Holocaust Education. Ein Thema für die Grundschule?


Hausarbeit, 2017

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Hinf ührung zum Thema

2. Holocaust Education – Entstehung und Definition

3. Lehrplanbezug

4. Wieso Holocaust Education in der Grundschule?

5. Ziele der Holocaust Education und des historischen Lernens allgemein

6. Voraussetzungen der Sch ülerinnen und Schüler

7. Wie soll Holocaust Education gestaltet sein?

8. Skizzierung einer Unterrichtssequenz

9. Befragung von Lehrkr äften

10. Res ümee

11. Literaturverzeichnis

12. Anhang

1. Hinf ührung zum Thema

Erst diese Woche jährte sich der Holocaust zum 72. Mal. Der Gedenktag am 27. Januar wurde 1996 durch den Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt. In diesen 21 vergangen Jahren seit der Einführung dieses Gedenktages hat er einen großen Beitrag zum Gedenken an den Holocaust in unserer heutigen Gesellschaft geleistet.1 Anlässlich dieses Gedenktages äußerte sich auch die ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden und Holocaust Überlebende Charlotte Knobloch. Sie erklärte "Die Menschen sind und bleiben zu Unmenschlichkeit imstande."2 Auch wenn die Anzahl der offenen, antisemitischen Denkweisen in Deutschland deutlich auf ca. 5% gesunken sind,3 ist es wichtig, das Erinnern auch außerhalb des Holocaust Gedenktages aufrechtzuerhalten.4 Das dies auch dringend notwendig ist, beweist nicht nur die Aussage von Charlotte Knobloch, sondern auch aktuelle politisch Ereignisse. So kam es kurz nach dem Gedenktag zu Aufruhr in der Bevölkerung, da US-Präsident Donald Trump in seiner Rede zum Holocaust Gedenktag die sechs Millionen ermordeten Juden nicht ansprach, aber auch bei uns in Deutschland besteht eine Notwendigkeit im Erinnern, was man auch an den zunehmenden Wähler-Zahlen der Partei AfD sieht. So forderte der jetzige Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, dass jede Klasse einmal ein Konzentrationslager besucht haben sollte.5 In weiterführenden Schulen, in den höheren Klassen ist dies auch durchaus üblich. So gibt es sehr viele Schulen, die jedes Jahr mit den 9. Klassen der Schule ein KZ besuchen. Nun stellt sich natürlich aber auch die Frage, ob man diese Erinnerungskultur nicht bereits früher einführen sollte. Es gibt auch Vorschläge, diese Thematik bereits bei Kindern im Grundschulalter im Unterricht zu integrieren. Ob diese Holocaust Education bereits in der Grundschule sinnvoll ist, wie eine mögliche Unterrichtssequenz dazu aussehen könnte und was verschiedene Lehrkräfte, aber auch die Eltern der Kinder dazu sagen wird auf den folgenden Seiten dargestellt.

