Sobald man eine soziale Interaktion mit einer fremden (anderen) Person beginnt, stellt man an sich selbst fest, dass man im Normalfall von Anfang an versuchen wird, bei der anderen Person gut anzukommen bzw. einen guten Eindruck zu machen. Man will heraus-bekommen, was der andere über einen denkt bzw. von einem hält. Wenn man etwas möchte wird man sich auf eine bestimmte Art und Weise dem anderen gegenüber verhalten, um die gewünschte Reaktion zu erzielen. Natürlich versucht man, soviel wie Mögliche über sein Gegenüber zu erfahren. Dem sind jedoch Grenzen gesetzt, da der andere nie alles über sich preisgeben wird.
Am Anfang einer Interaktion versucht jeder sich in einer eigenen Art und Weise darzustellen. Diese Darstellungen unterscheiden sich dahingehend, ob es sich um Fremde oder Freunde handelt. Darüber hinaus wird man versuchen, die Darstellungsweise des anderen darauf abzutasten, ob es versteckte Hinweise gibt, die die Persönlichkeit des Gegenübers zu definieren erlauben und ob es Hinweise auf die Richtigkeit der Aussage des anderen gibt. Diese Überprüfung ist jedoch ein schwieriges Unterfangen. Häufig verwendet man kleine Hilfsmittel an. Bspw. beobachtet man genau die Gestik und Mimik der anderen Person, da dies oft unbewusste Handlungen sind, die helfen können eine Person und deren Charakter zu erkennen.
Organisationen agieren in gleicher Weise. Sie müssen mit ihrer Umwelt, dies können andere Organisationen, die Öffentlichkeit oder die Medien sein, in Kontakt treten und die Kommunikation als einen Dialog aufrechterhalten. Auch sie nehmen auf dem Wettbewerbsmarkt eine bestimmte Rolle ein und definieren was sie sind bzw. was sie sein wollen. In Erving Goffmans Theorie ist das Theater ein Modell der sozialen Welt. Alle Menschen spielen in sozialen Interaktionen Theater und setzten dazu verschiedene Fassaden auf. Niklas Luhmanns definiert in seinem Text „Grenzstellen“ die Verbindungsstelle zwischen einem System und seiner Umwelt sowie seine Aufgaben und Funktionen. Hier stellen sich die Fragen, ob dies auch auf Organisationen bzw. auf die Grenzstellen angewendet werden kann. Spielen Organisationen und ihre Pressestellen ebenfalls Theater? Setzten sie sich auch auf eine bestimmte Art und Weise in Szene? Versuchen sie ihr Gegenüber zu beeinflussen? Gibt es bei ihnen eine Vorder- und eine Hinterbühne?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Texterläuterungen
2.1 „Wir alle spielen Theater“ von Erving Goffman
2.2 „Grenzstellen“ nach Niklas Luhmann
2.2.1 Grenzstellendefinition angewendet auf Organisationen
2.2.2 Public Relations als Grenzstelle von Organisationen
3 Vergleich der beiden Texte
4 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit die soziologische Theorie von Erving Goffman über das „Theaterspielen“ in sozialen Interaktionen auf das Verhalten von Organisationen und deren Pressestellen übertragen werden kann, wobei insbesondere Niklas Luhmanns Konzept der „Grenzstellen“ als theoretische Ergänzung dient.
- Vergleich der Selbstdarstellung von Individuen und Organisationen.
- Analyse von Vorder- und Hinterbühnen in organisatorischen Kontexten.
- Die Rolle von Pressestellen als Grenzstellen zwischen System und Umwelt.
- Umgang mit Störungen, Krisen und Imagebildung im professionellen Kontext.
