Jesus und die Frauen im Spiegel seiner Zeit und dessen Bedeutung für die Frauenordination


Seminararbeit, 2007
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung:

1. Die Frauen zur Zeit Jesu
1.1 Problematisierung einer objektiven Analyse
1.2 Die Frauen im zeitgenössischen Judentum
1.3 Die Frauen in der hellenistischen Welt
1.4 Die römischen Frauen

2. Jesus und die Frauen in den synoptischen Evangelien
2.1 Markus – Frauen als Dienerinnen Jesu oder der Sache Jesu?
2.2 Matthäus – Emanzipatorischer oder patriarchaler Judenchrist?
2.3 Lukas - Evangelist der Frauen oder berechnender Pragmatiker?

3. Jesus – Frauenfreund oder Menschenfreund?

4. Bedeutung für die Frauenfrage in der katholischen Kirche von heute

5. Schluss

6. Bibliografie

Monografien:

Aufsätze:

0. Einleitung

Es wird wohl letztendlich immer ein Rätsel bleiben, eines mit mehr oder weniger schwerwiegenden Folgen für die Struktur der Kirche: Das Verhältnis Jesu zu den Frauen.

Nicht ausschließlich, aber vor allem, ist es für die feministische Theologie nach wie vor ein bedeutendes und aktuelles Thema, da es für die Frauen letztendlich um ihr Selbstbild in der Kirche geht und um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, die ihnen von der katholischen Kirche immer noch verweigert wird. Und auch außerhalb der wissenschaftlichen Literatur ranken sich Legenden um die Rolle der Frauen an der Seite Jesu, ein Indiz dafür, dass die "Frauenfrage" auch unter den Laienchristen, durchaus noch von Interesse ist, gerade angesichts einer Kirche, die diese so weit es geht versucht auszuklammern und zu ignorieren. Weil ihnen von kirchlicher Seite viele Fragen unbeantwortet bleiben, versuchen vor allem Frauen, im Rückbezug auf den historischen Jesus, Antworten in der Bibel zu finden. Dies gestaltet sich insofern schwierig, als von dem historischen Jesus kaum etwas bekannt ist. Das Bild, das in den Evangelien von ihm gezeichnet wird, trägt bereits den ideologischen Pinselstrich des jeweiligen Verfassers und ist dementsprechend verfärbt. Nicht desto trotz möchte ich in der vorliegenden Arbeit das Verhältnis Jesu zu den Frauen, wie es in den drei synoptischen Evangelien dargestellt ist, etwas näher beleuchten. Dazu werde ich es in Bezug setzen, zu den verschiedenen kulturellen Einflüssen, denen die Menschen in Jesu Heimatregion, dem antiken Palästina, wohl ausgesetzt gewesen sind. Ausgehend von der Rolle der Frauen im Judentum, Hellenismus und bei den Römern, möchte ich also Vergleiche ziehen, inwiefern sich die Darstellungen Jesu in den Evangelien aus dem Rahmen ihrer Zeit gelöst haben und inwiefern sie alten Strukturen verhaftet blieben.

Im Anschluss möchte ich die Ergebnisse in einer Deutung Jesu als Menschenfreund zusammenfassen. Zum Schluss meiner Arbeit werde ich auf die aktuelle Diskussion zur Frauenordination eingehen, da für diese das Thema der Frauen in den Evangelien von entscheidender Bedeutung ist. Dabei werde ich zunächst kurz die Argumentation des katholischen Lehramtes gegen eine Frauenordination wiedergeben und diese dann anhand verschiedener Gegenargumentationen in Frage stellen.

An den Anfang meiner Arbeit möchte ich die Thematisierung einiger kritischer Punkte setzen, die mit der Literatur zum meinem Thema zusammenhängen und darauf hinweisen, dass eine objektive Analyse, was die Frauenfrage angeht, immer problematisch ist.

