Sinnsuche und Wertorientierung bei Jugendlichen

Gesprächsclub mit Jugendlichen


Diplomarbeit, 2002
91 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung
1.1 Beginnende Adoleszenz
1.2 Erwartungen an die Adresse der Jugendlichen
1.3 Wie finden die Jungen den Weg ins Leben
1.4 Wertkonsens mit den Jugendlichen

2. Logotherapie und Existenzanalyse
2.1 Das sinnvolle Leben
2.1.1 Werte
2.1.2 Erlebniswerte
2.1.3 Schöpferische Werte
2.1.4 Einstellungswerte
2.2 Der Wille zum Sinn
2.3 Die Jugendlichen und die Sehnsucht nach Sinn

3. Seelsorge als Sinnsuche
3.1 Gewissensbildung
3.2 Sinnvoll heilen
3.3 Die logotherapeutische Gesprächsführung

4. Hinführung zum Praxisprojekt
4.1 Umsetzung der Theorie in die Praxis
4.2 Ziele des Gesprächsclubs

5. Projektbericht
5.1 Vorstellung der Pfarrei
5.2 Die Suche nach Jugendlichen
5.3 Infos für die Teilnehmer
5.4 Die Gesprächsabende
5.4.1 Der erste Gesprächsabend
5.4.2 Der erste Gesprächsabend und der zweite Start
5.4.3 Der zweite Gesprächsabend
5.4.4 Der dritte Gesprächsabend
5.4.5 Der vierte Gesprächsabend

6. Kritische Reflexion
6.1 Theoretischer Teil
6.2 Praktischer Teil
6.2.1 Feed-back's der Gesprächclub-Teilnehmer
6.3 Persönliches Fazit

7. Anhang

8. Literaturangaben

Vorwort

Es ist etwas wunderbares, wenn man ein Rezept in den Händen hat, welches Auskunft gibt, wie man Jugendliche während der Pubertät begleitet! Dass es diese fertigen Lösungen eben nicht gibt, dies wissen Sie und ich wohl nicht erst seit heute! Trotzdem möchte ich mit dieser Arbeit dem Verstehen Jugendlicher und deren Chancen und Grenzen etwas näher kommen!

Eine andere spannende Frage versuche ich dabei zu berücksichtigen und zu verbinden. Was benötigt der Mensch, um zu einem sinnvollen Leben zu gelangen?

Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen nicht Statistiken, Erfahrungen von andern mit Heranwachsenden und Literatur zu diesem Thema, sondern die Begegnungen mit den Jugendlichen. Begegnungen als Religionslehrer, Gespräche nach dem Fussballtraining, der Austausch auf der Strasse und der Gesprächsclub! Bei letzterem bin ich als wacher Zuhörer, Organisator und Animator gefordert. Mehr über Ziel und Inhalt dieses Clubs erfahren Sie unter Punkt 5, dem Projektbericht!

Ich danke allen, die zu dieser Arbeit beigetragen haben. Speziel danke ich meiner lieben Frau für das Durchlesen, Besprechen und die Korrekturen. Ebenso danke ich der Pfarrei St. Martin in Baar für die gute Infrastruktur und die gute Begleitung der Computersupporters!

Danken möchte ich auch meinen beiden Mentoren Markus Arnold und Bernd Lendfers für ihre Begleitung und die Ratschläge unterwegs.

Baar, im April 2002 Philipp Suter

1. Einleitung

Als Heranwachsender wird man mit Vorstellungen und Werten konfrontiert, die ein sinn­volles, geglücktes Leben versprechen. Dabei stellen die Eltern ihre Ansprüche; die Schule ist verbindlich; im Verein wird auch einiges abverlangt und die Kollegen haben ihre eigenen Ideen. Es strömen also unterschiedliche Erwartungen auf den jungen Menschen ein. Diese gilt es subjektiv zu verarbeiten. Diesen Balanceakt der Pubertie­renden und Adoleszenten möchte ich begleiten. Dies veranlasst mich, meine Diplomar­beit über das Thema Sinnsuche und Wertorientierung bei Jugendlichen zu schreiben. In meinen Ausführungen werde ich versuchen wissenschaftliche Aspekte zu verstehen und einzubringen. Daneben sollen meine persönlichen Erfahrungen mit Jugendlichen Platz haben. Speziell interessiert mich die Lebenswelt der Heranwachsenden in der Gemeinde Baar.

Im theoretischen Teil ergründe ich die körperlichen und geistigen Veränderungen wäh­rend der Pubertät und der Adoleszenz. Dabei interessiert mich vor allem das Aufbre­chen und Loslassen von alten Werten und die Neuorientierung. Gibt es für den Erwach­senen, Jugendarbeiter oder Seelsorger Möglichkeiten, in dieser Zeit positiv auf das Le­ben der Jugendlichen einzuwirken? Um dieser Frage nachzugehen, setze ich mich vor allem mit der Logotherapie und der Existenzanalyse auseinander. Gibt es also Wege, diese sinnzentrierte Psychotherapie in der Jugendarbeit oder in der Schule einzuset­zen? Wenn ja, dann stellt sich die Frage, was braucht es, um die Jugendlichen zu ani­mieren, die Grundaufgaben der menschlichen Existenz wahrzunehmen und die Rele­vanz für ihr eigenes Leben zu erkennen und dass sie diese versuchen zu bewältigen?

Die Tradition der Werte von Familie, Kirche und Schule als etwas Tragendes sind nicht mehr so verbindlich wie vor 50 Jahren. Wertepluralismus und Wertewandel sind die Schlagworte von heute, Informations- und Reizüberflutung erschweren den suchenden Jugendlichen die Wertwahrnehmung. Was benötigen die Heranwachsenden, dass sie etwas als sinnvoll erachten? Grundsätzlich stellt sich aber die Frage; was ist sinnvoll und was sinnlos? Dieser Frage gehe ich auf dem Hintergrund der Existenzanalyse und der Logotherapie nach. Dabei frage ich mich, worin besteht die Aufgabe des Seelsor­gers in dieser Zeit des Aufbruchs und gibt es gemeinsame Werte auf die Jugendliche und Erzieher sich besinnen können?

