Nach dem rasanten Zerfall der Sowjetunion sprach George Bush sen. am 11. September 1990 in seiner berühmten Rede von einer neuen Weltordnung. Die alte bipolare Welt, in der sich Ost- und Westblock gegenseitig belagerten, war zusammengebrochen und vielerorts keimte die Hoffnung auf, die UN könne nun die ihr ursprünglich bei ihrer Gründung zugedachte Rolle als Sicherer des Weltfriedens wahrnehmen. Doch diese Idee einer friedlichen multilateralen Welt, in der die USA die Rolle eines gutmütigen Hegemons im Dienste der UN inne haben sollten, fand spätestens elf Jahre später in den Trümmern des World Trade Centers ein jähes Ende. Seit den grausamen Terroranschlägen vom 11. September 2001 und dem darauf hin ins Leben gerufenen „Krieg gegen den Terror“ agieren die USA mehr und mehr unilateral. Einen vorläufigen Höhepunkt fand diese Entwicklung im Angriff auf den Irak im Jahr 2003, der ohne UN-Mandat und gegen den Widerstand mehrerer traditionell Verbündeter NATO-Staaten erfolgte. Diese Entwicklung hat zur Renaissance eines Begriffes beigetragen, von dem man noch wenige Jahre zuvor annahm, dass er im neu angebrochenen 21. Jahrhundert keinen Platz mehr hätte. Die Rede ist vom Begriff des Imperium oder genauer von einem „american empire“.
Diesem Begriff und der um ihn herum entbrannten Empire-Debatte soll in diesem Aufsatz auf den Grund gegangen werden. Hierzu soll das von Herfried Münkler in seinem Buch „Imperien. Die Logik der Weltherrschaft“ entwickelte Imperienmodell herangezogen werden und als Schablone dienen, die an die US-Außenpolitk angelegt wird. Sprengt die amerikanische Weltpolitik tatsächlich die klassische nationalstaatliche Außenpolitik und lässt sich nur noch mit imperialen Handlungslogiken begreifen? Hat die Politik der USA nicht schon lange imperiale Züge, die bisher nur nicht wahrgenommen wurden? Welche Auswirkungen hätte ein amerikanisches Imperium für den Rest der Welt? Diese Fragen zu beleuchten soll Ziel dieses Aufsatzes sein. Dies soll allerdings nicht als ein Versuch gewertet werden den Vereinigten Staaten Imperialismus zu attestieren, zumal dieser durch die Propagandaschlachten des Kalten Krieges bis heute massiv negativ besetzt ist. Es soll vielmehr ausgelotet werden, inwiefern die Imperiumstheorie in der Lage ist Erklärungsmuster für die Außenpolitik der USA zu liefern.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
HEGEMONIE UND IMPERIUM: EINE BEGRIFFLICHE ABGRENZUNG
MERKMALSBESCHREIBUNG VON IMPERIEN
IMPERIUM VS. HEGEMONIE
IMPERIALE HANDLUNGSLOGIK
MILITÄRISCHE UND KOMMERZIELLE MEHRPRODUKTABSCHÖPFUNG
DIE AUGUSTEISCHE SCHWELLE
DIE IMPERIALE MISSION
MACHTRESSOURCEN DES AMERIKANISCHEN IMPERIUMS
MILITÄRISCHE MACHT
WIRTSCHAFTLICHE MACHT
KULTURELLE MACHT
POLITISCHE MACHT
FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit das Imperienmodell von Herfried Münkler als theoretischer Rahmen geeignet ist, um die US-Außenpolitik nach dem Ende des Kalten Krieges zu erklären. Ziel ist es zu analysieren, ob die Politik der USA verstärkt imperiale Züge aufweist, die über eine klassische hegemoniale Vorherrschaft hinausgehen.
- Abgrenzung der Begriffe Hegemonie und Imperium
- Analyse der imperialen Handlungslogik und der "augusteischen Schwelle"
- Untersuchung der vier zentralen Machtressourcen der USA: militärisch, wirtschaftlich, kulturell und politisch
- Kritische Reflexion des US-Unilateralismus nach 2001
Auszug aus dem Buch
Die imperiale Mission
Neben der militärischen und wirtschaftlichen Macht, die für die Bildung eines Imperiums von ausschlaggebender Bedeutung ist, gibt es noch zwei weitere Machtressourcen: Die politische und die kulturelle Macht. Diese ist wesentlich kostengünstiger zu generieren, als etwa militärische Macht und ist deshalb vor allem nach dem Überschreiten der augusteischen Schwelle von entscheidender Bedeutung, um die Integration innerhalb des Imperiums voranzutreiben. Vor allem ist hier die imperiale Mission als Quelle kultureller Macht zu nennen. Alle Imperien mit längeren Bestand haben sich eine weltgeschichtliche Aufgabe als Zweck ihrer Existenz und Rechtfertigung ihrer Herrschaft gesucht. Welche Form von Weltanschauung oder Werten die Mission dabei beinhalten ist weitgehend irrelevant. Von Bedeutung ist lediglich die Tatsache, dass sie den imperialen Eliten die notwendige Überzeugung gibt, um sie langfristig an die Fortsetzung des imperialen Projekts zu binden.
