Welche Bedeutung haben Geschlechtskonstruktionen für die Erwachsenenbildung?


Diplomarbeit, 2007
86 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung, Methoden und Forschungsziele
1.1 Thesen und Fragestellungen
1.2 Methodisches Vorgehen
1.2 Forschungsziele

2. Begriffsklärungen
2.1 Geschlecht
2.2. Geschlechtskonstruktionen
2.2 Gender Mainstreaming

3. Geschlechtsunterschiede in der organisierten Erwachsenenbildung
3.1 Der Status quo in der Erwachsenenbildung
3.1.1 Analyse der Weiterbildungsstatistik
3.1.1.1 Die Weiterbildungssituation bei Männern und Frauen
3.1.1.2 Andragogische Tätigkeitsfelder und die geschlechtsspezifische Verteilung innerhalb der Profession
3.2 Auswirkungen der Geschlechterungleichheit auf die Lehre
3.2.1 Geschlechtsspezifische Lernkulturen und bevorzugte Themen- gebiete
3.2.2 Geschlechtsspezifische Lehrkulturen und zielführende Semi- nargestaltung
3.3 Geschlechterrollen und Rollenverteilung in Lernumgebungen

4. Ziele einer genderkonstruktivistischen Didaktik
4.1 Didaktische Ansätze und ihre Einflussnahme auf die Geschlechtskonstruktion
4.1.1 Geschlechtsspezifische Didaktik: erforderliche Anpassung oder hemmendes Moment
4.1.2 Möglichkeiten einer neuen didaktischen Konzeption
4.2 Grenzen der Umsetzung
4.2.1 Finanzierbarkeit
4.2.2 Politischer und fachlicher Rückhalt
4.2.3 Bisherige Entwicklung und Ausblick

5. Schlussgedanken
5.1 Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse
5.2 Reflexion und Kritik der Ergebnisse
5.3 Weitere Forschungsmöglichkeiten auf dem Gebiet

6. Literaturverzeichnis

1. Problemstellung, Methoden und Forschungsziele

Diese Arbeit hat Geschlechtskonstruktionen zum Thema. Sie soll aufzeigen, was Geschlechtskonstruktionen sind und welche Bedeutung sie für die Erwachsenenbildung haben.

Grundlagen des Konstruktivismus, Erkenntnisse aus der Geschlechterforschung, Erhebungsdaten, Persönlichkeitstheorien und andragogische Praxiserfahrungen sind dabei bedeutsam, um zu innovativen Schlüssen und neuen Ideen für die andragogische Praxis zu gelangen.

1.1 Thesen und Fragestellungen

Im Rahmen dieser Arbeit wird insbesondere der Frage nachgegangen, wie das Geschlecht sozial konstruiert wird, inwieweit Lernpräferenzen oder Begabungen von diesen Geschlechtskonstruktionen abhängig sind, und was diese wiederum für den Einzelnen im Berufsleben bedeuten. Insbesondere sollen Geschlechtskonstruktionen im Kontext der Erwachsenenbildung untersucht werden. Zunächst soll der Status quo in der Andragogik dargestellt werden. Zu klären ist dabei, wer was nachfragt, womit sich diese Nachfrage begründen lässt und welche Verbesserungsmöglichkeiten sich daraus ableiten lassen. Auch werden verschiedene didaktische Konzepte vorgestellt und auf ihre Brauchbarkeit hinsichtlich geschlechtsrelevanter Aspekte hin untersucht.

Im zweiten Kapitel sind Fragen danach wie die Konstruktion von Geschlechtlichkeit vor sich geht zentral. Es wird der Bezug zu psychologischen, soziologischen und erziehungswissenschaftliche Theorien hergestellt und geklärt, welche Bedeutung der Begriff der Geschlechtkonstruktion in der jeweiligen Disziplin hat. Hier sollen Faktoren aufgezeigt werden, die bei der Konstruktion von Geschlecht auf das Individuum einwirken. Ein weiterer Punkt entfällt auf die Begriffsklärung des Konzepts des Gender Mainstreaming, welches im Kontext von Geschlechtskonstruktionen in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen hat.