Das Hauptziel des praktischen Teils der Diplomarbeit sehe ich in einem Gesprächsclub. Dabei sollen die Jugendlichen miteinander über Sinnfindung und Wertorientierung ins Gespräch kommen. Die Inhalte und Vorgehensweise werden von ihnen mitbestimmt. Das sekundäre Ziel dieser Abende und meiner Anwesenheit ist es, dass sie eine Seite der Kirche wahrnehmen, die Interesse an ihren Anliegen zeigt. Dabei stellt sich für mich die Frage; welchen Stellenwert hat die Kirche in dieser Lebensphase. Gibt es Werte und Sinnperspektiven aus der christlichen Tradition, die Jugendlichen hilfreich sein könnten. Allzuoft sehen wir Jesus nur als denjenigen, welcher Leiden lindert und sich um die Kranken und Sterbenden kümmert. Dabei hat Jesus die frohe Botschaft verkün­det, die dem Menschen Freude bringt. Wenn wir dies auf die Jugendlichen beziehen, könnte das heissen: Wir begleiten sie auf der Suche nach einem sinnvollen Leben oder wir befähigen sie zu Selbstbestimmung oder der Übernahme von Verantwortung. Ich traue den Heranwachsenden etwas zu und sehe das Wertvolle in jedem Menschen.

In den Kapiteln 1.1 - 3.2 versuche ich vorwiegend die Theorie aufzuzeigen, welche für die praktische Arbeit von Wichtigkeit ist. Es geht also nicht darum, eine Arbeit über die Pubertät und die Adoleszenz zu schreiben. Vielmehr frage ich mich, in welchem Zu­sammenhang steht diese Phase des Auf- und Umbruchs zur Sinn- und Wertfindung.

Im Mittelpunkt des Interesses steht die Frage, was sind die Anliegen der Existenz- und Logotherapie? Kann damit auch mit Jugendlichen gearbeitet werden, oder eignet sie sich nur für neurotische oder kranke Menschen?

1.1 Beginnende Adoleszenz

Ein Lehrer unterrichtet heute wie vor hundert Jahren, wenn auch teilweise in anderen Formen. Der Jugendliche hingegen hat noch keine festgelegten Rollen, sondern hat eine Stelle im Lebenszyklus erreicht, an der eigene Ich-Entwürfe, Ansprüche anderer Menschen und gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen zusammenwachsen müssen. (Baacke, S.17/18)

Diese Zeit wird zusammengefasst mit Pubertät und Adoleszenz. Wenn auch diese bei­den Phasen nicht so klar zu trennen sind, versuche ich die Unterschiede zu verdeutli­chen. Die Pubertät ist die Entwicklungsphase, in der die Heranwachsenden besonders einschneidende physiologisch-biologische Veränderungen durchmachen und in diesem Zusammenhang die allmähliche Ablösung vom Elternhaus intensiviert. Mit 13 Jahren beginnt der puberale Wachstumsschub, der von der Reifung der Ge­schlechtsmerkmale begleitet wird. Sie setzt heute aufgrund guter Ernährung und ent­sprechender ärztlicher Versorgung immer früher ein. Der Längenwachstumsschub, die sehr früh einsetzende Gewichtszunahme und die genitale Reifung haben sich erheblich nach unten verlagert. Der pubertale Wachstumsschub hat seinen Höhepunkt etwa mit 15 Jahren; die physio­logische-geschlechtliche Entwicklung ist in der Regel spätestens mit 17/18 Jahren be­endet. „Die unmittelbare Pubertät ist meist schon beendet, ohne dass jedoch ihre so­zialen und emotionalen Folgen bereits völlig bewältigt sind.“ (Baacke, S.36) Bei dieser Phase spricht man von Adoleszenz, indem nicht nur das Er­eignis der Pubertät gemeint ist, sondern eine längere gestreckte Phase einer Alters­gruppe, die umgangssprachlich unter dem Terminus Jugendliche zusammen- gefasst wird. Die Einheit dieses Zeitraums besteht darin, dass durch den Einbruch der Pubertät- der durchschnittlich also mit 12-13 Jahren erfolgt- die selbstverständliche Welthingabe des Kindes abgeschlossen wird und eine neue Einheit aus physisch-psychischen Er­lebnis- und Selbsterfahrungen entsteht, die zur wachsend bewussten Entwicklung eines Ich-Gefühls führen.(Baacke, S.37)

Die psychischen Folgen können sich dadurch sozial wie folgt zeigen. Dazu gehört, dass

- der Adoleszent sich nun seines Körpers bewusst wird, dessen Veränderungen und neuen Fähigkeiten ihn irritieren, erregen und stimulieren.
- die plötzliche Veränderung im Erscheinungsbild zum Zweifel an sich selbst führen kann; der Pubertierende/Adoleszente kann sich hässlich vorkommen, wenn er einen plötzlichen Längenschub erleidet. Durch die fehlende Akzeptanz oder Selbstliebe ist es schwerlich andere anzunehmen.
- durch das gleichzeitige Anwachsen körperlicher Stärke auch ein Gefühl drängender Kraft und Unabhängigkeit im Verhalten Ausdruck sucht.
- die genitale Reifung die Beziehungen zu Eltern und Geschwistern, aber auch zur Um­welt neu zu definieren zwingt; die Schamgrenzen werden vorverlegt, und es entsteht ein zunächst körperlicher Intimbereich, dessen Ausdehnung soziale Folgen hat bis zu dem Masse, dass nach den Eltern (Ödipuskomplex) ein neuer Intimpartner gesucht und aus­gewählt werden muss. (Baacke, S.95/96/97)

Zusammengefasst könnte dies etwa so formuliert sein: Mit der Pubertät treten die Ju­gendlichen allmählich aus der Familie heraus, ohne gleich am andern Ufer anzukom­men. Die Jugendzeit ist dadurch gekennzeichnet, dass einerseits die engen Bindungen und Kontrollen der Kindheit gelockert werden, anderseits aber der Erwachsenenstatus (Heiratsfähigkeit, Mitbestimmung in der Familie und Gesellschaft) noch nicht erreicht ist. Die Abhängigkeit von den Eltern verringert sich zwar, ohne dass jedoch eine vollstän­dige Autonomie möglich ist. Der Heranwachsende befindet sich also in einer Sphäre diffuser und teilweise widersprüchlicher Erwartungen; er wechselt zwischen mehr kind­heitsorientierten und mehr erwachsenenorientierten Rollen. Die Jugendlichen orientie­ren sich zwar häufig weiterhin an Eltern oder auch an Lehrern, ebenso häufig jedoch an Idolen der Jugendszene.

