooperationsvereinbarungen richten sich bevorzugt auf den Bereich Forschung und Entwicklung. Frühere Kooperationsformen beschränkten sich überwiegend auf den Vertrieb oder die Produktion. Von den genannten 1936 Kooperationsvereinbarungen hatten 1089 explizit einen Technologietransfer zum Ziel. Sie konstituieren sich aus 653 F&E-Allianzen, 165 Technologieaustauschvereinbarungen (Technology-Swaps) und 271 Technologielizensierungen (vgl., ebd.).

Ein Grund für diese Entwicklung liegt in den stark gestiegenen F&E-Kosten für marktfähige neue Technologien. Viele Unternehmen verfügen über gleichwertige Technologien. Es ist daher schwierig, im technologischen Bereich eine führende Stellung zu erringen und zu behaupten. Auch besitzen viele Unternehmen komplementäre Technologien, die erst im Verbund Innovationen ermöglichen (vgl. Cantwell/Dunning 1991, S. 48). Die Diffusionszeit von neuen Technologien hat sich von zehn auf ein Jahr verkürzt (Ohmae 1985, S. 8). Dies erfordert eine dramatische Herabsetzung des Zeithorizonts, in dem die Kosten der Innovationsprojekte amortisiert werden müssen. Kooperationen können die geeignete Antwort auf dieses Problem sein.

(4) Technoglobalismus

Unternehmen betreiben den sensiblen Bereich der Forschung und Entwicklung zunehmend außerhalb ihres Ursprungslandes. Dieses Phänomen wurde als „Technoglobalismus“ bezeichnet (vgl. OECD, 1992a, S. 127 und Soete, 1993, S. 176). Die Unternehmen verwirklichen die Globalisierung ihrer F&E-Aktivitäten, indem sie mit ausländischen Unternehmen, Universitäten und Instituten kooperieren oder eigene Forschungszentren im Ausland gründen. Hauptursache für diese Unternehmensentscheidung ist die Verfügbarkeit hochqualifizierten Fachpersonals an diesen Standorten und die Notwendigkeit, einen Einblick in den jeweiligen Entwicklungsstand des Landes zu haben (vgl. OECD, 1992a, S. 131). Dabei zielen die Unternehmen vor allem auf die Triaderegion USA-EU-Japan. Am aktivsten sind in dieser Hinsicht die US-amerikanischen, japanischen und britischen Unternehmen. Von 1987 bis 1990 gründeten Japans Elektronikunternehmen 21 F&E-Zentren in den USA und sechs in der EG und Asien (ebd.). Im Jahr 1990 unterhielten nach einer MITI-Studie japanische Unternehmen 222 F&E-Zentren außerhalb Japans (MITI, 1991, S. 17). Die britische Pharmaindustrie betrieb 1988 fast ein Drittel ihrer Forschungsaktivitäten im Ausland (1978: 11%) und unterhielt dort fast 4000 F&E-Beschäftigte (OECD, 1991a, S. 130).

Die Autoren Patel und Pavitt (1989) untersuchen den Grad der Globalisierung von Technologie anhand des Outputindikators der Forschungsaktivitäten, den Patenten. Untersucht werden die Anteile von in- und ausländischen Unternehmen an nationalen Patentanmeldungen. Patente sind der sichtbarste Output und Leistungsindikator von Forschungsanstrengungen und repräsentieren somit den Rohstoff für Wettbewerbsfähigkeit. Wer Patente hält, kontrolliert den technischen Fortschritt.

Untersucht werden folgende Fragestellungen:

- Welcher Anteil an den inländischen Patentanmeldungen erfolgt durch Filialen ausländischer Unternehmen? Mit anderen Worten: Inwieweit wird der Bestand an nationalen Forschungsergebnissen durch ausländische Unternehmen kontrolliert?
- Welchen Anteil an Patentanmeldungen im Inland führen „heimische“ Unternehmen im Ausland durch? Mit anderen Worten: Zu welchem Grad besitzen heimische Unternehmen die technologische Kapazität eines anderen Landes?

Das vorgelegte Datenmaterial bezieht sich auf die Periode 1981-86, damit vor der eigentlichen „Globalisierungswelle“ der zweiten Hälfte der achtziger Jahre. Die Werte für die USA, Europa und Japan bezogen auf die US-Patentanmeldungen liegen im Durchschnitt unterhalb 10%, was eher den „nationalen“ Charakter der Patente bestätigt (vgl. Soete, 1993, S. 177). Auffällig sind aber bereits hohe Werte des Indikators für die Länder, die eine Pionierrolle in der Globalisierung gespielt haben, wie Großbritannien und die Niederlande.