Das dritte Kapitel soll darlegen, wie sich geschlechtsspezifische Lernpräferenzen erklären lassen. Diese untersuchten Lernpräferenzen der Einzelnen können möglicherweise Auswirkungen auf ihre Chancen am Arbeitsmarkt und für ihre Autonomie im Privatleben haben. Zusätzlich wird geklärt, wie ein Erwachsenenbildner konkreten Einfluss auf die Gruppe der Teilnehmer ausüben kann, und somit auf die Geschlechtsrollen oder die Rollenverteilung innerhalb der Gruppe einwirken kann. Dabei stellt sich die Frage, ob eine derartige Einflussnahme überhaupt legitim ist.

Die Fragestellungen im vierten Kapitel befassen sich mit didaktischen Konzepten und der praktischen Erwachsenenbildung. Dargelegt werden didaktischen Konzepte, welche die Zufriedenheit, das Selbstbewusstsein und die Lernbereitschaft der Individuen fördern. Ferner soll herausgefunden werden, wie durch eine angepasste Didaktik die Chancen von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt optimiert werden könnten. Fraglich ist, ob Geschlechtsrollen und Arbeitsteilung oder eine Aufweichung der Geschlechtrollen und deren Dekonstruktion zum besten Ergebnis führen würden. Denn Arbeitsteilung und Dekonstruktion der Geschlechterrollen schließen einander aus. Es soll herausgefunden werden, ob eine moderat konstruktivistische Sichtweise des Lehr- und Lernverhaltens in der Erwachsenenbildung am besten geeignet ist, um mit Geschlechtskonstruktionen und deren Auswirkungen im Alltag umzugehen.

Denn um die Lehre zu verbessern, müsste das individuelle und gruppendynamische Rollenverhalten verstanden werden. Um diesem Ziel näher zu kommen, soll die Konstruktion des Geschlechts bewusst werden. Auf diese Art und Weise kann ihre Wahrnehmung in der Realität nachvollzogen werden.

Um einen Ansatzpunkt der Untersuchung zu haben, wird von folgenden Thesen ausgegangen:

1. Die Konstruktion von Geschlechtlichkeit ist ein stabilisierender Faktor für das Individuum und die Gesellschaft.

Ein Individuum sollte in sich gefestigt sein und seine Geschlechtskonstruktion begreifen, um handlungsfähig zu sein. Eine stabile Gesellschaft benötigt autonome, mündige und somit handlungsfähige Mitglieder. Zumindest in einem demokratischen Kontext sind Autonomie und Mündigkeit der Individuen unterlässlich.

Geschlechtsstereotype dienen der Orientierung des Einzelnen und der Komplexitätsreduktion. Umso dynamischer eine Gesellschaft ist, desto handlungs- und anpassungsfähiger müssen ihre Individuen sein. Durch eine derartige Komplexitätsreduktion, wird die Handlungsfähigkeit der Einzelnen in einer dynamischen und schnelllebigen Gesellschaft gewährleistet, ohne die Stabilität der Gesellschaft an sich zu gefährden. Bei wechselnden Rahmenbedingungen des Lern- und Lehrverhaltens müssten jedoch die Rollenbilder stetig überprüft werden, um Lernerfolge zu gewährleisten.

2. Lernpräferenzen der Geschlechter sind ein Ergebnis der Geschlechtskonstruktion.

Ein Beispiel dafür ist die Segregation am Arbeitsmarkt, die die Theorie vom weiblichen Arbeitsvermögen erklärt. Frauen entwickeln dieser Theorie zufolge Fähigkeiten wie Empathie, Intuition, Fürsorglichkeit etc., die sie in hausarbeitsnahen Tätigkeiten, wie Sozial- und Pflegeberufen oder hauswirtschaftlichen Beschäftigungsformen, am besten mit einbringen können (vgl. Engler, 5 f.). Die unterschiedliche Sozialisation von Männer und Frauen ist ursächlich für die Konstruktion des Geschlechts wie auch für die Ausbildung von Lernpräferenzen. Es ließe sich ableiten, dass umso „weiblicher“ eine Frau sozialisiert wurde, desto eher sie zu den eben genannten Arten der Tätigkeiten tendiert. Ein Mann dagegen gilt als umso „männlicher“ sozialisiert, umso eher er zu strikt männlich kategorisierten Berufen oder den sogenannten Hard Sciences tendiert. Also lässt sich folgern, dass Lernpräferenzen ein Ergebnis der Geschlechtskonstruktion sind.

3. Didaktische Möglichkeiten können eine viable Geschlechtskonstruktion unterstützen und die Zufriedenheit, die Einsetzbarkeit am Arbeitsmarkt und die Autonomie des Individuums steigern.