1. Die Frauen zur Zeit Jesu

1.1 Problematisierung einer objektiven Analyse

Würde ich es mir zur Aufgabe machen, die Rolle der Frau im 21. Jahrhundert in Deutschland zu definieren, so dürfte dies sicherlich mit gewissen Schwierigkeiten verbunden sein, da es weder "die Frau" noch eine bestimmte Rolle für diese gibt, angesichts der Pluralität unserer Kultur und der Koexistenz verschiedener kultureller und religiöser Lebensentwürfe. Mein tatsächliches Thema, die Rolle der Frauen zur Zeit Jesu, gestaltet sich allerdings noch schwieriger. Zum einen, weil das damalige Palästina in kultureller und religiöser Hinsicht eine ebenso plurale Gesellschaft war wie das heutige Deutschland. Zum anderen weil die Quellenlage naturgemäß schlechter ist und wir uns auf das verlassen müssen, was uns von fast ausschließlich männlichen Zeitgenossen überliefert worden ist, ohne dass wir es objektiv überprüfen könnten. Es stellt ein allgemeines Defizit und gleichzeitig die größte Gemeinsamkeit erhaltener geschichtlicher Quellen dar, dass ihre Autoren zu jeder Zeit und jedem Ort einem minimalen Prozentsatz der gebildeten, zumeist männlichen, Oberschicht angehörten. Dieser hatte einerseits die Macht, Geschichte zu schreiben, andererseits, darüber zu entscheiden, auf welche Art und Weise diese für die Nachwelt erhalten bleiben sollte. Seien es in der Antike die römischen Geschichtsschreiber und die Autoren der Bibel oder im postmodernen Deutschland beispielsweise die Verantwortlichen des Axel Springer Verlags. Jeder Autor färbt seinen Text gemäß seiner Überzeugung oder der seines Auftraggebers, zumeist unbewusst und reinen Gewissens, oft aber auch explizit in Form von Übertreibungen, Auslassungen und Geschichtsverfälschungen. Für mein Thema bedeutet dies, dass Frauen zwar Gegenstand der Texte sind, jedoch in den meisten Fällen keine Urheber. Die zugrunde liegenden Schriftstücke sind „Produkt einer androzentrischen patriarchalen Kultur und Geschichte“[1]. Dementsprechend müssen die Texte mit gewisser Vorsicht gelesen werden, da die Verfasser im spätantiken, beziehungsweise frühchristlichen Israel mit einer einseitigen Darstellung der Rolle der Frauen oder sogar ihres vollständigen Ignorierens gewisse Ziele verfolgten. „Das Verdrängen, Vergessen und Unsichtbarmachen von Frauen und ihren Leistungen war ein bewußt oder unbewusst eingesetztes Mittel, Frauen von Macht fernzuhalten oder sie ihnen wieder zu nehmen“[2], wirft Anne Jensen zum Beispiel solchen Texten vor. Sie sieht es dementsprechend als Herausforderung und Aufgabe der Frauenforschung an, „eine andere Wahrnehmung der gesamten historischen Realität in einer neuen Gewichtung und Wertordnung“[3] zu erwirken. Darin liegt die zweite Gefahr der Literaturrezeption, denn nicht nur die zeitgenössische Primärliteratur, sondern auch die postmoderne Sekundärliteratur ist autorspezifisch gefärbt und verfolgt gewisse Ziele. Bei meiner Literaturrecherche stieß ich fast ausschließlich auf feministische Theologinnen, die sich dem vorliegenden Thema angenommen haben. Zum einen ist ihre Position zwar sehr gut verständlich, denn es ist Fakt, dass Frauen in der Institution der katholischen Kirche an den Rand gedrängt werden. Zum anderen sollte frau allerdings vorsichtig damit sein, in dem historischen Jesus einen verkappten Feministen entdecken zu wollen, weil dies wohl kaum dem Zeitgeist des spätantiken Palästina entsprochen haben kann. Eine weitere Problematik der feministischen Theologie ergibt sich daraus, das patriarchalische System des Judentums zur Zeit Jesu so negativ wie möglich darstellen zu müssen, um im Gegensatz dazu die Veränderung und Verbesserung durch Jesus hervorheben zu können.[4] Vielen Feministinnen wurde deshalb, von meist jüdischer Seite aus, ein latenter Antijudaismus vorgeworfen, der zwar nicht explizit gewollt sei, aber implizit in der Argumentation mitschwinge. Elisabeth Schüssler-Fiorenza weist aus diesem Grund darauf hin, „die Jesusbewegung als innerjüdische Erneuerungsbewegung“[5] zu sehen und nicht als Gegenbewegung zum Judentum. „Nicht ob Jesus das Patriarchat gestürzt hat oder nicht, ist der springende Punkt, sondern ob das Judentum Elemente kritisch-feministischer Impulse in sich barg, die in Vision und Dienst Jesu zum Zuge kamen.“[6] Sie verweist also auf das Christentum und Jesu Umgang mit den Frauen als "innerjüdische Alternative“.[7] Außerdem müssen wir uns vor Augen halten, dass das damalige Judentum nicht abgeschottet war von dem restlichen kulturellen Umfeld. Aus der Bibel wissen wir, dass die Gruppe um Jesus durchaus auch mit so genannten Heiden in Berührung kam, denn schließlich war Palästina zur Zeit Jesu von den Römern besetzt und gehörte dem Kulturraum des Hellenismus an. Innerhalb dieses religiös-pluralen Umfeldes haben sich also auch die verschiedenen Verständnisse von Geschlechterrollen vermischt. Zu diesen gehörte auch eine gewisse antike Frauenemanzipation, wie wir später noch sehen werden. Anne Jensen weist deshalb darauf hin, dass „die relative Frauenfreundlichkeit der Frühzeit [...] sich also keineswegs nur von der Botschaft Jesu her, sondern mindestens ebenso sehr vom sozialen Umfeld“[8] erklärt. Dennoch werde ich im Folgenden, zur besseren Differenzierung, die verschiedenen Kulturen und deren Umgang mit den Frauen getrennt voneinander aufführen und mit dem Judentum beginnen, welches den Juden Jesus wohl am meisten geprägt haben mag.

