Spielen Organisationen und ihre Pressestellen Theater?

Vergleich der Texte: "Wir alle spielen Theater" von Erving Goffman mit "Grenzstellen" von Niklas Luhmann


Hausarbeit, 2006

19 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Texterläuterungen
2.1 „Wir alle spielen Theater“ von Erving Goffman
2.2 „Grenzstellen“ nach Niklas Luhmann
2.2.1 Grenzstellendefinition angewendet auf Organisationen
2.2.2 Public Relations als Grenzstelle von Organisationen

3 Vergleich der beiden Texte

4 Schluss

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Sobald man eine soziale Interaktion mit einer fremden (anderen) Person beginnt, stellt man an sich selbst fest, dass man im Normalfall von Anfang an versuchen wird, bei der anderen Person gut anzukommen bzw. einen guten Eindruck zu machen. Man will heraus-bekommen, was der andere über einen denkt bzw. von einem hält. Wenn man etwas möchte wird man sich auf eine bestimmte Art und Weise dem anderen gegenüber verhalten, um die gewünschte Reaktion zu erzielen. Natürlich versucht man, soviel wie Mögliche über sein Gegenüber zu erfahren. Dem sind jedoch Grenzen gesetzt, da der andere nie alles über sich preisgeben wird.

Am Anfang einer Interaktion versucht jeder sich in einer eigenen Art und Weise darzustellen. Diese Darstellungen unterscheiden sich dahingehend, ob es sich um Fremde oder Freunde handelt. Darüber hinaus wird man versuchen, die Darstellungsweise des anderen darauf abzutasten, ob es versteckte Hinweise gibt, die die Persönlichkeit des Gegenübers zu definieren erlauben und ob es Hinweise auf die Richtigkeit der Aussage des anderen gibt. Diese Überprüfung ist jedoch ein schwieriges Unterfangen. Häufig verwendet man kleine Hilfsmittel an. Bspw. beobachtet man genau die Gestik und Mimik der anderen Person, da dies oft unbewusste Handlungen sind, die helfen können eine Person und deren Charakter zu erkennen.

Organisationen agieren in gleicher Weise. Sie müssen mit ihrer Umwelt, dies können andere Organisationen, die Öffentlichkeit oder die Medien sein, in Kontakt treten und die Kommunikation als einen Dialog aufrechterhalten. Auch sie nehmen auf dem Wettbewerbsmarkt eine bestimmte Rolle ein und definieren was sie sind bzw. was sie sein wollen. In Erving Goffmans Theorie ist das Theater ein Modell der sozialen Welt. Alle Menschen spielen in sozialen Interaktionen Theater und setzten dazu verschiedene Fassaden auf. Niklas Luhmanns definiert in seinem Text „Grenzstellen“ die Verbindungsstelle zwischen einem System und seiner Umwelt sowie seine Aufgaben und Funktionen. Hier stellen sich die Fragen, ob dies auch auf Organisationen bzw. auf die Grenzstellen angewendet werden kann. Spielen Organisationen und ihre Pressestellen ebenfalls Theater? Setzten sie sich auch auf eine bestimmte Art und Weise in Szene? Versuchen sie ihr Gegenüber zu beeinflussen? Gibt es bei ihnen eine Vorder- und eine Hinterbühne?

In Kapitel 2 werden die Texte von Erving Goffman „Wir alle spielen Theater“ und „Grenzstellen“ von Niklas Luhmann einzeln vorgestellt. Im Kapitel 3 findet ein Vergleich der beiden Text statt. Im Schlussteil wird versucht, die anfänglichen Fragen zu beantworten und zu klären ob Organisationen und ihre Pressestellen „Theater spielen“.