Wenn wir nun noch einmal auf das Bild des anderen Ufers zurück kommen, muss die Frage gestellt werden; was befindet sich dort? Die eigene Identität, die Fähigkeit zur Autonomie, das sinn- und werterfüllte Leben oder was! So vielseitig die Antworten sind, sie stehen in keinem Verhältnis zu den Einflüssen die diese ins Auge gefassten Ziele beeinflussen. Dazu gehören die Familie, Schule, Medien und Szenen. Wie wirkt sich nun diese Reizüberflutung und Wertevielfalt auf den Heranwachsenden aus? Bei Nachforschungen, wie es dazu kommen kann, dass jemand nur beschränkt gegenwär­tig ist, also bei sich oder einem Thema verweilen kann, zeichnet sich vorrangig ein Ur­sachenkomplex ab. Die Reizüberflutung ist ein wichtiger Faktor der Konzentrationsstö­rungen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. (Lukas, S.164) Das Gehirn kann zuviele auf es einprasselnde Eindrücke nicht verarbeiten und einordnen. Es zieht die Notbremse und der Mensch schaltet ab. Dem kann pädagogisch gegengesteuert wer­den, indem die ständige Medienberieselung unterbunden und eine entspannte häusli­che Atmosphäre geschaffen wird, die ein zentripedales (kräftesammelndes) statt zent­rifugales (kräftezerstreuendes) Leben fördert. In diesem Zusammenhang erhält der Ge­danke von der Überforderung unserer Kinder und Jugendlichen, etwa durch Schul­stress, zu hohe Anforderungen im Beruf eine angemessene Dimension.

Noch vor 50 Jahren mussten Schulkinder z.B. seitenlange Balladen auswendig lernen und waren damit nicht überfordert. Schüler heute, die bloss das Einmaleins lernen sol­len, aber mit ihren Gedanken bei Spielfilmen, Fussballspielern und Comic-Helden logie­ren, sind damit überfordert. (Lukas, S.164)

Meine Erfahrung zeigt, dass es nur wenigen Eltern in meinem Umfeld gelingt, ohne Fernseher auszukommen. Das Problem ist nicht der Fernseher selber oder der Game-Boy, welche auch zur Allgemeinbildung beitragen können, sondern das, was dabei ver­nachlässigt wird. Seien dies nun Auseinandersetzungen, die Jugendliche brauchen um zu wachsen oder ein Gegenüber, welches transparent wertbezogen lebt, damit sie Halt und Orientierungspunkte finden. Meine Beobachtungen zeigen, dass Jugendliche aus Familien ohne Fernseher, bei welchen das Emotionale auch befriedigt wird, sich als gutes Gegenüber auszeichnen. Gemeinsam wird musiziert, gespielt und geredet. Noch eine weitere Überschneidung fällt mir dabei auf, die heute nicht mehr selbstverständlich ist; die Ehen sind in diesen Familien noch „intakt“. Zudem ist die Mutter oder der Vater nach Schulschluss vorwiegend zu Hause present.

Die neuen Erziehungstypen wie Alleinerziehende, Patchworkfamilien oder Doppelver­diener verlagern die Erziehung vermehrt auf einen Erzieher oder in die Schule und die Gasse. Die Jugendlichen bedürfen neben Freunden, Cliquen also auch Eltern, die sie grundsätzlich bejahen und ihnen Gehör schenken. Daneben kann ein Kind, das ver­standen wird, sich selbst in seinem Wertsein erleben. Wenn wir Kinder immer anders haben wollen als sie sind, erreichen wir sie nicht mehr, weil sie sich nicht verstanden und akzeptiert fühlen. Verstehen braucht vor allem Zeit und diese ist meines erachtens die Mangelerscheinung der Gegenwart. Dadurch kann es nicht zur personalen Begeg­nung kommen, welche die wesentliche Voraussetzung für jedes weitere Erziehungsge­schehen ist. Nur wer sich selbst in seinem Wertsein erleben kann, kann sich äussern Werten zuwenden. Dies wiederum ermöglicht es dem Heranwachsenden das andere Ufer zu erreichen.

1.2 Erwartungen an die Adresse der Jugendlichen

Kleine Knaben und Mädchen dürfen durchaus mit Puppen und Teddybären spielen. Spätestens mit der Pubertät ändern sich die Verhaltenserwartungen der Erwachsenen Heranwachsender gegenüber jedoch erheblich. Weichheit wie Weinen wird bei einem 14jährigen Jungen nicht geduldet oder mit Sorge beobachtet. Anders sieht es aus bei einem Mädchen; Weichheit, Nachgiebigkeit, Freundlichkeit gelten als „weibliche Züge“, die über die Pubertät hinaus zu bewahren sind. Von Jungen wird erwartet, dass sie sachliche und sachbezogene Kompetenzen erwerben um z.B. das Fahrrad selber flicken zu können. Mädchen hingegen sind primär, darauf verwiesen, ihre Kompetenz in sozialen Beziehungen auszubauen, da sie stärker auf andere angewiesen sind.

Obschon diese geschlechtsspezifischen Erwartungen nicht mehr so klar sind wie vor 50 Jahren, möchte ich damit aufzeigen, wie vielem die Heranwachsenden auch heute ent­sprechen müssten. Daneben gibt es auch schichtspezifische Erwartungen. Für den Mittelschichtjungen gehört es sich von einem bestimmten Alter nicht mehr, wenn er Meinungsverschiedenheiten durch Schlägereien zu lösen sucht. Bei einem Mitglied einer Rockergruppe sieht dies ganz anders aus, da diese die Aggressivität ritualisieren. Bei ihnen zeigt sich in der Bereitschaft zu physischem Einsatz gerade die Mannhaftig­keit, die von der Bezugsgruppe durch Anerkennung hoch belohnt wird. (Baacke, S.53)