1.2 Die Frauen im zeitgenössischen Judentum

Wie bereits erwähnt, war die grundlegende Gesellschaftsform der Spätantike das Patriarchat. Nicht nur im Judentum, sondern auch im Hellenismus und bei den Römern war also der Mann in seiner Rolle als Vater, Mittelpunkt und Oberhaupt der Familie und des ganzen politischen, religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens. Von Flavius Josephus ist der Ausspruch überliefert, dass „das Weib [...] in jeder Beziehung minderwertiger als der Mann“[9] sei, was auf eine weit verbreitete Geringschätzung der Frau in der jüdischen Gesellschaft schließen lässt. Die Aufgaben der Frau waren dementsprechend dahingehend definiert, ihren Mann in seiner Vormachtstellung zu akzeptieren und zu unterstützen und ihm eine gehorsame Partnerin und Mutter seiner Kinder zu sein. Die Erziehung derselben, die Hausarbeit, die Arbeit am Webstuhl oder Spinnrad zur wirtschaftlichen Unterstützung der Familie, sowie das allgemeine leibliche Wohlergehen des Ehemannes waren ihre Hauptbetätigungsfelder.[10] Die größte Würde der Frau lag in ihrer Stellung als Mutter und auch die Mutterliebe war ein allgemein hoch angesehenes Gut. Die Ermahnung zur Achtung der Eltern und insbesondere auch der Mutter, konnte ein jeder Jude nicht nur in der Tora an verschiedenen Stellen nachlesen. Auch im Dekalog war die Ehrerweisung gegenüber Vater und Mutter als viertes Gebot, und damit erstes, das sich auf die Beziehung der Menschen untereinander bezieht, allseits gegenwärtig und verbindlich gemacht. Das Sprichwort „Haus und Habe sind das Erbe der Väter, doch eine verständige Frau kommt vom Herrn“ (Spr 19,14) findet sich ebenso im Alten Testament, wie „das Lob der tüchtigen Frau“, das eine solch vorbildliche Frau schildert. Von ihr heißt es: „Ihre Söhne stehen auf und preisen sie glücklich, auch ihr Mann erhebt sich und rühmt sie.“ (Spr 31,28) Dass sich Frauen aber wohl nicht immer selbstverständlich in dieser Rolle einfanden, beziehungsweise mit diesem männlich-konstruierten „Ideal“ identifizieren wollten, bezeugen indirekt alttestamentliche Sprüche wie der Folgende: „Besser in der Wüste hausen als Ärger mit einer zänkischen Frau.“ (Spr 21,19). Ordnete die Frau sich allerdings ihrem Mann unter, was wohl zumeist der Fall war, so wurde sie „als Familienhaupt sachlich und [...] sprachlich unsichtbar“[11] gemacht. So war die Frau z.B. auch bei Besuch nicht am Tisch anwesend, sie „wurde mehr als Sache denn als Persönlichkeit betrachtet.“[12] Allerdings variierte die Rolle der Frau je nach materiellem Stand der Familie und je nach Wohnort. Denn in ärmeren Regionen wurden viele Regeln aus praktischen Gründen nicht so streng gehandhabt, als es zum Beispiel in reichen, städtischen Häusern der Fall war, in denen die Frauen von den Männern getrennte Räumlichkeiten hatten und von der Außenwelt abgeschirmt wurden, beziehungsweise nicht ohne Kopftuch aus dem Haus gehen durften.[13] Dass es aber auch in ländlichen Regionen durchaus nicht an der Tagesordnung war, Frauen auf der Straße anzusprechen, können wir aus den Evangelien herauslesen, wenn nämlich die Jünger erstaunt darüber sind, dass Jesus mit einer Frau spricht. Selbst Väter und Ehemänner vermieden den Kontakt zu ihren Töchtern und Frauen auf offener Straße.[14] Innerhalb der Grenzen des eigenen Hauses, herrschte der Vater über die Familie, und er war es auch, der seinen Töchtern die Ehemänner aussuchte. Die betreffende Tochter hatte kein Selbstbestimmungsrecht, fungierte lediglich als „Tauschobjekt“[15]. Im antiken Judentum war die Heirat als eine religiös-sittliche Pflicht vorgeschrieben und Kinderlosigkeit galt als eine Schmach.[16] Mädchen waren mit 12 ½ Jahren, Jungen mit 18 Jahren heiratsfähig. Nach einer einjährigen Verlobungszeit zog die Tochter in das Haus des Bräutigams und war ihm fortan zu Gehorsam verpflichtet. Zu jener Zeit war im Judentum scheinbar auch die Polygamie noch verbreitet, zumindest ist uns von Flavius Josephus überliefert, dass „es […] Sitte [ist], daß ein Mann mehrere Gattinnen hat.“[17] Nur der Mann konnte die Ehescheidung bewirken, Gründe dafür konnten Ungehorsam, Kinderlosigkeit oder die Untreue der Ehefrau sein. Im letzteren Fall bedeutete dies das Todesurteil für die betreffende Frau, während einen untreuen Mann nur in dem Fall die Todesstrafe erwartete, dass er mit der Frau eines anderen Mannes Sexualverkehr gehabt hatte.[18] Ein ebenfalls gesetzlich verankerter Brauch, der allerdings für die Frau den positiven Effekt ihrer wirtschaftlichen Versorgung mit sich brachte, war die Leviratsehe. Diese besagte, dass nach dem Tod des Ehemannes, dessen Bruder die Witwe heiraten solle, sofern die Ehe ohne männliche Nachkommen geblieben war.[19]

