Alle Wege führen nach Santiago de Compostela.
So hat es zumindest den Anschein, wenn man sich momentan in Buchhandlungen umschaut oder durch die Fernsehkanäle zappt. Spätestens seit sich Hape Kerkelings Reisetagebuch auf dem ersten Platz der Spiegel-Bestseller-Liste behauptet, ist der
Jakobsweg in aller Munde. Die Deutschen bildeten 2006 mit 8 097 Pilgern die dritthäufigste Nation auf dem Jakobsweg,Tendenz steigend.
Dieser Trend mag zunächst einmal erstaunen handelt es sich doch bei dem mittelalterlichen Pilgerweg um ein ur-christliches Symbol tiefster Frömmigkeit. Seit dem 10. Jahrhundert machten sich Pilger aus ganz Europa auf den Weg ans Ende der damals bekannten Welt, um am Grab des Apostels Jakobus die Vergebung ihrer Sünden zu erlangen. In einem Land, in dem der Begriff der „Frömmigkeit” langsam aber sicher vom Aussterben bedroht ist, mutet es zunächst einmal seltsam an, dass sich neuerdings wieder ganze Heerscharen an Pilgern gen Santiago aufmachen. Die christliche Pilgertradition scheint in einem Gegensatz zu unserer oberflächlich-säkularisierten Gesellschaft zu stehen, in der die Religion, insbesondere in ihrer institutionalisierten Form, immer mehr an Bedeutung verliert. Dieser Umstand macht den gegenwärtigen Pilger-Boom interessant für eine nähere Betrachtung.
Die Frage nach der Bewertung des gegenwärtigen Trends steht in einem engen Zusammenhang mit einer anderen Frage, die seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert wird. Kann man in der modernen, westeuropäischen Gesellschaft von einer Renaissance der Religion sprechen? Oder stellt die fortschreitende Säkularisierung ein unumstößliches Faktum dar? Zweifellos hat in der religiösen Landschaft Deutschlands seit Beginn der Säkularisierung ein komplexer Wandel stattgefunden. Religion verschwand immer mehr aus dem öffentlichen Bewusstsein und wurde zur Privatangelegenheit.
Das Christentum verlor seine Vormachtstellung und wurde zu einem Angebot unter vielen im „Warenlager »letzter« Bedeutungen“ und religiöser Möglichkeiten. Der Begriff der Religion unterlag einem Bedeutungswandel, religiöse Selbstverständlichkeiten lösten sich auf, um einem Pluralismus und Individualismus Platz zu machen, wie wir ihn heute kennen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie das heutige Phänomen des Pilgerns in die religiöse Landschaft einzuordnen ist. Stellt es eine vorübergehende Modeerscheinung dar, oder kann es als Merkmal einer neuen, religiösen Sinnsuche gewertet werden?
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Der Weg und sein Patron: Entstehung und Geschichte des Jakobsweges im Wandel der Jahrhunderte