Die Heranwachsenden sind hin und hergerrissen zwischen vielen Werten: Arbeit und Ausbildung auf der einen, Freizeit, Medien und Konsum auf der anderen Seite fordern verschiedene Wertorientierungen. Die pädagogischen Einrichtungen und der Arbeits­platz verlangen Wertorientierungen, die sich in Tugenden ausdrücken wie: Leistungsbe­reitschaft, Selbstkontrolle, soziale Verantwortung, Selbstdisziplin, rationale Beweisfüh­rung, Ernsthaftigkeit des Verhaltens und der Lebensführung. Der Konsum- und Medien­bereich fordert andere Grundhaltungen: Hedonismus, Vorrang von Narzissmus und Emotionalität sowie Eros, Augenblicklichkeit usw. (Baacke, S.268)

Die Erwartungen an die Adresse der Jugendlichen werden stark von der Tradition be­stimmt. Dabei möchte der Erzieher oder die Eltern dies oder jenes so haben, weil man glaubt, dies sei das Beste für den Heranwachsenden. Gegen diesen Gedanken ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Welche Werte sind nun so wesentlich, dass sie un­abdingbar anerzogen werden müssten? Wenn es sich dabei um allgemeine Werte han­delt, ist das zu befürworten. Bei diesen handelt es sich um Werte, in denen sich die Menschheitserfahrung gewissermassen verdichtet hat. Diese haben eine öffentliche Verbindlichkeit und die Mehrheit unserer Gesellschaft glaubt, es sei gut, dass sie in der Regel befolgt werden; z.B. Solidarität, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Toleranz. Oft werden aber andere Werte gar nicht mehr auf einen möglichen Sinngehalt hinterfragt, sondern sie werden akzeptiert und weitergegeben, weil eine bestimmte Tradition oder Botschaft dahintersteckt. (Waibel, S.111) Der Heranwachsende der dieses Verhalten übernehmen soll aber nicht mit dieser Tradition aufgewachsen ist, hat nun Schwierigkeiten diese Er-ziehung zu verstehen. Das Gewünschte des Vaters, Lehrers oder Chefs wird nicht ver- standen. Im Dialog - wenn es soweit kommt - erklärt der Wünschende wieso man dies so handhabt und was dabei von Vorteil ist. Dabei ist es von grosser Wichtigkeit, dass der Einzuführende einen Sinn für sich findet, wieso er dies tun soll. Findet er einen an­zustrebenden Wert wie Glück, Geborgenheit, Erfolg, bedarf es keinen Zwang die Tä­tigkeit fortzusetzen; dann wirkt er aus Überzeugung.

Etwas anders sieht es aus, wenn es sich nicht um die Verantwortung dreht die z.B. der Vater gegenüber dem Sohn hat. Der Trainer einer Juniorenmannschaft hat zwar die Möglichkeit zu argumentieren, wieso er dies so und so wünscht, letztendlich muss er über das Vorgezeigte überzeugen. Bei diesem Verhältnis geniesst der Spieler die grös-sere Wahlfreiheit. Der äussere Zwang wie z.B. bei der Schule oder zu Hause fällt hier weg. Wenn die Erwartungen des Trainers, Betreuers zu gross sind und ein anderes Freizeitangebot vorhanden ist, so laufen die jungen Fussballer eher davon.

1.3 Wie finden die Jungen den Weg ins Leben

Unter dem Kapitel beginnende Adoleszenz stellten wir fest, dass die körperliche Ent­wicklung früher einsetzt als noch vor 50 Jahren. Mit Beginn der Pubertät mit etwa 13 Jahren ist die selbstverständliche Welthinnahme des Kindesalters abgeschlossen. Wie finden nun Jugendliche den Weg in ihre Identität oder zu einem sinnvollen Leben? Da­bei ist der Begriff Ablösung von grosser Bedeutung: Ausreissen oder sich von etwas zu distanzieren gehört zum Ablösungsprozess der Jugendlichen von der Familie. Jugend­kulturorientierte Heranwachsende weisen eher zentrifugale, Jugendliche mit starker Mutterbindung oder der Akzeptanz starker Familienkontrolle eher zentripetale Verhal­tensweisen auf. „Geglückt ist die Ablösung von der Familie, wenn beide Tendenzen in einem Hin und Her von Konflikt und Versöhnung zum Ausgleich kommen: Während der ödipalen[1] Phase introjiziert das Kind die Elternbilder, um sich auf diese Weise von sei­nen Inzestwünschen und den mit Strafe drohenden Eltern distanzieren. Durch diesen Prozess der Introjektion löste sich von ihnen und bleibt doch in entscheidenden Punkten an sie gebunden.“ (Baacke, S.280)

Gerade im Alter der Frühpubertät ist der Heranwachsende noch stark auf seine Eltern/ Erzieher angewiesen. Maslow beispielsweise nimmt an, dass der Mensch bestimmte Grundbedürfnisse hat, die sich in einer festgelegten Reihenfolge entwickeln. Zunächst müssen die physiologischen Bedürfnisse wie Hunger und Durst als elementarste Ga­ranten des Überlebens befriedigt sein, bevor der Mensch nach mehr streben kann. Nach mehr heisst nach Maslow nach Sicherheit, sozialen Bedürfnissen wie Liebe und Geborgenheit, dann sozialer Anerkennung und zu guter letzt nach Selbstverwirklichung streben. Gerade das letztgenannte Grundbedürfnis hat leitende Funktion im Jugendalter. (Baacke, S.113) Manchmal sind dabei Ausbrüche für Kinder, die durch zu starke Bindung an die Eltern in ihrer Identitätsentwicklung oder Sinnsuche behindert werden, die einzige Möglichkeit sich zu finden. Das Ausreisser-Sein kann aber auch bedeuten, ein Stück Selbständigkeit zu erproben, das ja als Erwachsener auch gefragt ist.