Auszug aus dem Buch
2.1 „Wir alle spielen Theater“ von Erving Goffman
In seinem Buch „Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag“ beschäftigt sich Erving Goffman mit dem Thema wie sich Personen in sozialen Interaktionen versuchen darzustellen. Dies tun sie anhand von verschiedenen „Praktiken, Listen und Tricks“. Goffman vergleicht die soziale Interaktion mit einer Theaterbühne. Den Darstellern ist es wichtig ihr Publikum von ihrem Schauspiel zu überzeugen. Der Einzelne ist ebenso darum bemüht „im Alltag Vorstellungen [zu inszenieren], um Geschäftspartner oder Arbeitskollegen von den eigenen echten oder vorgetäuschten Fähigkeiten zu überzeugen.“
Ein Theater besteht aus Vorder- und Hinterbühne. Im Vordergrund wird die Vorstellung vor einem Publikum gegeben. Auf der Vorderbühne sind die Akteure dazu geneigt, ihre Rolle, welche sie auf der Hinterbühne bereits einstudiert haben, glaubhaft darzustellen. Vorder- und Hinterbühne stehen unter ständiger Kontrolle der Darsteller. Somit soll vermieden werden, dass die Zuschauer die Möglichkeit bekommen, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, da die Darsteller sonst bei Handlungen überrascht werden könnten, die den gewünschten, zu Beginn vom Darsteller auferlegten Eindruck, widerlegen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der sozialen Interaktion ein und stellt die Kernfrage, ob das Theatermodell von Goffman auf Organisationen und deren Pressestellen angewendet werden kann.
2 Texterläuterungen: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen von Goffmans Theatertheorie sowie Luhmanns Konzept der Grenzstellen in Organisationen detailliert dargelegt.
3 Vergleich der beiden Texte: Das Kapitel verknüpft die beiden Theorien und arbeitet die Parallelen zwischen individuellem Schauspiel und der organisatorischen Außendarstellung heraus.
4 Schluss: Das Schlusskapitel beantwortet die Forschungsfrage und bestätigt, dass Organisationen tatsächlich „Theater spielen“, um ihr Image zu steuern und gegenüber der Umwelt konsistent zu agieren.
Schlüsselwörter
Theatermetapher, Selbstdarstellung, Erving Goffman, Niklas Luhmann, Grenzstellen, Organisation, Pressestelle, Public Relations, Vorderbühne, Hinterbühne, Imagebildung, Interaktion, Vertrauen, Krisenmanagement, Rollenverhalten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Übertragbarkeit der soziologischen Theatertheorie von Erving Goffman auf das Verhalten von Organisationen im Kontakt mit ihrer Umwelt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Selbstdarstellung, der bewusste Aufbau von Eindrücken (Impression Management), die System-Umwelt-Beziehung und die Rolle von Public Relations als Vermittlungsinstanz.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, ob Organisationen und ihre Pressestellen in Analogie zu menschlichen Akteuren „Theater spielen“, um in der Öffentlichkeit bestimmte Erwartungen zu erfüllen.
Welche wissenschaftlichen Theorien werden verwendet?
Die Analyse stützt sich primär auf Erving Goffmans „Wir alle spielen Theater“ (Dramaturgische Soziologie) und Niklas Luhmanns Theorie zu formalen Organisationen und „Grenzstellen“.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erläutert zunächst die Konzepte von Goffman und Luhmann separat und führt anschließend einen systematischen Vergleich durch, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Theaterbühne, Grenzstellen, Vorder- und Hinterbühne, Imagebildung, Vertrauen und impression management.
Wie unterscheidet sich die „Bühne“ einer Organisation von der eines Individuums laut dem Text?
Organisationen sind Pannen und Störungen stärker ausgesetzt, da die Öffentlichkeit (im Gegensatz zum wohlwollenden Theaterpublikum) oft aktiv versucht, Fehler oder Hintergründe aufzudecken.
Welche Rolle spielt der Pressesprecher in diesem theatralen Modell?
Der Pressesprecher fungiert als zentraler Akteur an der Vorderbühne, der durch Disziplin und Selbstbeherrschung ein einheitliches, kontrolliertes Bild der Organisation vermitteln muss.
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- Julia Degenhardt (Author), 2006, Spielen Organisationen und ihre Pressestellen Theater?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88349