Der Mensch im Zwiespalt zwischen Natur und Zivilisation im Werk von Miguel Delibes


Magisterarbeit, 2006
80 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Geschichtlicher Hintergrund

3.Miguel Delibes: literarisch und persönlich
3.1. Biographie
3.2. Anfänge des literarischen Schaffens von Miguel Delibes
3.3. „El primer verde español“
3.3.1 Die Natur im Werk von Miguel Delibes
3.3.2 Die Natur als Lebensbegleiter

4. „El camino“
4.1. Entstehung des Romans
4.2. Inhaltsangabe
4.3. Mensch und Gesellschaft in „El camino“
4.3.1. Welt der Kinder in „El camino“
4.3.1.1. Daniel - der nachdenkliche Entdecker
4.3.1.2. Germán - der melancholische Naturkenner
4.3.1.3. Roque - der starke Aufklärer
4.3.2. Welt der Erwachsenen in „El camino“
4.3.2.1. Paco - der Schmied
4.3.2.2. Daniels Vater – der Käsemacher
4.4. Natur in „El camino“

5. „El disputado voto del señor Cayo“
5.1. Entstehung des Romans
5.2. Inhaltsangabe
5.3. Vertreter der spanischen „Transición“
5.3.1. Victor – der selbstkritische Demokrat
5.3.2. Señor Cayo – der veraltete Weise
5.3.3. Laly – die starke Feministin
5.3.4. Rafa – der zukunftsorientierte Arrogant
5.4. Stadt und Land in „El disputado voto del señor Cayo“
5.4.1. Das moderne Leben in der Stadt
5.4.2. Das traditionelle Leben auf dem Land

6. „Las ratas“
6.1 Die Entstehung des Romans
6.2 Inhaltsangabe
6.3 Der traditionelle Dorfbewohner
6.3.1. Nini - das Medium zwischen Natur und Mensch
6.3.2. Tío Ratero – der rückständige Überlebenskämpfer
6.4. Der zivilisierte Dorfbewohner
6.5. Natur in „Las ratas“

7. „Los santos inocentes“
7.1. Entstehung des Romans
7.2. Inhaltsangabe
7.3. Welt der Unschuldigen
7.3.1. Azarías – der unschuldige Verbrecher
7.3.2. Paco – die treue Seele
7.4. Welt der Señoritos
7.5. Natur in „Los santos inocentes“

8. Schlußwort

9. Bibliographie

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Internetseiten

1.Einleitung

Der lange Weg unserer Evolution von den Menschenaffen zu dem Homo sapiens sollte in der Geschichte der Menschheit einen Erklärungsansatz für die menschliche Welt finden.

Nach Desmond Morris, dem Autor des Buches „The Human animal“ lebten die Urmenschen als die Beute fangenden Jäger in Gruppen und bewohnten kleine Siedlungen, in die die Jäger mit der Beute zurückkehrten.[1] Vor ungefähr zehn Tausend Jahren wurde das ursprüngliche Model der Existenz in die ersten primitiven Bauerngesellschaften umgewandelt. Die Menschen sammelten und lagerten die Vorräte der Nahrung, die mit der Zeit im Überfluss bestand, und die Gruppen begannen sich zu vermehren und zu expandieren. Aus den Siedlungen entstanden kleine Dörfer, aus den Dörfern die Städte, aus den Städten riesige Molochen, die der Autor menschliche Zoos nennt.[2] Er vergleicht die Riesenstädte mit den zoologischen Gärten, in den die Menschen ähnliche Krankheiten und Beschwerden erleiden wie die eingeschlossenen Tiere. Einerseits haben sich unsere Städte im Vergleich mit dem primitiven Vegetieren und einfachem Überlebenskampf in den Ursiedlungen in ein Paradies umgewandelt und sie haben den Menschen den Komfort und die Freiheit, von denen unsere Urahnen wahrscheinlich nicht mal zu träumen wagten, ermöglicht. Anderseits darf man den Preis, den die Menschheit dafür gezahlt hat und immer noch zahlt, nicht vergessen. Mit dem gestiegenen Lebensniveau wuchs auch die Menschenpopulation, und um von den neuen Zivilisationsschätzen profitieren zu können, musste der neue Mensch auf die alten Lebensbedingungen, unter dessen sich die Menschenart entwickelte, verzichten. Er lebt jetzt nun in einem Paradies, doch das Paradies ist voller Stress und Probleme. Im Endstadium wurde die Stadt zu einem Lebensraum mit enormen Kontrasten, wo sich der neue Komfort mit den unerträglichen Anspannungen und Konflikten vermischt. Die großen Metropolen dieser Welt haben mit neuen Gewaltformen, mit vielen Morden und einer hohen Kriminalitätsrate zu kämpfen. Morris vertritt die Ansicht, dass der einfache Mensch aus den Ursiedlungen sich in einen zivilisierten Supermenschen mit Problemen umgewandelt hat.[3] Warum geschieht es, dass ein in der Fußgängerzone einer Riesenstadt hilflos auf dem Boden liegender Mensch keine Hilfe bekommt, er dagegen aber in einer kleinen Ortschaft sofort von den Mitmenschen versorgt wird? Für Desmond Morris ist die Antwort einfach: je mehr Menschen an einem Ort, desto weniger Individualitäten gibt es. Alles ist so riesig, dass der kleine Mensch mit seinen Problemen verschwindet.[4]