2 Texterläuterungen

2.1 „Wir alle spielen Theater“ von Erving Goffman

In seinem Buch „Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag“[1] beschäftigt sich Erving Goffman mit dem Thema wie sich Personen in sozialen Interaktionen versuchen darzustellen. Dies tun sie anhand von verschiedenen „Praktiken, Listen und Tricks“[2]. Goffman vergleicht die soziale Interaktion mit einer Theaterbühne. Den Darstellern ist es wichtig ihr Publikum von ihrem Schauspiel zu überzeugen. Der Einzelne ist ebenso darum bemüht „im Alltag Vorstellungen [zu inszenieren], um Geschäftspartner oder Arbeitskollegen von den eigenen echten oder vorgetäuschten Fähigkeiten zu überzeugen.“[3]

Ein Theater besteht aus Vorder- und Hinterbühne. Im Vordergrund wird die Vorstellung vor einem Publikum gegeben. Auf der Vorderbühne sind die Akteure dazu geneigt, ihre Rolle, welche sie auf der Hinterbühne bereits einstudiert haben, glaubhaft darzustellen. Vorder- und Hinterbühne stehen unter ständiger Kontrolle der Darsteller. Somit soll vermieden werden, dass die Zuschauer die Möglichkeit bekommen, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, da die Darsteller sonst bei Handlungen überrascht werden könnten, die den gewünschten, zu Beginn vom Darsteller auferlegten Eindruck, widerlegen.[4]

Der gesamten Darstellung sind bestimmte Regeln auferlegt. Sie sollen helfen, dass die Vorstellung einwandfrei gelingt. Es ist wichtig, dass „innerhalb des Ensembles […] Vertraulichkeit [herrscht], […] sich […] Solidarität [entwickelt], und Geheimnisse, die das Schauspiel verraten könnten, […] gemeinsam gehütet [werden].“[5] Zwischen den Akteuren und dem Publikum herrscht ein genaues Rollenverständnis. Allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Vorstellung durch verschiedene Ereignisse gestört wird. Ist dies der Fall, kann der Ablauf des Theaterstückes erheblich behindert werden. Die Akteure sowie das Publikum müssen versuchen die Vorstellung mittels verschiedener, ihnen zur Verfügung stehenden Techniken zu retten.[6]

Nach Goffman lässt sich das Theaterspiel auf alle sozialen Interaktionen beziehen. Zur Hinterbühne des Darstellers gehört das Selbst. Der Darsteller ist darauf bedacht, dies vor dem Publikum so gut wie möglich zu verschließen. Nur denjenigen, die ebenfalls Zutritt zur Hinterbühne haben, wird das Selbst offenbart. Auf der Vorderbühne dagegen stellt sich der Akteur nach bestimmten Regeln selber dar. Er hat zwei verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten. Zum einen den „[…] Ausdruck, den er sich selber gibt […]“ zum anderen den „[…] Ausdruck, den er ausstrahlt.“[7] Der Darsteller wählt den selbst gegebenen Ausdruck gezielt und mit Bedacht, da dieser ohne Schwierigkeiten zu manipulieren ist. Schwieriger ist es beim Verhalten bzw. der Ausstrahlung des Darstellers, da er über diese nur wenig Kontrolle hat. Für die anderen bzw. für das Publikum, die an der Interaktion beteiligt sind, ist dieser Aspekt jedoch sehr wichtig, da sie wissen, dass dieser Teil nicht leicht zu manipulieren ist. Er ist sozusagen die ´Quelle der Eindrücke`, die nicht leicht veränderbar ist. „Eindrücke wurden ihrerseits […] als eine Methode gesehen, mit deren Hilfe die Empfänger auf den Informanten reagieren können, ohne darauf warten zu müssen, dass sich die Handlungen des Informanten in ganzer Konsequenz bemerkbar machen.“[8]

Der Darsteller sowie das Publikum wird versuchen vollständige Informationen über die Situation sowie über den anderen zu erhalten. Dies ist allerdings nie ganz möglich. Aufgrund dessen müssen sie so genannte Hilfsmittel einsetzten. Dies können „Hinweise, Andeutungen, ausdrucksvolle Gesten, Statussymbole […]“[9] etc. sein. Sie erleichtern es, die gesamte Situation zu begreifen und vorhersagen zu können. Der Darsteller wie auch das Publikum stufen den anderen Anwesenden oft aufgrund von Eindrücken ihrer ´Zukunft` oder ihrer ´Vergangenheit` ein. „Die Eindrücke, die die anderen erwecken, werden als Behauptungen und Versprechungen gewertet, die sie implizit abgegeben haben […].“[10] Das Problem liegt darin, dass die Wirklichkeit zu diesem Zeitpunkt nicht klar erkennbar ist und die an der Interaktion Beteiligten auf den Anschein vertrauen müssen. Dieser Aspekt ist es, der den Darsteller dazu veranlasst, seinen Eindruck auf der Ebene des bewussten Ausdrucks zu manipulieren.