Gleichaltrigengruppen übernehmen für immer mehr Heranwachsende zu einem immer früheren Zeitpunkt ihres Lebens sozialisierende Funktionen. Es sieht aus, als wären Familie, Schule oder andere pädagogische Einrichtungen nicht mehr in der Lage, Ju­gendlichen in allen Fällen und in allen Bereichen von Erfahrungen und Anforderungen jenes Mass an Orientierung zu geben und jene Befriedigung zu gewähren, die sie für ihr gegenwärtiges Leben brauchen. (Baacke, S.283)

Zwei Gründe sehe ich dafür: In den Grossfamilien vergangener Zeiten war vermehrt ein Ansprechpartner oder Spielgefährte vorhanden, sei dies der Bruder, die Schwester, der Vater, die Mutter, die Tante oder die Grosseltern. Heute ist dies durch die neuen Erzie­herformen und die Arbeitsbelastung erschwert. Zweitens; durch die Medien und die Globalisierung wird vieles an die Jugendlichen herangetragen, welches vieles ver­spricht. In den Szenen und Gruppen können sie dies einüben, wofür zu Hause wenig Raum und Zeit zur Verfügung steht. Jugendliche, die sich vermehrt an der Jugendkultur orientieren oder in ihr leben, haben das traditionelle Muster sozialökologischer Lebens­erweiterung: vom Zentrum (der Familie) über den Nahraum (Nachbarschaft) in die In­stitutionen (Schule, Jugendarbeit) verlassen. Sie haben sich einen neuen Lebensraum gesucht (den der Gruppe) der nach unserer Einordnung an der ökologischen Peripherie zu suchen wäre. Für die Jugendlichen aber wird diese Peripherie nunmehr zum eigent­lichen Zentrum, von dem aus sie ihr Leben organisieren und ihm Sinn geben. Dabei sind die Jugendlichen auf räumliche Gelegenheiten zum Zusammentreffen und zur Selbstorganisation angewiesen. (Baacke, S.292)

Dadurch, dass die Familiensozialisation oft gestört ist, hat dies auch Folgen für die Ju­gendlichen. Der besonders bei den Pubertierenden und Adoleszenten verbreitete Dro-genkonsum ist ein Zeichen dafür, dass die Lebensbewältigung nicht konfliktfrei und ohne Gefährdung vonstatten geht. Eine Befragung von 26‘000 College-Studenten nach den Gründen für Drogen- (hier Marihuana) Konsum ergab: Neugier (58%), um seiner selbst willen (26%), spielerisch und aus Leichtsinn (6%), um mit persönlichen Proble­men fertig zu werden (1%). Backe meint; hinter der bevorzugten Antwort „aus Neugier“ können sich tiefere Probleme verstecken, die den Jugendlichen selbst vielleicht nicht bewusst sind. Dabei ist auffällig, dass die Begründungen für den Drogenkonsum, die ihm einen spirituellen oder sozialen Sinn geben, nur wenig vorgebracht wurden (insge­samt 11%). (Baacke, S.105)

Diese Bedenken decken sich mit meinen eigenen Erfahrungen. Hätte mich mit 20 Jah­ren jemand gefragt, weshalb ich immer wieder etwas über den Durst trinke, ich hätte bestimmt nicht geantwortet: „Dies benötige ich jetzt, um zu einem erfüllteren Leben zu finden.“ Obschon rückblickend gerade das der Grund gewesen wäre. Es fehlte an Zu­kunftsperspektiven, Beziehungen die ohne Alkohol emotional befriedigten und einem Gegenüber das einem liebte. Anderseits gibt es hinreichende Gründe anzunehmen, dass die meisten Jugendlichen auch mit zunehmendem Alter und zunehmender Ablö­sung ihre Eltern noch als diejenige Instanz betrachten, von der sie letzten Endes in schwierigen Lagen Hilfe und emotionale Unterstützung erwarten. In dieser Bedeutung werden die Eltern den empirischen Ergebnissen zufolge erst nach der Heirat durch den Ehepartner abgelöst. (Baacke, S.241)

Demnach müssen Eltern während der Pubertät je länger sie dauert den Part des Lückenbüßers übernehmen. Die Heranwachsenden suchen ihren Weg, sind aber froh über die Anwesenheit von Menschen, welche sie gut kennen und die sich ihrer immer wieder annehmen.

1.4 Wertkonsens mit den Jugendlichen

Es scheint selbstverständlich kein erstrebenswertes Ziel, wenn Heranwachsende und Erwachsene allgemeine Normen aus Langeweile, Sinnverlust oder Provokation mit Füssen treten. Es kann aber nicht erstrebenswert sein, alle Normen kritiklos zu über­nehmen, besonders dann, wenn es damit nicht zur Lebensentfaltung, sondern zur Le­bensunterdrückung kommt. Zwischen diesen beiden Positionen sind verschiedene Schattierungen anzutreffen. Erstens; wer aus Anpassung heraus lebt - sei es aus Angst, sich zu exponieren bzw. die Zuneigung anderer zu verlieren oder einfach Be­quemlichkeit -, lebt in vielen Bereichen vielleicht nicht wertorientiert und damit gegen sein Gewissen. So kann personale Existenz nicht entfaltet werden. Zweitens ist das wesentliche Kennzeichen von verwöhnender Erziehung, dass durch das zuviel die Per­son erstickt und damit an der Entfaltung gehindert wird. Bei der Erziehung durch strenge Autorität oder über eine an sich liebevolle Eltern-Kind-Beziehung wird eine Per­son subtil auf ein festgeschriebenes Bild festgelegt. (Waibel, S.196)

Die Fragen nach den Grenzen in der Erziehung stellt sich beim Erziehungsstil des Lais­sez-faire besonders deutlich, betrifft aber auch verwöhnende, zum Teil verwahrlosende und traditionelle autoritäre Erziehung. Da wir selbst nicht in einer grenzenlosen Welt leben, vielmehr uns diese Grenzen der Ressourcen, des Wachstums und der Umwelt­verschmutzung immer deutlich werden, scheint es schon von daher nicht sinnvoll zu sein, Kindern eine grenzenlose Welt vorzutäuschen. Viele Erfahrungen von Menschen lassen sich demgegenüber damit erklären, dass sie versuchen, ihre eigenen Grenzen zu erfahren: Grenzen der psychischen Belastbarkeit, Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit (Extrembergsteiger, Abenteurer, buddhistische Mönche). Grenzenlo­sigkeit würde auch die Jugendlichen auf die Dauer unzufrieden machen. An den Gren­zen wird der Mensch wieder auf sich zurückverwiesen und muss bei sich, also der Ein­stellung etwas verändern. Grenzen verweisen den Menschen auch immer wieder dar­auf, dass er nicht göttlich ist, auch wenn er aus Übermut oder Überheblichkeit annimmt, es zu sein. Verbote und Prinzipien verfolgen eher die Absicht, den Willen des Jugendli­chen zu brechen, als dies Grenzen tun. Prinzipien und Verbote stellen das zu verhin­dernde in den Mittelpunkt.