Wie ist es dazu gekommen, dass die Menschen ihre natürliche Instinkte in die Betonblocks eingesperrt haben und darauf ihre Existenz aufbauen wollten, ohne an die Natur und ihre Wurzeln in der Natur zu denken? Warum sollen die Stadtmenschen besser als die Dorfbewohner sein? Ist es denn wirklich erstrebenswerter mit dem Plastikgeld zu zahlen und das Essen in einer Mikrowellenküche vorzubereiten, als sich selbst mit den Früchten der Natur versorgen zu können und nach dem Naturrhythmus der Jahreszeiten, des Tages und der Nacht zu leben? Wo ist die Grenze zwischen den guten und den schlechten Lebensbedingungen?

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Natur und der menschlichen Zivilisation im Werk von Miguel Delibes. Doch es soll keine kritisierende Auseinandersetzung sein, die das eine oder das andere Model des Lebens lobend bzw. abschätzend darstellt, sondern eher ein Versuch, die Vielfältigkeit des Themas, in den von Miguel Delibes literarisch präsentierten Gedanken und Überlegungen zu der Materie, vorzustellen.

Miguel Delibes hat sein ganzes Leben an die Entwicklung der Zivilisation und die dabei verloren gegangene Schätze unserer Menschlichkeit gedacht. In vielen seiner Werke setzt sich „el primer verde español“[5] mit diesem Thema auseinander. Sein Leben in der Stadt Valladolid war immer mit der Natur verbunden und sie war in seinem Leben immer präsent. Seine Jagdleidenschaft, sein Interesse an Sport, seine Familie und die Liebe zu Natur haben das Leben des spanischen Autors sehr stark geprägt und sind auch in vielen seiner Werke tief verankert. Auch seine literarischen Figuren haben immer eine zugeschriebene Neigung zu einer der beiden Lebensformen. Der Schriftsteller beschäftigt sich ebenfalls mit der Welt der Kinder und der Unschuldigen, die auch in dieser Arbeit untersucht werden soll.

2.Geschichtlicher Hintergrund

Als 1920 Miguel Delibes zur Welt kam, befand sich Spanien unter der Regierung des Königs Alfonso XIII, der der Nachfolger seines Vaters Alfonso XII war. Es waren schwierige Zeiten für ganz Spanien, auch für die Valladolidaner, die an der Armuts- und Hungersgrenze lebten.[6]

Das 20. Jahrhundert wird von den Historikern in vier Etappen unterteilt: das Königreich unter Alfonso XIII; die Diktatur des Generalkapitäns Miguel Primo de Rivera und die Zweite Republik; die Diktatur Francos und die Demokratie ab 1975 - dem Todesjahr Francos.[7]

Die erste Phase in der Geschichte Spaniens des 20. Jahrhunderts, also die Regierung des Königs Alfonso XIII, wurde durch die Ereignisse von 1898 und ihre Folgen gekennzeichnet. Nach dem Verlust der letzten Kolonien befand sich Spanien in einer großen Krise und die sozialen Probleme, welche in der semana trágica den Ausdruck der Unzufriedenheit fanden und ein Vorzeichen des Bürgerkrieges waren, spitzten sich immer mehr zu. Der Staat konnte die Gewerkschaften der sozialistischen und gar anarchistischen Art nicht mehr unter Kontrolle halten und die fast separatistischen Bewegungen in Katalonien und im Baskenland schwächten zusätzlich die nationale Einheit der Spanier. Auch das Marokko–Problem, das „in einen schmutzigen Krieg ausartete“[8], bereitete dem Lande zusätzlich finanzielle und soziale Schwierigkeiten.[9]

