Die Geschichte des Zappelphilipp, die der Frankfurter Arzt 1845 veröffentlichte, ist heute wohl jedem bekannt. Dort wird ein Kind beschrieben, dass einfach nicht stillsitzen will und auch nicht auf die wiederholten Ermahnungen seiner Eltern hört, bis es von seinem Stuhl fällt und das gesamte Essen unter sich begräbt.
Heute wird das Verhalten von aufmerksamkeitsgestörten Kindern ähnlich beschrieben. In dieser Arbeit geht es um Kinder mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom in Kombination mit Hyperaktivität. Da diese Störung immer häufiger in den Medien diskutiert wird und sie in der Praxis gehäuft auftritt, soll sie Gegenstand dieser Arbeit werden. Ist das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit Hyperaktivität eine Krankheit der Gesellschaft? Sind hyperaktive Kinder einfach nur schlecht erzogen oder haben sie wirklich eine Krankheit? Welche Möglichkeiten gibt es, vor allem in der Pädagogik, um diesem Verhalten entgegenzuwirken und es zu verändern? Um diese Fragen soll es hauptsächlich in dieser Arbeit gehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsbestimmungen
2.1 Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ohne Hyperaktivität
2.2 Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit Hyperaktivität
2.3. Diagnostik von ADHS
2.4. Verlauf von ADHS in der Kindheit
2.4.1. Säuglingsalter
2.4.2. Kleinkindalter
2.4.3. Schulalter
2.5. Kindheit
2.5.1. Sozialisation in der Kindheit
2.5.2. Sozialisation in der Familie
2.5.3. Sozialisation im Kindergarten
2.5.4. Sozialisation in der Schule
2.6. Abweichendes Verhalten nach Lamnek
2.7. Zusammenfassung
3. Ätiologie
3.1 Biologische Faktoren
3.2.Organische Faktoren
3.3.Ökologische Faktoren:
3.4 Psychosoziale Faktoren
3.4.1 Ökonomisch-kulturelle Bedingungen
3.4.2 Die Bedingungen des sozialen Umfeldes
3.4.3 Psycho-emotionale Bedingungen
3.5. Zusammenfassung
4.Einleitende Interventionen für pädagogisches Handeln
4.1. Anamnese
4.2. Beratung
4.2.1. Beratung der Bezugspersonen des Kindes
4.2.2. Beratung der Eltern
4.2.3. Beratung der Erzieher/Lehrer
4.2.4. Beratung des Kindes
4.3. Das Hilfeplanverfahren in der sozialpädagogischen Familienhilfe
4.4. Zusammenfassung
5. Sozialpädagogische Familienhilfe
5.1. Ansätze der Sozialpädagogischen Familienhilfe
5.2. Handlungs- und Arbeitsprinzipien der SPFH
5.3. Lebensweltorientierung als Handlungsfeld pädagogischer Arbeit
5.4. Zusammenfassung
6. Weiterführende Interventionen
6.1. Systemische Familientherapie
6.1.1. Das System/ der systemischer Ansatz
6.1.2. Merkmale systemischer Familientherapie
6.1.3. Techniken der Familientherapie
6.1.4. Zusammenfassung systemische Familientherapie
6.2. Der Funktionsteilige Klassenraum nach Hewett
6.2.1. Das Entwicklungsstufenmodell und das Lerndreieck
6.2.2. Die Lernumgebung
6.2.3. Zusammenfassung von Hewett
6.3. Verstärkerplan
6.3.1. Tokens
6.3.2. Vorgehensweise
6.3.3. Zusammenfassung des Verstärkerpls
7. Sonstige Interventionsmöglichkeiten
7.1. Kognitive Verhaltenstherapie
7.1.1. Kognitive Therapie nach Beck
7.1.2. Problemlösetraining
7.1.3. Selbstinstruktion
7.2. Medikamentöse Behandlung
7.3. Zusammenfassung
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Diplomarbeit untersucht das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) bei Kindern und analysiert, welche pädagogischen Interventionsmöglichkeiten bestehen, um dem betroffenen Verhalten entgegenzuwirken. Die Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie durch pädagogische Interventionen, ergänzt durch therapeutische Ansätze, eine Verbesserung der Lebenswelt und eine Verhaltenssteuerung des Kindes erreicht werden kann, ohne das Störungsbild rein medizinisch zu betrachten.
