Der geliebte Jünger im Johannesevangelium


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der geliebte Jünger im Johannesevangelium
2.1. Textstellen
2.1.1. Direkte Verweise
2.1.2. Indirekte Verweise
2.2. Versuch einer Charakterisierung
2.3. Funktionen des geliebten Jüngers

3. Identifizierungsversuche und Verfasserfrage
3.1. Der geliebte Jünger als historische Person
3.2. Der geliebte Jünger als literarische Fiktion

4. Buchschluss 20,30f und Kapitel 21

5. Schluss

1. Einleitung

Diese Hausarbeit will sich mit dem geliebten Jünger des Johannesevangeliums beschäftigen. Die Frage nach seiner Identität ist deswegen so brisant, weil der Jünger zum Ende als Autor des Textes eingesetzt wird. Meist wird dieser geliebte Jünger bedenkenlos mit der Person des Zebedaiden Johannes gleichgesetzt, da der Evangelientitel und die Tradition dies eben vorgeben. Um sich dieses Themas anzunehmen, sollen zunächst die betreffenden Textstellen genannt werden und dann näher auf Charakter und Funktion des geliebten Jüngers im Evangelium eingegangen werden. Dann möchte ich aus der Reihe der Identifizierungsmöglichkeiten zwei herausgreifen und näher untersuchen. Abschließend soll ein kurzer Blick auf die Frage nach dem Buchschluss und dem 21. Kapitel geworfen werden, da diese Punkte, wie sich zeigen wird, für das Verständnis des geliebten Jüngers von Bedeutung sind.

2. Der geliebte Jünger im Johannesevangelium

2.1. Textstellen

Zunächst sollen die betreffenden Textstellen des Johannesevangeliums zusammengetragen werden, die den geliebten Jünger erwähnen. Hierbei ist zu bemerken, dass es direkte und indirekte Verweise gibt. Erstere sind solche, in denen der geliebte Jünger quasi namentlich genannt wird, also als „Jünger, den Jesus besonders lieb hatte“[1] (oder ähnlich). Indirekte Verweise sind jene Textstellen, in denen ein nicht näher bestimmter, namenloser Jünger auftritt, den man jedoch als den geliebten Jünger interpretieren könnte.

2.1.1. Direkte Verweise

1. Die erste direkte Nennung des geliebten Jüngers im Johannesevangelium erfolgt recht spät - erst im dreizehnten Kapitel (13,23) ist von ihm die Rede. Jesus kündigt beim gemeinsamen Mahl mit seinen Jüngern an, dass einer von diesen ihn verraten wird. Der Leser weiß bereits seit 13,2, dass es sich hierbei um Judas handelt, die Jünger aber sind „ratlos“[2]. Deshalb wendet sich Petrus an den geliebten Jünger und bedeutet ihm, dass er Jesus danach fragen soll, was er auch macht. Die Antwort erhält aber nicht der gesamte Jüngerkreis, sondern nur der geliebte Jünger, sodass allein dieser dazu in der Lage ist, die Rätselgeste Jesu mit dem Brot zu verstehen.
2. Nach einer längeren Pause taucht der geliebte Jünger dann wieder bei der Kreuzigung auf. Zusammen mit der Mutter Jesu und anderen Frauen steht er unter dem Kreuz (19,26), wo Jesus sie erblickt. Angesichts seines nahenden Todes weist er Maria den Jünger als Sohn, und umgekehrt dem Jünger Maria als Mutter zu.
3. In 20,2 ist er zusammen mit Petrus, als sie von Maria Magdalena die Nachricht vom leeren Grab erhalten. Sofort laufen gleichzeitig los, doch der geliebte Jünger ist schneller und somit zuerst am Grab. Den Eintritt überlässt er jedoch zunächst dem zuletzt angekommenen Petrus, bevor er selbst die Grabkammer betritt. Nur vom geliebten Jünger wird gesagt, dass er angesichts der leeren Höhle mit den losen Leinenbinden und dem zusammengelegten Tuch „zum Glauben“[3] kam.
4. Als die Jünger nach dem Tod Jesu am See Genezareth fischen, haben sie die ganze Nacht über keinen Erfolg. Am Morgen taucht der auferstandene Jesus am Ufer auf und bleibt dabei aber unerkannt. Nachdem er erfahren hat, dass die Jünger bisher keinen einzigen Fisch gefangen haben, rät er ihnen, das Netz erneut auszuwerfen, woraufhin sie eine große Menge Fische fangen. In diesem Moment erkennt der geliebte Jünger: „Es ist der Herr!“[4], und er weist auch Petrus darauf hin.
5. Bei dieser dritten Erscheinung Jesu am See sitzen die Jünger mit ihrem Herrn zusammen und essen. Danach sagt Jesus Petrus mit einem Orakelspruch dessen Schicksal als Märtyrer voraus und bittet ihm um Nachfolge. Als Petrus den geliebten Jünger bemerkt, fragt er Jesus, was mit diesem geschehen werde (Joh 21,20f). Jesus weist diese Frage jedoch zurück, es gehe Petrus nichts an, wenn Jesus wolle, dass der Jünger solange lebe, bis er selbst wiederkomme. Darauf folgt der Hinweis, dass sich aufgrund dieser Aussage das Gerücht verbreitet hat, dass dieser Jünger nicht sterben würde, es sich dabei aber um ein Missverständnis handelt.