1.1 Die dunklen Anfänge: Entstehung eines Mythos
1.1.1 Problematisierung einer geschichtlichen Darstellung
1.1.2 Jakobus, der Donnersohn
1.1.3 Missionstätigkeit in Spanien?
1.1.4 Die politischen und religiösen Hintergründe der Legendenentstehung
1.1.5 Der Volkspatron wird zum Mythos
1.1.6 Apostelgrab auf europäischem Boden?
1.1.7 Wie Jakobus nach Spanien kam: Translationsberichte
1.1.8 Jakobus als Maurentöter
1.2 Die Entwicklung des Kultes und sein Wandel im Lauf der Jahrhunderte
1.2.1 Propaganda für den Apostel
1.2.2 Zeugnisse des frühen Pilgertums: Liber Sancti Jacobi und Kathedrale
1.2.3 Rahmenbedingungen für den Fortschritt der Pilgerfahrt
1.2.4 Der mittelalterliche Reliquienkult
1.2.5 Büßer und Trittbrettfahrer: das 15./16. Jahrhundert
1.2.6 Luthers Kritik am Pilgertum
1.2.7 Niedergang und neuer Aufschwung: Das 16. bis 19. Jahrhundert
1.2.8 Der Apostel als nationaler Identitätsstifter während des Francismo
1.2.9 Der Jakobsweg als Sinnbild eines einigen Europas
2. Traditionelles Pilgern – Unterwegssein zu Gott
2.1 Definition und Abgrenzung: Pilgerfahrt – Wallfahrt
2.2 Biblische Pilger
2.3. Der Weg um des Zieles willen? - Pilgern im Mittelalter
2.3.1 Motivationen und Pilgertypen
2.3.2 Die Praxis der mittelalterlichen Pilgerfahrt
2.3.3 Auf dem Weg und am Ziel
2.3.4 “Jakobus hat geholfen” - mittelalterliche Wundergeschichten
2.4 Pilgern als globales Phänomen
3. Kann man in der heutigen Gesellschaft von einer Renaissance der Religion sprechen?
3.1 Einleitende Problematisierung der Fragestellung
3.2 Definitionsansätze und Begriffsabgrenzungen
3.2.1 Was ist Religion? - Ein Begriff im Wandel der Zeit
3.2.2 Religiosität
3.2.3 Volksreligiosität
3.2.4 Spiritualität und Esoterik
3.3. Die Rede von der Renaissance der Religion
3.3.1 Wie kann man von Renaissance der Religion sprechen? - Probleme und Grenzen
3.3.2 Dimensionen von Religion und ihre Bedeutung für die Diskussion
3.3.2.1 „Wir sind Papst“ - Religion im Spektrum der Medienlandschaft
3.3.2.2 Imagegewinn der Institutionen?
3.3.2.3 Private Religiosität der Bürger
3.3.3 Säkularisierung – Mythos oder Fakt?
3.3.4 Säkulare, postsäkulare oder immer schon religiöse Gesellschaft?
3.3.5 Kirche im Aufschwung? Chancen und Möglichkeiten einer totgeglaubten Institution
3.4 Merkmale der “neuen” Religiosität
3.4.1 Individualisierte Religion – Die “Ich-AG” des Glaubens
3.4.2 Pluralismus und Synkretismus
3.4.3 Die Leere von Gott
3.4.4 Die Religiosität heutiger Jugendlicher als Beispiel
3.5 Die große Suche nach dem Sinn des Lebens
3.6 Fazit: Nicht Wiederkehr, sondern Bestätigung
4. Der Jakobsweg heute - Modeerscheinung oder religiöse Sinnsuche?
4.1 Der Weg ist das Ziel? - Allgemeine Überlegungen zum heutigen Pilgertrend
4.1.1 Über die Schwierigkeit, allgemeingültige Aussagen zu treffen
4.1.2 Die gegenwärtige Popularität des Jakobsweges in den Medien
4.1.3 Pilger und einige ihrer Motivationen heute
4.1.4 Beispiele: Pilger erzählen von „ihrem Camino“
4.1.4.1 Stefanie Schönborn-Aich
4.1.4.2 Felix Bernhard
4.2 „Säkulare“ Aspekte des Jakobsweges
4.2.1 Der Weg als Metapher
4.2.2 Entschleunigung - Die Entdeckung der Langsamkeit
4.2.3 Das Pilgern als Flow-Erlebnis
4.2.4 Das Ende der Erlebnisgesellschaft?
4.3 „Religiöse“ Aspekte des Jakobsweges
4.3.1 Fragebogen zum Jakobsweg: statistische Eckdaten
4.3.2 Selbsterfahrung, Grenzerfahrung, Gotteserfahrung
4.3.3 Der Camino als Quelle für Veränderung, Wandel und Umkehr
4.3.4 Der Jakobsweg als besonderer Ort von Gemeinschaft und (Nächsten)Liebe
4.3.5 Das religiöse Potential des Jakobsweges
4.3.6 Ökumene als Thema auf dem Camino
4.3.7 Kritische Reflexionen
4.4 Fazit – Sinnsuche: ja - religiös: vielleicht
5. Schlussbemerkung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob das heutige Phänomen des Pilgerns auf dem Jakobsweg lediglich eine vorübergehende Modeerscheinung darstellt oder als Merkmal einer neuen, religiösen Sinnsuche in einer säkularisierten Gesellschaft gewertet werden kann. Dabei wird analysiert, wie sich das Pilgern historisch entwickelt hat und welche Rolle es als Spiegel der religiösen Landschaft in der modernen Gesellschaft einnimmt.
