„Geteilt wie Deutschland“ - Ein Psychogramm der Figur Wolfgang Zieger aus Martin Walsers Novelle „Dorle und Wolf“


Seminararbeit, 2002

14 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Wolf als konstruierter Charakter

2. Wolfs Charakter
2.1. Wolfs Zerrissenheit in der Beziehung zu Dorle
2.2. Wolfs Zerrissenheit in der Beziehung zu Sylvia
2.3. Wolfs Identitätsverlust durch die deutsche Teilung
2.4. Wolfs Verfolgungswahn
2.5. Wolfs Fremdbestimmtheit
2.6. Wolfs Naivität während seines Prozesses

3. Hinweise auf psychotische Störungen bei Wolf

4. Literaturverzeichnis

1. Wolf als konstruierter Charakter

Martin Walser wird oft vorgeworfen, die Charaktere seiner Werke seien zu konstruiert und mit Symbolen überladen[1]. Eine Figur, bei der dies offensichtlich der Fall ist, ist Wolf Zieger in der 1987 erschienenen Novelle „Dorle und Wolf“.

Walser zieht in diesem Roman eine starke Parallele zwischen der deutschen Teilung und seinem Protagonisten Wolf, indem er Wolf als einen Menschen beschreibt, der in psychischer Hinsicht so zerrissen ist wie Deutschland in geographischer: Wolf Zieger ist hin und her gerissen zwischen der DDR und der BRD, zwischen seiner Frau Dorle und seiner Geliebten Sylvia und legt auch in anderen Dingen ein etwas zwiespältiges Verhalten an den Tag. Er ist die Personifikation des Themas der Novelle: der deutschen Teilung.

Wolfs innere Zerrissenheit, das Gefühl der Spaltung, häufig zwischen etwas, das er als gut ansieht, und etwas, das ihm verwerflich scheint, führt dazu, dass seine Gedanken und Handlungen für den Leser nicht immer nachvollziehbar und verständlich sind. Oft entsteht der Eindruck, Walser ließe seine Hauptfigur einzig und allein nach dem Prinzip der Zerrissenheit agieren. Die Gespaltenheit Wolfs Charakters soll als eine Konsequenz der deutschen Teilung und des dadurch bedingten Identitätsverlustes dargestellt werden.

Doch die starre Darstellung Wolfs als einen in jeder Hinsicht gespaltenen Menschen führt dazu, dass er als Charakter unglaubwürdig und unverständlich wird. Oft wird nicht klar, warum Wolf wie handelt. Es scheint manchmal sogar so, als wisse er es selbst nicht so genau. Nicht nur Wolfs Handeln, sondern auch seine Emotionen scheinen sehr verworren und undeutlich. Oft schlagen sie ohne offensichtlichen Grund von einem Extrem ins andere um.

Im Folgenden soll nun Wolf Ziegers Charakter näher betrachtet und analysiert werden, vor allem im Hinblick auf seine innere Zerrissenheit, die, wie schon erwähnt, eine besonders wichtige Rolle spielt.

2. Wolfs Charakter

2.1. Wolfs Zerrissenheit in der Beziehung zu Dorle

Wolfs Verhältnis zu seiner Frau Dorle ist auf der einen Seite geprägt von Liebe, auf der anderen von Ehebruch und Rücksichtslosigkeit, z.B. auf ihren Kinderwunsch[2]. Außerdem vernachlässigt er sie zugunsten seiner Spionagearbeit[3].

Wolfs Liebe ist ziemlich unbeständig. Er selbst empfindet die Sache so, als ob er Dorle immer nur dann liebt, wenn er sie nicht bei sich hat, das heißt, wenn er bei seiner Geliebten Sylvia ist.[4] Wolf ist nicht dazu bereit, das Verhältnis zu Sylvia zu beenden, obwohl ihn Gewissensbisse quälen und er sich selbst für seinen Ehebruch verurteilt.

„Nur Dorle gegenüber was er mehr als illegal. Ihr gegenüber war er illegitim. [...] Das peinigte ihn. Weil Dorle ihm vertraute. Er sehnte sich nach Gefühlen, denen er zustimmen konnte. Er konnte nicht ewig im Zustand der Selbstablehnung leben.“[5]

Wolfs schlechtes Gewissen wird noch verstärkt, als Dorle ihm am letzten Abend ihres Urlaubs in Frankreich „das totale Vertrauen“ zusichert. „Dorle! wollte er nun seinerseits rufen, bitte, nicht!!“[6]

Es ist die „Gleichsetzung von Selbstachtung und Treue“[7] die Wolf in die Selbstablehnung treibt. Wolf ist sich darüber im Klaren, dass er erst wieder mit sich selbst ins Reine kommen kann, wenn er die Affäre mit Sylvia beendet. Das kann er allerdings erst in letzter Instanz, als er im Gefängnis sitzt.[8] Dort wird ihm schließlich klar: „Alles außer Dorle war unwichtig. Er musste eine Verbindung zu Dorle herstellen.“[9]

Ebenfalls Dorle zuliebe beendet er auch unwiderruflich seine Spionagetätigkeit und stellt sich den Behörden. Diese Entscheidung ist Wolfs „Sieg der Moral über

abstrakte politische Ideale“[10]. Wolf hat erkannt, dass er sich zwischen seiner Ehe und seiner Spionagetätigkeit entscheiden muss.