Wer in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sich für Werte einsetzt soll auch Gren­zen setzen. Diese Werte sollten aber unter Einbezug der Heranwachsenden diskutiert werden. Ansonsten plant der Jugendarbeiter und die Jugendlichen interessiert dies gar nicht oder sie sind überfordert. Wieso ist es denn nötig, dass der Lehrer, Vater oder Er­zieher überhaupt wertbezogen und nicht neutral handelt? Wer versucht neutral zu sein bzw. alles gleich zu beurteilen, bietet den suchenden Jugendlichen keine Werte an. Durch die dadurch entstehende allgemeine Ziellosigkeit können die Heranwachsenden weder Halt noch wertorientierendes Handeln entwickeln. Daraus kann sich dann Plan­losigkeit, Interessenlosigkeit, Oberflächlichkeit und damit Unzufriedenheit und Aggres­sion entwickeln. (Waibel, S.200)

Der Jugendliche braucht zunächst eine verlässliche Welt, damit er sich überhaupt orientieren kann. Natürlich gibt es Massstäbe und vernünftige Überzeugungen, die Äl­tere den Jüngeren vorleben und plausibel machen sollen. Dazu gehören eben Grundtu­genden wie Humanität, Fairness, Ehrlichkeit, deren Wert eigentlich nie umstritten war. Ansonsten gilt aber; nichts verlässliches lässt sich heute einzementieren als unverän­derlich.

Die Konsequenzen der Nichtbeachtung und Missachtung der Jugendlichen können sich wie folgt zeigen: Sie zahlen einen grossen Teil der Nichtbeachtung ihrer Persönlichkeit den entsprechenden Personengruppen dadurch heim, dass sie ihrerseits diese Perso­nen zu minderen oder Unpersonen erklären und durch eine Regelverletzung ihre Ver­achtung für sie zeigen. Wenn ein Erwachsener einen Schüler mit du anspricht, duzt der Schüler ihn ebenfalls; schreit ein Erwachsener aus dem Fenster Beschimpfungen zu ihm herunter, erwidert er sie im selben Ton. Natürlich gibt es auch Momente wo Er­wachsene etwas einstecken müssen, dass andere mit ihrem Verhalten gegenüber den Jugendlichen eingebrockt haben.

Ansonsten stimmt diese Wahrnehmung aber mit meinen Erfahrungen überein. Das heisst; viele von Erwachsenen beklagte Frechheiten Jugendlicher sind Anti-Provokatio­nen auf Provokationen, die von Erwachsenen ausgehen. Die Jugendlichen haben eben nur geringere Chancen, die leicht verletzbare und verletzliche Würde ihrer Person ge­genüber herablassendem, besserwisserischen oder auftrumpfendem Verhalten von Er­wachsenen zu bewahren. (Baacke, S.62) Erwachsene sind aufgefordert richtig hinzuhö­ren, was die Jugendlichen wirklich wollen. Die besten Erziehungsmittel in dieser schwie­rigen Lebensphase sind genaues Beobachten, gründliches Eingehen auf individuelle Problemlagen und solidarische Formen des Umgangs miteinander.

Die Bereitschaft voneinander zu lernen scheint vorhanden zu sein. Dies belegt die Shell-Studie 1985 aus Deutschland. Nur noch ein Viertel der Erwachsenen sagt, Lern­prozesse hätten immer noch in die gleiche Richtung zu laufen. Über 80% der Jugendli­chen meinten, die älteren Leute könnten etwas von den Jüngeren lernen.

(Baacke, S.14/15) Nicht nur die Lebensmodelle der Jugendlichen haben sich verändert, sondern auch diejenigen der Erwachsenen. Es gibt ihn fast nicht mehr den Angestellten der 45 Jahre in der gleichen Firma arbeitet oder den Vater, welcher sich Tag für Tag Zeit nimmt um eine Geschichte den Kindern zu erzählen oder mit ihnen regelmässig fischen zu gehen. Dieses „Nichtanwesendsein“ eines Erziehers veranlaßt meines­erachtens Kinder und Jugendliche schon früher vermehrt aufzubrechen und andere Werte sich anzueignen.

Erziehen kann nur, wer etwas ist, und nur durch das, was er ist.

In den nächsten Kapiteln werde ich mich mit der Thematik der Existenzanalyse und der Logotherapie befassen. Darin wird sich vieles um Sinn und Werte drehen. Für mich stellt sich die Frage: Was bietet diese sinnzentrierte Vorgehensweise für den Umgang mit Pubertierenden und Adoleszenten? Als erstes werde ich versuchen, die Herkunft und die allgemeinen Grundzüge dieses Themas zu erfassen.

2. Logotherapie und Existenzanalyse

Viktor E. Frankl heisst die Person, welche die Logotherapie und die Existenzanalyse geprägt hat. Was der als Arzt und Psychiater ausgebildete Frankl machte und was dies für meine Arbeit heissen kann, werde ich Schritt für Schritt zu erklären versuchen. Das Leitmotiv seiner Arbeiten war und ist die Aufhellung des Grenzgebietes zwischen Psy­chotherapie und Philosophie, im besonderen der Sinn- und Wertthematik.

Freud und Adler zwei grosse Figuren der Psychologie hatten ihre wissenschaftlichen Interessen hauptsächlich am kranken Menschen orientiert. Frankl ging den umgekehr­ten Weg. Ihn interessierte nicht nur der kranke Mensch, sondern der gesamte Mensch und der Kern seines Wesens. Dabei orientierte er sich vor allem an dessen Geistigkeit und sah ihn nicht nur bedingt durch Triebe, Erbe und Umwelt. (Waibel, S. 51)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Viktor E.Frankl

Bei der Existenzanalyse und der Logotherapie dreht es sich vor allem um die Fragen: Was ist Personsein, was ist Existenz und was ist sinnvolles Leben? In seinen Ausfüh­rungen ging es ihm hauptsächlich darum, die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise des Menschen zu übersteigen und vom Sein in ein Sollen (einen Sinn) hinüberzuführen.

