Ökonomische Erklärungsansätze für Obdachlosigkeit

Untersuchung von relevanten ökonomischen Parametern für das Auftreten von Obdachlosigkeit verbunden mit der Ableitung von wirtschaftspolitischen Maßnahmen des Staates zur Senkung der Obdachlosigkeit auf ein Optimum


Seminararbeit, 2005
25 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Symbolverzeichnis

1. Einleitung

2. Erklärungsansätze für die Entstehung von Obdachlosigkeit
2.1 Deinstitutionalisierungs-Hypothese
2.2 Ökonomische Erklärungsansätze für Obdachlosigkeit
2.2.1 Obdachlosigkeit verursacht durch relevante Parameter auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt
2.2.2 Obdachlosigkeit als freiwillige Entscheidung
2.2.3 Obdachlosigkeit als Folge eines Marktzugangsproblems

3. Wirtschaftspolitische Maßnahmen als Konsequenz der ökonomischen Erklärungsansätze
3.1 Ansätze für wirtschaftspolitische Maßnahmen
3.2 Wohngeld
3.3 Arbeitslosenunterstützung

4. Ergebnisdarstellung

Anlage: Vergleich der Entwicklung der Anzahl der stationär behandelten
Patienten und der US-Bevölkerung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Entstehung des optimalen Konsumplans

Abbildung 2: Entstehung von unfreiwilliger Obdachlosigkeit

Abbildung 3: Entstehung von freiwilliger Obdachlosigkeit

Abbildung 4: Wirkung von nicht-zweckgebundenem Wohngeld

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

In den 80-ziger Jahren nahm das Auftreten von Obdachlosigkeit in Nordamerika sowie in Europa spürbar zu.[1] Das Problem der Obdachlosig-keit war zu diesem Zeitpunkt nicht unbekannt, jedoch nahm es neue besorgniserregende Dimensionen, die gerade in Überflussgesellschaften als inakzeptabel betrachtet werden, an.

Das Recht auf Anspruch einer Behausung gilt wie das Recht auf das physische Leben unstrittig als ein dringliches menschliches Grundbedürfnis und wird vom Prinzip der Unantastbarkeit der Menschenwürde erfasst. Die Wohnsituation eines Menschen hat dabei prägenden Einfluss auf dessen Sozialisation.[2] Daher stellt die Wohnung für Mieter kein normales, sondern ein existenzwesentliches Wirtschaftsgut, wo sich in der Regel der Lebensmittelpunkt mit einer Reihe von sozialen, kulturellen und psychischen Bezügen befindet, dar.[3] Folgen von Obdachlosigkeit sind soziale Ausgrenzungen der Betroffenen aus der Gesellschaft, Zerstörung des traditionellen sozialen Wertesystems sowie der sozialen Beziehungen und körperliche Beeinträchtigungen. Daneben wird Obdachlosigkeit oftmals als Störung der öffentlichen Ordnung angesehen, vor allem bzgl. der Beeinträchtigungen im Stadtbild. Aus diesen Gründen werden nach dem Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft die Folgen als gesellschaftlich unerwünscht angesehen.[4] Deshalb wird es als Aufgabe der Sozialpolitik betrachtet, sozialen Ausgleich sowie soziale Gerechtigkeit herzustellen[5] und entsprechende wirtschafts-politische Maßnahmen zur Abhilfe von Obdachlosigkeit zu ergreifen.

Voraussetzung für wirksame Wirtschaftspolitik ist die Kenntnis über die Entstehungsgründe von Obdachlosigkeit. Im nachfolgenden Kapitel wird im ersten Abschnitt der häufig genannte Erklärungsansatz die „Deinstitutionalisierungs-Hypothese“ mit den kritischen Einwendungen beleuchtet. Da dieser das Auftreten von Obdachlosigkeit nicht abschließend erklären kann, erfolgt im zweiten Abschnitt die Diskussion von drei ökonomischen Erklärungsansätzen. Im ersten Unterabschnitt wird die Nutzenmaximie-rungshypothese verbunden mit der Betrachtung von relevanten Parametern auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt erörtert. Im zweiten ökonomischen Ansatz werden Überlegungen zum Aspekt der freiwilligen Obdachlosigkeit angestellt. Die Untersuchungen zum ökonomischen Ansatz von Obdachlosigkeit enden mit Ausführungen zum Marktzugangsproblem.

