Adamsfall und Adams Fall - Zur Metaphorik in Heinrich von Kleists "Der zerbrochene Krug"


Seminararbeit, 2007

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Metaphorik im ersten Auftritt

3 Adams Lügen und Lichts Enthüllungen

4 Die Metaphorik der Krugbeschreibung

5 Weltliches und göttliches Gericht

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Heinrich von Kleists Lustspiel Der zerbrochene Krug beinhaltet eine Vielzahl von Metaphern und Anspielungen. „Vom Titel bis zur Schlußszene mit Metaphern befrachtet, aus Metaphern konstruiert, ist ,Der zerbrochene Krug’ als ein Prozess mit Metaphern lesbar.“[1] Diese Bilder sind nicht nur richtungweisend für unterschiedliche Interpretationsansätze, sondern weisen schon im ersten Auftritt auf den Verlauf des gesamten Dramas hin.

In dieser Arbeit wird zunächst der Beginn des ersten Auftritts auf seine Metaphorik untersucht. Anschließend werden weitere zentrale Metaphern und Anspielungen des Werks benannt und gedeutet, so dass die Dichte, Vielzahl und Unterschiedlichkeit der Bilder und Anspielungen im zerbrochenen Krug deutlich wird.

2 Die Metaphorik im ersten Auftritt

Während sich der Dorfrichter Adam ein Bein verbindet, tritt laut Regieanweisung der ersten Szene der Gerichtsschreiber Licht auf. Schon die Namen der beiden Figuren sind metaphorisch belegt: Der Name Adam ist eindeutig biblisch konnotiert, wie noch zu zeigen sein wird. Licht ist ein sprechender Name, denn wie sich später herausstellen wird (V. 1701-1703) ist der Schreiber Zeuge von Adams nächtlichen Umtriebigkeiten und erkennt dessen Lügen von Anfang an. Er kann ,Licht' ins Dunkel des scheinbar verworrenen Falls bringen. Sein Name konnotiert die „Hellsicht analytischer Vernunft.“[2]

Der Dialog beginnt mit Lichts Frage: „Ei, was zum Henker, sagt, Gevatter Adam! / Was ist mit Euch geschehn?“ (V. 1f.). Bereits das „Ei“ kann vorausdeutend interpre­tiert werden, wie es in der aktuellen Inszenierung am Schauspielhaus Hannover (Regie: Rafael Sanchez) geschieht. Hier spricht Licht das „Ei“ nicht nur mit einem wissenden und übertrieben mitleidenden Ton, sondern der Regisseur reizt den Beginn weiter aus, indem er (unter Beibehaltung des Versmaßes) das „Ei“ des Schreibers in ironischer Weise wiederholen und anschließend (mit ,hinkendem’ Verßmaß) von Adam nachäffen lässt: „Licht: Ei ei ei ei ei ei ei! / Adam: Ei ei ei ei ei ei!“ Adam antwortet, er sei auf dem „glatten Boden“ (V. 4) „gestrauchelt“ (V. 5). Die Figura etymologica „straucheln“/„Strauch“ (V. 3f.) deutet bereits auf den Strauch hin, in den Adam tatsächlich gefallen ist (V. 976ff.). Auf moralischer Ebene steht das Straucheln für Adams Vergehen. Auf ,glatten Boden’ begibt sich Adam ebenfalls, wenn er der Veröffentlichung der Wahrheit auch mit seinen Lügen nicht mehr ent­gehen kann. „Zum Straucheln brauchts doch nichts, als Füße.“ (V.3) sagt er. Einen Hinweis auf das Vergehen, dessen er mit Hilfe einer Fußspur und der gefundenen Perücke über­führt wird (V. 1776ff.), gibt er kurz darauf, wenn er sagt, seine Füße wagten „sich eh'r auf's Schlüpfrige“ (V. 29). Der „leidige[...] Stein zum Anstoß“ (V.6), den jeder in sich selbst trage, ist Adams „Klumpfuß“ (V. 25), dessen Abdruck eine eindeutige Zuordnung der Fußspur zulässt – zumindest für diejenigen, die Adams „Klumpfuß“ kennen, denn er zeigt nur seinen „guten“ Fuß (V. 1821).

Der „Klumpfuß“ selbst verweist auf Ödipus, den Kleist im Vorwort zum zerbrochenen Krug auch nennt. Die Übersetzung des Namens ins Deutsche (,Schwellfuß') ist nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen den beiden Figuren. Beide sind Richter und Täter, allerdings klärt Ödipus seine Tat unwissend auf. Adam kann also „als spiegelbildliche Umkehrung des sophokleischen Ödipus“[3] begriffen werden.

Einen weiteren Bibelbezug stellt Licht her, wenn er auf Adams Abstammung von „einem lockern Ältervater“ (V. 9) hinweist, „Der so beim Anbeginn der Dinge fiel / Und wegen seines Falls berühmt geworden [...].“ (V. 10f.). Hier spielt der Schreiber auf den Sündenfall des biblischen Adam an – wohl wissend, dass der Dorfrichter in der vergangenen Nacht ähnlich ,gefallen' ist, und obendrein mit einem Mädchen namens Eve. „Die Nacht hat sowohl seine physische als auch seine ethische Integrität in einem beschädigten Zustand zurückgelassen. Genauso zerbrochen ist er wie der Krug.“[4] Mit seiner Frage „Ihr seid doch nicht -?“ (V. 12) fordert Licht den Dorfrichter zur Lüge heraus, doch der gesteht mit seiner Antwort, er sei hingefallen (V. 13), seinen Fall sogar ein.