[...]


[1] Schüssler-Fiorenza, Elisabeth: Zu ihrem Gedächtnis... - eine feministisch-theologische Rekonstruktion der christlichen Ursprünge, München, Mainz 1988, S.14.

[2] Jensen, Anne: Die ersten Christinnen der Spätantike, in: Straub, Veronika: Auch wir sind die Kirche – Frauen in der Kirche zwischen Tradition und Aufbruch, München 1991, S. 39.

[3] Ebd., S. 39.

[4] Vgl. Schüssler-Fiorenza: Zu ihrem Gedächtnis, S.145.

[5] Ebd., S. 147

[6] Ebd., S. 147.

[7] Ebd. S.147.

[8] Jensen: Die ersten Christinnen der Spätantike, S. 36.

[9] Ketter, Peter: Christus und die Frauen, Trier 1935, S. 49.

[10] Ruckstuhl, Eugen: Jesus – Freund und Anwalt der Frauen, Stuttgart 1996, S. 57.

[11] Ebd., S. 58.

[12] Ketter, S. 46.

[13] Vgl., Ruckstuhl, S. 59.

[14] Vgl., Wolff, Hanna: Jesus der Mann – Die Gestalt Jesu in tiefenspychologischer Sicht, 2.Aufl., Stuttgart 1976, S. 77.

[15] Ketter, S. 37.

[16] Vgl., Urban, Christina: Hochzeit, Ehe und Witwenschaft, in: Scherberich, Klaus/Erlemann, Kurt (Hrsg.): Neues Testament und Antike Kultur, Bd.2 Familie – Gesellschaft – Wirtschaft, 2005, S. 25.

[17] Flavius Josephus, zitiert nach: Roth, Paul: In jener Zeit – Alltag im Lande Jesu, Graz, Wien, Köln 1996, S. 140.

[18] Vgl. ebd., S. 143.

[19] Vgl. Dtn 25,5; alle verwendeten Bibelzitate stammen aus: Die Bibel – Einheitsübersetzung, Stuttgart 1980.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Jesus und die Frauen im Spiegel seiner Zeit und dessen Bedeutung für die Frauenordination
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Katholische Theologie)
Veranstaltung
Die Gestalt Jesu in den Evangelien
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V88241
ISBN (eBook)
9783638034234
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jesus, Frauen, Spiegel, Zeit, Bedeutung, Frauenordination, Gestalt, Jesu, Evangelien
Arbeit zitieren
Susanne Simon (Autor), 2007, Jesus und die Frauen im Spiegel seiner Zeit und dessen Bedeutung für die Frauenordination, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88241

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