Viabel wird hier im konstruktivistischen Sinne als passend oder geeignet verstanden. Die Zufriedenheit, Einsetzbarkeit am Arbeitsmarkt und die Autonomie hängt vom Grad der Selbstverwirklichung des Individuums ab.

Macha (2004, 26 f.) hat festgestellt, dass hochbegabte Mädchen in Bezug auf das Erkennen, Fördern und die Nachhaltigkeit ihrer Talente im Nachteil gegenüber hochbegabten Jungen sind. Die Begabungen der Mädchen fallen weder so deutlich noch so früh auf, wie die fähiger Jungen. Sie verhalten sich eher angepasst, während Jungen, die hochbegabt sind eher auffallen.

Hinzu kommt, dass derartig herausragende Mädchen meist über ein höheres Interessenspektrum verfügen und die Begabung somit leichter verwischt. Auch kann die Befähigung verschwinden, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt worden ist.

Um jedoch die Eignungen rechtzeitig zu erkennen und sie zu fördern, müssen didaktische Möglichkeiten genutzt werden, bei denen es möglichst leicht fällt Talente richtig einzuschätzen. Denn nur wenn alle Beteiligten ihren Begabungen gemäß gefördert werden, können sie eine angemessene Rolle in persönlichen Beziehungen und in der Gesellschaft finden.

Eine viable Geschlechtskonstruktion kann das Selbstbewusstsein eines Individuums fördern und somit auch dessen Bewusstsein bezüglich seiner Begabungen und Talente. Wenn diese Fähigkeiten erkannt und umgesetzt werden, kann sich das Individuum selbst verwirklichen und gelangt somit zu Zufriedenheit, Autonomie und einer geeigneten Position im Berufsleben.

1.2 Methodisches Vorgehen

Diese Arbeit setzt Forschungsmethoden ein, die sowohl qualitativer als auch quantitativer Natur sind.

Psychologische, soziologische und feministische erziehungswissenschaftliche Theorien werden mit den empirischen Daten und anschließend mit didaktischen Theorien konfrontiert. Anhand der eben genannten Theorien werden die Thesen und Fragestellungen untersucht. Die didaktischen Theorien die herangezogen werden, werden ausgelegt und auf die Genderproblematik hin untersucht und beurteilt. Dabei werden sowohl die Theorien zur Geschlechtkonstruktion herangezogen, als auch die empirischen Daten zur Begründung. So lassen sich Ansatzpunkte für eine neue Konzeption finden.

Bei den in dieser Arbeit einfließenden Daten handelt es sich um Sekundärstatistiken. Insbesondere Daten aus dem Berichtsystem Weiterbildung IX (2005) werden dabei herangezogen. Da die Daten bei der Erhebung nach Geschlecht aufgegliedert wurden, eignen sie sich um die Weiterbildungsbeteiligung von Männern und Frauen zu untersuchen.

Laut Mikula/ Felbinger (2004, 600) ist gerade die Hermeneutik eine geeignete Erkenntnismethode, neben den empirischen Forschungsmethoden, um die Konstruktion von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen sichtbar zu machen.

In dieser Arbeit sollen bislang allgemeine didaktische Konzeptionen exemplarisch herangezogen und mit hermeneutischen Methoden auf ihre Vor- und Nachteile im Bezug auf Geschlechtskonstruktionen hin untersucht werden. Diese didaktischen Ansätze wurden anhand praktischer Umsetzungsabsichten ausgewählt. Sie sollten eine analytische Planungsweise ermöglichen, zudem eine innovative Bildungspraxis und geschlechtsrelevante Aspekte angehen. Die Auswahl erfolgte aus dem breiten Pool der bekannten didaktischen Ansätze.

Zunächst wird hierfür das Berliner Modell nach Heimann, Otto und Schulz (1962) eingeführt und einer moderaten konstruktivistischen Didaktik nach Dubs (1995) gegenübergestellt. Diese beiden geschlechtsneutralen Ansätze sollen dabei mit der Genderproblematik konfrontiert werden, indem die geschlechtsgerechte Didaktik nach Derichs-Kunstmann (1999) mit einbezogen wird. Sowohl gesellschaftliche Aspekte, Gesichtspunkte der Lernumgebung als auch individuelle Auffassungen finden in die Untersuchung Eingang.

Das hermeneutische Vorgehen folgt den drei Phasen der Textinterpretation von Danner (1989, 94 ff.). Hierbei gibt es die Phase der vorbereitenden Interpretation, die Phase der textimmantenten Interpretation und die Phase der koordinierenden Interpretation.