Der vorübergehende Wirtschaftsaufschwung während des Ersten Weltkrieges konnte die Stimmung in Spanien angesichts der schlechten Entwicklung des Marokko–Krieges nicht besänftigen. Aus diesem Grund putschte am 13. September 1923 Primo de Rivera und damit wurde die erste spanische Diktatur des 20. Jahrhunderts ins Leben gerufen.[10]

Die Diktatur von Primo de Rivera und die Zweite Republik werden bei Neuschäfer als eine Periode zusammengefasst, da beide Staatsformen während dieser Zeit versuchten, Spanien zu modernisieren. In beiden Fälle zum Scheitern verurteilt war, weil „sie die unausgeglichenen Gegensätze im Land unterschätzten.“[11]

Primo de Rivera wurde zunächst voller Optimismus und Erwartungen empfangen. Zwar strich er das Recht zur Gründung politischer Parteien und setzte die Verfassung außer Kraft, widerrief die katalanischen Sonderrechte und führte eine strenge Zensurpolitik ein, doch gelang es ihm, sowohl den Marokko-Krieg zu beenden und die Modernisierungsarbeiten der Infrastruktur durchzuführen, als auch das Thema der Agrarpolitik laut und offen anzusprechen. Doch nicht alle waren von der Politik Riveras begeistert und nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1930 trat Rivera zurück.[12]

Am 14. April 1931 wurde in Spanien die Zweite Republik ausgerufen und somit das Land politisch modernisiert. Der König ging ins Exil ohne auf seine Rechte zu verzichten, um das Blutvergießen zu verhindern. Die Republikaner hatten also freie Hand und konnten ihre Vorsätze durchführen. Dazu gehörte die Entmachtung des Militärs, die Trennung von Kirche und Staat, die Modernisierung der Landwirtschaft, die Verleihung des Autonomiestatus für Katalanen und Basken, die Gleichberechtigung der Frau und die Pressefreiheit.[13] Trotz der anfänglichen Zufriedenheit wurde die Regierung immer heftiger kritisiert:

Von Links wurde die Republik vor allem durch die Anarchosyndikalisten in Frage gestellt. Von Rechts erwuchsen ihr [...] mächtige Gegner.[14]

Als 1936 die Linkspartei, mit Manuel Azaña an der Spitze, die Wahlen gewann, verschärfte sich die bereits strapazierte Situation im Lande. Das Attentat auf den monarchistischen Abgeordneten José Calvo Sotelo am 18. Juli 1936 gab schließlich den Impuls zu dem schon lange vorbereiteten Militärputsch. Es war der Anfang des fast dreißig Jahre dauernden Bruderkrieges, der die spanische Bevölkerung in zwei Spanien gespalten hatte.

Die Hauptstadt Madrid wurde zwar von den Aufständischen bis zum Jahr 1939 nicht erobert, dennoch gelang es Franco schon 1937 die Macht über große Teile Andalusiens, Extremaduras, Kastiliens und Galiciens zu übernehmen und die internationale Aufmerksamkeit auf die Geschehnisse in Spanien zu richten. Die Hilfe von Deutschland und Italien führte die Franquisten letztendlich zum Sieg und am 1. April 1939 war der Bürgerkrieg zu Ende. Die Republik wurde abgeschafft und damit scheiterten auch die Modernisierungsversuche, die Spanien an das Niveau anderer europäischen Länder bringen sollten. Es begann die fast vierzig Jahre dauernde Diktatur von General Franco.[15]