Oft wird die Mission dabei bis ins quasi-religiöse gesteigert und wird nicht mehr nur zur Selbstlegitimation, sondern auch zur Selbstsakralisierung verwendet. Der Bevölkerung gegenüber rechtfertigt ein Imperium seine Herrschaft dagegen mittels eines oft eng mit der Mission verbundenen Prosperitätsversprechens. Innerhalb der imperialen Ordnung wird ihnen ein durch die Überlegenheit der Mission gewährleisteter materieller Wohlstand zugesichert. Jenseits der Grenzen sei das Imperium hingegen von Not und Elend umgeben, weshalb es eine Wohltat für die angrenzenden Regionen sei, wenn sich deren Herrschaftsbereich ausdehne und andere Staaten durch die Übernahme der Mission kultiviert würden.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet den Wandel der US-Außenpolitik nach dem Ende des Kalten Krieges und dem 11. September 2001, wobei die Relevanz des Begriffs "American Empire" für die aktuelle Forschung eingeführt wird.
HEGEMONIE UND IMPERIUM: EINE BEGRIFFLICHE ABGRENZUNG: Dieses Kapitel arbeitet die theoretischen Unterschiede zwischen Imperien und Hegemonien heraus, wobei Merkmale wie Grenzziehung und Art der Integration zentral sind.
IMPERIALE HANDLUNGSLOGIK: Es wird analysiert, wie Imperien durch Mehrproduktabschöpfung und die sogenannte "augusteische Schwelle" ökonomisch und politisch stabilisiert werden.
MACHTRESSOURCEN DES AMERIKANISCHEN IMPERIUMS: In diesem Hauptteil werden die militärische, wirtschaftliche, kulturelle und politische Macht der USA anhand des Imperienmodells auf ihre imperiale oder hegemoniale Natur hin geprüft.
FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass die US-Politik fließende Übergänge aufweist, jedoch durch den neokonservativen Unilateralismus verstärkt imperiale Tendenzen zeigt, die langfristig die eigene Vormachtstellung gefährden könnten.
Schlüsselwörter
Imperium, Hegemonie, US-Außenpolitik, Mehrproduktabschöpfung, augusteische Schwelle, imperiale Mission, Hard Power, Soft Power, Unilateralismus, internationale Ordnung, Machtressourcen, Nation Building, imperiale Handlungslogik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, ob die Außenpolitik der Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg eher als hegemonial oder als imperial im Sinne des Imperienmodells von Herfried Münkler zu verstehen ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die begriffliche Abgrenzung von Imperium und Hegemonie, die Analyse von Kosten-Nutzen-Logiken in der Herrschaftsausübung sowie die Untersuchung der vier Machtressourcen der USA.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu ergründen, ob die amerikanische Weltpolitik die klassischen Strukturen nationalstaatlicher Außenpolitik sprengt und mit dem Modell imperialer Handlungslogiken erklärt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine politikwissenschaftliche Analyse, bei der das theoretische Imperienmodell von Herfried Münkler als Schablone auf die reale US-Außenpolitik angewendet wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die militärische, wirtschaftliche, kulturelle und politische Macht der USA detailliert untersucht und jeweils hinsichtlich ihrer imperialen oder hegemonialen Ausprägung bewertet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere das Spannungsfeld zwischen "Hard Power" und "Soft Power", der Unilateralismus sowie das Konzept der "augusteischen Schwelle".
Was ist die "augusteische Schwelle" im Kontext dieser Arbeit?
Die augusteische Schwelle beschreibt den Übergang eines Imperiums von einer rein expansiven, ausbeuterischen Phase hin zu einer konsolidierenden Phase, in der durch Investitionen in die Peripherie Stabilität gesichert wird.
Wie bewertet der Autor den neokonservativen Unilateralismus?
Der Autor sieht diesen Kurs als zweischneidiges Schwert: Er verliehe der US-Politik zwar imperiale Züge, führe aber langfristig zu einer Erosion der "Soft Power" und gefährde die konsensbasierte Vormachtstellung.
- Citation du texte
- stud. rer. pol. Stephan Richter (Auteur), 2007, Imperium Americanum?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88194