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Der Revisionismus Eduard Bernsteins und die Identitätssuche der deutschen Sozialdemokratie

Title: Der Revisionismus Eduard Bernsteins und die Identitätssuche der deutschen Sozialdemokratie

Examination Thesis , 2007 , 112 Pages , Grade: 2,0

Autor:in: Raoul Giebenhain (Author)

History of Germany - Modern History
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Ziel dieser Arbeit soll es sein, herauszufinden, wo die Wurzeln sozialdemokratischer Identität sind. Ich möchte Antworten auf die Fragen finden, was geblieben ist in den Irrungen und Wirrungen einer mehr als 150 Jahre währenden Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und welche Folgen Eduard Bersteins Revisionismus für die Identitätssuche und die politische Ausrichtung der SPD hatte.

Dabei werde ich aufzeigen, dass in der Tat Parallelen zwischen Bernsteins Revisionismus und sozialdemokratischer Regierungspolitik im 21. Jahrhundert existieren; Parallelen, die entscheidende Umbrüche und Wendungen, in denen der Charakter der Partei auf den Kopf gestellt wird, markieren.

Bernsteins theoretische Überlegungen, die vor allem die bereits eingetretene Diskrepanz zwischen politischer Strategie und Realität reflektieren, sind dabei der Ausgangspunkt der Identitätskrisen - wenn man so will die Hauptverursacher, der Urkrise, in der die Partei bis heute steckt.
Es wäre jedoch falsch von „Verlusten“ zu sprechen, wenn die SPD heute nicht mehr die Vergesellschaftung der Produktionsmittel fordert und in ihrem Bremer Entwurf für ein neues Grundsatzprogramm den Begriff der „Sozialen Demokratie“ dem des „Demokratischen Sozialismus“ vorzieht . Im Gegenteil: Aus sich ändernden gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen sowie aus gesellschaftlichen Wandlungsprozessen resultierende parteipolitische Neuerungen bedeuten für die deutsche Sozialdemokratie immer auch neue Perspektiven. Sie markieren jene Umbrüche der SPD auf dem Weg zu der Partei, die sie heute ist und stellen deshalb trotz schmerzhafter Identitätswandlungen immer auch neue Einsichten und neue Erfordernisse des Daseins¬zwecks einer Partei in Aussicht.
Meine Ausführungen zum SPD-Partei¬tag in Bad Godesberg 1959 werden dies belegen. Die Wende von Bad Godesberg, der Abschied der deutschen Sozialdemokratie von den Lehren von Marx und Engels und die Neuausrichtung der SPD als große linke Volkspartei, zeigt, dass begrenzte Identitätsverluste vom Ballast falscher Gewissheiten und dem „Korsett veralteter Glaubenssätze“ befreien können.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Die Identitätssuche der deutschen Sozialdemokratie

2. Überblick zur Forschungslage

3. Der Revisionismus Eduard Bernsteins

Die erste Identitätskrise der Partei: Anfang vom Ende?

3.1 Grundsätzliches

„Das Endziel ist nichts, die Bewegung ist alles“

3.2 Philosophie

Dialektik, historischer Materialismus und Determinismus

3.3 Ökonomie

Abkehr von Wert- und Mehrwerttheorie

3.4 Staat und Strategie

Demokratie als Mittel zum Zweck

4. Der Parteitag von Bad Godesberg 1959

Anpassung an die „bürgerliche Gesellschaft“: Bernsteins später Sieg

5. Sozialdemokratische Politik Ende des 20. / Anfang des 21. Jahrhunderts

Die Öffnung zur „Neue Mitte“

5.1 Sozialdemokratische Reformpolitik

Reaktionen auf sich wandelnde ökonomische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen

5.2 Programmatische Modernisierung

Neue Identität oder Abschied in die Profillosigkeit?