- Historische Entstehung und Mythenbildung um den Jakobuskult
- Wandel des Pilgerverständnisses vom Mittelalter bis zur Moderne
- Die Rolle der Säkularisierung und die Frage nach einer religiösen Renaissance
- Analyse heutiger Pilgermotivationen mittels qualitativer Befragung
- Der Jakobsweg als säkulares und religiöses Phänomen (Entschleunigung, Flow-Erlebnis, Gemeinschaft)
Auszug aus dem Buch
1.1.2 Jakobus, der Donnersohn
Eine Arbeit über den Jakobsweg und dessen Wirkungsgeschichte vom Mittelalter bis in die heutige postmoderne Gesellschaft kann nicht darauf verzichten, die historische Gestalt desjenigen Heiligen etwas genauer zu betrachten, der dem Camino de Santiago seinen Namen gab: Jakobus, der Sohn des Zebedäus, einer der zwölf von Jesus auserwählten Apostel. Außerhalb der Bibel findet sich keine zeitgenössische Erwähnung von Jakobus dem Älteren, wie er in Abgrenzung zu Jakobus dem Jüngeren, dem Sohn des Alphäus, genannt wird, und auch die Informationen, die aus den Evangelien und der Apostelgeschichte herausgezogen werden können, sind eher spärlich.
Nach den Berichten der Synoptiker waren Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus und der Salome, nach Simon und Andreas das zweite Brüderpaar, das von Jesus zur direkten Nachfolge aufgerufen wurde. Diese Stelle ist insofern programmatisch für die gesamten Evangelien, als Jakobus auch in sämtlichen folgenden Perikopen in einem Atemzug mit seinem jüngeren Bruder Johannes genannt wird. Markus berichtet davon, wie sich die Brüderpaare, die gerade ihrer Arbeit als Fischer in Bethsaida am Rande des See Genesareth nachgehen, sofort von Jesus abwerben lassen und seiner kurzen Aufforderung zur Nachfolge ohne große Umschweife Folge leisten. Matthäus übernimmt diese Darstellung (Mt 4, 21/22), lediglich Lukas bettet die Entscheidung zur Nachfolge Jesu in eine Rahmenhandlung ein und macht somit das Verhalten der Jünger verständlicher. Nach seiner Darstellung wirkt Jesus im Beisein der vier befreundeten Fischer Simon, Andreas, Johannes und Jakobus ein Wunder und überzeugt sie somit von seinem Charisma. Allen drei Überlieferungen gemeinsam ist die Metapher Jesu, er wolle die Jünger zu Menschenfischern machen. Und tatsächlich hat Jesus mit diesen Vieren und noch acht weiteren Anhängern Besonderes vor.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Arbeit führt in das Phänomen des gegenwärtigen Pilgerbooms ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der religiösen Relevanz des Jakobsweges in der modernen Gesellschaft.
1. Der Weg und sein Patron: Entstehung und Geschichte des Jakobsweges im Wandel der Jahrhunderte: Dieses Kapitel analysiert die historische und legendäre Genese des Jakobs-Kultes sowie dessen politische und kulturelle Instrumentalisierung bis in die Neuzeit.
2. Traditionelles Pilgern – Unterwegssein zu Gott: Es werden die begrifflichen Grundlagen zwischen Pilgerfahrt und Wallfahrt geklärt und die mittelalterliche Praxis des Pilgerns sowie deren biblische Ursprünge beleuchtet.