2. Holocaust Education – Entstehung und Definition

In den Jahren 1945 bis 1950 direkt nach den nationalsozialistischen Geschehen gab es noch keine intensive Aufarbeitung des Holocausts und auch in den 1950ern gab es hier keine Besserungen. Die Ereignisse wurden von der Gesellschaft verdrängt und gerechtfertigt. Auch im Unterricht war der Nationalsozialismus hier nicht von großer Wichtigkeit und wurde daher, wenn überhaupt, nur mit dem Tagebuch der Anne Frank behandelt. Das Problem hierbei ist aber, dass die Schüler das Geschehene nur aus einem Blickwinkel sehen können, die Ursachen für den Antisemitismus und auch andere Opfergruppen aber nicht genannt wurden. Zwar gab es Vorgaben von der KMK sich im Unterricht mit dem Holocaust auseinanderzusetzen, jedoch waren diese nicht verbindlich. Erst als es 1957-1960 zu Aufständen von antisemitischer Seite kam, wurden die Vorgaben, sich mit dem Nationalsozialismus zu beschäftigen, verpflichtend. Ende der 1960er Jahre setzte ein Wende im Denken über den Geschichtsunterricht ein. Maßgeblich daran beteiligt war Adorno mit seiner Frankfurter Schule und seinem Radiobeitrag „Erziehung nach Auschwitz“. So wurde der Geschichtsunterricht von nun an mehr gesellschaftskritisch und wissenschaftlich ausgerichtet. Im Jahre 1978 beschloss die KMK eine „Empfehlung zur Behandlung des Nationalsozialismus im Unterricht“6, zwei Jahre darauf folgte die „Empfehlung zur Behandlung des Widerstands in der NS-Zeit im Unterricht“.7 Als im Jahr 1979 die Fernsehserie Holocaust ausgestrahlt wurde und bei vielen Menschen eine große Erschütterung hervorrief wurde auch die Schülerorientierung und die affektiven, gefühlsbetonen Zugänge im Geschichtsunterricht zusehends mehr. Im Jahr 1985 wurde eine Untersuchung angestellt, die ergab, dass die meisten Schulbücher die Ereignisse ohne die geschichtlichen Zusammenhänge darstellte und nur aus der Täterperspektive berichteten, in der die Juden als Objekte gezielt verfolgt wurden. Daraufhin wurde zwar ein schülerorientierter, identifikatorischer Ansatz entwickelt, der bei den Schülern aber oft zu einer Abwehrhaltung dem Thema gegenüber führte. Es musste daher ein Ansatz entwickelt werden, der den Kindern einen eigenen Zugang mit dem Thema Holocaust ermöglicht. So stellte Ulrich Herbert im Jahr 1982 vier Forderungen an das historische Lernen auf:

- „die Geschichte des Nationalsozialismus muß auch die Bereiche des alltäglichen Lebens mit einbeziehen.
- Sie muß auch die Geschichte eines identifizierbaren Ortes – möglichst in der eigenen Region, der Stadt, dem Dorf, in dem die Schüler leben – umfassen.
- Sie muß von konkreten, lebendigen Menschen handeln und wenn möglich sogar die Umgebung der Schüler, ihre Familien, Verwandten, Nachbarn mit zum Unterrichtsgegenstand werden lassen.
- Der Unterricht muß den Schülern die Möglichkeit geben, sich der Geschichte selbst zu nähern, nach dem Prinzip des forschenden Lernens zu verfahren.“8

Auch durch diese Forderungen konnte man in den letzten Jahren erkennen, dass das Thema Holocaust langsam Einzug in den Unterricht findet und sogar die Frage nach den Tätern gestellt wird und auch die Opfer inzwischen differenzierter betrachtet werden. Seit den 1980er Jahren hält der Unterricht über den Holocaust und den Nationalsozialismus auch in den Grundschulen Einzug. In Klafkis Theorie des exemplarischen Lehrens und Lernens wird auch die Behandlung von Schlüsselproblemen der Gesellschaft angesprochen, beispielsweise Frieden oder Arbeitslosigkeit. Seither wandelte sich das Kindheitsbild, u.a. auch durch den ständigen Zugang der Kinder zu den Medien. Die Kleinsten bekommen so bereits die Möglichkeit, am Weltgeschehen teilzunehmen, verlassen ihren Schutzraum und können sich, hoffentlich kindgerecht, mit diversen Themen auseinandersetzen. So gibt es inzwischen auch einige Kinderbücher, die sich mit diesem schwierigen Thema auseinandersetzen. Diese veränderte Kindheit und die gesellschaftlichen Veränderungen sind also die Bedingungen dafür, dass Holocaust Education auch in der Grundschule Einzug hält.9 Ganz allgemein bezeichnet Holocaust Education „die Debatte darum, wie Auschwitz zum Gegenstand der Erziehung werden könne und solle.“10 Es handelt sich hierbei allerdings nicht nur um die Vermittlung des geschichtlichen Wissens, sondern auch um die Vermittlung von Werten und Normen.11