6. Epilog

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Identitätssuche der deutschen Sozialdemokratie, wobei sie insbesondere den Einfluss von Eduard Bernsteins Revisionismus als Ausgangspunkt für grundlegende parteiinterne Umbrüche analysiert. Das primäre Ziel besteht darin, die Kontinuitäten und Brüche in der Entwicklung der SPD von der marxistischen Orientierung des 19. Jahrhunderts bis zur "Neuen Mitte" und den Reformen der "Agenda 2010" aufzuzeigen und die Frage zu beantworten, was von der ursprünglichen Identität der Partei bis heute erhalten geblieben ist.

  • Die Entstehung und theoretischen Grundlagen des Revisionismus durch Eduard Bernstein
  • Die Transformation der SPD von einer Klassen- zur Volkspartei am Beispiel des Parteitags von Bad Godesberg 1959
  • Das Spannungsfeld zwischen theoretischem Anspruch und pragmatischer Regierungsführung
  • Die Auswirkungen ökonomischer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen auf die programmatische Ausrichtung der Partei

Auszug aus dem Buch

3.2 Philosophie: Dialektik, historischer Materialismus und Determinismus

Marx’ und Engels’ „Lehre“ war gegen Ende des 19. Jahrhunderts trotz ihrer Aktualität nur wenigen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten en détail geläufig. Insbesondere von den philosophischen Anschauungen ihrer geistigen Urväter wussten die meisten nichts. Was sie jedoch wussten, stammte ursprünglich selten von Marx und Engels selbst. Und dies, trotz der Tatsache, dass sich Engels im „Anti-Dühring“ alle Mühe gegeben hatte, die Idee des Materialismus und vor allem die der Dialektik verständlicher zu machen.

Engels beschreibt zwei wesentliche Gesetze der Dialektik, die an dieser Stelle kurz erläutert werden sollen, um Bernsteins Kritik auf dieser Ebene nachher besser verstehen zu können. Das „stufenförmige Denken“ Hegels, das später auch Marx aufgriff und weiterentwickelte, bewegt sich grundsätzlich in drei Stufen: Der erste Abschnitt der Logik geht dabei beispielsweise vom Sein als der „Thesis“ zum Nichts als der „Antithesis“ und von dort schließlich zum Werden als der Einheit von Sein und Nichts zur „Synthesis“ über.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Schwierigkeit einer historischen Untersuchung der SPD, ohne den politikwissenschaftlichen Kontext zu vernachlässigen, und skizziert die langfristige Identitätssuche der Partei.

2. Überblick zur Forschungslage: Dieses Kapitel gibt einen Einblick in die für die Arbeit herangezogenen Primär- und Sekundärquellen und begründet die methodische Herangehensweise.

3. Der Revisionismus Eduard Bernsteins: Hier wird der Revisionismus als Auslöser der ersten großen Identitätskrise der SPD untersucht, wobei Bernstein als geistiger Vater einer systemverändernden Reformdebatte dargestellt wird.

3.1 Grundsätzliches: Dieses Unterkapitel analysiert das Spannungsverhältnis zwischen dem marxistischen "Endziel" und der tatsächlichen parlamentarischen Praxis der Partei.

3.2 Philosophie: Der Abschnitt erläutert die marxistische Dialektik und historische Materialismus-Theorie, gegen die Bernstein seine Kritik richtete.

3.3 Ökonomie: Hier wird Bernsteins Kritik an der Marx'schen Wert- und Mehrwerttheorie und deren Bedeutung für das kapitalistische Verständnis erörtert.

3.4 Staat und Strategie: Dieses Kapitel behandelt das neue Staatsverständnis Bernsteins und die Rolle der Demokratie als Mittel zum Zweck im sozialistischen Reformprozess.

4. Der Parteitag von Bad Godesberg 1959: Die Untersuchung belegt diesen Parteitag als "späten Sieg" Bernsteins und als Zäsur in der Abkehr der SPD von marxistischen Glaubenssätzen.

5. Sozialdemokratische Politik Ende des 20. / Anfang des 21. Jahrhunderts: Dieses Kapitel analysiert die Öffnung der SPD zur "Neuen Mitte" und die Reaktionen auf Globalisierung und gesellschaftlichen Wandel.