Die Streitpunkte der Ehe sind am Ende geklärt: Dorle bekommt ein Baby, und die beiden beschließen, nach Wolfs Entlassung in Dorles Heimatort Strümpfelbach zu ziehen, und nicht, wie Wolf es eigentlich wollte, in die DDR. Als Wolfs Haftstrafe härter ausfällt als erwartet, beschließt er, seiner Frau in Briefen sein Leben zu erzählen, um ihr wieder näher zu kommen. Er nimmt sich vor, alles zu tun, um in Zukunft eine perfekte Ehe zu führen: „Dorle und Wolf, das soll eine Beziehung werden, wie sie zwischen Menschen noch nicht dagewesen ist.“[11]

Der Grund für diese Hinwendung zu Dorle liegt in Wolfs „Identitätsdiffusion“[12]: „Sein [Wolfs] freiwilliger Verzicht auf seine ostdeutsche Identität [dadurch, dass er sich den Behörden stellt] trennt ihn von seinen Ursprüngen und seiner Familientradition, (...) er ersetzt seinen Patriotismus durch einen privaten Idealismus, das heißt, sein Gefühl von unzerstörbarer Zusammengehörigkeit mit Dorle.“[13] Aber Wolf gewinnt auch viel durch die Aufgabe seiner Spionagetätigkeit: Er gewinnt nicht nur seine Frau zurück, sondern setzt auch ein Zeichen für die Möglichkeit der deutschen Wiedervereinigung: „Indem Wolf sich den westdeutschen Behörden stellt, erreicht der Ostdeutsche Wolf eine persönliche Wiedervereinigung mit seiner westdeutschen Frau und macht so symbolisch den Weg frei für die Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland.“[14]

[...]


[1] Vgl. Mathäs, Alexander: Der kalte Krieg in der deutschen Literaturkritik, Der Fall Martin Walser, New York 1992, S. 174-176

[2] Vgl. Walser, Martin: Dorle und Wolf, Frankfurt a. M. 1987, S. 13

[3] Vgl. ebd. S. 60

[4] Vgl. ebd. S. 50

[5] Ebd. S. 43

[6] beide Zitate ebd. S. 90f.

[7] Peitsch, Helmut: Vom Preis nationaler Identität, in: Doane, Heike / Bauer Pickar, Gertrud (Hg.): Leseerfahrungen mit Martin Walser, Neue Beiträge zu seinen Texten (= Houston German Studies, Vol. 9), S.175

[8] Walser: S. 173

[9] Ebd. S.173f.

[10] Mathäs, Alexander: German Unification as Utopia: Martin Walser’s Schiller, in: Pilipp, Frank: New critical perspectives on Martin Walser, Columbia 1994, S. 112: „a victory of ethical behaviour over abstract political ideals“

[11] Walser: S. 176

[12] Engler, Martin Reinhold: Identitäts- und Rollenproblematik in Martin Walsers Romanen und Novellen, München 2001 (= Häntzschel, Günter / Kleinschmidt, Erich (Hg.): Cursus, Texte und Studien zur deutschen Literatur, Bd. 16), S. 228

[13] Pilipp, Frank: Emotional Rebellion – Political Stagnation : Dorle und Wolf, in: The novels of Martin Walser: A critical introduction, Columbia 1991 (= Studies in German Literature, Linguistics and Culture, Vol. 64), S. 112: „His voluntary renunciation of his East German identity servers him from his origins and familiy tradition, (...) he replaces his patriotism with a private idealism, that is, his sense of unbreakable unity with Dorle.“

[14] Mathäs: German Unification as Utopia: S. 113: „By turning himself in to West German authorities, th East German Wolf achieves a personal reconciliation with his West German wife and symbolically clears the path for East and West German unification.“

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
„Geteilt wie Deutschland“ - Ein Psychogramm der Figur Wolfgang Zieger aus Martin Walsers Novelle „Dorle und Wolf“
Hochschule
Universität Augsburg  (Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Martin Walser – Ausgewählte Werke
Note
2,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
14
Katalognummer
V88020
ISBN (eBook)
9783638023429
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit wurde als zu deskriptiv bezeichnet, Deutung würde teils zu kurz kommen. Positiv seien die Selbstständigkeit der Analyse, die Gliederung und einige Ansätze.
Schlagworte
Deutschland“, Psychogramm, Figur, Wolfgang, Zieger, Martin, Walsers, Novelle, Wolf“, Martin, Walser, Ausgewählte, Werke
Arbeit zitieren
Christine Reff (Autor), 2002, „Geteilt wie Deutschland“ - Ein Psychogramm der Figur Wolfgang Zieger aus Martin Walsers Novelle „Dorle und Wolf“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88020

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