„Um das Menschenbild der Logotherapie nachzuzeichnen, bedarf es eines kleinen Re­kurses auf das Begriffspaar Immanenz - Transzendenz. Die Immanenz wird allgemein definiert als die Beschränkung auf das innerweltliche Sein und das darin Erkennbare und Erfahrbare. Was aber ist erkennbar und erfahrbar im innerweltlichen Sein? Ein Vierfaches: Raum, Zeit, Materie und Kausalität (Naturgesetze). Nicht mehr und nicht weniger brauchte auch die Evolution, um in einem unendlich langsamen doch steten Prozess lebendige Zellen, Pflanzen, Tiere und schliesslich den Menschen hervorzu­bringen. Innerweltliches Leben ist somit leben in Raum und Zeit, auf der Basis von Ma­terie und durchkonstruiert in kausalen Zusammenhängen.

Im Unterschied dazu wird die Transzendenz definiert als das jenseits von Erkenntnis und Erfahrung Liegende, Bewusstseinsgrenzen Überschreitende, einer Überwelt Zuge­hörende, theologisch ausgedrückt Göttliche. Über die Transzendenz gibt es - von Of­fenbarungen abgesehen - mangels Erkenntnis und Erfahrung keine Aussagen ausser solchen, die beschreiben, was sie nicht ist und sein kann. Sie ist nicht in Raum und Zeit (sondern „ewig“, überall und nirgends), sie ist nicht aus Materie entstanden oder ableit­bar (sondern eher der Ursprung aller Materie) und sie unterliegt keiner zwingenden Kausalität (weil sie selber und ihrerseits die „Causa prima“ darstellt). In der Logothera­pie wird nun davon ausgegangen, dass der Mensch von immanenter und transzenden­ter Herkunft ist, oder poetisch formuliert, Wurzeln im Himmel und auf Erden hat. Die „Erdwurzeln“ repräsentieren die psychophysische Gebundenheit des Menschen: seine Körperlichkeit und die Funktionen seiner Körperlichkeit bis hin zu den hochkomplexen Vorgängen im Zentralnervensystem, die jedwedes leibseelisches Wechselgeschehen steuern. Die „Himmelswurzeln“ repräsentieren im Kontrast dazu die geistige Freiheit des Menschen: sein durch Körperlichkeit Bedingt- aber nicht Berwirkt-sein, sein durch evolutionäre Entwicklung Ermöglicht- aber nicht Erschaffen-worden-sein und sein durch Schäden des Zentralnervensystems Behindert- aber nicht Ausgelöscht-werden-kön­nen.“ (Lukas, S.15/16)

Was dies im einzelnen für die Arbeit, meine Fragen und die Jugendlichen bedeutet, dies versuche ich in den nächsten Abschnitten und Kapiteln herauszuarbeiten.

Die Geistigkeit des Menschen ist die wesentliche Grundlage für das Menschenbild der Logotherapie. Frankl bezeichnet den Geist oder die Person als den existentiellen Kern des Menschen. Es ist auch das, was den Menschen in seiner Einmaligkeit und Einzig­artigkeit ausmacht. Es ist das, was sich vom leiblich-seelischen distanzieren bzw. dazu Stellung nehmen kann. Wer dies tut, lebt als Person.

Das Verhältnis Trieb-Geist möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen: Es gibt tau­sende von Möglichkeiten, bei denen der Mensch zum Alkohol nicht nein sagt. Ganz im Gegenteil: Der Mensch entscheidet sich aus freien Stücken zum Alkohol. Im Laufe der Zeit aber nimmt die Freiheit der Entscheidung ab, bis sie im Stadium der Sucht, wenn der Körper danach verlangt, kaum mehr spürbar geworden ist. Frankl meint, dass die Urentscheidung und Vorentscheidung jeweils bewusst war, die nachfolgende Kette von Entscheidungen aus dieser Vorentscheidung resultiere, aber immer weniger bewusst gefällt werde. Die Entscheidung von heute ist der Trieb von morgen. (Waibel, S.72)

Er verwendet auch die Begriffe Trotzmacht des Geistes. Damit meint er: Segeln mit dem Wind sei vergleichsweise einfach. Die Kunst sei es aber auch dort zu segeln, wo man gegen den Wind (Triebe) kämpft. Die Triebe des Menschen werden keineswegs negiert, jedoch vielmehr die alleinige Triebhaftigkeit des Menschen. „Der Mensch hat Triebe - aber die Triebe haben nicht ihn: Er macht etwas aus den Trieben - aber die Triebe machen ihn nicht aus:“ (Waibel, S.63)

Was meint nun die Existenzanalyse und die Logotherapie wenn sie von Geist oder Per­son redet: Die geistige Person was eben den Menschen ausmacht, kann sich aus dem hier und jetzt entfernen, kann sich aufschwingen in Zeiten und Räume, denen der psy­chophysische Organismus nicht zu folgen vermag. Sitzt z.B. jemand an seinem Schreibtisch und studiert die geologische Formation des Meeresboden des Pazifik, dann ist er geistig am Meeresboden des Pazifiks, auch wenn er physisch an seinem Schreibtisch sitzt und psychisch erste Ermüdungserscheinungen verspürt. Gedenkt je­mand liebend seines verstorbenen Vaters, dann ist er geistig bei seinem Vater, auch wenn er physisch in einem Jahr lebt, in dem der Vater längst nicht mehr lebt und in dem er psychisch über das Nicht-mehr-leben des Vaters trauert. (Lukas, S.18)

Um zu verdeutlichen was mit dem Verhältnis Geist (Person) und Psychophysikum[2] ge­meint ist, schreibe ich folgendes Zitat. Dies ist ein Plädoyer für die Unversehrtheit der geistigen Person auch bei einer Psychose[3]: „Das Psychophysikum und nicht der Geist ist krank. Dies kann nicht genug unterstrichen werden; denn wer die Psychose nicht dem Psychophysikum zurechnet, sondern sie in die Person verlagert, der kommt leicht in Gefahr, einem Geistes-Kranken das Menschentum abzusprechen, und kommt leicht in Konflikt mit ärztlichem Ethos. Vor allem wird er keinen hinreichenden Grund mehr sehen, eine ärztliche Tat zu setzen; denn die ärztliche Tat setzt ein Etwas voraus, um dessentwillen sie gesetzt werde - oder, besser gesagt: sie setzt nicht etwas voraus, sonder jemand, eben eine Person, und zwar eine nach wie vor- prä- wie postmorbid- existente Person...“ (Lukas, S.19)