Die Phase der vorbereitenden Interpretation stellt die Geschlechtskonstruktionen und die Geschlechtertheorien dar. Auch das Vorstellen der didaktischen Ansätze ist dieser Phase zuzuordnen.

Bei einer sich anschließenden Phase der textimmanenten Interpretation zeichnet werden die theoretischen Gerüste daraufhin untersucht, an welcher Stelle geschlechtsrelevante Fragestellungen auftreten und was sie für die Theorie als Ganzes bedeuten.

Die Phase der koordinierenden Interpretation dient dem Vergleich der Geschlechtstheorien und der didaktischen Ansätze in Bezug auf die untersuchten Fragestellungen.

Ziel dieser Untersuchung ist es herauszufinden, wo Schwächen dieser Konzeptionen bei ihrer Durchführung im Hinblick auf genderrelevante Fragestellungen auftreten, und durch welche Anpassungen diese sich beheben lassen. Mit Hilfe dieser Erkenntnisse sollte es möglich sein eine didaktische Konzeption zu schaffen, die die Stärken unterschiedlicher Konzeptionen miteinander vereint und mögliche Schwachpunkte ausklammert.

Laut Bramberger und Forster (2006, 500) bedeutet reflexives wissenschaftliches Arbeiten immer auf zwei Ebenen zu operieren. Zum Einen soll der Gegenstand der wissenschaftlichen Arbeit analysiert werden und zum Anderen das Verfahren der Analyse einer Analyse unterzogen werden, um die etwaige Voreingenommenheit des Autors zu erkennen.

Die Reflexion dient der Ergebniskontrolle. Die Ergebniskontrolle erfolgt zum einen dadurch, dass die Thesen mit empirischen Daten konfrontiert werden. Des Weiteren werden die eigenen Vorschläge und Ideen auf die Grenzen ihrer Umsetzung hin überprüft. Die Finanzierbarkeit, der politische und fachliche Rückhalt und die bisherigen Entwicklungen auf dem Gebiet gehen dabei in die Betrachtung mit ein.

Abschließend wird die Gesamtheit der Ergebnisse nochmals reflektiert.

1.3 Forschungsziele

Im Rahmen dieser Arbeit soll herausgefunden werden, was Geschlechtskonstruktionen und Gender Mainstreaming für die Erwachsenenbildung in den Institutionen bedeuten.

Dabei steht diese Arbeit in der Tradition der emanzipatorischen Pädagogik, die beschreiben, begründen und verändern möchte.

Die Chancen und Grenzen andragogischer Tätigkeiten im Bezug auf Geschlechtsrollen und deren Konstruktion sollen aufgezeigt werden.

Das wichtigste Ziel ist die Verbesserung der Lehre durch das Verständnis von individuellem und gruppendynamischem Rollenverhalten.

Auf diese Art und Weise soll herausgefunden werden, welche Art von Veränderungen sinnvoll und realisierbar ist und wie der Lerner oder die Lernerin am ehesten durch die entsprechende Maßnahme profitieren kann.

Um sich dieser Zielsetzung zu nähern, werden nun zunächst zentrale Begrifflichkeiten erklärt, die zum Verständnis von Geschlechtskonstruktionen relevant sind.

2. Begriffsklärungen

Dieses Kapitel wird aufzeigen, wie die Konstruktion von Geschlecht in diversen Disziplinen verstanden wird. Es führt die Begriffe des Geschlechts sowie den Begriff der Geschlechtskonstruktion und das Konzept des Gender Mainstreaming ein.

2.1 Geschlecht

Die Frage was Geschlecht eigentlich ist, kann unter zwei Gesichtspunkten betrachtet werden: Geschlecht als biologische und Geschlecht als soziale Kategorie.

Die biologische Kategorie (lat. sexus; engl. sex), unterscheidet primäre und sekundäre und tertiäre Geschlechtsmerkmale.

Relevant in diesem Kontext sind die tertiären Geschlechtsmerkmale. Diese benennen das Geschlecht als soziale Kategorie (lat. genus; engl. gender). Darunter sind die psychischen und kulturspezifischen sozialen und sich im Verhalten zeigenden Geschlechtsmerkmale zu verstehen. Die tertiären Geschlechtsmerkmale sind starken kulturellen Unterschieden und Schwankungen unterworfen. Beispiele für tertiäre Geschlechtsmerkmale sind geschlechtsspezifische Kleidung, Familienrollen oder Berufswahl (vgl. Encarta 2003, Sexualität (Biologie)). Deswegen spricht man auch von Geschlechtszuschreibung.

