Richard der Dritte von England gilt, trotz seiner nur zweijährigen Regierungszeit, als der umstrittenste König der englischen Geschichte überhaupt. Seit seinem Tod wird vor allem seine Machtübernahme, die Usurpation des Thrones, heftigst diskutiert und es ist unklar, ob sich dies je ändern wird. Um es mit den Worten eines englischen Historikers zu sagen: „[...] a controversy which has lasted nearly 400 years and currently exhibits every sign of continuing for another 400.“
Diese Arbeit will sich jedoch nicht so sehr am Charakter Richards orientieren, wie das andere Arbeiten vor allem in der Frühen Geschichtsschreibung getan haben, und auf keinen Fall moralische Bewertungen anstellen. Viel mehr sollen die politischen Prägeelemente dieser Zeit und die politischen Handlungsspielräume verdeutlicht werden.
Es ist deshalb die Frage aufzuwerfen, wie Richard diese Spielräume genutzt hat. Ist außerdem ein Plan erkennbar, von Anfang an, d.h. seit dem Tod Eduards IV., den Thron zu usurpieren, wie ihm das von der Tudor Geschichtsschreibung und in zeitgenössischen Quellen vorgeworfen wurde? Im Gegensatz dazu ist zu fragen, ob es nicht Anzeichen dafür gibt, dass Richard vor dem Hintergrund einer Druckkulisse gehandelt hat, die vor allem von der Familie der Frau seines Bruders Eduards IV. aufgebaut worden war und von der er sich bedroht fühlte.
Diese Fragen werden wohl auch in dieser Arbeit nicht endgültig beantwortet werden können, doch können Interpretationsmöglichkeiten aufgezeigt werden.
Dabei soll zunächst ein kurzer Überblick über die Geschichtsschreibung und den Stand der Forschung zu diesem Thema vermittelt werden. Besonders der Gegensatz zwischen `Tudor Geschichtsschreibung` und der anderen Richtung, der ´Ricardians` wird dabei Platz eingeräumt. Danach wird das Thema in einen größeren historischen Kontext verortet. Die eigentliche Usurpation wird anhand von drei Schritten erklärt. Erstens der politischen Situation direkt nach Eduards IV. Tod, zweitens Richards erstem Schlag, indem er sich des zwölfjährigen Thronfolgers bemächtigte und drittens der Zeit seines Protektorats, in der es ihm gelang die Opposition auszuschalten und die Krone zu übernehmen. Danach wird in einem kleinen Exkurs der Tod der Prinzen behandelt, da dies in der Forschung intensiv behandelt wurde und auch für das historische Bild Richards und möglicherweise auch sein Ende entscheidend war.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Methodische Vorbetrachtungen
2.1 Der Forschungsstand zum Thema und relevante Literatur
2.2 Einordnung in den historischen Kontext
3. Die Usurpation des Thrones
3.1 Die politische Situation nach dem Tod Eduards IV.
3.2 Richards erster Schlag
3.3 Die Übernahme der Krone
4. Exkurs: Was passierte mit den Prinzen im Tower?
5. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Umstände der Machtübernahme durch Richard III. im Jahr 1483. Dabei steht nicht die moralische Bewertung des Charakters im Vordergrund, sondern die Analyse der politischen Handlungsspielräume und der taktischen Entscheidungen, die zur Usurpation des englischen Thrones führten.
- Politische Konstellationen nach dem Tod Eduards IV.
- Untersuchung des Konflikts zwischen Richard und der Familie Woodville
- Darstellung der Schritte zur Machtübernahme (Protektorat, Thronanspruch, Krönung)
- Kritische Auseinandersetzung mit der Tudor-Geschichtsschreibung und den Ricardians
- Diskussion um das Schicksal der Prinzen im Tower
Auszug aus dem Buch
3.2 Richards erster Schlag
Den neuen König erreichte die Nachricht vom Tod seines Vaters erst am 14. April in Ludlow in Wales, wo er sich unter der Aufsicht seines Onkels, Anthony Woodville, dem Earl von Rivers, befand. Am 24. April machten sie sich mit 2000 Mann im Gefolge auf den Weg nach London. Die Anzahl der Begleiter wurde vom Rat auf diese Summe reduziert, wohl in der Befürchtung einer zu großen militärischen Dominanz der Woodvilles in London. Rivers ging auf den Vorschlag Gloucesters ein, ihn und Buckingham in Northampton zu treffen, um gemeinsam nach London zu ziehen. Rivers schöpfte wohl keinen Verdacht und Richards Motive waren völlig unvorhersehbar. Noch Tage zuvor hatte er Briefe an die Königin geschrieben, in denen er seine volle Loyalität dem neuen König gegenüber versicherte.