Zu den wichtigsten Vorsätzen des Franco-Regimes gehörte die Widervereinigung von Staat und Kirche, die Rückkehr zu militärischem Glanz und die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung sowie des sozialen Friedens „im Schoß einer staatlich gelenkten Einheitsgewerkschaft“[16]. Für das alltägliche Leben bedeutete es die Einführung einer scharfen Zensur und die Liquidierung der Gegner, sei es durch Gefängnisstrafen oder gar den Tod. Die politische Opposition musste ständig mit Verfolgung rechnen und in Angst leben, was dazu führte, dass der größte Teil der Intellektuellen des Landes ins Exil gegangen ist. Die vorsichtige Haltung und Teilnahmslosigkeit in dem Zweiten Weltkrieg zahlte sich für Spanien später aus. Die fünfziger Jahre brachten eine Verbesserung der finanziellen und sozialen Lage mit sich. Spanien wurde von den USA unterstützt und die Isolierung des Landes lockerte sich. Es flossen wieder die internationalen Kredite ins Land ein und somit konnte sich Spanien nach der Verwüstung des Bürgerkrieges wirtschaftlich langsam erholen. Die Aufnahme in das westliche Verteidigungsbündnis verschaffte dem Land äußere Anerkennung und innere Stabilisierung.[17] Der Massentourismus brachte zum Teil einen Wirtschaftsaufschwung doch damit auch fremde Kulturen mit sich, die die strenge spanische Moral erschütterten. Die Kirche, die der eigentliche Balken des Regimes war, entfremdete sich immer mehr von dem Staat und Franco wurde politisch immer schwächer. Es öffneten sich die Wege für die ersten demokratischen Parteien und als Juan Carlos 1976 zum König proklamiert wurde, begann ein Demokratisierungsprogramm, das ein Jahr später zu den ersten freien Wahlen seit 40 Jahren und der Annahme der freiheitlichen Verfassung führte. Seit dem Tod Francos 1975 stand dem Demokratisierungs- und Stabilisierungsprozess Spaniens nichts mehr im Weg und das Land, das noch in den 50er Jahren zu den ärmsten Europas zählte, trat 1986 der Europäischen Gemeinschaft bei und sicherte sich seine Freiheit und soziale Ruhe.[18]

3.Miguel Delibes: literarisch und persönlich

Miguel Delibes, einer der bekanntesten kastilischen Schriftsteller, gehört jener Autorengeneration an, deren Leben und Wirken durch die ereignisreiche zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Sein privates Leben und sein schriftstellerisches Dasein verlaufen parallel und wirken sich gegenseitig aus. Miguel Delibes schreibt das, was er fühlt und seine Werke spiegeln sein privates Leben wider. In Werk von Delibes erfährt der Leser Einzelheiten über sein Familienleben, über seine Freunde, über Valladolid´s Natur, über seine reisen und seine Jagdausflüge. Er ist ein Autor aus Kastilien und er beschreibt treu dieses Land, seine Leute und die Korrelationen zwischen den Menschen und der Natur.[19]

Der Autor ist ein durchaus freier und unabhängiger Mensch und dies offenbart sich in jeder Phase seines Schriftstellerlebens: während seiner Journalistenarbeit unter der Zensur des Franco-Regimes und auch in der neuen, modernen Welt der Medien und des Geldes:

Y sobre todo, un intelectual y un escritor independiente. Lo ha demostrado en su larga y conocida carrera periodística, en sus novelas y ensayos y, también, en su actitud y trayectoria personal. Delibes no se ha vendido jamás a nada ni a nadie. Y si se ha puesto del lado del alguien, ha sido siempre –lo mismo en la ficción que en la realidad- del lado de los perdedores, que es tanto como decir del lado de lo justo.[20]

Für seine Nächsten ist er ein guter, gerechter und unabhängiger Mensch, der sich selbst immer treu bleibt.

3.1. Biographie

Miguel Delibes ist am 17. Oktober 1920 in Valladolid geboren. Mit zehn Jahren beginnt er seine schulische Ausbildung in dem Gymnasium El Colegio de Lourdes, wo er 1936 sein Abitur erwirbt. Im selben Jahr beginnt er sein Studium des Handelsrechts an der Escuela de Comercio und parallel dazu das Studium an der Escuela de Artes y Oficios in Valladolid. Wegen des Krieges muss er das Lernen unterbrechen und geht freiwillig auf das Militärschiff Canarias, wo er ein Jahr lang bei der Armee dient. Ab dem Jahre 1940 kann man in gewisser Weise von den Anfängen des literarischen Lebens von Miguel Delibes sprechen, da er in diesem Jahr seine Tätigkeit als Karikaturist bei der Tageszeitung El Norte de Castilla beginnt. Nach dem abgeschlossenen Journalismuskurs in Madrid bekommt er die Stelle des Redakteurs in derselben Zeitung und beschäftigt sich weiterhin mit der Karikatur und auch mit der Redaktion der Kinokritiken. Er studiert das Handelsrecht zur Ende und schließt es im Jahr 1945 an der Escuela de Comercio in Valladolid erfolgreich ab. Ein Jahr später, am 23. April 1946 heiratet Delibes Àngeles de Castro, mit der er 1947 seinen ersten Sohn, Miguel, bekommt. Seine Frau hat zumindest am Anfang seiner schriftstellerischen Karriere einen großen Einfluss auf die literarische Entwicklung des Autors, denn es ist bekannt, dass sie ihn zum Lesen angestiftet hat und dank ihr entdeckt der junge Journalist die Schönheit und die Vielfältigkeit der literarischen Sprache. Sein neues Interesse bewegt ihn zu der Arbeit an seinem ersten Werk und schon im Jahre 1948 wird dem Roman „La sombra del ciprés es alargada“ eine der wichtigsten Literaturauszeichnungen Spaniens, El Premio Nadal, verliehen und ein paar Monate später wird das Buch auch herausgegeben. Im selben Jahr kommt die Tochter Àngeles und 1949 sein zweiter Sohn Germán zur Welt. Inzwischen publiziert Delibes seinen zweiten Roman „Aun es de día“. Im Jahr 1950 wird das Leben des Schriftstellers von zwei wichtigen Ereignissen beeinflusst: von der Geburt seiner zweiten Tochter Elisa und von der Publikation seines dritten Romans „El camino“, der seine Position in der spanischen Literaturszene etabliert und auch den neuen Weg auf der Ebene der Sprachfertigkeit, des Stilles und der Materie des Schreibens bei Miguel Delibes offenbart. 1953 veröffentlicht Delibes schon als Vizedirektor der Zeitung El Norte de Castilla seinen nächsten Roman „Mi idolatrado hijo Sisí“. Zwei Jahre später wird „Diario de un cazador“ herausgegeben, für den er den Preis Premio Nacional de Literatura bekommt. Im selben Jahr unternimmt er eine Reise nach Chile, die in dem Roman „Diario de un emigrante“ Ausdruck findet. Ein Jahr später wird wieder das private Leben des jungen Autors bereichert, indem sein dritter Sohn Juan zur Welt kommt. Es folgen weiter Reisen, Romane, Reiseberichte und weitere Kinder. Die Familie Delibes gewinnt in den Jahren 1960 und 1962 neue Mitglieder: den vierten Sohn Adolfo und die dritte Tochter, die den prägnanten Namen Camino erhält.