Motive zum Technoglobalismus

Speziell die Errichtung ausländischer Forschungslabors ist ein neues Phänomen in der Globalisierung. Als Hauptmotiv wird von Unternehmen die Notwendigkeit genannt, damit ein „Fenster zur ausländischen Forschung“ zu schaffen (OECD, 1992b, S. 225). Weitere Gründe sind

- Ressourcenmotive: Die Rekrutierung von Forschungspersonal, das im Heimatland nicht hinreichend verfügbar ist.
- Gesetzliche Motive: Die Entwicklung neuer Konzepte, die im Heimatland wegen der Gesetzeslage nur unter nachteiligen Bedingungen oder gar nicht durchgeführt werden können (Beispiel: Biotechnologie).
- Effizienzmotive: Die Vernetzung internationaler Forschungsstandorte ermöglicht eine effizientere Organisation der Forschung durch Economies of scale, scope and network.

(5) Beschleunigte Technologiediffusion durch Globalisierung

Die technologischen Abstände zwischen regionalen Märkten werden immer kleiner. Im Jahre 1950 wurden neue US-Produkte im ersten Jahr der Markteinführungsphase fast nur innerhalb des US-Marktes verkauft und erst danach in andere Regionen exportiert. 1975 erreichten bereits ca. 35% der US-Produkte innerhalb dieses Zeitraums die Exportmärkte. 1995 dürften 2/3 aller neuen US-Produkte innerhalb des ersten Jahres auf den wichtigsten Auslandsmärkten zu kaufen sein (vgl. Howells, 1993, S. 220).

(6) Veränderte Größenverhältnisse zwischen privaten und öffentlichen Forschungsbudgets

Die Globalisierung verschiebt auch die quantitativen Größenverhältnisse zwischen Unternehmen und Staaten. Dies läßt sich am Beispiel staatlicher und privater Forschungsausgaben illustrieren. Die gesamten F&E-Ausgaben eines Landes setzen sich makroökonomisch aus den Forschungsausgaben des privaten und öffentlichen Sektors zusammen. Marktwirtschaftliche Systeme kennzeichnet dabei, daß der private Sektor insgesamt mehr Geld für Forschung ausgibt als der öffentliche Sektor. Doch mittlerweile verfügen große globale Unternehmen wie IBM und General Motors über größere Forschungsbudgets als die öffentlichen Forschungsetats ganzer Länder (vgl. OECD, 1992b, S. 91f.). Im Jahr 1989 gab IBM rund 5,2 Mrd. US-$ für Forschung und Entwicklung aus. Die aufsummierten Forschungsetats der deutschen Bundesministerien für Wirtschaft, Forschung und Technologie, Bildung und Wissenschaft betrugen demgegenüber rund 4,2 Mrd. US-$. Einzelne globale Unternehmen üben damit quantitativ einen ebenso großen Einfluß auf den technischen Fortschritt aus wie Staaten.

(7) Fehlinterpretation von Handelsbilanzen

Die Globalisierung der Unternehmen vermindert die Aussagekraft von Handelsbilanzen für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Mindestens 40% des gesamten Welthandels entstehen aus unternehmensinternem Handel mit Vor- und Zwischenprodukten (OECD, 1992b, S. 219). Eine passive Handelsbilanz muß nicht Ausdruck schwacher Wettbewerbsfähigkeit sein, wenn heimische Unternehmen sie durch die globale Organisation ihrer Wertschöpfungsaktivitäten auslösen. Der Import von Bauteilen aus ausländischen Standorten eines „heimischen“ Unternehmens ins Inland passiviert die Handelsbilanz, obwohl dieser Transfer keine ausländischen Ressourcen in Anspruch nimmt. Genauso konsequent werden Verkäufe von Endprodukten ausländischer Fillialen „heimischer“ Unternehmen nicht als Exporte des Heimatlandes verbucht. Sie bleiben vielmehr in der Handelsbilanz unberücksichtigt.

1.5 Indikatoren für den Globalisierungsgrad einer Volkswirtschaft

Um das diffuse Phänomen der Globalisierung zu operationalisieren, wird mitunter die Entwicklung geeigneter Indikatorenraster gefordert (vgl. OECD, 1992b, S. 21). Die folgende Tabelle kann dazu beitragen, den Globalisierungsgrad aus volkswirtschaftlichem Blickwinkel näher zu bestimmen. Bezogen auf den europäischen Binnenmarkt gibt sie auch Hinweise für die Ausgangslage der europäischen Industriepolitik. Hohe Werte einzelner Indikatoren zeigen an, daß außereuropäische Unternehmen einen erheblichlichen Beitrag zur Prosperität Europas beitragen.

Tatsächlich liegt für die aufgeführten Indikatoren nur vereinzeltes Datenmaterial vor. Vollständigkeit wird nicht beansprucht. Die meisten Indikatoren werden in Kapitel 3 näher erläutert.