Der Einzelne bzw. der Darsteller ist sich darüber bewusst, dass er während seiner Darbietung beobachtet wird. Aufgrund dessen wird er genau darauf achten, sein Handeln so zu bestimmen, dass er in Zukunft von den anderen Beteiligten so behandelt wird, wie er das will. Im Mittelpunkt des Einzelnen steht die Beeinflussung der Handlungen der anderen gegenüber sich selbst. Er wird immer dazu geneigt sein, diese Handlungen zu kontrollieren. Dies kann er, indem er sein Verhalten gegenüber anderen so ausrichtet und bestimmt, dass er es erreicht, den gewünschten Eindruck auszulösen und zu erhalten. Allerdings weiß das Publikum, bzw. wissen die anderen, dass der Darsteller gewillt ist, sich für ihn am besten darzustellen. Aufgrund dessen ist es ihnen möglich, anhand bestimmter Eindrücke, die sie vom Darsteller erhalten und die sie für sicher halten, den vom Darsteller bewusst konzipierten Ausdruck auf seine Richtigkeit hin zu überprüfen. Natürlich weiß auch der Darsteller um diese Gegebenheit, und so kann er versuchen, eben diese Aspekte die die anderen/ das Publikum für sicher halten, zu manipulieren. Jedoch sind die Beobachter dem Darsteller gegenüber meist im Vorteil, da sie diese Kontrollversuche ebenfalls bemerken können.[11]

Das Wechselspiel zwischen den Kontrollversuchen der Darsteller/ des Einzelnen und der Beobachtung des Publikums/ der anderen ermöglicht „[…] die Bühne für so etwas wie ein Informationsspiel – einen potentiell endlosen Kreislauf von Verheimlichung, Entdeckung, falscher Enthüllung und Wiederentdeckung“[12]. Aufgrund dessen sind alle Beteiligten für die Situationsbestimmung verantwortlich.

Nach Goffman ist der erste Eindruck der wichtigste. Der Einzelne muss es schaffen, schon gleich zu Beginn den ´richtigen Eindruck` zu erwecken. Dies ist notwenig, da die anderen Anwesenden ihr Handeln und Verhalten nachdem ausrichten, was sie zu Beginn über den Einzelnen erfahren haben. Indem der Einzelne gleich zu Beginn der Interaktion festlegt, was er ist und wie er gesehen werden möchte, bestimmt er damit jedoch auch, was er nicht ist. Während der Interaktion „[…] wird der ursprüngliche Informationsbestand natürlich ergänzt und modifiziert, aber es ist dann wesentlich, dass die späteren Entwicklungen widerspruchslos mit den ursprünglichen Positionen […] verknüpft und sogar auf sie aufgebaut werden.“[13] Und so erhält dieser Aspekt einen ´moralischen Charakter`. Denn die anderen haben die Erwartung an den Einzelnen, dass er so ist, was er zu sein vorgibt und nichts anderes. Goffman zufolge sind die meisten Personen darauf bedacht, dass die gegebene Situation mit all ihren Eindrücken aufrechterhalten wird. Jedoch sind die Einzelnen als Darsteller „[…] nicht mit der moralischen Aufgabe der Erfüllung dieser Maßstäbe beschäftigt, sondern mit der amoralischen Aufgabe, einen überzeugenden Eindruck zu vermitteln, dass die Maßstäbe erfüllt werden.“[14]