Miguel Delibes erfährt immer mehr Anerkennung, was zum Beispiel die Übersetzung seiner Romane in andere Sprachen verdeutlicht (z.B.: „El camino“ ins Portugiesische oder „Mi idolatrado hijo Sisí“ ins Französische). Die Krönung seiner damaligen journalistischen Karriere erreicht mit der Nominierung zum Chefredakteur des Blattes El Norte de Castilla im Jahre 1958 ihren Höhepunkt. Der Roman „Las Ratas“ erscheint als neuntes Werk von Delibes und bekommt den Preis Premio de la Crítica. Es folgen andere wichtige Werke, wie „Viejas historias de Castilla Vieja“ 1964, „Cinco horas con Mario“ 1966, „Vivir al Día“ 1968, „La Mortaja“ 1970 und wichtige Anerkennungszeichen für den Schriftsteller, wie die Wahl zum Mitglied der La Real Academia de la Lengua 1973 oder der Preis Premio de las Letras de Castilla y León 1985. Das private Leben von Miguel Delibes wurde 1974 durch den Tod seiner erst fünfzigjährigen Ehefrau Àngeles erschüttert. Er selbst sagt, dass der Tod habe ihm „la mejor parte de [su] mismo“[21] weggenommen. Doch er hat die schwierige Phase überwunden und schrieb neue Werke, wie „La guerra de nuestros antepasados“ 1975, „El disputado voto del señor Cayo“ 1978 oder „Los santos inocentes“ 1981.

Für Miguel Delibes ist die Literatur genau so wichtig wie seine Freunde. Nach Ramón García Domìnguez sind für Miguel Delibes seine Freunde eine der wenigen Sachen im Leben, die der Autor wirklich schätzt und als authentisch empfindet:

Mira, Ramón, al margen de nuestra amistad y de muy pocas cosas más en la vida, el resto es manipulación, convéncete.[22]

Zu den letzten großen Romanen von Miguel Delibes zählen der 1995 geschriebener Roman „Diario de un jubilado“ und „El hereje“ 1998, dem der Preis Premio Nacional de la Narrativa verliehen wurde.[23]

Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt, auf die Theaterbühne gebracht und verfilmt. Das ganze literarische, schriftstellerische, öffentliche aber auch private Leben von Miguel Delibes wurde zum Thema großer Symposien, Seminaren und Doktorarbeiten. Für viele Menschen wurde die Person Miguel Delibes auch zu einer beispiellosen Ikone einer authentischen und starken Persönlichkeit, der die Kleinigkeiten des Lebens immer wichtiger waren als die Größe und der Erfolg der modernen, zivilisierten Welt.

