Die Frage, ob und in welcher Form der Mensch über einen freien Willen verfügt, reicht bis in die Anfänge des philosophischen Denkens zurück. Nahezu jeder große Denker nahm sich in der zweieinhalbtausendjährigen Geschichte der Philosophie diesem Problem an. Spätestens seit dem Aufstieg der Naturwissenschaften steht die Frage im Mittelpunkt, wie sich unsere Intuition von einem freien Willen mit einem Weltbild in Einklang bringen lässt, das in sich kausal geschlossen ist, d.h. in dem alle Ereignisse durch ihre physischen Zustände und das Wirken von Naturgesetzen determiniert sind. Es wurde danach gefragt, wie unser immaterieller Geist in der Lage ist, auf die materielle und kausal geschlossene Welt einzuwirken, und ob wir durch unseren Willen tatsächlich befähigt sind, neue Kausalketten im Sinne eines unbewegten Bewegers anzustoßen. Man könnte geneigt sein, zu glauben, dass alle möglichen Lösungsansätze und Konzepte zur Beantwortung dieser Fragen gründlich durchdacht und erschöpft worden sind. Dennoch hat die Frage nach dem freien oder unfreien Willen in jüngster Zeit eine außergewöhnliche Renaissance erfahren. Ausgelöst wurde die aktuelle Debatte durch zahlreiche Neurowissenschaftler, die mit Hilfe neuer technischer Apparaturen und innovativer Methoden dem Gehirn des Menschen in bisher ungekannter Weise bei der Arbeit zuschauen konnten. Aus ihren Beobachtungen folgerten sie, dass der freie Wille eine von unserem kognitiven System erzeugte Illusion ist und dass einzig das neuronale Geschehen innerhalb des Gehirns unsere Entscheidungen und Handlungen bestimmt. Zugespitzt bedeutet das: „Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun.“
Nun sind deterministische Theorien, die den Menschen und sein Verhalten in die kausale Geschlossenheit der Welt einbeziehen, nicht unbedingt neu. Die Frage ist also, warum sich dennoch so viele Philosophen, Juristen und Theologen von den Neurowissenschaftlern dermaßen herausgefordert fühlen, dass sie durch scharfe Repliken eine hitzige Debatte entfachten. Die Antwort besteht darin, dass die Thesen der Neurowissenschaftler an unserem Selbstbild zu rütteln scheinen. Und sie tun dies nicht – wie in den Jahrhunderten davor – durch philosophische Spekulation oder gedankliche Akrobatik, sondern mit der Autorität der Wissenschaft. Christian Geyer formuliert die von den Neurowissenschaften erzeugte Bedrohung unseres Menschenbildes so:
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
1 NEUROPHYSIOLOGISCHE BESCHREIBUNG DES KOGNITIVEN SYSTEMS
2 DIE ILLUSION DER FREIHEIT
3 KRITIK AN DEN THESEN DER NEUROWISSENSCHAFTLER
3.1 Das veraltete Menschenbild der Neurowissenschaftler
3.2 Beschreibungsebenen und Kategorienfehler
3.3 Reduktionismus und das Problem der mentalen Verursachung
3.4 Searles Konzept des Bewusstseins
4 ZWISCHENFAZIT
5 WIE LÄSST SICH DIE FREIHEIT DES WILLENS VERSTEHEN?
5.1 Lebensweltliche Erfahrung der Freiheit
5.2 Die Bedingtheit des freien Willens
6 ENTSCHÄRFUNG DES NEURONALEN DETERMINISMUS
6.1 Das Umweltverhältnis des Menschen
6.2 Der objektive Geist
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die aktuelle philosophische Debatte über den freien Willen im Kontext neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse. Das zentrale Ziel ist es, das Spannungsfeld zwischen dem Konzept eines freien Willens und der Annahme eines neuronal determinierten kognitiven Systems zu analysieren sowie einen Weg zu einer angemessenen Auffassung von Freiheit trotz biologischer Bedingtheit aufzuzeigen.
- Neurophysiologische Grundlagen und das kognitive System
- Die naturwissenschaftliche Kritik am Konzept des freien Willens
- Kritische Auseinandersetzung mit reduktionistischen Erklärungsansätzen
- Verhältnisbestimmung von Freiheit, sozialem Kontext und Kultur
Auszug aus dem Buch
3.2 Beschreibungsebenen und Kategorienfehler
Ein weiterer Kritikpunkt ergibt sich aus dem Umstand, dass die Neurowissenschaftler neuronale Vorgänge weiterhin in einem mentalistischen Vokabular beschreiben. D.h. nicht mehr die Person oder das „Ich“ bewertet und entscheidet, sondern das neuronale System übt diese Funktionen jetzt aus. Das Gehirn hat von nun an Wünsche und Vorstellungen und übt Willensakte aus. Kurzum: Das Gehirn wird zum Subjekt. „Sieht man sich aber den Gebrauch dieser Wörter unbefangen an, wird hinreichend klar, daß sie nur auf ganze Menschen (...), nicht auf ihre Teile angewendet werden können: Es ist nicht etwa empirisch falsch, vom denkenden, fühlenden, wahrnehmenden etc. Hirn zu sprechen: Es ist ein Kategorienfehler.“ In ähnlicher Weise argumentieren Philosophen, wenn sie behaupten, dass Neurowissenschaftler den Unterschied zwischen Ursachen und Gründen nicht beachten. Hirnprozesse sind demnach kausal durch Ursachen bestimmt, Menschen aber handeln aus Gründen.