2.2. Geschlechtskonstruktionen

Der Begriff der Geschlechtskonstruktion ist in der Psychologie in verschiedenen Kontexten klar umrissen.

Die Geschlechtsidentität als wichtiger Teil der Persönlichkeit baut auf einem geschlechtsbezogenem Selbstkonzept auf.

Sowohl die Selbstwahrnehmung als auch die Wahrnehmung und Behandlung durch andere orientiert sich dabei in erheblichem Maße an den sozialen Geschlechterkategorien. Sie liefern den Maßstab für den Grad der Übereinstimmung mit bzw. der Abweichung von den kulturell vorherrschenden Geschlechtsstereotypen.“ (Oerter/ Montada 2002, 651)

Zu Beginn der 1980er Jahre entstanden kognitive Ansätze um den Begriff des „Geschlechtsschemas“ nach Carol Lynn Martin und Charles R. Halverson, Jr. (vgl. Oerter/ Montada 2002, 671 f.).

Im Laufe der Entwicklung bauen sich Geschlechtsschemata auf, die von der eigenen Geschlechtstypisierung und der Informationen über die Unterschiede zwischen den Geschlechtsgruppen abhängig sind. Einmal vorhanden, werden diese Geschlechtschemata zu einer Art Filter, speichern weitere eingehende Informationen und steuern das eigene Verhalten schemakonform. Es handelt sich um einen aktiven Konstruktionsprozess. Welche Inhalte in das Geschlechtsschema aufgenommen werden, ist von der Art und dem Grad der Geschlechterdifferenzierung in der sozialen Umwelt bestimmt.

Das eigene Selbstkonzept wird so sukzessive an das jeweils gegebene Geschlechtsschema angeglichen.

Halverson und Martin (1981, 1121) unterscheiden zwei Arten von Schemata: ein allgemeines Schema von männlich und weiblich (overall ingroup-outgroup schema) und ein spezifisches Schema des eigenen Geschlechts (own-sex schema).

Eine Geschlechtskonstruktion stellt in diesem Sinne ein selbstgeschaffenes Schema des eigenen Geschlechts dar, welches durch diesen aktiven Konstruktionsprozess entstanden ist. Das Individuum hat sich angepasst und in einem unbewussten Prozess das eigene Selbstkonzept verändert.

Lawrence Kohlberg geht ebenfalls von einer Konstruktion der Geschlechtlichkeit aus. Bei Kohlberg vollzieht sich die Entwicklung der Geschlechtsidentität in drei Schritten:

1. Selbstkategorisierung des eigenen Geschlechts durch den Vergleich der eigenen Person mit geschlechtstypischen Merkmalen anderer Personen im Alter von zwei bis drei Jahren.
2. Mit dem Verständnis der Geschlechtskonstanz kommt es zur aktiven geschlechtsbezogenen Informationssuche und dem Wunsch sich entsprechend der Geschlechtsnorm zu verhalten.
3. Es kommt zu einer selektiven Nachahmung gleichgeschlechtlicher Modelle und zur Identifikation mit diesen (vgl. Oerter/ Montada 2002, 671).

Auch diese Theorie erklärt die Konstruktion der Geschlechtidentität in der Kindheit und Jugend. Diese ist wichtig für das Finden der Geschlechtsrolle des Individuums und seine Sozialisation. Denn die Rolle der sozialen Umwelt besteht darin, Informationen bereit zu stellen, was es bedeutet männlich oder weiblich zu sein, und Anreize zu liefern, sich dementsprechend konform zu verhalten. Evolutionäre Bedeutungen der Geschlechterkategorien und damit zusammenhängende Lernbereitschaften erleichtern diese Prozesse (vgl. Oerter/ Montada 2002, 673).

In der Soziologie wird der Begriff der Geschlechtskonstruktion aus anderer Perspektive rezipiert:

Um Geschlechtskonstruktionen zu verstehen, ist es hilfreich die Unterschiede der Geschlechter in ihrer Lebenswelt verstehen. Die Soziologie befasst sich mit Ansätzen, die „gemachte Ungleichheit“ erklären, also die Ungleichheit, die von der Umwelt auf das Individuum wirkt. Es entstehen sozial konstruierte Problematiken, denen die Individuen – je nach Umfeld – in unterschiedlichem Maße ausgesetzt sind.