2.1.2. Indirekte Verweise

Bei den indirekten Verweisen ist es freilich schwieriger, eine Zuordnung herzustellen. Diese Stellen lassen sich nur im Kontext oder gar im Hinblick auf das gesamte Evangelium als geliebter-Jünger-Stellen lesen.

1. Bei der Berufung der ersten Jünger ist von zwei Jüngern die Rede, die zunächst zu Johannes dem Täufer gehören, dann aber auf dessen Hinweis, Jesus sei das „Opferlamm Gottes“[5], diesem nachfolgen. Einer von ihnen wird in Joh 1,40 als Andreas offenbart, über den zweiten Jünger wird kein weiteres Wort verloren. Der Leser stellt sich dagegen die Frage nach dessen Identität und vor allem nach dem Grund, warum diese nicht offenbar wird. „Denn daß unser Erzähler, der drei mal betont, es seien zwei Jünger gewesen, die Jesus nachfolgten, den Anderen vergessen haben könnte, will ja wohl keiner behaupten wollen.“[6] Dieses bewusste Hervorheben der Anwesenheit zweier Jünger einerseits und die gleichzeitige Ausblendung der Identität des zweiten andererseits legt die Vermutung nahe, dass der Autor hier bewusst eine Leerstelle lässt, mit der das Rätsel um diese Person beginnt. Das allein reicht natürlich nicht aus, um hier den geliebten Jünger zu vermuten. Aber da im weiteren Verlauf des Evangeliums ständig die Frage in der Luft schwebt, wer denn dieser geliebte Jünger sei, und die Lösung des Rätsel spätestens mit Joh 21,24 (s.u.) zum dringlichen Bedürfnis wird, kann man sehr wohl vermuten, dass dieser Jünger in 1,35ff schon auf den geliebten Jünger hinweist. Denn dass man im Text gleich zwei absichtsvoll anonymisierte Personen vermuten soll, leuchtet nicht recht ein.

2. Als Jesus Hannas vorgeführt wird, folgen ihm Petrus „und ein anderer Jünger“[7] zum Haus des Obersten Priesters nach. Wir erfahren, dass der andere Jünger ein Bekannter des Priesters ist und deshalb dafür sorgen kann, dass auch Petrus Eintritt in das Haus erhält. Drei mal wird er an dieser Stelle als „anderer Jünger“ bezeichnet, einmal in unbestimmter, zweimal in bestimmter Form. Zum einen sieht sich der Leser erneut mit einer Jüngerfigur konfrontiert, die – obwohl sie nicht unwesentlich zur Handlung beiträgt – doch anonym bleibt. Damit stellt sich der gerade bereits geschilderte Sachverhalt dar, dass die durchgängige Verschleierung der Person des geliebten Jüngers keine weiteren Identitätsrätsel neben sich duldet. Dazu tritt die Tatsache, dass diese Szene bezüglich der Bezeichnung des Jüngers Parallelen mit der oben geschilderten Wettlaufepisode hat. In letzterer wird der geliebte Jünger drei mal als „der andere Jünger“[8] bezeichnet, ebenso wie hier der Jünger durchgängig als Anderer auftritt. Dadurch wird auch an dieser Stelle die Verbindung zum geliebten Jünger verknüpft. Auf die gleiche Weise, wie bei 1,35ff diese Verknüpfung erst rückblickend und mit Kenntnis des gesamten Evangeliums hergestellt werden kann, so wird hier die Verbindung erst offenbar, wenn man die spätere Wettlaufepisode kennt.

[...]


[1] So z.B. Joh. 13,23.

[2] Joh 13,22.

[3] Joh 20,8.

[4] Joh 21,7.

[5] Joh 1,36.

[6] Thyen, S. 172.

[7] Joh 18,15.

[8] Joh 20,3.4.8.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der geliebte Jünger im Johannesevangelium
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V87780
ISBN (eBook)
9783638023054
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar Prof: "Bis auf wenige Nachlässigkeiten* formuliert die Arbeit klar und unprätentiös. Die Argumentation überzeugt durch Gründlichkeit und ein Gesamtverständnis, in das die einzelnen Aspekte widerspruchsfrei eingeordnet werden. Die Arbeit zeugt von exegetischem und theologischem Verständnis und zeigt, wie tief Sie in das Verständnis des Joh eingedrungen sind." (*Rechtschreibfehler wurden ausgebessert.)
Schlagworte
Jünger, Johannesevangelium
Arbeit zitieren
Caroline Dorn (Autor), 2007, Der geliebte Jünger im Johannesevangelium, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87780

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