Das Aufeinandertreffen von Rivers und seinem Gefolge mit Gloucester und Buckingham am 29. April in Stony Stratford wird während des gemeinsamen Abendessens als ausgesprochen freundlich geschildert. Am nächsten Morgen jedoch wurden Rivers und einige seiner Vertrauten festgenommen, unter dem Vorwand, sie hätten eine Verschwörung gegen Gloucester geplant. Dieser nahm nun den jungen König Eduard in seine Obhut. Buckingham und Gloucester wussten wahrscheinlich um die militärische Stärke der Begleitung Rivers, so dass sie sich ebenfalls ausreichend militärisch ausstatteten und Gegenwehr verhindern konnten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die kontroverse Wahrnehmung Richards III. und definiert das Ziel der Arbeit, die politischen Handlungsspielräume abseits moralischer Vorverurteilungen zu untersuchen.
2. Methodische Vorbetrachtungen: Dieses Kapitel stellt die Forschungslinien, insbesondere den Gegensatz zwischen Tudor-Geschichtsschreibung und Ricardians, vor und kontextualisiert die historische Ausgangslage.
3. Die Usurpation des Thrones: Hier werden die konkreten Etappen der Machtübernahme, angefangen bei der politischen Instabilität nach Eduards Tod bis zur offiziellen Krönung Richards III., detailliert dargelegt.
4. Exkurs: Was passierte mit den Prinzen im Tower?: Der Exkurs beleuchtet die quellenkritische Problematik und die kursierenden Gerüchte um das Verschwinden der Prinzen, ohne eine endgültige Antwort zu erzwingen.
5. Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst zusammen, dass die Usurpation eine taktische Reaktion auf politische Druckverhältnisse war, die zwar kurzfristig erfolgreich, aber strategisch riskant und wenig weitsichtig blieb.
Schlüsselwörter
Richard III., Usurpation, England, Rosenkriege, Tudor-Geschichtsschreibung, Ricardians, Eduard IV., Prinzen im Tower, Protektorat, Politik, Machtübernahme, 1483, York, Woodville, Buckingham
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Machtübernahme des englischen Königs Richard III. im Jahr 1483 und analysiert die politischen Rahmenbedingungen dieser Usurpation.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Rolle der Familie Woodville, die Machtkonflikte nach dem Tod Eduards IV., die historische Einordnung der Tudor-Geschichtsschreibung und das bis heute ungeklärte Verschwinden der Prinzen im Tower.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das Handeln Richards III. anhand der politischen Gegebenheiten und Spielräume zu deuten, statt den Fokus primär auf moralische Wertungen zu legen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich auf eine quellenkritische Analyse zeitgenössischer Berichte und eine vergleichende Betrachtung moderner historiographischer Ansätze zum Thema.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Hinführung, die historische Kontextualisierung und eine chronologische Aufarbeitung der Usurpation in drei Schritten sowie einen Exkurs zu den Prinzen im Tower.
Welche Schlagworte charakterisieren das Werk?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Richard III., Usurpation, Rosenkriege, Quellenkritik und Politische Geschichte charakterisieren.
Inwiefern spielt die Familie Woodville eine Rolle bei der Usurpation?
Die Woodvilles werden als treibende Kraft beschrieben, von der sich Richard III. bedroht fühlte, was ihn zu seinem Vorgehen gegen die Thronfolge und die Regentschaft motivierte.
Zu welchem Schluss kommt der Autor bezüglich der Strategie Richards III.?
Der Autor schlussfolgert, dass die Machtübernahme zwar taktisch geschickt vollzogen wurde, aus strategischer Perspektive jedoch unklug war, da sie die Stabilität des Königtums untergrub.
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- Benjamin Veser (Author), 2007, Die Usurpation des englischen Thrones durch Richard III. 1483, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88520