3. Lehrplanbezug

Im aktuellen Lehrplan Plus für die Grundschulen in Bayern ist das Thema Holocaust Education nicht verankert. Hier findet sich zwar ein Lernbereich mit der Überschrift „Zeit und Wandel“12, jedoch wird hier dieses schwierige Thema nicht angesprochen. Hier im Lehrplan ist zu lesen: „die Schülerinnen und Schüler dokumentieren wichtige Ereignisse und Zeitabschnitte aus der Geschichte ihres Wohnortes oder der Region auf einer Zeitleiste und gewinnen dadurch einen Einblick in die Geschichte ihrer Lebenswelt.“13 Auch andere Inhalte, die im Rahmen des Unterrichts angesprochen werden sollten, sind genannt:

- „Vergangenheit und Geschichte des Wohnortes (z.B. für den Ort und die Region bedeutsame Ereignisse, Zeiträume und Veränderungen.
- Quellen als Grundlage historischen Wissens (soweit zugänglich: Text-, Bild- und Sachquellen sowie Zeitzeugen)
- Erfindung und Weiterentwicklung eines Alltagsgegenstandes (z.B. Fahrrad, Auto, Haushaltsgerät)“14

Man kann also sehen, dass zwar allgemein historisches Wissen schon einen kleinen Teil des Wissens ausmacht, was die Schülerinnen und Schüler erlangen sollen, Holocaust Education hier aber keine Rolle spielt.

4. Wieso Holocaust Education in der Grundschule?

Da Holocaust Education in dem Lehrplan für die Grundschule in Bayern nicht genannt wird, stellt sich natürlich die Frage, wieso man dieses heikle Thema bereits mit Grundschülerinnen und Grundschülern behandeln sollte. Zum einen lässt sich natürlich feststellen, dass das Thema Holocaust in unserer Gesellschaft auch heute noch aktuell ist, besonders zu Anlässen wie Gedenk- oder Jahrestagen rund um die Thematik. Die damaligen Geschehnisse beeinflussen auch unser heutiges Handeln, sowie unsere politischen und gesellschaftlichen Einstellungen und besonders, wie wir diese bewerten. 15 Zudem ist anzumerken, dass die Grundschulzeit für die Kinder eine „äußerst bildsame Phase der Kindheit“16 ist. Dies für das politische Lernen der Schülerinnen und Schüler zu nutzen, ist hier sehr nützlich. Außerdem ist die Schule nicht der einzige Ort, an dem Kinder mit dem Thema in Berührung kommen. Auch außerhalb der Schule ereignet sich historisches Lernen, an welches in der Schule angeknüpft werden kann. Eine altersgerechte Aufarbeitung des Wissens der Kinder aus ihrem Alltag ist daher von großer Wichtigkeit17, da es hier auch mit einer größeren Zielgerichtetheit passiert. Denn in ihrem alltäglichen Geschichtswissen können sich auch falsche Informationen oder Wertungen befinden, über die die Kinder nicht reflektieren.18 Im Gegensatz dazu ist es aber auch möglich, dass den Schülerinnen und Schülern von ihrem Elternhaus kein oder nur wenig Geschichtswissen vermittelt wird. Diese Aufgabe übernimmt schließlich dann der Sachunterricht der Grundschule.19 Auch wenn die Gegner der Holocaust Education von Überforderung der Kinder und aufgrund der Vereinfachung für die Kinder von einer Untertreibung ausgehen ist ein weiterer Grund, wieso Holocaust Education auch bereits in der Grundschule stattfinden sollte, dass die Schülerinnen und Schüler in diesem Alter ein besonders gutes Gespür für Gerechtigkeit oder auch Gleichheit haben, was man dann auch für die „politisch-soziale Erziehung“20 der Kinder nutzen kann.21 Hier hatte man nämlich herausgefunden, „dass sich politische Einstellungen, Urteile und Verhaltensmuster schon im frühen Kindesalter zu bilden und zu festigen beginnen“.22 Bekanntermaßen ist auch das Geschichtsbewusstsein der Schülerinnen und Schüler in diesem Alter, wenn auch noch nicht voll entwickelt, bereits angelegt.23 Und auch in dem „Perspektivrahmen Sachunterricht“24 ist die historische Perspektive angegeben. Als weiterer Grund, wieso das historische Lernen und auch die Holocaust Education bereits in der Grundschule beginnen kann, ist anzuführen, dass hier das Interesse und die Motivation der Kinder besonders groß ist. Außerdem sehen viele Kinder ihre Umwelt als selbstverständlich an und können so durch das geschichtliche Lernen herausfinden, dass diese aber verändert werden kann. Weiterhin können die Grundschülerinnen und Schüler sich so in der Perspektivenübernahme üben und ihr kulturelles Lernen weiter vorantreiben.25