Das Problem, das sich hier auftut, besteht in einer Vermischung bzw. Überschreitung von verschiedenen Beschreibungsebenen. Es entsteht, sobald man Eigenschaften, die einem System auf der Makroebene zukommen, auch den Elementen auf der Mikroebene zuschreibt. So ist es z.B. ein scheinbar unsinniges Unterfangen die Eigenschaft „Festigkeit“ eines Gegenstandes auf molekularer Ebene zu suchen. Alle Attribute, die wir mit einem festen Gegenstand verbinden – Undurchdringbarkeit, die Fähigkeit andere feste Objekte zu stützen, etc. – finden wir auf molekularer Ebene nicht. Hier sehen wir ausschließlich eine bestimmte Gitterstruktur, in der sich die Moleküle gruppieren. Diese Struktur ist zwar dafür verantwortlich, dass dem Gegenstand auf der Makroebene die Eigenschaft „Festigkeit“ zukommt, dennoch lässt sich in der Mikroebene der Moleküle nichts finden, das mit dem Adjektiv „fest“ beschrieben werden könnte.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die historische philosophische Debatte über den freien Willen ein und stellt die Herausforderung durch die moderne Hirnforschung dar.
1 NEUROPHYSIOLOGISCHE BESCHREIBUNG DES KOGNITIVEN SYSTEMS: Dieses Kapitel erläutert das naturalistische Bild des Gehirns als ein sich selbst organisierendes System neuronaler Erregungsmuster.
2 DIE ILLUSION DER FREIHEIT: Hier wird untersucht, warum die Erfahrung der Freiheit als eine vom Gehirn erzeugte Illusion interpretiert wird.
3 KRITIK AN DEN THESEN DER NEUROWISSENSCHAFTLER: Das Kapitel setzt sich kritisch mit dualistischen Annahmen, Beschreibungsebenen, Reduktionismus und Bewusstseinskonzepten wie denen von John R. Searle auseinander.
4 ZWISCHENFAZIT: Das Zwischenfazit fasst die bisherigen Erkenntnisse über den Determinismus zusammen und leitet zur Frage der Bedeutung von Freiheit über.
5 WIE LÄSST SICH DIE FREIHEIT DES WILLENS VERSTEHEN?: Es wird erörtert, wie Freiheit im lebensweltlichen Kontext und durch das Verständnis der Bedingtheit des Willens neu gefasst werden kann.
6 ENTSCHÄRFUNG DES NEURONALEN DETERMINISMUS: Das abschließende Kapitel diskutiert das Umweltverhältnis des Menschen und den Einfluss des objektiven Geistes, um den Determinismus zu relativieren.
Schlüsselwörter
Willensfreiheit, neuronaler Determinismus, Neurowissenschaften, Philosophie des Geistes, Reduktionismus, Kategorienfehler, Bewusstsein, Leib-Seele-Problem, kognitives System, Handlungsgründe, Selbstorganisation, Emergenz, Epiphänomen, objektiver Geist, Bedingtheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen der neurobiologischen Annahme eines neuronal determinierten Gehirns und unserem alltagspsychologischen Selbstverständnis von Willensfreiheit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Feldern gehören die Neurophysiologie, die Philosophie des Geistes, der Determinismus-Diskurs sowie die gesellschaftliche und kulturelle Prägung menschlichen Handelns.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, eine Struktur in die Willensfreiheitsdebatte zu bringen und zu zeigen, wie Freiheit trotz der materiellen und neuronalen Bedingtheit sinnvoll gedacht werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Auseinandersetzung, die den aktuellen Forschungsstand der Neurowissenschaften analysiert und mit Positionen der analytischen Philosophie abgleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Kritik an reduktionistischen Thesen, dem Konzept der Beschreibungsebenen und einer Neudefinition von Freiheit durch die Einbettung des Menschen in kulturelle und soziale Strukturen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Willensfreiheit, neuronaler Determinismus, Reduktionismus, Kategorienfehler und objektiver Geist.
Warum kritisieren Philosophen den Kategorienwechsel der Hirnforscher?
Die Kritik besagt, dass Hirnforscher psychologische Begriffe (wie "Entscheiden") unzulässigerweise auf neuronale Prozesse anwenden, was einen Kategorienfehler darstellt, da man mentale Zustände nicht direkt auf mikrobiologischer Ebene finden kann.
Wie lässt sich ein "freier" Wille trotz Determinismus verstehen?
Freiheit wird nicht als Abwesenheit von Ursachen definiert, sondern als Übereinstimmung mit den Motiven und Gründen der Person, im Gegensatz zu Handlungen, die durch Pathologien oder Zwang fremdbestimmt sind.
Welche Rolle spielt die Kultur für unser Gehirn?
Kulturelle und soziale Interaktionen wirken zurück auf unsere neuronalen Strukturen, was bedeutet, dass der Mensch nicht nur biologisch, sondern auch durch erlernte gesellschaftliche Praktiken und Sprache geprägt wird.
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- Andre Fischer (Author), 2007, Willensfreiheit und neuronaler Determinismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87842