Tabelle 1: Indikatoren für den Globalisierungsgrad einer Volkswirtschaft

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2 Motive und Modelle der Globalisierung

Globalisierung ist nicht nur ein empirisches Phänomen. Es gibt Motive und Ideen, die zu einem neuen Selbstverständnis der globalen Unternehmen führen. Globalisierungsmodelle zeigen die Bemühungen, den Begriff der Globalisierung und die damit zusammenhängenden Unternehmensstrategien in einen theoretischen Rahmen zu fassen. Sie geben Hinweise darauf, worin sich globale Unternehmen von traditionellen, multinationalen Unternehmen unterscheiden.

2.1 Globalisierungsmotive der Unternehmen

Der Managementberater Kenichi Ohmae hat 1985 in seinem Buch „Die Macht der Triade“ (Ohmae, 1985) den notwendigen Transformationsprozeß vom multinationalem Unternehmen zum globalen Triadeunternehmen skizziert. Das Modell des globalen Unternehmens ist allerdings älter. Gilbert Clee und Alfred di Scipio prägten den Begriff des „World Enterprise“ 1959 in einem Aufsatz in der Harvard Business Review (vgl. Clee/di Scipio, 1959). Nach ihrem Konzept betrachtet das globale Unternehmen den Weltmarkt als eine homogene Einheit. Daraus leitet es das Prinzip der globalen Optimierung ab. Der Einkauf von Rohstoffen erfolgt dort, wo sie am billigsten sind, die Produktion erfolgt in Ländern mit dem niedrigsten Lohnniveau und der Verkauf findet in allen attraktiven Märkten statt.

Dieses Modell ist jedoch laut Ohmae für den Bereich der Produktion nicht mehr gültig, da die Automatisierung den Anteil der Lohnkosten an den Fertigungskosten stark gesenkt hat (vgl., ebd., S. 44). Ohmaes Triademodell basiert auf Clees und di Scipios Modell des globalen Unternehmens und erweitert es im Hinblick auf die neue Wettbewerbslage.

Qualitative Veränderung des Innovations- und Produktionsprozesses und die Notwendigkeit zur simultanen Erschließung der Triade-Märkte

Die F&E-Kosten für marktfähige neue Technologien sind stark gestiegen. Viele Unternehmen verfügen über gleichwertige Technologien. Es ist daher schwierig, im technologischen Bereich eine Monopolstellung zu erringen und zu behaupten. Viele Unternehmen verfügen über komplementäre Technologien, die erst im Verbund Innovationen ermöglichen (vgl. Cantwell/Dunning, 1991, S. 48). Die Diffusionszeit von neuen Technologien hat sich von zehn Jahren auf ein Jahr verkürzt. Dies erfordert eine dramatische Herabsetzung des Zeithorizonts, in dem die Kosten der Innovationsprojekte amortisiert werden müssen (vgl. Ohmae, ebd., S. 8).

Der Produktionsprozeß wird durch Automatisierung und Technologieeinsatz immer effizienter, aber auch kostspieliger. Bei einigen Unternehmen macht der Anteil der Fertigungslöhne an den gesamten Produktionskosten weniger als 10% aus. Es lohnt sich daher nicht, Produktionsstätten in Billiglohnländer zu verlagern. Statt dessen dominiert der Trend der Substitution von Arbeit durch Kapital und Technologie (vgl. ebd., S. 17).

Der Zwang zur „Triadisierung“ entsteht aufgrund der hohen Fixkosten, die bereits vor dem Verkauf des Produkts anfallen. Die schnelle und hohe Marktpenetration in der gesamten Triade wird zum entscheidenden Überlebensfaktor für Unternehmen, um die Anfangsinvestitionen zu amortisieren. Ohmae fordert daher, daß alle bedeutenden Märkte simultan erschlossen werden müssen (vgl. ebd., S. 34). Das „Wasserfall-Modell“ des traditionellen multinationalen Unternehmens sei überholt. Dieses Modell sah vor, Produkte erst auf dem heimischen Markt zu etablieren, dann in den strukturell am ähnlichsten Märkten und schließlich in ferneren Märkten, wie den Entwicklungsländern.

Das neue Weltbild der Unternehmen oder die Heimat „Anchorage“

Ein globales Unternehmen muß infolge der geschilderten Zwänge vor allem auf den Triademärkten präsent sei. Das Triadekonzept gilt als das „ideale“ Grundkonzept für das Selbstverständnis von globalen Unternehmen. Es ist die Wurzel einer neuen Unternehmensidentität. Zentrales Schlüsselelement in dem Weltbild der Unternehmen ist die „Anchorage-Mentalität“. Ein Unternehmen soll zu jedem Triademarkt die „gleiche psychische Distanz“ haben (ebd., S. 11 und S. 145). Anchorage ist ein Ort in den USA, von dem aus die Triademetropolen New York, Tokio und Düsseldorf die gleiche Flugdistanz haben. Anchorage repräsentiert als Ort einer fiktiven Unternehmenszentrale die symbolische Gleichgewichtslage, die zur optimalen Marktbearbeitung und vorurteilsfreien Beobachtung der Triademärkte notwendig ist. Die „Pseudoheimat Anchorage“ des Unternehmens ist damit ein theoretisches Konstrukt, das die Beschränktheit der nationalen Betrachtung überwinden soll.