5.1 Sozialdemokratische Reformpolitik: Fokus auf die Anpassung der Partei an veränderte ökonomische Rahmenbedingungen und die Herausforderung der Globalisierung.

5.2 Programmatische Modernisierung: Kritische Reflexion der Modernisierungsbemühungen und der damit einhergehenden Identitätsproblematik der Partei.

6. Epilog: Das Schlusswort resümiert die Identitätsentwicklung der SPD und stellt die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Partei in einer globalisierten Welt.

Schlüsselwörter

Eduard Bernstein, Revisionismus, Sozialdemokratie, SPD, Identitätskrise, Bad Godesberg, Neue Mitte, Klassenkampf, Marxismus, Reformpolitik, Agenda 2010, Wirtschaftsdemokratie, Globalisierung, Volkspartei, Programmdebatte.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Hausarbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht die historische Identitätssuche der SPD und analysiert, wie der Revisionismus Eduard Bernsteins als Ausgangspunkt für spätere parteipolitische Umbrüche und Identitätskrisen fungierte.

Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Zentrale Themen sind die theoretischen Auseinandersetzungen über Marxismus und Revisionismus, die Entwicklung vom revolutionären zum reformistischen Selbstverständnis sowie die Anpassung der Partei an sich ändernde gesellschaftliche und ökonomische Rahmenbedingungen.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?

Das Ziel ist es, die Wurzeln sozialdemokratischer Identität freizulegen und zu untersuchen, wie Bernstein'sche Revisionismus-Thesen die heutige Ausrichtung der SPD sowie deren Krisen und Wandlungsprozesse bis in das 21. Jahrhundert geprägt haben.

Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit primär verwendet?

Der Verfasser nutzt eine historisch-analytische Methode, basierend auf der Auswertung von Primärquellen (Originalschriften Bernsteins und parteiinterner Dokumente) und einer fundierten Sekundärliteratur zur Parteigeschichte.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte liegen auf dem Hauptteil der Arbeit?

Der Hauptteil behandelt die philosophische und ökonomische Kritik am Marxismus, die Rolle des Staates und der Strategie sowie die Analyse der parteiinternen Richtungskämpfe, die schließlich in den Grundsatzprogrammen von Bad Godesberg (1959) und dem Berliner Programm (1989) kulminierten.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?

Schlüsselbegriffe sind unter anderem Revisionismus, Identitätskrise, demokratischer Sozialismus, parlamentarische Demokratie, Wirtschaftsdemokratie und Modernisierung.

Inwiefern beeinflusste Eduard Bernstein die heutige Politik der SPD konkret?

Die Arbeit zeigt, dass Bernsteins Fokus auf Reformarbeit statt auf revolutionärem Umsturz als geistige Grundlage für die programmatische Neuausrichtung der SPD in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und deren Öffnung zur "Neuen Mitte" dienen kann.

Wie bewertet der Autor die Auswirkungen der "Agenda 2010" auf die Identität der SPD?

Der Autor kritisiert die Agenda 2010 als einen Modernisierungsschritt, der mangels eines umfassenden neuen theoretischen Grundgerüsts die Partei tiefer denn je spaltete und zu einer Identitätskrise führte, in der der historische Kern der Partei als "Anwalt der Arbeitnehmer" in Frage gestellt wurde.

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Details

Title
Der Revisionismus Eduard Bernsteins und die Identitätssuche der deutschen Sozialdemokratie
College
Technical University of Darmstadt
Grade
2,0
Author
Raoul Giebenhain (Author)
Publication Year
2007
Pages
112
Catalog Number
V88299
ISBN (eBook)
9783638028103
ISBN (Book)
9783638926256
Language
German
Tags
Revisionismus Eduard Bernsteins Identitätssuche Sozialdemokratie
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Raoul Giebenhain (Author), 2007, Der Revisionismus Eduard Bernsteins und die Identitätssuche der deutschen Sozialdemokratie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88299
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