Literaturgeschichtlich lassen sich die Anfänge einer moralphilosophisch argumentierenden Kritik am höfischen Gesellschaftleben zeitgleich zur Entstehung eben jener Literatur verorten, die im Sinne eines auf Repräsentation und Untermauerung des eigenen Machtanspruchs ausgelegten, parallel zu religiösem Weltbild - und dem diesen stützenden christlichen Diskurs in lateinischer Sprache - verlaufenden Nebendiskurses mit eigenen ethischen Maßstäben, Tugendhierarchien sowie eigenen Leitbildern bzw. Idealfiguren entstand: auf antike Vorlagen und biblische Quellen zurückgreifend, entstehen im mittelalterlichen Fürstenspiegel antihöfische Argumentationstraditionen, deren kanonische Grundmuster bereits aus einem gewachsenen Bestand an Gemeinplätzen gegen die höfische Lebensform schöpfen können. Ziel der Kritik sind im 12. und 13. Jh. die Höflinge, denen Untugenden wie Ehrgeiz, Schmeichelei und Heuchelei angekreidet werden - eine Traditionslinie, deren Verlauf sich durch die Kanonisierung bis in die absolutistische Zeit nachzeichnen läßt.
In dieser Arbeit werden, exemplarisch anhand der hofkritischen Epigramme Logaus, die von Lessing und Ramler in eine von ihnen editierte, 1759 erschienene Ausgabe der Sinngedichte aufgenommenen wurden, Spuren moralphilosophischer Traditionslinien in der Argumentation nachgezeichnet sowie überprüft, ob das Gewicht ökonomisch begründeter Kritik im in der ersten Hälfte des 17. Jh - somit vor der von Kiesel benannten Paradigmenverschiebung - entstandenen Werk Logaus sich gegenüber ethisch-moralischer Distanzierung als innerhalb der 1759 vorgenommenen Auswahl unterrepräsentiert bezeichnen läßt, wobei die derzeit vorherrschende Einschätzung des überwiegend sprachlich-literarischen, nicht topisch-thematisch orientierten Interesses an Logau bei der Auswahl der Gedichte hinterfragt werden soll. Da dies den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde, unternimmt sie nicht den Versuch eines detaillierten Vergleichs zwischen Logaus im 17. Jahrhundert erschienenen hofkritischen Epigrammen als Gesamtausgabe mit der 1759 vorgenommenen Auswahl oder der Untersuchung einer damit einhergehenden möglichen Fokusverschiebung, sondern setzt rezipientenorientiert mit der Betrachtung der Lessingedition als dem der lesenden Öffentlichkeit gebotenem Bild direkt am Akt der Hinüberrettung der deutschsprachigen Hofkritik vom 17. in das 18. Jh. an.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Logau als Hofkritiker?
2. Die Edition von Lessing und Ramler: Lessings Beitrag
3. Logaus hofkritische Epigramme in der Edition von Lessing/Ramler
Fazit
Bibliographie
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die hofkritischen Epigramme von Friedrich von Logau, wie sie durch die Herausgeber Gotthold Ephraim Lessing und Karl Wilhelm Ramler im 18. Jahrhundert ediert und damit für die Nachwelt bewahrt wurden, um moralphilosophische Traditionslinien sowie die Relevanz dieser Literatur für die Zeit der Aufklärung zu analysieren.
- Historische Traditionslinien der Hofkritik vom 17. bis zum 18. Jahrhundert
- Die Rolle der Lessing-Ramler-Edition als Instrument der literarischen Hinüberrettung
- Analysen ausgewählter Epigramme Logaus zu Themen wie Höflingswesen und Herrscherlob
- Wechselspiel zwischen moralisch-ethischer Kritik und ökonomischen Aspekten
Auszug aus dem Buch
3. Logaus hofkritische Epigramme in der Edition von Lessing/Ramler
Der Traditionslinie hofkritischer Literatur folgend, welche "als thematisches Zentrum die negativen Eigenschaften derer, die am Hof des Herrschers dienen oder ihr Glück zu machen versuchen", treten auch in Logaus hofkritischen Epigrammen der Höfling und der Hofdiener als das häufigste Topos, das am schärfsten kritisierte Personal auf.