Goffman ist der Meinung, dass sowohl das Publikum wie auch die Darsteller Konflikten aus dem Weg gehen wollen. Er bezeichnet dies als ´Arbeitsübereinstimmung der Beteiligten`. Jedoch können Fauxpas, Störungen, Pannen, etc. nicht ausgeschlossen werden. Sie treten als überraschende Ereignisse auf, die die Situation aus dem Rahmen werfen können, indem sie die Situationsbestimmung, die der Darsteller zu Beginn definiert, widerlegen. Wenn dies der Fall ist, gerät die Interaktion in einen verwirrenden und peinlichen Zustand. Die Interaktion gerät ins Stocken und es herrscht Betroffenheit. Der Darsteller fühlt sich ertappt, das Publikum verraten. „Wer beim Erzählen offensichtlicher Lügen erwischt wird, verliert unter Umständen nicht nur während der Interaktion sein Ansehen, sondern sein guter Ruf kann auch völlig zerstört werden, weil viele Zuschauer das Gefühl haben, demjenigen, der einmal eine solche Unwahrheit zu erzählen imstande war, nie wieder ganz vertrauen zu können.“[15] Des Weiteren kann das öffentlich Gesagte durch solch ein Ereignis widerlegt werden, vorangegangene Handlungen werden in Frage gestellt, was den Darsteller in eine schwierige Situation manövriert. Durch solche Geschehnisse ist es dem Publikum und Außenstehenden manchmal möglich, hinter die Kulissen zu schauen. So kommen Tatsachen ans Licht, die eigentlich hätten verborgen bleiben sollen.[16]

Ein Fauxpas kann auch entstehen, wenn es Streit innerhalb des Ensembles gibt. Somit erhascht das Publikum einen Blick auf die Hinterbühne. Darüber hinaus erweckt so ein Streit den Anschein beim Publikum, dass etwas nicht stimmt und dem Publikum wird „[…] somit […] ein Bild des Mannes hinter der Maske […]“[17] aufgedrängt. Die Eindrucksmanipulation hat die Aufgabe derartige Störungen zu verhindern. Sie beinhaltet drei Möglichkeiten. Dies sind erstens die ´Verteidigungsmaßnahmen`, mit denen der Darsteller versucht, seine Darbietung abzusichern, zweitens ´Schutzmaßnahmen`, welche vom Publikum und Außenstehenden angewendet werden, um den Darsteller beim Versuch seine Darstellung zu retten zu helfen. Und zu guter letzt „[…] Maßnahmen, die der Darsteller treffen muß, um es dem Publikum wie Außenseitern zu ermöglichen, Schutzmaßnahmen im Interesse des Darstellers zu treffen.“[18]

[...]


[1] Goffman, Erving (1991): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag.

[2] Vgl. Ebd. 1991. S. Zu diesem Buch

[3] Vgl. Ebd. 1991. S. Zu diesem Buch

[4] Vgl. Ebd. 1991. S. 5 – 18

[5] Vgl. Ebd. 1991. S. 217

[6] Vgl. Ebd. 1991. S. 5 – 18 sowie 189 – 215

[7] Vgl. Ebd. 1991. S. 6

[8] Vgl. Ebd. 1991. S. 227

[9] Vgl. Ebd. 1991. S. 228

[10] Vgl. Ebd. 1991 . S. 228

[11] Vgl. Ebd. 1991. S. 5 – 71 sowie 189 - 233

[12] Vgl. Ebd. 1991. S. 12

[13] Vgl. Ebd. S. 14

[14] Vgl. Ebd. 1991. S. 230

[15] Vgl. Ebd. 1991. S. 58

[16] Vgl. Ebd. 5 – 71 sowie 189 – 233

[17] Vgl. Ebd. 1991. S. 102

[18] Vgl. Ebd. 1991. S. 193

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Spielen Organisationen und ihre Pressestellen Theater?
Untertitel
Vergleich der Texte: "Wir alle spielen Theater" von Erving Goffman mit "Grenzstellen" von Niklas Luhmann
Hochschule
Universität Luzern
Note
2
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V88349
ISBN (eBook)
9783638024297
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spielen, Organisationen, Pressestellen, Theater
Arbeit zitieren
Julia Degenhardt (Autor), 2006, Spielen Organisationen und ihre Pressestellen Theater?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88349

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