3. Kann man in der heutigen Gesellschaft von einer Renaissance der Religion sprechen?: Eine tiefgehende religionssoziologische Diskussion über Säkularisierung, moderne Religiosität und die Suche nach Sinn in der postmodernen Gesellschaft.
4. Der Jakobsweg heute - Modeerscheinung oder religiöse Sinnsuche?: Das Hauptkapitel untersucht anhand einer eigenen empirischen Erhebung, welche Motivationen moderne Pilger auf den Weg führen und inwiefern der Camino als säkularer oder religiöser Ort fungiert.
5. Schlussbemerkung und Ausblick: Die Ergebnisse werden zusammengeführt, wobei der Jakobsweg als komplexes Phänomen bestätigt wird, das zwischen institutioneller Religion, individueller Sinnsuche und säkularer Lebensgestaltung vermittelt.
Schlüsselwörter
Jakobsweg, Camino de Santiago, Pilgern, Wallfahrt, Religiosität, Säkularisierung, Moderne, Sinnsuche, Spiritualität, Religionssoziologie, Volksfrömmigkeit, Individualisierung, Erlebnisgesellschaft, Entschleunigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie das heutige Phänomen des Pilgerns auf dem Jakobsweg zu bewerten ist: Ist es eine bloße Modeerscheinung oder Ausdruck einer tiefgreifenden, neuen religiösen Sinnsuche in einer weitgehend säkularisierten westlichen Gesellschaft?
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themenfelder umfassen die historische Entstehung des Jakobus-Kultes, die soziologische Debatte über Säkularisierung und "neue" Religiosität sowie eine empirische Untersuchung der Motive heutiger Pilger.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, das heutige Pilgerverhalten einzuordnen und zu ergründen, ob und inwiefern der Jakobsweg als Spiegelbild der religiösen und kulturellen Landschaft unserer Zeit fungieren kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Neben einer ausführlichen Literatur- und Quellenanalyse zur Geschichte und Religionssoziologie nutzt die Autorin eine qualitative empirische Methode in Form eines Fragebogens, den sie an 50 Pilger verteilte, um deren persönliche Motivationen und Einstellungen zu Religion zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse, eine theoretische Auseinandersetzung mit dem modernen Religionsbegriff und einen spezifischen Teil, der das heutige Pilgern auf dem Jakobsweg sowohl aus säkularer als auch aus religiöser Perspektive beleuchtet.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie "Säkularisierung", "Individualisierung der Religiosität", "Pilgerschaft vs. Wallfahrt" sowie "Sinnsuche" charakterisieren.
Warum wird der Jakobus-Kult in der Arbeit historisch so detailliert betrachtet?
Um das heutige Phänomen zu verstehen, ist es notwendig, die Hintergründe der Mythenbildung und die verschiedenen Stufen der Instrumentalisierung des Apostels (z. B. als "Maurentöter") zu kennen, da diese Bilder teilweise bis heute in der Rezeption nachwirken.
Welche Rolle spielt die "Erlebnisgesellschaft" bei der Bewertung des Jakobswegs?
Die Autorin argumentiert, dass der heutige Pilgerboom zwar Aspekte der Erlebnisgesellschaft (Suche nach individuellen Erfahrungen) aufgreift, gleichzeitig jedoch durch die Kontrasterfahrung des Gehens und der Gemeinschaft eine tiefere Dimension anbietet, die über reinen Konsum hinausgeht.
Wie bewertet die Autorin das Verhältnis von Säkularisierung und Religion auf dem Weg?
Sie kommt zu dem Schluss, dass der Jakobsweg nicht einfach eine Wiederkehr alter kirchlicher Frömmigkeit bedeutet, sondern vielmehr eine Bestätigung des menschlichen Grundbedürfnisses nach Sinn und Transzendenz in einer säkularen Umgebung darstellt.
- Quote paper
- Susanne Simon (Author), 2007, "Kehrt um und lauft nach Santiago." Der Jakobsweg als Merkmal einer neuen religiösen Sinnsuche?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88219