- Ursachenforschung und ätiologische Faktoren von ADHS (biologisch, organisch, ökologisch, psychosozial)
- Pädagogische Interventionsmodelle (z.B. Sozialpädagogische Familienhilfe, funktionsteiliger Klassenraum nach Hewett)
- Bedeutung des Hilfeplanverfahrens und der Anamnese in der professionellen Fallarbeit
- Systemische Familientherapie als familienzentrierter Interventionsansatz
- Kognitive Verhaltenstherapie und medikamentöse Ansätze als ergänzende Interventionsmöglichkeiten
Auszug aus dem Buch
3.1 Biologische Faktoren
Anhand von Zwillingsforschungen konnte bisher festgestellt werden, dass bei eineiigen Zwillingen, die identische Erbanlagen haben, häufiger beide Kinder von ADHS betroffen sind, als bei zweieiigen Zwillingen, die unterschiedliche Erbanlagen haben. Des Weiteren zeigte es sich, dass ADHS vermehrt im familiären Rahmen auftritt und teilweise ebenfalls die Eltern von ADHS betroffen sind. Dies wird jedoch von Freiesleben und Schmole zurückgewiesen, denn ADHS ist ihrer Aussage nach lediglich eine anlagebedingte genetische Empfänglichkeit, so dass vielmehr „ein erhöhtes Risiko, das je nach Lebensumständen, Lebensführung und besonderen Umwelteinflüssen ausgelöst wird oder nicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist also auszuschließen, dass es ‚das Hyperaktivitätsgen’ gibt.“
Als eine weitere Ursache bei den biologischen Faktoren sind die neurobiologischen Veränderungen, welche bisherigen Studien zufolge durch eine Störung im Dopaminhaushalt zustande kommt, zu nennen. Dabei kommt es zu einer Verminderung des Botenstoffes Dopamin im Gehirn. Botenstoffe sind erforderlich, um den Informationsaustausch zwischen den Nervenzellen zu regeln, da diese nicht miteinander verbunden sind und zwischen ihnen der so genannte synaptische Spalt liegt. Dopamin ist für die zielgerichtete Aufmerksamkeit, koordinierte Bewegung und emotionale Steuerung zuständig. Bei Kindern mit ADHS ist aus verschiedenen Gründen zu wenig vom Botenstoff Dopamin im Gehirn vorhanden. Dadurch können Reize ungefiltert auf das Kind einbrechen und nicht richtig verarbeitet werden. Die Folge daraus ist, dass es den Kindern schwer fällt ihre Aufmerksamkeit, ihre Gefühle und ihren Bewegungsdrang unter Kontrolle zu halten. Auf Grund dessen spricht man „von einer verminderten Fähigkeit zur Selbststeuerung.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Betrachtung von ADHS und formuliert die Ziele der Arbeit, die sich in die Schwerpunkte allgemeine Klärung, pädagogische Handlungsmöglichkeiten und nicht-pädagogische Interventionen gliedert.
2. Begriffsbestimmungen: Dieses Kapitel definiert das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom in seinen verschiedenen Ausprägungen, erläutert die Diagnostik sowie den Verlauf im Kindesalter und beleuchtet die Sozialisation des Kindes in den wichtigsten Lebensbereichen.
3. Ätiologie: Hier wird die Ursachenforschung für ADHS als multifaktorielles Konstrukt dargestellt, wobei biologische, organische, ökologische und psychosoziale Faktoren kritisch hinterfragt werden.
4. Einleitende Interventionen für pädagogisches Handeln: Dieses Kapitel widmet sich der professionellen Fallarbeit, speziell der Anamnese, der Beratung verschiedener Bezugspersonen sowie dem Hilfeplanverfahren als Grundlage für pädagogische Maßnahmen.
5. Sozialpädagogische Familienhilfe: Die SPFH wird als eine der am häufigsten eingesetzten Hilfen zur Erziehung beschrieben, wobei deren Handlungsprinzipien und die Bedeutung der Lebensweltorientierung im Vordergrund stehen.
6. Weiterführende Interventionen: Es werden spezifische Interventionsmodelle wie die systemische Familientherapie, das Konzept des funktionsteiligen Klassenraums nach Hewett und der Einsatz von Verstärkerplänen vorgestellt.
7. Sonstige Interventionsmöglichkeiten: Dieses Kapitel behandelt ergänzende Methoden, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie nach Beck sowie die Rolle der medikamentösen Behandlung im multimodalen Behandlungskonzept.
8. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass ADHS ein komplexes Phänomen ohne eine einzelne, eindeutige Ursache ist und plädiert für eine kritische Abwägung bei der Wahl von Interventionsmaßnahmen, wobei pädagogische Ansätze gegenüber rein medikamentösen zu bevorzugen sind.
Schlüsselwörter
ADHS, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, pädagogische Intervention, Sozialpädagogische Familienhilfe, Hilfeplanverfahren, Ätiologie, Systemische Familientherapie, Verhaltensstörung, Kindheit, Sozialisation, Verstärkerplan, Kognitive Verhaltenstherapie, Ritalin, Erziehungshilfe
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Thema dieser Arbeit?
Die Arbeit behandelt das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) bei Kindern und untersucht schwerpunktmäßig pädagogische Handlungsansätze und Interventionsmöglichkeiten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit deckt die Begriffsbestimmung, die Ursachenforschung (Ätiologie), pädagogische Interventionsmaßnahmen wie die Familienhilfe sowie ergänzende therapeutische Ansätze und medikamentöse Behandlung ab.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie pädagogische Interventionen zur Verhaltensänderung und besseren Bewältigung des Alltags bei Kindern mit ADHS beitragen können, wobei das Kind in seinem sozialen Umfeld betrachtet wird.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturarbeit, die verschiedene wissenschaftliche Modelle zur Ätiologie, Sozialisationstheorien sowie Konzepte der Sozialpädagogik und Verhaltenstherapie analysiert und vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu ADHS, die Vorstellung pädagogischer Interventionen (Anamnese, Beratung, SPFH, Hilfeplan) sowie weiterführende Methoden wie Familientherapie und verhaltenstherapeutische Ansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind ADHS, pädagogische Intervention, Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH), Ätiologie, Systemische Familientherapie und multimodale Behandlung.
Wie definiert der Autor das Konzept der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH)?
Die SPFH wird als eine intensive, aufsuchende ambulante Hilfe beschrieben, die das gesamte familiäre System einbezieht und auf dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ basiert, um Erziehungsschwierigkeiten zu bewältigen.
Welche Bedeutung misst die Arbeit der medikamentösen Behandlung bei?
Die medikamentöse Behandlung wird als weit verbreitete, aber kritisch zu betrachtende Methode beschrieben. Der Autor betont, dass sie nur unter Vorbehalt und im Rahmen eines multimodalen Konzepts eingesetzt werden sollte, da sie nur Symptome unterdrückt und keine grundlegende Verhaltensänderung erwirkt.
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- Nicole Budzinski (Author), 2007, Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom bei Kindern unter besonderer Berücksichtigung pädagogischer Handlungsansätze, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87648