5. Ziele der Holocaust Education und des historischen Lernens allgemein

Als erste Ziele sind die grundlegende Bildung und die Hilfe zur Erschließung der Lebenswelt der Kinder zu nennen, die der Sachunterricht der Grundschule in allen Bereichen vermitteln will. Etwas konkreter auf das historische Lernen bezogen findet sich hier auch die Entwicklung und Förderung eines Geschichtsbewusstseins als Ziel, worunter man „die Fähigkeit zur methodisch bewussten und kontrollierten geistigen Verarbeitung historischer Sachverhalte und Deutungsmuster zu unterstützen“26 versteht. Neben dem Geschichtsbewusstsein sollen die Schülerinnen und Schüler auch Methoden und Arbeitsweisen für die Geschichte entwickeln. Weitere Ziele sind „der Aufbau eines positiven Verhältnisses zur Beschäftigung mit Vergangenheit, die Erkenntnis der Historizität der eigenen Lebenswelt, die Erkenntnis des Zusammenhanges von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das Fragen an die Geschichte stellen lernen, die Erkenntnis, wie Informationen und Deutungen über Vergangenes zustande kommen, die Genese von Gegenwartsphänomenen und –problemen durch den Blick in ihre Geschichte erkennen lernen, die Förderung von Fremdverstehen und Perspektivität durch die Konfrontation mit dem Anderen in der – eigenen oder fremden – Geschichte und die Anbahnung und Förderung kritischer Rationalität unter Berücksichtigung von Emotionen, Trieb- und Identifizierungsbedürfnissen.“27

6. Voraussetzungen der Sch ülerinnen und Schüler

Die Grundschülerinnen und Grundschüler sollten zuerst einmal auf dem Lernstand sein, dass es ihnen möglich ist den historischen Stoff zu verstehen. Zudem ist bei historischen Themen immer einer hohe Motivation der Kinder Voraussetzung, um eventuell schwierige Stellen überwinden zu können und zur Anstrengung bereit zu sein.28

[...]


1 Kreutzmann, 2017.

2 Kollenbroich, 2017.

3 Kreutzmann, 2017.

4 Kollenbroich, 2017.

5 Ebd.

6 Hanfland, 2008.

7 Ebd.

8 Hanfland, 2008.

9 Ebd.

10 Schmidt, 2011.

11 Ebd.

12 Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, 2014.

13 Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, 2014.

14 Ebd.

15 Abram, Heyl, 1996

16 Hanfland, 2008.

17 Ebd.

18 Von Reeken, 2004.

19 Von Reeken, 2004.

20 Hanfland, 2008.

21 Ebd.

22 Von Reeken, 2004.

23 Ebd.

24 Ebd.

25 Ebd.

26 Ebd.

27 Von Reeken, 2004.

28 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Holocaust Education. Ein Thema für die Grundschule?
Hochschule
Universität Passau
Veranstaltung
GSP 2.2
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V882530
ISBN (eBook)
9783346188533
ISBN (Buch)
9783346188540
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Holocaust Education, Holocaust, GSP, Grundschulpädagogik, Grundschule
Arbeit zitieren
Carolin Stump (Autor), 2017, Holocaust Education. Ein Thema für die Grundschule?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/882530

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