Dennoch ist es nicht ein Symbol für Heimatlosigkeit, sondern genau genommen des Gegenteils: Ohmaes Anchorage-Mentalität fordert, daß sich ein Unternehmen jeder Triaderegion als lokaler Insider gleich stark verpflichtet fühlen soll. Die lokale Insider-Position ermöglicht es, neue Markttrends an ihren Ursprüngen wahrzunehmen und adäquat auf sie zu reagieren. Sie ist auch die beste Möglichkeit zur Beobachtung des Konkurrenzverhaltens. Demnach ist ein Unternehmen am ehesten gegen den Markteintritt eines ausländischen Unternehmens gerüstet, wenn es auf dem Heimatmarkt dieses Unternehmens bereits etabliert ist.

Für Unternehmen, die ihre nationale Identität nicht überwinden können, sagt Ohmae hingegen Wettbewerbsnachteile voraus.

„Die große Herausforderung für die Unternehmensführung besteht darin, ihr Weltbild und ihre Sprache den Anforderungen des weltweiten Wettbewerbs anzupassen, um in Zusammenarbeit mit Konkurrenten von gestern gemeinsame Strategien und Pläne für morgen zu entwickeln“ (ebd. S. 146). „Wir haben, mit anderen Worten, eine neue Ära des Wettbewerbs der Größten erreicht, bei dem die Herkunft der beteiligten Unternehmen nur noch eine untergeordnete Rolle spielt“ (ebd. S. 196).

Nach Ohmae werden strategische Allianzen eine wichtigere Rolle zur Bearbeitung des Weltmarkts spielen als Fusionen:

„An die Stelle des Zusammenschlusses geographisch benachbarter Wettbewerber tritt heute die Zusammenarbeit räumlich entfernter Konkurrenten in wichtigen Unternehmensfunktionen wie F&E oder Produktion" (ebd. S. 171).

Einige Jahre später wurden diese Voraussagen durch Daten bestätigt. Unternehmenskooperation zwischen amerikanischen und japanischen Unternehmen sind häufiger als Kooperationen innerhalb der USA (vgl. OECD 1992a, S. 134). Kooperationsvereinbarungen übersteigen die Anzahl der Fusionen.

Die vier „Globalisation Drivers“ von Yip

Neben den Ausführungen Ohmaes zur Corporate Identity des globalen Unternehmens finden sich auch eher konzeptionell ausgerichtete Erklärungsversuche für die Gründe der Globalisierung. George Yip identifiziert vier zentrale „Industry Globalisation Drivers“, die Unternehmen zur Globalisierung motivieren (vgl. Yip, 1989, S. 35f.). Diese Kategorien erlauben die systematische Zuordnung der Vielzahl der einzelnen Globalisierungsmotive:

- market drivers. Darunter fallen zunehmend homogene Nachfragepräferenzen, globale Kunden, globale Distributionskanäle und der sinnvolle Einsatz eines standardisierten Marketings.
- cost drivers. Kostenmotive entstehen durch den Zwang zu erhöhten Economies of Scale and Scope, Lern- und Erfahrungseffekten und sinkenden Entwicklungskosten durch Standardisierung. Weitere Kostenmotive liefern die Vorteile des Global sourcings und Outsourcings, Logistikvorteile und lokale Arbeitskostenvorteile.
- governmental drivers. Globalisierungsmotive, die durch staatliche Politik entstehen sind Importzölle, Importmengenbeschränkungen, nicht-tarifäre Handelshemmnisse, local-content-Bestimmungen, Kapitalmarktrestriktionen, Bestimmungen zum Technologietransfer, Standardsetzungen, Markt- und Verkaufsregulierungen.
- competitive drivers. Darunter fallen Motive des strategischen Nachziehens, wenn Konkurrenzunternehmen durch Globalisierung Wettbewerbsvorteile errungen haben. Unternehmen sehen sich auch zu kompensierenden Globalisierungsschritten motiviert, um ein globales Marktgleichgewicht gegenüber Wettbewerbern zu erreichen.

Globalisierungsmotive japanischer Unternehmen

Unternehmen wie Sony und Honda erzielen etwa 70% ihres Umsatzes durch ihre ausländischen Standorte (vgl. Watanabe, 1993, S. 232). Dennoch wird der Globalisierungsgrad der japanischen Industrie insgesamt als unterdurchschnittlich angesehen. Sie bevorzugen oft den „klassischen“ Export zur Eroberung fremder Märkte. Der Autor Susumu Watabane kommt zu dem Schluß, daß japanische Unternehmen ihre Aktivitäten nur aufgrund externen Drucks globalisieren (vgl. ebd. S. 231ff.). Im Gegensatz zu den bereits dargestellten Managementmotiven zur Globalisierung spielten für sie überwiegend makroökonomische Motive ein Rolle:

- protektionistische Handelspolitik ihrer Handelspartnern in den USA und Europa (Importrestriktionen, Zölle),
- die Aufwertung des Yen,
- die Knappheit an qualifiziertem Humankapital in Japan,
- der hohe Kapitalüberschuß aufgrund abnehmender Investitionsmöglichkeiten innerhalb Japans, hoher Gewinne und hoher Sparquoten.

