Berufliche Bildung setzt motiviertes Lernen voraus. Doch welche Arten der Lern-motivation tragen dazu bei, dass die berufliche Bildung ihre Ziele erreicht und ihren pädagogischen Ansprüchen genügt? Schon Johan Amos Comenius (1592 – 1670) stellte die Frage, wie das Interesse der Schüler für den Unterrichtsgegenstand geweckt werden kann (vgl. Poelchau, 2002, S.3). Die neueren Forschungen zur Lernmotivation im Zusammenhang mit der Curriculumforschung haben in den letzten Jahrzehnten differenzierte Modelle zur Motivation entwickelt. Begriffe wie „intrinsische- und extrinsische Motivation“, „Lernmotivation“, „Interesse“, „Leistungsmotivation“ usw. haben Hunderte von Diplomarbeiten und Dissertationen nach sich gezogen. Im Gegensatz zu dieser Entwicklung treffen viele Pädagogen oft enttäuschende Aussagen, wie z. B.: „Die Schüler haben keine Lust auf Schule“ oder „Die Schüler haben keine Motivation und kein Interesse am Schulstoff“. Ähnliche Äußerungen werden auch von den benachteiligten Jugendlichen in der beruflichen Bildung geäußert, wie z. B.: „Ich habe keinen Bock auf Schule“, „Die Schule ist für mich langweilig“ oder „Ich will nicht mehr lernen“.
Die vorliegende Arbeit soll dazu beitragen, nach Möglichkeiten zu suchen, um die benachteiligten Jugendlichen aus dem Dilemma ihres Desinteresses herauszuholen, vor allem soll sie nach Wegen suchen, um die Erkenntnisse der Pädagogischen Psychologie auf die berufliche Bildung zu übertragen. Dabei soll das Projekt Internetcafé, welches in der Radko-Stöckl-Schule in Melsungen mit den benachteiligten Jugendlichen durchgeführt wird, im Vordergrund der Untersuchung stehen. Die zentrale Frage dieser Arbeit lautet: Hat das Projekt Internetcafé, welches mit den benachteiligten Jugendlichen verwirklicht wurde, eine positive Auswirkung auf die Steigerung der Lernmotivation und des Interesses?
Im zweiten Kapitel werden nicht nur die Begriffe Lernmotivation und Interesse geklärt, vielmehr wird die grundsätzliche Bedeutung der für die Schule und den Unterricht relevanten Motivationskonzepte auf der Basis vorliegender empirischer Forschungsergebnisse vorgestellt und diskutiert. Das dritte Kapitel beschreibt das Projekt Internetcafé und einige Besonderheiten der benachteiligten Jugendlichen. Im vierten Kapitel wird eine qualitative Studie mit den benachteiligten Jugendlichen in Bezug auf das Projekt Internetcafé durchgeführt. Die Ergebnisse der Studie werden dargestellt und anschließend diskutiert. Die Zusammenfassung dieser Arbeit wird abschließend im Kapitel fünf dargelegt. Insbesondere werden einige Ausblicke zu weiteren Forschungs-möglichkeiten auf diesem Gebiet erläutert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Interesse und Lernmotivation - begriffliche Klärungen
2.1 Motivation
2.2 Richtungen der Motivationsforschung
2.2.1 Behavioristische Zugänge
2.2.2 Humanistische Motivationstheorie
2.2.3 Konstruktivistisches Motivationskonzept
2.2.4 Selbstbestimmungstheorie
2.2.5 Zwischenbilanz
2.3 Lernmotivation
2.3.1 Arten der Lernmotivation mit kurzer Charakterisierung
2.3.2 Elemente und Voraussetzungen der Lernmotivation
2.4 Interesse
2.4.1 Das Interessenkonstrukt
2.4.2 Das Modell zur Wirkungsweise von Interesse
2.5 Zusammenfassung
3 Benachteiligte Jugendliche und das Internetcafé
3.1 Benachteiligte Jugendliche in den EIBE-Klassen
3.1.1 Allgemeine charakteristische Merkmale der EIBE-Schüler
3.1.2 Einige Merkmale der EIBE-Schüler der Radko-Stöckl-Schule in Melsungen
3.2 Internetcafé
4 Qualitative Studie zur Interesse- und Lernmotivationsförderung bei den benachteiligten Jugendlichen in Bezug auf das Internetcafé
4.1 Problemstellung
4.1.1 Vorhersage von Ergebnissen aufgrund empirischer Forschungsergebnisse in Bezug auf Interesse und Lernmotivation
4.1.2 Hypothese
4.2 Methode
4.2.1 Probleme der Befragung
4.2.2 Stichprobe
4.2.3 Erhebungsinstrumente
4.3 Ergebnisse
4.3.1 Ergebnisse über die emotionale Beziehung zum Projekt Internetcafé / Schule
4.3.2 Kategorie der Kompetenz-Erfahrung
4.3.3 Kategorie des Autonomie-Erlebens
4.3.4 Kategorie des Erlebens von sozialer Eingebundenheit
4.3.5 Zusammenhänge zwischen dem Erleben der Grundbedürfnisse und der Lernmotivation sowie des Interesses
4.4 Diskussion
5 Resümee / Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit das Projekt "Internetcafé" dazu beitragen kann, die Lernmotivation und das Interesse von benachteiligten Jugendlichen in EIBE-Klassen zu fördern, basierend auf den psychologischen Grundbedürfnissen nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit.