Aus den Ergebnissen der ökonomischen Erklärungsansätze werden im dritten Kapitel wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen für den Staat zur Beeinflussung der relevanten Parameter aus dem zweiten Abschnitt des zweiten Kapitels mit dem Ziel der Reduzierung der Obdachlosigkeit auf ein Optimum abgeleitet. Im Zentrum der Darstellungen stehen wohnungs- sowie arbeitsmarktpolitische Instrumente.

2. Erklärungsansätze für die Entstehung von Obdachlosigkeit

2.1 Deinstitutionalisierungs-Hypothese

Untersuchungen zeigen, dass obdachlose Personen oftmals von persönlichen Problemen gekennzeichnet sind. So sind psychische Erkrankungen, wie Drogen- und Alkoholsucht, sowie soziale Isolation häufig anzutreffen. Einweisungen in Instituten sind daher nicht selten. Vertreter der Deinstitutionalisierungs-Hypothese sehen deshalb darin die Ursachen der Obdachlosigkeit und ziehen auch aus Gründen des geringen Anteils der Obdachlosigkeit an der Bevölkerung kaum ökonomische Erklärungsansätze in ihre Betrachtungen ein. Als Beweis für ihre These sehen sie die drastische Reduktion der Anzahl der stationär behandelten Patienten in den amerikanischen Nervenklinken in den Jahren 1971 bis 1993 von 148 auf 30 Patienten pro Einwohner, das entspricht einer Senkung in Höhe von 80%, und den Anstieg der Obdachlosigkeit in den 80ziger Jahren. Die kausale Verbindung dieser beiden statistischen Daten ist jedoch problematisch. Erweitert man den Betrachtungszeitraum, erkennt man bereits seit Mitte der 50ziger Jahre eine stetige Reduzierung der Krankenhausaufenthaltsrate im Bereich der Nervenkliniken. Schließt man ferner in die Begriffsdefinition zur Deinstitutionalisierung neben den stationär behandelten Patienten auch die Personen ein, die in Pflegeheimen sowie Gefängnisanstalten unterge-bracht sind, verändert sich das Bild, da deren Anzahl sich im gleichen Zeitraum entgegengesetzt entwickelt hat. Die Anzahl der Gefangenen stieg im Zeitraum von 1971 bis 1993 um 286%, von ca. 83 auf 320 Insassen pro 100.000 Einwohner. Die Belegung der Pflegeheime erhöhte sich von etwa 70 auf 188 Bewohner pro 100.000 Einwohner und wuchs folglich um 169%. Damit kann nach der erweiterten zeitlichen und begrifflichen Betrachtung keine eindeutige Aussage über die Entwicklung der Deinstitutionalisierung und somit auf die Höhe der Obdachlosigkeit getroffen werden.

Ein weiteres Gegenargument liefert die Gegenüberstellung der Entwicklungen der Anzahl der stationär behandelten Patienten und der US-Bevölkerung. Danach verminderte sich die Anzahl der stationären Patienten von 1980 zu 1990 um 31%, wogegen die US-Bevölkerung um 10% anstieg. Bei gleichbleibender Entwicklung der Patientenzahlen hätte folglich diese sich zahlenmäßig erhöhen müssen. Damit ist faktisch eine Reduktion von 37% eingetreten.[6] Demgegenüber nahm im selben Zeitraum die Obdachlosigkeit um das Doppelte zu.[7]

Ferner ist festzustellen, dass dieser Ansatz die Unterscheidung zwischen den Ursachen und den aus der bestehenden Obdachlosigkeit resultierenden Problemen vermissen lässt. Beides ist in der Realität eng aneinander gekoppelt und greift ineinander ein, so dass aus einer ex-post-Sicht häufig nicht mehr rekapituliert werden kann, ob die gegenwärtige individuelle Problemlage eine Bedingung, ein Anlass, ein aus der akuten Obdachlosigkeit resultierendes Problem oder auch eine Folge der Obdachlosigkeit darstellt.[8] Verschiedene empirische Untersuchungen zeigen, dass nicht die sozialen Probleme den überragenden Anlass für die Entstehung von Obdachlosigkeit, sondern häufig ökonomische Gründe, wie Mietschulden, den Ausgangspunkt bilden.[9]

Im Ergebnis ist festzuhalten, dass die Deinstitutionalisierungs-Hypothese das Auftreten von Obdachlosigkeit nicht abschließend erklären kann.

