Bertolt Brechts Politisierung und der Einfluss auf die Buckower Elegie "Heißer Tag" - Eine Interpretation


Hausarbeit, 2007
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Elegie

3. Bertolt Brechts Politisierung

4. Brecht und die „Buckower Elegien“

5. Interpretation von „Heißer Tag“
5.1 Hinführung
5.2 Die Exposition
5.3 Der Mittelteil
5.4 Die Reflexion

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bertolt Brecht zählt nicht nur allein zu den größten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, sondern beschäftigte sich ebenso engagiert mit den politischen Verhältnissen in Deutschland, vor allem aber in der DDR. So wurde er schnell zu einem politischen Sinnbild. Seine Dichtkunst wusste zu beeindrucken, seine Sprache war klar und verständlich, seine Botschaften leicht zu extrahieren, außerdem logisch und vernünftig. Er legte außerordentlich viel Wert darauf verstanden zu werden und zwar von jedermann. Trotz allem ließ er es an lyrischem Anspruch nicht mangeln.

Ich möchte in meinen folgenden Ausführungen versuchen Brechts Blickwinkel über die gesellschaftlichen Verhältnisse in den 50er Jahren herauszuarbeiten und diesen anhand des Gedichts „Heißer Tag“ aus der Sammlung „Buckower Elegien“ versuchen zu rekonstruieren. Dazu ist zunächst eine kurze Einführung in die Gedichtsform „Elegie“ notwendig, um zu verdeutlichen warum Brecht gerade diese lyrische Form gewählt hat. Außerdem werde ich mich genauer mit einem kurzen Ausschnitt aus Bertolt Brechts politischem Schaffen beschäftigen, welches zum Verständnis der Elegie unabkömmlich ist, da die „Buckower Elegien“ mir als eine Art Schlüssel zu Brechts Einstellung erscheinen.

2. Die Elegie – eine Gedichtform

Eine Elegie bezeichnet Gedicht, welches als lyrische Art im Altertum keine Inhalts- sondern eine Formbezeichnung war. Später verbanden sich formale und inhaltliche Elemente zu einer Einheit. Die traurigen und klagenden Themen werden durch die sehnsuchtsvolle und schwermütige Grundstimmung unterstützt.[1] Diese elegischen Themen konnten durch verschiedene Inhalte wie Sage, Politik, Geschichte, Liebe oder einfache Betrachtung zum Ausdruck gebracht werden. Eine traditionelle Elegie ist in Distichen verfasst. Das Distichon als Versmaß entstand erst durch die Verbindung mit der griechisch- römischen Elegie und bezeichnet einen Doppelvers, bestehend aus einem Hexameter und einem Pentameter, welche sich zu einer zweiteiligen Strophe verbinden. Ein besonderes zeitliches Kennzeichen einer Elegie ist die triadische Zeitstruktur. Zunächst erfolgt eine Vergegenwärtigung eines vergangenen oder unerreichten idealen Zustandes. Anschließend kommt es zur Konfrontation dieses Zustandes mit der Realität der Gegenwart, worauf ein Konflikt des lyrischen Ichs folgt. Die Zeitstruktur schließt mit der Auflösung der Spannung durch eine aufkommende Zukunftsvision.[2] Der ständige Wechsel zwischen Ruhe und Bewegung ist ein konstitutives Merkmal der Elegie.

3. Bertolt Brechts Politisierung

Schon während seines Exils in den USA unterstellte man ihm eine kommunistische Einstellung und lud ihn vor das Komitee für unamerikanische Aktivitäten vor. Einen Tag später verließ er die USA und reiste nach Zürich. Da man ihm die Einreise nach West- Deutschland verweigerte, kehrte er am 22. Oktober 1948 über Prag nach Ost- Berlin zurück.