Neben dem physischen, dem moralischen und dem biblischen ,Fall' wird außerdem auf den ,Fall' vor Gericht angespielt. Adam wird im Verlauf des Dramas seinen eigenen ,Fall' verhandeln. Neumann spricht vom „Casus perplexus des sich selbst verurteilenden Richters“[5]. In der Frage nach dem „unbildlich[en]“ (V. 14) Fall werden die verschiedenen Konnotationen des ,Falls' nochmals durchge­spielt.

Licht weiß, dass Adam nicht in der Gerichtsstube ausge­rutscht ist. Das deutet er an, wenn er sagt: „So geht’s im Feuer des Gefechts.“ (V. 49). Er bemerkt auch, dass das Straucheln des Dorfrichters „Der erste Adamsfall“ sei, den dieser „aus dem Bett hinaus getan“ (V. 62f.) habe. Offenbar hat der Schreiber schon mehrere ,Fälle’ Adams miterlebt, die alle sexueller Art, also ,ins Bett hinein' waren. Der von Adam erwähnte Ziegenbock (V. 50) – ebenfalls eine biblische Metapher (Matthäus 25.32) – stellt nicht nur den Richter mit seinem Klumpfuß dar, sondern er steht metaphorisch für den Sünder und das sexuelle Begehren, „und so bringt Richter Adam seine tiefere Identität zum Vorschein. Diese in der Anstrengung des Ver hüllens geschehene Ent hüllung kennzeichnet sein gesamtes Verhalten und Handeln [...].“[6] Schmitt drückt diese Diskrepanz zeichentheoretisch aus, wenn er schreibt: „In seinem [Adams] Lügensystem liegen Zeichen und Bezeichnetes weit auseinander.“[7]

Der Fall Adams spiegelt sich auch in der Sprache. „Und nun reißt der Bund“ (V. 57f.) „zerfällt zu parataktischer Reihung“[8]: „Bund jetzt und Hos und ich, wir stürzen“ (V. 58). Der erste Auftritt endet mit einem weiteren Bibelbezug. „[...] nicht zufällig beschließt der richtende Adam Ödipus seinen ersten Auftritt mit dem pointierten Bild vom ,Thurm zu Babylon’ [V. 162], der die adamitische Namens­gebung ja erstmals in Verwirrung brachte.“[9] Adam verbindet das Bild mit seinem Aktenstapel, aber es konnotiert sowohl den Sprachverlust, der sich in Adams Diktion niederschlägt, als auch den die Sünde der Menschen strafenden Gott.

[...]


[1] Monika Schmitz-Emans: Das Verschwinden der Bilder als geschichtsphilosophisches Gleichnis. ,Der zerbrochene Krug’ im Licht der Beziehungen zwischen Bild und Text. In: Kleist Jahrbuch 2002. Hg. von Günter Blamberger; Sabine Doering und Klaus Müller-Salget. Stuttgart 2002. S. 48.

[2] David E. Wellbery: Der zerbrochene Krug. Das Spiel der Geschlechterdifferenz. In: Walter Hinderer (Hg.): Kleists Dramen. Stuttgart 1997. S. 13.

[3] Rudolf Loch: Kleist. Eine Biographie. Göttingen 2003. S. 171.

[4] Wellbery: Krug. S. 13.

[5] Gerhard Neumann: Umrisse von Kleists kultureller Anthropologie. In: ders.: Heinrich von Kleist: Kriegsfall – Rechtsfall – Sündenfall. Freiburg im Breisgau 1994. S. 25.

[6] Jochen Schmidt: Heinrich von Kleist. Die Dramen und Erzählungen in ihrer Epoche. Darmstadt 2003. S. 70.

[7] Axel Schmitt: Entstehung und Kon-Texte. Kommentar zur Werkausgabe: Heinrich von Kleist: Der zerbrochene Krug. Frankfurt am Main 2006. S. 137.

[8] Wellbery: Krug. S. 14.

[9] Günter Hess: „Durch Adams Fall ist ganz verderbt...“. Richter Adams Morgenlied. In: Kleist jahrbuch 1993. Hg. von Joachim Kreutzer. Stuttgart 1993. S. 152.

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Details

Titel
Adamsfall und Adams Fall - Zur Metaphorik in Heinrich von Kleists "Der zerbrochene Krug"
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Heinrich von Kleist
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
11
Katalognummer
V87905
ISBN (eBook)
9783638037648
Dateigröße
363 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adamsfall, Adams, Fall, Metaphorik, Heinrich, Kleists, Krug, Proseminar, Heinrich, Kleist
Arbeit zitieren
Thomas Schachschal (Autor), 2007, Adamsfall und Adams Fall - Zur Metaphorik in Heinrich von Kleists "Der zerbrochene Krug", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87905

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