3.2. Anfänge des literarischen Schaffens von Miguel Delibes

Die ersten zwei Romane von Miguel Delibes „La sombra del ciprés es alargada“ und „Aún es de día“ gehören sowohl in der Stilistik als auch in der Thematik zu der Gattung der novela existencial. Doch schon hier findet man die Ansätze der Interessenrichtungen, die später bei Miguel Delibes den größten Teil seiner Werke markieren: „insbesondere die Beschreibung des Lebens auf dem Lande, das Interesse an Randfiguren und ausgestoßenen der Gesellschaft sowie die «gravedad moral» in der Beurteilung menschlichen Verhaltens.“[24]

Als 1948 der erste Roman von Delibes „La sombra del ciprés es alargada“, der mit dem Premio Nadal gekrönt wurde, erscheint, herrscht in Spanien eine düstere und gedrückte Stimmung nach dem Bürgerkrieg. Delibes betreibt aber keine Antikriegsliteratur. Seine Literatur spiegelt eher das ängstliche und psychisch fast zerstörte Volk, das sich gerade eben von dem Kriegstrauma der Dos Españas erholt hatte und schon wieder neue Ängste vor dem Franco-Regime haben musste, wider. Die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs, des blutigsten Kriegs unserer Zeit, der erst vor kurzem beendet worden war, legten einen zusätzlichen Schatten auf die ganze Menschheit und vertieften die verängstigte Stimmung in Spanien.[25] Auch bei Miguel Delibes hinterließen die schrecklichen Geschehnisse ihre Spuren:

La guerra [...] dejó una larga secuela de mutilados síquicos. Como consequencia de aquel drama, y al igual que toda mi generación, yo me convertí desde entonces en un gran consumidor de pastillas y medicamientos.[26]

Alle Schriftsteller der damaligen Zeit, ob im Exil oder in Spanien, hatten ein großes Bedürfnis diese schmerzhafte und prägende Periode in der Menschheitsgeschichte zu beschreiben und auf diese Art ihren eigenen angestauten Emotionen freien Lauf zu lassen. Die Exilautoren waren jedoch privilegiert, da sie unbeschränkt und ohne Rücksicht auf die Zensur schreiben konnten. Dennoch gelang es den im Lande gebliebenen Schriftstellern durch „Taktiken der Verschleierung und der Verstellung“[27] die Zensur umzugehen und somit ihren Emotionen und Erlebnissen Ausdruck zu verleihen. Einer von ihnen ist auch Miguel Delibes:

No se podía haber tratado de otra manera. Imposible. Yo cuando ya puedo tocarla con un poco de independencia es en Las ratas en el 62.[28]

So zum Beispiel lässt er in seinem Roman „La sombra del ciprés es alargada“ den Protagonisten Pedro über das Thema des Krieges bereits in den 20er Jahren laut nachdenken. Hierbei werden jedoch die Ereignisse des Ersten Weltkriegs in Focus gestellt, obwohl es sich um eine verdeckte Kritik an den spanischen Bürgerkrieg handelt.[29]

Die düstere Thematik der ersten zwei Romane entsprach jedoch nicht dem literarischen Vorhaben des Autors, was seine weiteren Werke noch explizit verdeutlichen werden.

3.3. „El primer verde español“

Noch im Jahre 1950 betrachteten die Literaturkritiker Miguel Delibes als fortschrittsfeindlich, weil im Roman „El camino“ der junge Protagonist Daniel sich weigert, sein ländliches Leben gegen das Leben in der Großstadt einzutauschen. Vierzig Jahre später, in der Zeit der Globalisierung und der Umweltverschmutzung, wird er gerade wegen dieses Romans als „el primer ecologista“ und „el primer verde español“ genannt.[30]

In all seinem literarischen Werk taucht seine Liebe zu der Natur und ihre philosophische Bedeutung auf. So zum Beispiel zitiert er in der Einführung zu dem Roman „Mi vida al aire libre“ zwei große Philosophen und ihre Einstellung zu der Natur:

No puedo meditar sino andando; tan luego como me detengo, no medito más; mi cabeza anda al compás de mis pies.

JEAN-JACQUES ROUSSEAU, Las confesiones

No se debe prestar fe a ningún pensamiento que no haya nacido al aire libre…

FRIEDRICH NIETZSCHE, Ecce Homo[31]

Diese beiden Zitate vermitteln bereits eine Vorahnung, wie wichtig die Natur nicht nur für das Werk des Autors sondern auch für sein Leben ist.