Nach den Massenprotesten der Arbeiter in der DDR, äußerte er sich in einem Brief an Walter Ulbricht gegenüber den Maßnahmen der Regierung und sowjetischen Truppen mit einer zustimmenden Haltung, welcher er anschließend wieder relativierte: „Ihnen in diesem Augenblick meine Verbundenheit mit der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands auszusprechen.“[3] Die Existenz der gut organisierten Parteien der Arbeiterklasse sowie die starken kulturellen Bindungen zwischen der Sowjetunion und dem neuen, republikanischen Deutschland schufen den Rahmen für eine Blüte politisch motivierter Tätigkeit in allen Bereichen der künstlerischen Produktion.[4] So spiegelte sich nun auch Bertolt Brechts politische Haltung fortwährend in seinem künstlerischen Schaffen wieder, jedoch in einer deutlich distanzierteren Form als die Bekundungen in seinem Brief an Walter Ulbricht. Er wollte sich zudem trotzdem als politischer Schriftsteller verstanden wissen, zumal sein Selbstverständnis dies auch forderte.[5] Brechts Denkmaxime war der Zweifel.[6] Daneben lautete die zentrale Kategorie in Brechts Überzeugungen, nach der man die Welt verändern könne „Eingreifendes Denken“.[7] Bertolt Brecht kannte den Sozialismus in der DDR, auch wenn er ihn gerade nach dem 17. Juni 1953 mit skeptischen Augen betrachtete, als mögliche Alternative an. Auf der anderen Seite übersah er die Fehler des sozialistischen Realismus nicht, er beschönigte ihn auch nicht. Brecht hielt lediglich an der Möglichkeit einer positiven Entwicklung des sozialistischen Staates fest und hoffte auf eine gesellschaftliche Dynamik um die vorherrschende Starre des Staatsapparates zu überwinden.[8] Er lebte aus freier Entscheidung heraus in der DDR und versuchte durch Propagandagedichten die sozialistische Idee näher zu bringen. Zu diesen Zwecken nutzte er bestimmte historische Ereignisse, um seine politische Einstellung auf Seiten seiner Leser zu erzeugen, die nach Veränderung strebt.[9] Zwei Beispiele aus seinen unzähligen politischen Gedichten sind:

1. „Der Kommunismus ist das Mittlere“: „Der Kommunismus ist…

das Allernächstliegenste, Mittlere, Vernünftigste“

2. „Zukunftslied“ : „Aber eines Tages ist das nicht mehr so

und zu Ende sind die tausend Jahre Not.

Aus der Jammer: Über der Getreidekammer

Hebt sich hoh

Eine wunderbare Farbe, die war rot.“ ( V 46ff)

Doch Brecht war keineswegs ein Utopist, sondern vielmehr ein Intellektueller, der die kritischen Möglichkeiten durch Erfahrungen von zum Beispiel politischen Umstürzen und historischen Brüchen entwickelte. Seine Schriften dienten als Vorlagen dafür, wie man in einer historischen Situation, die als unhaltbar empfunden wurde und des Wandels bedurfte, die richtigen Fragen zu formulieren.[10] Brecht gilt so auch nachhaltig zu den „ Großen der sozialistischen Dichtkunst“[11] und verkörperte die Kontinuität sozialistischer deutscher Lyrik und brach dadurch auch eine Kerbe in sein früheres Schaffen.[12] Doch trotz der gelegentlichen Nähe zum sozialistischen Regime suchte und vertrat er stets eigenständige Positionen.[13]

4. Brecht und die „Buckower Elegien“

Bert Brechts, aus dem Anlass des 17. Juni 1953 heraus, entstandenen „Buckower Elegien“[14] zählen zu seiner Alterslyik, welche sich in einer sehr kontemplativen Betrachtung der Dinge äußert. Der Titel ist geographisch- topologisch dem Entstehungsort zugeordnet[15]: einem kleinen Ort in der Nähe von Berlin, dort wo sich Brecht im Sommer 1953 mit seiner Frau Helene Weigel in sein Landhaus am See zurückzog aus dem Brennpunkt des damaligen politischen Geschehens in diesen unbeschädigten Naturraum. „Buckow in der Märkischen Schweiz ist friedlich und langweilig genug für die Arbeit“.[16] So lassen sich die Parallelen zwischen seiner Arbeit an den BuE und der Umgebung, wie doch in einigen Deutungen angefochten, nicht leugnen. Denn wie die konstituierte 23 Gedicht umfassende zyklische Sammlung zeigt, verbinden sich Entstehungszeit und –ort mit einer gemeinsamen Aussage- und Bedeutungspotenz. Zu Brechts Lebzeiten wurden die Gedichte jedoch noch nicht als geschlossene Gruppe publiziert. In der Zeitschrift „Sinn und Form“ (Nr.6/ 1953) erschienen zunächst nur einzelne Gedichte und erst im Jahr 1964 wurden die Gedichte als komplette Sammlung veröffentlicht, welche jedoch auch schon von Bertolt Brecht zu Lebzeiten autorisiert wurde.[17]