Bezichtigt das Epigramm "Ja" den Höfling der törichten Rede nach dem Mund des Machthabers und reiht es in die gesellschaftssatirische, Hoflaster anprangernde Kritik ein, für die bei Hof "die eigene Persönlichkeit deformiert (wird) durch den Zwang zu Anpassung (...), zur sklavischen Unterwerfung unter den Willen des Fürsten":
Viel Sprachen reden können steht einem Hofmann an - Wer, was der Esel redet, der ist am besten dran.
so richtet sich "Hofe-Gedächtniß" gegen den Hang zur üblen Nachrede am Hofe und beklagt die rufschädigende fehlende Relation zwischen der Erinnerung an Gelungenes und Verfehltes:
Was man an den Höfen fehlet, Das wird lange da gezählet: Morgen denkt man kaum daran, Was man heute wohl gethan.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung verortet die Anfänge der moralphilosophischen Hofkritik historisch und beleuchtet deren Entwicklung und Kanonisierung bis hin zur absolutistischen Epoche.
1. Logau als Hofkritiker?: Dieses Kapitel diskutiert die Schwierigkeit, Logau eindeutig als Hofkritiker zu klassifizieren, und setzt sich mit der Verschränkung von Panegyrik und Kritik in seinem Werk auseinander.
2. Die Edition von Lessing und Ramler: Lessings Beitrag: Der Fokus liegt hier auf den persönlichen und editorischen Beweggründen Lessings, Logaus Sinngedichte herauszugeben und dabei den "Epigrammatist" vor dem Vergessen zu bewahren.
3. Logaus hofkritische Epigramme in der Edition von Lessing/Ramler: Hier wird anhand konkreter Textbeispiele analysiert, wie Logau den Höfling als korruptes oder inkompetentes Subjekt darstellt und wo die Grenzen der hofkritischen Epigrammatik verlaufen.
Fazit: Das Fazit stellt fest, dass Lessing und Ramler mit ihrer Auswahl eine breite und vielgestaltige Präsentation Logaus gelangen, die den Übergang der hofkritischen Traditionslinie ins 18. Jahrhundert maßgeblich stützte.
Bibliographie: Dieses Verzeichnis listet die verwendete Primär- und Sekundärliteratur zur Arbeit auf.
Schlüsselwörter
Hofkritik, Friedrich von Logau, Gotthold Ephraim Lessing, Karl Wilhelm Ramler, Sinngedichte, Epigramme, Aufklärung, Moralphilosophie, Höflingswesen, Herrscherlob, Literaturgeschichte, Editionsarbeit, Sozialgeschichte, absolutistische Zeit, Topos.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Rezeption und editorische Aufbereitung der hofkritischen Epigramme von Friedrich von Logau durch Lessing und Ramler im 18. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die literarische Tradition der Hofkritik, die editorische Praxis des 18. Jahrhunderts und die Analyse von Logaus Sinngedichten hinsichtlich ihrer Kritik am höfischen Leben.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, nachzuzeichnen, wie Lessing und Ramler durch ihre Edition eine moralphilosophische Traditionslinie der Hofkritik in das 18. Jahrhundert retteten und wie diese Auswahl den zeitgenössischen Blick auf Logau prägte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die philologische Untersuchungen mit der Betrachtung von historisch-sozialen Kontexten der Hofkritik verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Prüfung der Rolle Logaus als Hofkritiker, die Analyse von Lessings editorischen Motiven sowie die detaillierte Untersuchung hofkritischer Epigramme in der Lessing-Ramler-Edition.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Wichtige Begriffe sind Hofkritik, Logau, Lessing, Epigrammatik, Aufklärung und moralische Argumentationstraditionen.
Wie unterscheidet sich Logaus Kritik in dieser Edition von anderen zeitgenössischen Autoren?
Im Vergleich zu anderen Autoren wird bei Logau eine spezifische Verschränkung von moralischer Kritik und ökonomischen Motiven deutlich, die trotz der moralistischen Tradition die politische Dimension seiner Satire hervorhebt.
Welche Rolle spielt die "Hofhund"-Metaphorik in den analysierten Texten?
Die Metaphorik dient dazu, das Verhalten des Höflings als undankbar und nutzlos gegenüber dem Fütternden, also dem Herrscher, darzustellen, wobei Logau hier oft eine Perspektive wählt, die die höfische Ordnung als solche intakt lässt.
- Citar trabajo
- Anna Panek (Autor), 2008, Hofkritik des 17. und 18. Jahrhunderts anhand der Sinngedichte Friedrichs von Logau in der Edition von Lessing und Ramler, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88617