2.2 Ökonomische Erklärungsansätze für Obdachlosigkeit

2.2.1 Obdachlosigkeit verursacht durch relevante Parameter auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt

Das folgende Modell zur ökonomischen Erklärung von Obdachlosigkeit geht von der Annahme aus, dass die Individuen der Konsumentensouveränität unterliegen und somit eigenständig über ihren Konsumverbrauch hinsichtlich der Güterart und –menge entscheiden dürfen. Weiterhin unterstellt das Modell, dass die Individuen rational handeln und demnach ihre Entscheidungen mit dem Ziel der Nutzenmaximierung treffen. Allerdings wird der Entscheidungsspielraum des Individuums von seiner Budgetbeschränkung begrenzt. Ferner verhält es sich als Mengenanpasser. Das Individuum muss deshalb unter Berücksichtigung seines Einkommens mit dem Ziel der Nutzenmaximierung Umax eine Nutzenabwägung zwischen der Anmietung einer Wohnung zu einer bestimmten Qualität H mit dem Preis P(H) sowie dem Konsumverbrauch von anderen lebensnotwendigen Gütern C durchführen.

Formal lautet das Modell für den optimalen Konsumplan wie Folgt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Nutzenfunktion stellt die Zielfunktion des Modells dar und drückt die Präferenzen des Individuums hinsichtlich der o.a. Güterarten Wohnungsanmietung und Konsumverbrauch aus. Der Nutzen steigt jeweils mit zunehmender Konsumierung (UH > 0, UC > 0, UHC=UCH> 0) allerdings mit abnehmender Grenzrate (UHH < 0, UCC < 0).

Die Nebenbedingung gibt die Budgetbeschränkung sowie die Einkommensverwendung des Individuums wieder. Danach kann das Individuum sein Einkommen Y für die Bezahlung des Mietpreises P(H) und den Verbrauch lebensnotwendiger Güter C, bewertet zu Einheitspreisen, einsetzen. Das Mietpreisangebot steigt mit zunehmender Wohnqualität (PH[H] > 0) und bestimmt sich durch Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt. Mit zunehmendem Nachfrageüberschuss steigt der Preis. Ein Angebotsüber-schuss, d.h. ein Wohnungsleerstand, bewirkt dabei ein Sinken des Preises P, allerdings nur bis zu dem untersten Preisniveau Pmin, bei dem die Einnahmen gerade die Wohnungshaltungskosten des Vermieters decken, d. h. bis zur Höhe der Grenzkosten. Somit spiegelt das Mietpreisangebot Knappheiten auf dem Markt wieder.