Sony gilt als eines der Unternehmen, das die globale Strategie am weitesten verwirklicht hat. Entsprechend den strategischen Imperativen des Triade-Vordenkers Ohmae konfiguriert sich das Unternehmen aus drei gleichberechtigten Regionalzentralen in den Triadegebieten USA, Europa und Japan. Aus diesen Gebieten erwirtschaftet das Unternehmen Sony zu fast gleichen Teilen seinen Umsatz: in Japan 30%, in den USA 30% und in Europa 25%. Das Management ist international besetzt. Ein Amerikaner leitet die US-Zentrale, ein Europäer die Europazentrale. Beide sind gleichberechtigte Mitglieder im Sony-Gesamtvorstand (vgl. Henzler, 1992, S. 88).

2.2 Dimensionen der Globalisierung

Zu Recht beklagt Heribert Meffert das strittige Theoriegebäude und die Forschungsdefizite des „Globalisierungskonzepts“ (vgl. Meffert, 1993, S. 24). Betriebswirtschaftlich orientierte Autoren sehen darin vor allem die Möglichkeit zur Realisierung von Kosten- und Standardisierungsvorteilen, die sich aufgrund eines „homogenen“ Weltmarktes ergeben (vgl. Döpper/Eversheim, 1993). Unter Globalisierung wird auch die standardisierte Bearbeitung des Weltmarktes verstanden. Der Blick gilt dabei nicht der Kosten-, sondern der Nachfrageseite. Die originäre Quelle für diese Interpretation der Globalisierung findet sich bei Theodor Levitt (1983). Levitt vertritt die These, daß sich die Nachfragepräferenzen weltweit derart angleichen, daß Unternehmen standardisierte Produkte weltweit zu niedrigsten Preisen erfolgreich vermarkten können. Regionale und nationale Differenzen sind demnach irrelevant: „Companies must learn to operate as if the world were one large market - ignoring superficial regional and national differences“ (ebd. S. 92).

Andere Autoren (Yip 1989, Porter 1990, Meffert 1993) erweitern den Globalisierungsbegriff beträchtlich. Sie verstehen unter Globalisierung vor allem einen weltweiten Separations- und Integrationsprozeß von Unternehmensfunktionen. In diese Richtung weist Meffert, wenn er schreibt, daß sich der globale Wettbewerb vor allem in spezifischen länderübergreifenden Strategiemustern manifestiert. Wettbewerbsvorteile lassen sich demnach durch Integrationsvorteile realisieren (Meffert, 1993, S. 24). Im Vordergrund der Globalisierung steht eine unternehmerische Koordinationsleistung, die eine „Integration aller Wertschöpfungstätigkeiten“ des Unternehmens anstrebt. Auch Porter (1990) und die OECD definieren ein globalisiertes Unternehmen in diesem Sinne:

„A firm is globalized when it organises operations along the chain from R&D and innovation, finance, through production and distribution to final sales to maximise its returns on a global scale. This requires spreading final sales and operations across many marktes, and world-wide co-ordination of activities“ (OECD, 1992d, S. 196).

Der Begriff der Globalisierung wird von den genannten Autoren als ein multidimensionales Konzept operationalisiert. Demnach umfaßt der Globalisierungsprozeß mindestens zwei Dimensionen (vgl. Porter, 1986, zit. nach OECD, 1992b, S. 103).

(1) Konfiguration der Standorte. Die Konfigurationsdimension eines Unternehmens bezieht sich auf die Bestimmung der weltweiten Unternehmensstandorte. Es gilt zu klären, an welchen Orten geforscht, eingekauft, produziert und verkauft werden soll, so daß noch eine länderübergreifende Integration der Unternehmensfunktionen bei globaler Optimierung gewährleistet werden kann.
(2) Koordination der Aktivitäten. Die Koordination betrifft die Frage der Verteilung der Unternehmensaufgaben und der Allokation der Unternehmensressourcen auf die verschiedenen Standorte, die zuvor konfiguriert worden sind. Bestehen mehrere Forschungsstandorte, gilt es zu klären, wo die einzelnen Aufgaben im Rahmen eines bestimmten Projektes gelöst werden. Zu bestimmen ist auch, inwieweit dies einen Technologietransfer zwischen den Standorten erfordert.
Meffert identifiziert zwei weitere Globalisierungsdimensionen (Meffert, 1993):
(3) Zentralisation der Entscheidungen. Die Entscheidungsfindung kann zentral oder regional, personenorientiert oder durch technokratische Prozeßregeln stattfinden. Die Organisations- und Kontrollstrukturen des Unternehmens werden davon beeinflußt.
(4) Standardisierung der Aktivitäten. Sie bezieht sich auf den Homogenitätsgrad des Marketing-Mix, mit dem das Unternehmen den Weltmarkt bearbeitet. Ein weiteres Kriterium liegt in dem Standardisierungsgrad der Service- und Qualitätsleistungen des Unternehmens.