- Analyse theoretischer Grundlagen zu Motivation und Interesse
- Untersuchung der spezifischen Lebenswelt benachteiligter Jugendlicher
- Qualitative Studie mittels Interviews und Fragebögen zur Wirksamkeit des Internetcafés
- Erforschung von Zusammenhängen zwischen Bedürfnisbefriedigung und Lernmotivation
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Behavioristische Zugänge
Als Behaviorismus wird eine Richtung der Psychologie bezeichnet, die sich in ihren Ansätzen ausschließlich auf das beobachtbare, messbare Verhalten („Behavior“) beschränkt, wobei neuronale und psychologische Prozesse des Gehirns außer Acht gelassen werden. Auf die Frage, wie ein menschliches Verhalten gesteuert und konditioniert werden kann, würde ein Behaviorist wie folgt antworten: Durch Verstärkung, vor allem durch Belohnung des sozialen Umfeldes. Lernen wird als Reaktion („Response“) auf Reize der Umwelt („Stimuli“) verstanden, wobei erwünschte Reaktionen verstärkt und dadurch stabilisiert werden („Reinforcement“). Das Gehirn wird als „Black Box“ betrachtet (vgl. Siebert, 2006, S.66f).
Zum pädagogischen Instrumentarium gehören vor allem Lob (bekräftigt erwünschtes und erfolgreiches Verhalten) und Tadel (kritisiert unerwünschte Verhaltensweisen). Aus der Sicht des Behaviorismus kann geschlussfolgert werden, dass die Lernmotivation und das Interesse durch richtiges Gebrauchen des Instrumentariums „Lob und Tadel“ gefördert werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die Bedeutung motivierten Lernens in der beruflichen Bildung heraus und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach der positiven Auswirkung des Internetcafés auf die Lernmotivation benachteiligter Jugendlicher.
2 Interesse und Lernmotivation - begriffliche Klärungen: In diesem Kapitel werden grundlegende Begriffe wie Motivation, Lernmotivation und Interesse definiert und theoretisch durch verschiedene Forschungsansätze wie Behaviorismus, Humanismus und Selbstbestimmungstheorie unterfüttert.
3 Benachteiligte Jugendliche und das Internetcafé: Hier werden die charakteristischen Merkmale der EIBE-Schüler beschrieben und das Projekt Internetcafé als praktische Lernumgebung eingeführt, in der diese Jugendlichen ihre Kompetenzen erproben können.
4 Qualitative Studie zur Interesse- und Lernmotivationsförderung bei den benachteiligten Jugendlichen in Bezug auf das Internetcafé: Das Kernstück der Arbeit, in dem durch empirische Erhebungen (Interviews und Fragebögen) untersucht wird, wie sich das Projekt auf Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit der Schüler auswirkt.
5 Resümee / Ausblick: Der abschließende Teil fasst die Erkenntnisse zusammen und diskutiert die Tragfähigkeit der angewandten theoretischen Modelle für die berufliche Bildung benachteiligter Jugendlicher.
Schlüsselwörter
Berufliche Bildung, Benachteiligte Jugendliche, Lernmotivation, Interesse, EIBE-Klassen, Internetcafé, Selbstbestimmungstheorie, Autonomie, Kompetenzerfahrung, Soziale Eingebundenheit, Motivationsforschung, Pädagogische Psychologie, Qualitative Studie, Schüler, Berufspädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie durch pädagogische Interventionen, konkret durch ein Internetcafé-Projekt, die Lernmotivation und das Interesse von benachteiligten Jugendlichen in EIBE-Klassen gesteigert werden können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die psychologische Motivationsforschung, die theoretische Fundierung des Interessenkonstrukts sowie die spezifische Situation und Förderung benachteiligter Jugendlicher in der Berufsschule.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist herauszufinden, ob das Projekt Internetcafé eine positive Auswirkung auf die Steigerung der Lernmotivation und des Interesses der beteiligten benachteiligten Jugendlichen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine qualitative Studie durch, bei der Daten mittels Fragebögen und teilstrukturierten Interviews mit Schülern erhoben und anschließend ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung der Motivations- und Interessentheorie sowie die Beschreibung und anschließende empirische Untersuchung des Projekts Internetcafé.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Lernmotivation, Interesse, Benachteiligte Jugendliche, Autonomie, Kompetenz, soziale Eingebundenheit und EIBE-Klassen.
Wie organisieren die Jugendlichen den Betrieb des Internetcafés?
Die Schüler übernehmen fast eigenständig Aufgaben wie den Ordnungsdienst, die Küche, den Verkauf, die Kassenführung sowie die Werbung und Vermarktung, wobei sie in Lerngruppen aufgeteilt sind.
Warum ist das Erleben der Grundbedürfnisse für die Schüler wichtig?
Das Erleben von Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit ist gemäß der Selbstbestimmungstheorie entscheidend, da diese Bedürfnisse die intrinsische Motivation und das Interesse am Lerngegenstand stützen.
- Quote paper
- Dipl.-Berufspäd. B. Eng Sergej Minich (Author), 2007, Interesse und Lernmotivation bei benachteiligten Jugendlichen in der beruflichen Bildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88209