Am unteren Ende der Einkommensverteilung kann sich jedoch das Individuum aufgrund des Mietpreisminimums Pmin und seinem präferierten Mindestkonsumverbrauch Cmin nicht mehr beide Güterarten in vollem Umfang leisten, sondern muss sich zwischen den bezogen auf sein Einkommensniveau relativ hohen Mietausgaben für eine Wohnung mit Mindestwohnstandard unter vermehrter Einschränkung des Konsumverbrauchs lebensnotwendiger Güter auf der einen Seite und der Obdachlosigkeit ohne Mietausgaben mit zunehmendem Konsumverbrauch auf der anderen Seite entscheiden. Die Mietpreisnachfragefunktion B(H,Y) gibt unter konstanter Präferenzordnung den Preis für jede Wohnqualität und jedes Einkommen an, bei dem gerade ein Individuum zwischen der Obdachlosigkeit und der Anmietung der Wohnung indifferent ist. Die Nachfragefunktion korreliert positiv mit steigendem Einkommen (BY[H,Y] > 0) bzw. steigender Wohnqualität (BH[H,Y] > 0; BYH=BHY> 0), allerdings jeweils mit abnehmender Grenzrate (BYY[H,Y] < 0; BHH[H,Y] < 0). Je nach Präferenzordnung kann folglich das Gut Wohnqualität mit steigendem Einkommen erst superior, d.h. der Anteil der Wohnausgaben nimmt zu (Einkommenselastizität[B,Y]>1), dann normal (Einkommens-elastizität[B,Y]=1) und nach Überschreiten einer gewissen Einkommensgrenze relativ inferior (0< Einkommenselastizität[B,Y]<1), d.h. der Anteil der Wohnausgaben nimmt ab, sein. Aufgrund der Budgetbeschränkung gilt für den Wertebereich der Nachfragefunktion, dass die Mietpreisnachfrage kleiner oder gleich dem Einkommen sein muss (0 ≤ B ≤ Y).

Ein Individuum entscheidet sich für die Anmietung der Wohnung H* mit dem Preis P*, wenn der subjektive Preis B(H;Y) mit dem objektiven Preis P(H) übereinstimmt, wenn also B(H,Y) = P(H) gilt bzw. die Differenz aus beiden Preisen d(H,Y) gleich Null ist.

Die Bedingung für die Nutzenmaximierung kann mittels der Lagrange-Methode bestimmt werden: L(H,C,λ) = U(H,C) + λ(Y - B(H,Y) - C)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Gleichsetzen der Gleichungen ergibt die Bedingung für den optimalen Konsumplan und damit für das Nutzenmaximum: UH/UC = BH. D.h., dass der Konsumplan optimal ist, wenn das Nutzenniveau durch keine weitere marginale Erhöhung einer Güterart unter Beibehaltung der Budgetbeschränkung gesteigert werden kann, da die Anmietung einer qualitativ höherwertigeren Wohnung nicht den Nutzenverlust durch die Konsumeinschränkung kompensieren kann (∆│UH│ < ∆│-UC│ u.d.N. C/Y = 1 – P/Y). In diesem Punkt gilt, dass die Steigung der Indifferenzkurve gleich der Grenzrate der Substitution sowie gleich dem Grenznutzen des Geldes ist: │dC/dH│ = UH/UC = P(H)/C = UH/P(H) = UC/C.

Dieser Effekt wird am konvexen Verlauf der Indifferenzkurve (siehe Abbildung 1: I1, I2, I3), der sich aus dem oben beschriebenen Gesetz von der abnehmenden Grenzrate der Substitution begründet, deutlich.

[...]


[1] Quigley, J./Steven, R. (2001), S.323; Ausschuss der Regionen (1999), S. 26.

[2] Ude, C. (1990), S. 147.

[3] Ude, C. (1999), S. 16.

[4] Rottmann, J. (2004), S. 69.

[5] Könen, R. (1990), S. 148.

[6] Vgl. Anlage: Vergleich der Entwicklung der Anzahl der stationär behandelten Patienten und der US-Bevölkerung.

[7] Zu diesem Abschnitt vgl. Quigley, J./Steven, R. (2001), S. 325ff.

[8] Sengschmied, K. M. (1996), S. 29f; Könen, R. (1990), S. 41, 46.

[9] Ipsen, D. (1981), S. 264; Busch-Geertsema, V./Evers, J./Ruhstrat, E. (2005), S. 21.

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Details

Titel
Ökonomische Erklärungsansätze für Obdachlosigkeit
Untertitel
Untersuchung von relevanten ökonomischen Parametern für das Auftreten von Obdachlosigkeit verbunden mit der Ableitung von wirtschaftspolitischen Maßnahmen des Staates zur Senkung der Obdachlosigkeit auf ein Optimum
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V88410
ISBN (eBook)
9783638028233
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erklärungsansätze, Obdachlosigkeit
Arbeit zitieren
Katja Schaefer (Autor), 2005, Ökonomische Erklärungsansätze für Obdachlosigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88410

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