Mit zunehmenden Globalisierungsgrad des Unternehmens - so Mefferts Hypothese - findet ein Übergang von zentralisierten und technokratischen Entscheidungen zu dezentralen und personenorientierten Entscheidungsfindungen statt. Das gemeinsame Verständnis der Unternehmenskultur übt dabei eine „cultural control“ aus, die zunehmend ohne die klassischen Weisungsinstrumente der „bureaucratic control“ auskommt. „Viele Anzeichen weisen darauf hin, daß vor allem in komplexen internationalen Netzwerken ein gemeinsames Verständnis der Unternehmenskultur einen bedeutsamen Beitrag zur globalen Integration leisten kann“ (vgl. ebd., S. 29).

Im Gegensatz zur strengen „Mutter-Tochter-Beziehung“ des multinationalen Unternehmens konfiguriert sich laut Meffert das globale Unternehmen als „integriertes Netzwerkmodell“. Im Rahmen eines flexiblen, dezentralen und selbststrukturierenden Prozesses werden Netzverbindungen immer dort geschaffen, wo sie benötigt werden. Anders sei die Komplexität der Verknüpfungen eines globalen Netzwerkes nicht zu bewältigen (vgl. S. 29f.).

Meffert konnte die Relevanz des multidimensionalen Globalisierungskonzept und der genannten Hypothesen in einer empirischen Untersuchung von 1990 durchaus erhärten.[5] Auch ein positiver Zusammenhang zwischen einem hohen Globalisierungsgrad und dem Unternehmenserfolg ließ sich nachweisen.

2.3 Netzwerkvorteile der Globalisierung

Globale Unternehmen gestalten sich intern als dezentrale Netzwerkorganisation und integrieren sich extern in Kooperationsnetze - soweit die übereinstimmende Beobachtung (vgl. Howells/Wood, 1992, S. 148 und als Beispiele Anhang 2 und 4). Dem Globalisierungsphänomen liegt somit ein Netzwerkmodell zugrunde. Im folgenden gilt es zu präzisieren, wie man eine Netzwerkbeziehungen charakterisieren kann und worin ihre spezifischen Vorteile gegenüber den traditionellen Organisationsmustern von Unternehmen und Märkten liegen.

Netzwerke kann man wie folgt charakterisieren: „Netzwerke stellen eine bestimmte Form wirtschaftlicher Organisation dar, die vor allem zum Austausch von produktionsbezogenen und wertschöpfenden Vermögens dienen“ (OECD, 1992b, S. 78). Klarer wird der Begriff, wenn man ihn im Rahmen der Transaktionskostentheorie gegenüber seinen Alternativen abgrenzt. Seit Williamson (1975) kann man drei Kategorien institutioneller Arrangements unterscheiden, die Transaktionen ermöglichen. Ökonomische Transaktionen können demnach

- über Märkte oder
- in Hierarchien oder
- über Netzwerke

organisiert werden. Die wichtigsten Unterschiede im Transaktionsprofil sind in Tabelle 2 gegenübergestellt.

Tabelle 2: Vergleich der verschiedenen Organisationsformen: Märkte, Hierarchien und Netzwerke

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: OECD 1992b, S. 78.

Die These lautet nun, daß Wertschöpfungsprozesse im Bereich der Hochtechnologien am geeignetsten über Netzwerktransaktionen geleistet werden können (OECD, ebd.). In Kooperationsvereinbarungen und strategischen Allianzen zwischen Unternehmen findet man viele Beispiele für Netzwerktransaktionen. Gemeinsame Ziele im Bereich von Innovations- und Produktionsprozessen werden auf Basis komplementärer Stärken abgesteckt. Diese Vereinbarungen führen zu einer gegenseitigen Abhängigkeit, da man sich auf den Beitrag des Partners verlassen muß.

Innovationsprozesse in Netzwerken

Die ökonomische Rationalität der Netzwerktransaktionen kann am Beispiel eines Innovationsprozesses illustriert werden. Bei Innovationsprojekten fällt die Markttransaktion oft durch Marktunvollkommenheiten, Unsicherheiten und die hohe Spezifizität des Vorhabens aus. Um die Erträge von Innovationen optimal zu internalisieren, integrierten Unternehmen daher traditionell Forschungssprojekte in die eigene Organisation.