Nach diesem Abstecher in den Bereich der Psychologie und der Psychiatrie wende ich mich den Begriffen der Existenzanalyse und der Logotherapie zu. Beide haben die Fä­higkeit des Menschen, sich mit sich selbst und seiner Welt geistig auseinandersetzen zu können zum Inhalt. Das Ziel der Existenzanalyse ist nichts anderes, als dem Men­schen zu helfen, ein Leben in Einverständnis, Zustimmung und Achtung vor sich selbst zu führen. Die Existenzanalyse zeigt die Bedeutung und Möglichkeiten für ein entfalte­tes und erfülltes Menschsein auf. Das Wort wurde von Frankl selber als bewusster Ge­gensatz zur Psychoanalyse gewählt und sollte eine Analyse auf die geistige Existenz des Menschen hin beinhalten. Die Psychoanalyse ist mit der Bewusstmachung von seelischen Vorgängen beschäftigt. Frankl versteht dem gegenüber die Existenzanalyse als einen Prozess, in dem der Mensch sich seiner Geistigkeit und insbesondere seiner Verantwortung bewusst werden soll. Existenzanalyse bedeutet nicht: Analyse der Existenz, sondern Analyse auf Existenz hin, auf ein eigenveranwortetes, selbstgestal­tetes Leben hin. (Waibel, S.58)

Die Logotherapie will dem Menschen bei der persönlichen Orientierung nach Sinn be­hilflich sein, ihm helfen, die Dinge, die für ihn von Wert sind wieder zu finden. Es geht dabei also nicht darum, den Patienten logisch zu beeinflussen, sondern ihm eine Bera­tung anzubieten, bei der er in seinem tiefsten inneren Streben, nämlich dem von Frankl so postulierten Willen zum Sinn, angesprochen wird. Deshalb kann die Logotherapie als eine sinnzentrierte Vorgehensweise angesehen werden. (Waibel, S.59)

Nachfolgend möchte ich drei Hauptgedanken der Existenzanalyse und der Logothera­pie zusammenfassen:

1. Man kann nicht einen anderen Menschen betrügen, ohne gleichzeitig ein Betrüger zu sein. Aber man kann von einem anderen Menschen betrogen werden und gleich­zeitig anständig bleiben. Ich entscheide, was ich tue, entscheide stets über meine Identität, entscheide über den Mann oder die Frau, zu der ich werde. Die Eigenverantwortung ist trotz Erbe und Lebensgeschichte vorhanden.
2. Die logotherapeutische Argumentation geht von einem Menschenbild aus, in dem der Mensch bewusste Entscheidungen treffen kann, diese aber auch auf ihre Ver- antwortbarkeit hin überprüfen muss. Dabei liegt für jeden Menschen eine sinnvolle Aufgabe, konkrete Möglichkeit bereit, die Welt im Positiven zu verändern.
3. Es ist nicht der Mensch, der die Fragen an das Leben zu stellen hat, sondern es ist das Leben, das die Fragen stellt. Menschsein heisst; von der Situation an die man herantritt befragt zu sein; und Leben heisst antworten! (Waibel, S. 94)

2.1 Das sinnvolle Leben

Wenn von der Sinnfrage des Menschen gesprochen wird, so geht es um den ganz per­sönlichen Sinn im Leben eines Menschen und nicht um den Sinn des Ganzen, den Sinn der Welt sozusagen. Es ist vom Sinn im Leben die Rede und nicht vom Sinn des Le­bens. Er muss nicht erfunden, gegeben oder erzeugt werden, sondern nur gefunden werden. Sinn ist keine Sicherheit, die der Mensch wenn er ihn einmal erkannt hat, für sich beanspruchen kann. Die Sinnausrichtung im Leben erfordert ein permanentes In-Frage-Stellen des einmal Entschiedenen. Frankl sieht es als geistige Mündigkeit, wenn es jemand verschmäht, eine Antwort auf die Sinnfrage einfach aus den Händen der Tradition entgegenzunehmen, vielmehr darauf besteht, sich selber und selbstständig auf die Suche nach Sinn zu begeben. (Waibel, S.209) Sinn kann demnach erst in der konkreten Situation festgelegt werden. Dies erfordert vom Menschen Flexibilität und Offenheit. Man kann dies mit der Frage nach dem besten Schachzug vergleichen, den es auch nicht einfach gibt. Dieser muss in der konkreten Situation herausgefunden wer­den. Sinn kann also definiert werden als die beste Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit. Diese Möglichkeit hat aber Aufforderungscharakter, sie ist einmalig und vergänglich.

„Sinn ist die Hingabe an einen Wert. Dieser kann erlebend oder auch schöpferisch sein. Einen solchen Wert umzusetzen ist noch verhältnismässig einfach. Aber auch dort, wo der Mensch nicht mehr arbeits- und genussfähig ist, wo er einem unentrinnbaren Schicksal ausgesetzt ist, kann er über Einstellungswerte seinem Leben noch einen eigenen, ganz persönlichen Sinn abringen. Diese Leidensfähigkeit ist eine sehr grosse, aber auch schwere Leistung.“ (Waibel, S.99)

Was Werte sind, beschreibe ich im folgenden Kapitel.

[...]


[1] Entwicklungsphase des Kindes; vom Ödipuskomplex bestimmt

[2] Psychophysik: Lehre von den Wechselbeziehungen zwischen physischen Reizen und den dadurch hervorgerufenen Empfindungen

[3] Geisteskrankheit

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Sinnsuche und Wertorientierung bei Jugendlichen
Untertitel
Gesprächsclub mit Jugendlichen
Hochschule
Universität Luzern  (Religionspädagogisches Institut)
Note
gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
91
Katalognummer
V88297
ISBN (eBook)
9783638059503
Dateigröße
2537 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
5 nach Schweizer Notensystem - Zielsetzung und Aufbau der Arbeit in ihrer Komplexität werden in der Einleitung überzeugend dargestellt.
Schlagworte
Sinnsuche, Wertorientierung, Jugendlichen
Arbeit zitieren
Philipp Suter (Autor), 2002, Sinnsuche und Wertorientierung bei Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88297

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