3.3.1 Die Natur im Werk von Miguel Delibes

Wie bereits oben erwähnt ist der Autor alles andere als zufrieden mit seinen ersten zwei Romanen. Die beiden novelas existencial befriedigen nicht sein Verlangen, seine authentischen Gedanken und Ansichten bezüglich der Relationen zwischen der Natur und dem Menschen nieder zu schreiben. Schon als Kind war Delibes nur von Büchern begeistert, dessen Handlung sich in der freien Natur abspielte:

De niño, en mi piso urbano, donde mis padres me nacieron, yo vivía desazonado, buscando, como los perros de caza encerrados en un automóvil, una rendija por donde penetrase un soplo de aire vivificador. Mi avidez me llevaba aún más lejos: recurría a la lectura de libros relacionados con la naturaleza para hacerme la ilusíon de que respiraba un ambiente oxigenado. [...] Mis lecturas, pues vinieron orientadas desde niño por un guía inusual: la naturaleza.[32]

Miguel Delibes´ Faszination für die Natur resultiert also aus seiner Kindheit, da er schon damals seine Aufmerksamkeit den Unterschieden zwischen dem städtischen und ländlichen Leben und der Sehnsucht nach der Vitalität der Natur und dem freien Raum, widmete. Sein Interesse galt auch im gewissen Maße der Sozialstruktur der Großstadt und des Dorfes, dem Menschenkollektiv und dem Individuum:

Era la naturaleza, antes que la gracia expresiva o el argumento, lo que me atraía de los libros cuando, por mi condición de niño de asfalto, me veía apartado del campo. Yo seleccionaba mis lecturas por la cantidad de oxígeno que encerraban y catalogaba mi biblioteca adolescente no por materiales o por autores, como suele ser habitual, sino más bien por su escenario: libros de ciudad y libros del campo; bien por el número de sus pobladores: libros de multitudes o libros de solitarios.[33]

Es scheint tatsächlich als ob Nietzche´s Gedankengut auch zum Lebensmotto von Miguel Delibes geworden sei:

Parece superfluo añadir que mis preferencias no iban por el asfalto y la muchedumbre, sino por el aislamiento y el campo. Antes que lo bello me incitaba lo natural. Ya Nietzsche había dicho que no debería prestarse atención a ningún pensamiento que no hubiera nacido al aire libre y yo seguía dócilmente esta sentencia: Mis decisiones literarias surgían de lo que yo, allí, pensaba u observaba.[34]

Auch die Literaturwissenschaftler und seine Freunde berufen sich jedes Mal auf das Zitat, wenn sich das Interesse auf die Natur- und Stadtthematik im Werk von Delibes richtet.

3.3.2 Die Natur als Lebensbegleiter

In jeder Phase seines Lebens sehnte sich Miguel Delibes nach der Natur und suchte ständig ihre Nähe. Schon während seiner Kindheit in Valladolid war er von der inneren Kraft der ursprünglichen Natur fasziniert. Alles deutete darauf hin, dass der kleine Miguel ein großer Naturkenner und Naturfreund sein wird:

Las primeras vivencias que guardo de Valladolid – le cuenta a Javier Goñi- son las relativas al Campo Grande[35] [...] Es decir, yo veía y sentía el Campo Grande desde que tenía unos meses y me sacaban al balcón. Después, a la hora del paseo, no había más que cruzar la calzada y ya estabas en el parquet. Como ves, mi primera relación con el campo, que no era tan grande como dice el nombre, pero que era campo al fin y al cabo, fue mi vida en el parquet de mis primeros años de infancia.[36]

Die Verbundenheit mit der Natur und ihre Bedeutung im Leben von Miguel Delibes wird besonders in einem Interview mit Joaquín Soler Serrano, in dem der Autor erläutert, was es für ihn bedeutet in der freien Natur zu leben und warum er nur dort den für seine physische und geistige Ausgeglichenheit benötigten Asyl und Ruhe finden kann:

Hay un instinto que me empuja hacia la naturaleza desde muy joven, […] de manera que el hecho de que yo nesecitaba horizontes abiertos para respirar y para vivir me llevó a la naturaleza. Esto ha sido tan agudizado que cuando dispuse de unas primeras pesetas que no debía emplearlas diariamente en comer, me hice un pequeño refugio en el campo, en un pueblecito de Burgos, en Sedano, […] donde realmente, cuando me refugio, me siento verdaderamente feliz. Si yo no tuviera las obligaciones inmediatas de atender a mis hijos más pequeños, no tendría inconveniente en retirarme allí a vivir con mi pequeño huerto, con mi escopeta y mi caña de pescar, dedicando otros ratos, otros ocios, a la pluma. Creo que sería el ambiente en que me desarrollaría plenamente y a mi propia satisfacción .[37]

Aus der bisherigen Betrachtung bezüglich der Person von Miguel Delibes wird die Wichtigkeit der Natur in seinem Leben deutlich. Nun soll die persönliche Liebe zur Natur anhand der vier folgenden Romanen „El camino“, „El disputado voto del Señor Cayo“, „Los santos inocentes“ und „Las ratas“ literarisch untermauert werden.

