Betrachtet man die Zeitspanne, in der sich die Schule als Regelinstanz für den gesamten Nachwuchs herausgebildet hat - das 19. Jahrhundert -, so wird das Implikationsverhältnis von Schule und Gesellschaft deutlich. Es war die Zeit, in der sich eine Agrargesellschaft innerhalb einiger Jahrzehnte in eine verstädterte Industriegesellschaft verwandelte und neue soziale Klassen entstanden.
Im Folgenden werden sich die Ausführungen aber nur auf den Zeitraum von 1872 bis 1911 beziehen und dann auch nur auf den elementaren und mittleren Bildungsbereich. Dieser Zeitrahmen wird üblicherweise als ein Modernisierungsschub bezeichnet, in dem sich das Volksschulwesen der Bildungsbegrenzung abwendete und die Tendenz einer Bildungsverbesserung eingeschlagen wurde. Es soll eine schulpolitische Entwicklung erläutert werden, die aus Integrationsstrategien eines Obrigkeitsstaates hervorgeht. Dabei wäre es irreführend, den Ausbau des modernen Volksschulwesens als einen gleichmäßigen, zwangsläufig fortschreitenden Prozess zu verstehen.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 „ALLGEMEINE BESTIMMUNGEN“ VON 1872
2.1 Ausbau des preußischen Volksschulwesens nach den „Allgemeinen Bestimmungen“ von 1872
2.2 Aufbau der Mittelschulen
2.3 Die Bewegung zur Volksschulreform
3 DER „NEUE KURS“
3.1 Die „Allerhöchste Ordre“ von 1889
3.2 Die allgemeinen Fortbildungsschulen und die wilhelminische Jugendpflege
4 FAZIT
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Modernisierungsschub im preußischen niederen Schulwesen zwischen 1872 und 1911. Ziel ist es, die Abkehr von der Bildungsbegrenzung kritisch zu beleuchten und zu hinterfragen, inwiefern es sich hierbei um eine tatsächliche Bildungsverbesserung handelte oder primär um Integrationsstrategien und Herrschaftssicherung eines Obrigkeitsstaates unter dem Druck gesellschaftlicher Veränderungen.
- Die „Allgemeinen Bestimmungen“ von 1872 und ihre Auswirkungen auf das Volksschulwesen
- Die Entstehung und Funktion der Mittelschulen als ökonomischer Anpassungsprozess
- Der „Neue Kurs“ unter Kaiser Wilhelm II. und die Instrumentalisierung der Schule gegen sozialistische Tendenzen
- Staatliche Integrationsstrategien durch Fortbildungsschulen und wilhelminische Jugendpflege
Auszug aus dem Buch
3.1 Die „Allerhöchste Ordre“ von 1889
Inwiefern Kaiser Wilhelm II vorhatte die Volksschule als bildungspolitische Waffe einzusetzen wird mit folgendem Auszug aus der „Allerhöchsten Ordre“ von 1889 deutlich:
„Schon längere Zeit hat Mich der Gedanke beschäftigt, die Schule in ihren einzelnen Abstufungen nutzbar zu machen, um der Ausbreitung sozialistischer und kommunistischer Ideen entgegenzuwirken. […] [Die Schule] muss bestrebt sein, schon der Jugend die Ueberzeugung zu verschaffen, dass die Lehren der Sozialdemokratie nicht nur den göttlichen Geboten und der christlichen Sittenlehre widersprechen, sondern in Wirklichkeit unausführbar und in ihren Konsequenzen dem Einzelnen und dem Ganzen gleich verderblich sind.“
Die Besonderheit des Erlasses drückt sich in dem Konzept aus, dass nun die Aufnahme moderner staatsbürgerlicher Inhalte dem im Interesse einer konservativen Machterhaltung und der Disziplinierung der Untertanen dienen sollte. Es wurde 1889 nicht nach das Konzept der Bildungsbegrenzung zur Untertanenerziehung angewandt (also wie bei dem Prinzip der Stiehl’schen Regulative von 1854).
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in das Implikationsverhältnis von Schule und Gesellschaft im 19. Jahrhundert sowie Abgrenzung des Untersuchungszeitraums von 1872 bis 1911.