Doch die qualitative Veränderung der Innovationsprozesse läßt nun die Netzwerkorganisation der hierarchischen Organisation überlegen erscheinen. Dies gilt in den folgenden, bereits angesprochenen Parametern:

- Komplexität. Die steigende Komplexität der wissenschaftlichen und technologischen Inputs in die F&E-Projekte wird immer seltener von einem einzelnen Unternehmen beherrscht. Netzwerkstrukturen mit ihrem variablen Zugang zu Ressourcen und Know-how können am ehesten zur Lösung eines Innovationsproblems beitragen.
- Unsicherheit. Die Unsicherheit der wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen die Innovation schließlich realisiert wird, wächst zunehmend. Das Risiko einer unzureichenden Kostenamortisation oder gar eines vollständigen Umsatzausfalls ist für ein einzelnes Unternehmen kaum tragbar.
- Flexibilität. Die steigende Notwendigkeit zur flexiblen Anpassung der Organisationsstruktur während des Projektverlaufs ist in Hierarchien nur schwer zu leisten. Netzwerke ermöglichen den selektiven Zugriff auf Innovationsressourcen.
- Schnelligkeit. Die zunehmende Relevanz der Schnelligkeit des Innovations- und Vermarktungsprozesses infolge verkürzter Produktlebenszyklen überfordert hierarchische Organisationsformen. Netzwerkorganisationen können Produkte simultan entwickeln und auf verschiedenen Märkten gleichzeitig einführen.
- Kosten. Die allein nicht zu bewältigenden Kosten des Innovationsprozesses zwingen Unternehmen zur Vereinbarung von Kooperationen und Allianzen. Die akzellerierenden Kosten jeder neuen Chipgeneration im Bereich der Mikroelektronik sind dafür ein anschauliches Beispiel.

Produktionsprozesse in Netzwerken

Auch im Bereich der Produktion und des Vertriebs lassen sich Vorteile durch Netzwerkstrukturen gegenüber Markt- und Hierarchietransaktionen belegen. Die Vorteile der Netzwerktransaktionen ergeben sich aus den ersparten Markttransaktionskosten und Kontrollkosten, die in der Hierarchie anfallen. So basiert die Rationalität des Toyota-Produktionssystems (auch: Lean Production) und die japanische Marktstruktur der Keiretsu im wesentlichen auf netzwerktheoretischen Überlegungen. Das Verhältnis von Produzenten und Zulieferern ist durch eine dauerhafte Beziehung gekennzeichnet. Die Bedeutung dieser Beziehung übersteigt die Funktion der geschlossenen Zulieferungsverträge. Es entsteht vielmehr ein wechselseitiges Verpflichtungsverhältnis, das langfristig das Fundament einer Unternehmensfamilie bilden kann. Die Netzwerkunternehmung wird daher als japanische Erfindung angesehen (OECD, 1992d, S. 100).

Die Netzwerkstrukturen der japanischen Keiretsu kann man allerdings auch weniger idealistisch interpretieren. Die Produzenten haben in der Regel ein höheres Machtpotential als die Zulieferer. Das enge Verpflichtungsverhältnis kann sich daher auch schnell als eine einseitige Ankettung des Zulieferers an den Produzenten entpuppen. Ein solches Verhältnis entspricht dann eher dem Tatbestand einer vertikalen Integration.

Die Restriktionen des Netzwerkmodells

In Netzwerkorganisationen erkennt man die gegenseitige Abhängigkeit von den Ressourcen des anderen und nutzt sie zum beiderseitigen Vorteil. Dennoch ist es keinesfalls eine ideale Organisationsform. Zunächst fallen hohe Kosten für den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehungen unter den Partnern an. Die Gefahren der Nichtreziprozität, mangelnder Kontrolle und von strategischem Verhalten (Opportunismus) der Kooperationspartner müssen als Ursachen dafür angesehen werden, daß „die Hälfte dieser Allianzen enttäuschten und rund ein Fünftel ein ’Desaster’ seien“.[6]

Probleme gibt es auch in anderen Netzwerkstrukturen außerhalb strategischer Allianzen. In Europa gibt die „Umsetzungsdebatte“ bezüglich der Nutzung der Forschungsergebnisse Anlaß zu dieser Annahme (vgl. Kommission der EG, 1993, S. 95f.).[7] Wenn man Universitäten, Forschungszentren, Unternehmen und Märkte als ein „nationales Innovationssystem“ und „innovationsbezogenes Netzwerk“ auffaßt, dann wird häufig den wissenschaftlichen Polen in diesem Netz vorgeworfen, daß seine Ergebnisse nicht die notwendige Marktnähe zur anschließenden kommerziellen Umsetzung hätten (OECD, 1992b, S. 81f.). Die Forschung werde vielmehr anwendungsfern „um ihrer selbst willen“ am Markt vorbei praktiziert.