[...]


[1] Vgl. Morris, Desmond: The human animal. London, BBC Worldwide Limited 1994. (Polnische Übersetzung von Zofia Uhrynowska-Hanasz. Warszawa, Wydawnitctwo Prima 1997.) S. 83.

[2] Anm.: Menschliche Zoos ist die deutsche Übersetzung vom „Ludzkie Zoo“, dem polnischen Titel des Buches „The human animal“.

[3] Vgl. Morris 1994. S. 83.

[4] Vgl. Morris 1994. S. 83.

[5] Corral Castanedo, Antonio: Retrato de Miguel Delibes. Barcelona: Círculo de Lectores 1995. S. 90.

[6] Vgl. García Domínguez, Ramón : El quiosco de los helados. Miguel Delibes de cerca. Barcelona: Ediciones Destino, S.A. 2005. S. 29.

[7] Vgl. Spanische Literaturgeschichte. Hg. v. Hans-Jörg Neuschäfer. 2., erweiterte Auflage. Stuttgart Weimer: Metzler 2001. S. 315-322.

[8] Ebd. S. 315.

[9] Vgl. Ebd. S. 315.

[10] Vgl. Ebd. S. 315-316

[11] Ebd. S. 316

[12] Vgl. Ebd. S. 316

[13] Vgl. Ebd. S. 316-317.

[14] Ebd. S. 317

[15] Vgl. Ebd. S. 318

[16] Ebd. S. 318

[17] Vgl. Ebd. S. 318-319.

[18] Vgl. Ebd. S.321.

[19] Vgl. García Domínguez, Ramón: Encuentro con Miguel Delibes. Premio Letras Españolas 1991. Madrid: Ministerio de Cultura. Direccíon General del Libro y Bibliotecas. Centro de las Letras Españolas 1993. S. 11-22.

[20] Ebd. S. 13.

[21] Ebd. S. 23.

[22] Ebd. S. 23.

[23] Vgl. http://www.catedramdelibes.com/biografia.html (abgerufen am 01.07.2006)

[24] Stauder, Thomas: Miguel Delibes: El disputado voto del señor Cayo (1978). In: Romane in Spanien: Band 1 – 1975-2000. Hg. v. Thomas Bodenmüller/Thomas M. Scheerer/Axel Schönberger. Frankfurt am Main: Valentia GmbH 2004. S. 11.

[25] Vgl. Rodriguez, Jesús: El sentimiento del miedo en la obra de Miguel Delibes. Madrid: Editorial Pliegos 1979. S. 13-14.

[26] García Domínguez: El quiosco de los helados. S. 44.

[27] Spanische Literaturgeschichte. S.375.

[28] Rodriguez: El sentimiento del miedo en la obra de Miguel Delibes. S. 15.

[29] Vgl. Ebd. S. 15.

[30] Corral Castanedo, Antonio: Retrato de Miguel Delibes. Barcelona: Círculo de Lectores 1995. S. 90.

[31] Vgl. Delibes, Miguel: Mi vida al aire libre. Barcelona: Ediciones Destino, S.A. 1990. S. 7.

[32] García Domínguez: El quiosco de los helados. S. 73.

[33] Ebd. S. 73.

[34] Ebd. S. 73.

[35] Anm.: El Campo Grande ist der Name eines Parks in Valladolid

[36] García Domínguez: El quiosco de los helados. S. 45.

[37] Soler Serrano, Joaquín: Miguel Delibes. Un castellano de tierra adentro.In: Escritores a fondo. Entrevistas con las grandes figuras de nuestro tiempo. Barcelona: Editorial Planeta 1986. S. 26.

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Der Mensch im Zwiespalt zwischen Natur und Zivilisation im Werk von Miguel Delibes
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Romanistik)
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
80
Katalognummer
V88225
ISBN (eBook)
9783638023887
ISBN (Buch)
9783638923040
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mensch, Zwiespalt, Natur, Zivilisation, Werk, Miguel, Delibes
Arbeit zitieren
Magister Slawomir Kolazinski (Autor), 2006, Der Mensch im Zwiespalt zwischen Natur und Zivilisation im Werk von Miguel Delibes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88225

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