Wenn man nach dem oben erwähnten allgemein gesetzten Begriff einer Elegie geht, bereitet es Schwierigkeiten die BuE als solche zu identifizieren. Die BuE sind keine Klagegedichte im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr eine umfassende historische Bestandsaufnahme. So stellt sich die Frage warum Brecht dafür die Form der Elegie gewählt hat? In der späten Lyrik Brechts kommt es in gesteigertem Maße zur Genese des Gedichttyps und so beschäftigte er sich vermehrt mit der antiken Lyrik.[18] Er definiert durch seinen Gedichtszyklus den Elegiebegriff neu, ohne ihn vollkommen zu abstrahieren. An eine Elegie ist besonders die Reflexion angelegt. In Brechts Elegien vertritt er eine starke subjektive Poesie und bezieht damit die eigene Person in den Reflexionsprozess mit ein.[19] Durch die starke Bindung an die Haltung des lyrischen Ich und die daraus resultierende Subjekt- Objekt- Beziehung demonstriert Brecht ein Spannungsverhältnis zwischen dem lyrischen Subjekt und der objektiven Wirklichkeit. Im Ergebnis steht die kritische Selbstbefragung.[20] Da die Arbeit an den BuE unmittelbar mit den Ereignissen des 17. Juni 1953 zusammenhängt und eine Elegie die Aufgabe eines Klagelieds erfüllt, könnte voreilig daraus geschlossen werden, dass Bert Brecht aufgrund des Schreibens der BuE eine negative Stellung zu dem sozialistischen Aufbau der DDR bezieht. Dies zu unterstellen, wäre jedoch völlig verfehlt. „Die „Buckower Elegien“ haben mit realistischer und antifaschistischer Schreibweise zu tun, und sie gehören in den Kontext der Zeit, und dieser heißt 17. Juni 1953.“[21] Der geschichtliche und vor allem politische Hintergrund ist nicht abstreitbar, Brechts Werk ohne Gleichtakt mit der geschichtlichen Bewegung nicht verstehbar[22], aber er überführt das antike Elegieverständnis, welches das „Segelsetzen“ als zentralen Begriff mitführte, in ein modernes politisches Elegiebild.[23] Für Brechts Anliegen erschien die Form der Elegie am eindringlichsten. Denn sie erleichtert die ästhetische Vermittlung widersprüchlicher Realitätserfahrungen und für Brechts Sichtweise unabdingbar. Er konnte so mit einer Bildsprache den starken Kontrast zwischen den erhalten gebliebenen Relikten des Alten im Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus und den Errungenschaften des Neuen verdeutlichen.[24] Die Klage wird bei Brecht zur Hoffnung, zum Aufruf, zum Ruf nach Bewegung. So schrieb er am 20.August 1953: „buckow. Turandot. Daneben die Buckower Elegien. Der 17. Juni hat die ganze Existenz verfremdet.“[25] Die Verfremdung wird ebenfalls ein zentrales Thema Brechts Elegien, welche sich hauptsächlich in der Verwendung von Spiegelungen bestimmter Bilder als ästhetisches Mittel ausdrückt. Diese Spiegelungen als Mittel zur Verdeutlichung einer Aufbauproblematik kommen vor allem in der Elegie „Heißer Tag“ zum Tragen, auf die ich im Folgenden gezielt eingehen möchte.

[...]


[1] Reallexikon 1997, S. 429ff

[2] Fuhrmann 1985, S. 48

[3] Thiele 1981, S. 81

[4] APuZ 2006, S.14

[5] Ludwig 1976

[6] APuZ 2006, S. 22

[7] Ebd, S. 15

[8] Gratz 1983, S. 23

[9] APuZ 2006, S. 15

[10] APuZ 2006, S. 18

[11] Gratz 1983, S. 3

[12] Ebd, S. 7

[13] APuZ 2006, S. 22

[14] Ich werde in den folgenden Ausführungen für die Bezeichnung „Buckower Elegien“ die Kurzform BuE verwenden.

[15] Schuhmann 1973, S. 106

[16] Thiele 1981, S. 68

[17] Knopf 1986, S. 122

[18] Schuhmann 1973, S. 105

[19] Thiele 1981, S. 84

[20] Schuhmann 1973, S. 109

[21] Versuche, Heft 13, Berlin/West

[22] Gratz 1983, S. 12

[23] Knopf 1986, S. 35

[24] Thiele 1981, S. 84f

[25] Thiele 1981, S. 69

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Bertolt Brechts Politisierung und der Einfluss auf die Buckower Elegie "Heißer Tag" - Eine Interpretation
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V88118
ISBN (eBook)
9783638017169
ISBN (Buch)
9783638925914
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bertolt, Brechts, Politisierung, Einfluss, Buckower, Elegie, Heißer, Eine, Interpretation
Arbeit zitieren
Anja Thonig (Autor), 2007, Bertolt Brechts Politisierung und der Einfluss auf die Buckower Elegie "Heißer Tag" - Eine Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88118

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