2 „ALLGEMEINE BESTIMMUNGEN“ VON 1872: Analyse der Bildungspolitik, die auf Staatsbürgererziehung abzielte und den Ausbau der Lehrpläne sowie der Struktur der Volksschulen einleitete.
2.1 Ausbau des preußischen Volksschulwesens nach den „Allgemeinen Bestimmungen“ von 1872: Detaillierte Betrachtung der neuen Vorgaben für Lehrpläne, Unterrichtsfächer und die strukturelle Gliederung der Volksschulen.
2.2 Aufbau der Mittelschulen: Untersuchung der Entstehung des Mittelschulwesens als Anpassung an ökonomische Bedürfnisse und zur Entlastung höherer Schulen.
2.3 Die Bewegung zur Volksschulreform: Darstellung des Zusammenhangs zwischen industrieller Entwicklung und der Notwendigkeit, eine erwerbs- und urteilsfähige Bevölkerung zu erziehen.
3 DER „NEUE KURS“: Erläuterung des bildungspolitischen Kurswechsels nach dem Scheitern des Sozialistengesetzes, bei dem die Schule als Kampfmittel gegen die Sozialdemokratie eingesetzt wurde.
3.1 Die „Allerhöchste Ordre“ von 1889: Analyse der kaiserlichen Order zur Nutzung der Schule als Waffe gegen sozialistische und kommunistische Ideen.
3.2 Die allgemeinen Fortbildungsschulen und die wilhelminische Jugendpflege: Diskussion staatlicher Maßnahmen zur Schließung der Integrationslücke zwischen Schulabschluss und Militärdienst.
4 FAZIT: Zusammenfassung der Thesen, die den Modernisierungsschub als notwendige Anpassung an industrielle Entwicklungen bei gleichzeitiger Herrschaftssicherung bewerten.
Schlüsselwörter
Modernisierungsschub, preußisches Volksschulwesen, Bildungsbegrenzung, Bildungsverbesserung, Allgemeine Bestimmungen 1872, Allerhöchste Ordre 1889, Sozialdemokratie, Klassenstaat, Mittelschulen, Integrationsstrategien, Obrigkeitsstaat, Jugendpflege, Industriegesellschaft, Schulentwicklung, Herrschaftssicherung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die schulpolitische Entwicklung im preußischen niederen Schulwesen im Zeitraum von 1872 bis 1911 unter dem Aspekt des Modernisierungsschubs.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Reformen der Volksschulen, die Einführung der Mittelschulen, der bildungspolitische Kampf gegen sozialistische Bestrebungen sowie staatliche Strategien zur Jugendintegration.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob die Modernisierungen als echte Bildungsverbesserungen oder primär als Instrumente der Herrschaftssicherung eines Obrigkeitsstaates zu verstehen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Quellenanalyse, wobei unter anderem Erlasse des Kultusministeriums und bildungspolitische Dokumente des Kaiserreichs ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Reformen von 1872, die Entstehung des Mittelschulwesens, die bildungspolitische Reaktion auf die Sozialdemokratie im „Neuen Kurs“ und Maßnahmen der Jugendpflege.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Wichtige Begriffe sind Modernisierungsschub, Preußen, Sozialdemokratie, Herrschaftssicherung, Bildungsverbesserung und Volks- sowie Mittelschulen.
Welche Rolle spielte die Religion im preußischen Schulwesen dieser Zeit?
Religion blieb weiterhin Zentrum des Unterrichts, wurde jedoch zunehmend instrumentalisiert, um Loyalität zum Staat zu erzeugen und gegen politische „Umsturzbewegungen“ zu wirken.
Wie wurde das Problem der Integrationslücke zwischen Schule und Militär gelöst?
Durch die Einrichtung allgemeiner Fortbildungsschulen und die Förderung der wilhelminischen Jugendpflege sollte die Jugend bis zum Eintritt in den Heeresdienst staatlich beeinflusst und vor sozialistischer Unterwanderung geschützt werden.
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- Christina Eggers (Author), 2008, Modernisierungsschub III: Abkehr von der Bildungsbegrenzung im niederen Schulwesen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88200