Netzwerkgestaltung durch die Industriepolitik

Hier ergibt sich ein Ansatzpunkt für die europäische Industriepolitik. Sie kann durch Dialogförderung dazu beitragen, daß aus einem diffusen nationalen Innovationsnetz ein dichtes, feedback-gesteuertes Netzwerk entsteht, in dem die einzelnen Teilnehmer um die Auswirkungen ihrer Tätigkeit auf andere Netzpole wissen und entsprechend motiviert sind.

Konkrete Forschungsprogramme wie ESPRIT und die Erstellung von Technologieparks haben zum Ziel, grenzübergreifende Netzwerke entstehen zu lassen. Doch wie die Diskussion gezeigt hat, müssen die „Netzpläne“ der staatlichen Ebene nicht unbedingt mit den präferierten Netzplänen der Unternehmen übereinstimmen. Soll das Gesamtprojekt nicht an Nichtteilnahme leiden, müssen sich die Veranstalter dann auf eine Öffnung des Ansatzes einlassen, so wie es zum Beispiel in dem Projekt JESSI geschehen ist (vgl. Abschnitt 6.2 der Arbeit).

Netzwerke in der Informationsindustrie

In den sechziger und siebziger Jahren dominierte in Europa im Bereich der Mikroelektronik die Förderung nationaler Champions. Man sah in der Unternehmensgröße den relevanten Wettbewerbsparameter. Es herrschte die Erfolgsformel „Big computers, built by big enterprises, for big users“ (Delapierre/Zimmerman 1993, S. 77). Die Industriepolitik hatte demzufolge ihr Augenmerk lediglich auf den Erfolg der Großunternehmen zu richten, konkret auf deren Marktanteile und quantitatives Wachstum.

Heute ist die Mikroelektronik mit der Informationsindustrie verschmolzen. Zentralisation wurde durch dezentrale Netzwerke überwunden. Die Öffnung und Entwicklung von Hardwarestandards ermöglichte den Markteintritt vieler kleiner Komponentenunternehmen und entarnte die geringe Innovationskraft und Inflexibilität der bisherigen Marktführer, vor allem von IBM. Gleichzeitig wechselte die Relevanz von der Hard- zur Software. Die Informationsindustrie kennzeichnet damit exemplarisch die Marktstruktur des „global network“ (ebd., S. 77).

[...]


[1] Tatsächlich verfolgen die Akteure weitere Zielgrößen. Unternehmen streben bestimmte Marktstellungsziele, Wachstum, soziale Ziele, finanzielle Ziele und Macht an. Die Industriepolitik orientiert sich an dem gesamtwirtschaftlichen Zielkatalog: Vollbeschäftigung, Preisniveaustabilität, Wachstum, außenwirtschaftliches Gleichgewicht, gerechte Einkommensverteilung und angemessene Umweltqualität. Diese Ziele müßten in einer erweiterter Debatte berücksichtigt werden.

[2] Vergleiche hierzu das Datenmaterial in: OECD, 1992b, S. 214-226.

[3] Darunter fallen die sogenannten Hoch- oder Schlüsseltechnologien: Informations- und Kommunikationstechnologien, Mikroelektronik, Biotechnologie, Gentechnik, Robotik, Automobiltechnologie, Luft- und Raumfahrttechnik, neue Werkstoffe und neue Dienstleistungstechniken.

[4] Erich Staudt: „Die ’Kompenzlücke’ schließen“, in: Handelsblatt vom 8.2.95, S. 2.

[5] Dabei wurden 92 Hersteller langlebiger Konsumgüter untersucht. Jedes Unternehmen wurde hinsichtlich der Ländermärkte Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien befragt, so daß insgesamt Informationen über 368 Landesgesellschaften vorlagen. Die Nationalitätsverteilung der Stichprobe lautete: Deutschland (50 Unternehmen), übriges Europa (29) und USA, Japan (13 Unternehmen). Meffert prüfte im Rahmen der Untersuchung noch weitere Hypothesen, die sich auf die Wettbewerbsstrategie der Unternehmen beziehen.

[6] Heinrich von Pierer zit. nach: Süddeutsche Zeitung vom 13.10.92, S. 25: „Strategische Allianzen enden häufig als Desaster“.

[7] Zur Qualität der Koordinierung der europäischen Forschungsnetze kommentiert die Kommission: „Die größte Schwäche des europäischen Forschungssystems ist jedoch seine vergleichsweise beschränkte Fähigkeit zur Umsetzung der wissenschaftlichen Ergebnisse und technologischen Errungenschaften in industrielle und kommerzielle Erfolge“ (ebd., S. 95).

Ende der Leseprobe aus 120 Seiten

Details

Titel
Der Einfluß globaler Unternehmensstrategien auf die europäische Industriepolitik
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
1995
Seiten
120
Katalognummer
V87610
ISBN (eBook)
9783638009171
ISBN (Buch)
9783638914741
Dateigröße
1766 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einfluß, Unternehmensstrategien, Industriepolitik
Arbeit zitieren
Markus Karras (Autor), 1995, Der Einfluß globaler Unternehmensstrategien auf die europäische Industriepolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87610

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