Ungleichheiten der Geschlechter treten immer wieder auf: mal als Vorurteil und mal als Realität; diese Zweiteilung äußert sich in der symbolischen Geschlechterordnung, die beiden Geschlechtern zugewiesen wurde und die sich bis ins akademische Milieu auswirkt:

„Männlichkeit repräsentiert Geistigkeit und Kultur, während die Natur und der Körper als ‚weiblich’ codiert wurden – eine Zuordnung, die sich bis weit in die Moderne hinein fortgesetzt hat und noch heute prägend bleibt für die Art, wie über ‚weibliche Irrationalität’, Unberechenbarkeit und davon abgeleitet ‚Unwissenschaftlichkeit’ gesprochen wird (…) Die ‚traditionelle’ Dichotomie Kultur versus Natur wurde in der Wissenschaft der Moderne zunehmend durch eine Spaltung in Natur- und Geisteswissenschaften überlagert (…) gelten doch die Naturwissenschaften einerseits als hard sciences andererseits aber auch als vornehmlich ‚männliche Fächer’, während die Geisteswissenschaften gerne als ‚weiblich’ gehandelt werden“ (Braun/ Stephan 2005, 7).

Obwohl Mädchen und Frauen der Bildungs- und Hochschulzugang uneingeschränkt gewährt wurde bestehen die bisherigen Hierarchien weiter. Die Geschlechtskonstruktionen spiegeln sich im Arbeits- und Berufsfeld wider und sind ursächlich in der Sozialisation begründet.

Mit der Arbeitsteilung der Geschlechter setzten sich in den letzten Jahrzehnten zwei Theorieströmungen kontrovers auseinander: Die neuere marxistische Forschung und das Modell der New Home Economics (vgl. Beer 1990, 29 ff.). Des Weiteren lassen sich noch Ansätze des Strukturfunktionalismus, funktionalistisch-materialistische Theorien, dualistische Theorien sowie die Theorie des weiblichen Arbeitsvermögens unterscheiden.

Das Modell der New Home Economics, mit ihrem wichtigsten Vertreter Gary S. Becker, geht von einer Geschlechtsspezifik familialer Arbeitsteilung aus. Sowohl in der biologischen Geschlechterdifferenz, als auch in unterschiedlichen Erfahrungen und Humankapitalinvestitionen wird die Ursache von Geschlechterungleichheiten vermutet. Frauen und Männer investieren in unterschiedliche Typen von Humankapital, häusliches und berufliches; beide maximieren ihren individuellen Nutzen durch eine spezifische Ressourcenallokation, die dann optimal ist, wenn sie unter gegebenen Rollenerwartungen ihre besonderen Fähigkeiten extensiv nutzen (vgl. a. a. O. 34 f.).

Der Strukturfunktionalismus nach Talcott Parsons geht von ähnlichen Annahmen aus: Ungleichheiten von Mann und Frau resultieren aus der funktionalen Notwendigkeit einer Reproduktion des sozialen Systems. Aus Parsons Sicht ist die Stellung der Frau in der Gesellschaft durch zwei Annahmen bestimmt:

1. Das Bestehen einer Rangordnung ist für eine arbeitsteilige Gesellschaft notwendig.
2. Die familiäre Organisation, die für die Reproduktion der Gesellschaft notwendig ist, erlaubt nicht, dass Rangunterschiede in die Familie hineingetragen werden. Wenn beide Elternteile in gleichem Maße um beruflichen Status konkurrierten, könnten sich ernste Spannungen in Bezug auf die Solidarität der Familieneinheit ergeben.

Männern wie Frauen werden klare Rollen zugewiesen: Die Männer sind dafür zuständig, wie der soziale Zusammenhang produziert wird und wie ihre Familien daran teilhaben, während die Frauen auf die Reproduktion der Gesellschaftsangehörigen im Rahmen der Kleinfamilie festgelegt sind (vgl. Cyba 2000, 17 f.). Geschlechtskonstruktionen resultieren aus der Festlegung auf Geschlechterrollen im Rahmen der Sozialisation.

Eine funktionalistisch-materialistische Theorie nach Chafetz erklärt die Ungleichheit der Geschlechter und auch die Frauenbenachteiligung mit der Hypothese, dass es „Frauen nirgends gelungen ist, die Tätigkeiten in den produktiven und öffentlichen Bereichen zu monopolisieren“ (Cyba 2000, 20). Geschlechtskonstruktion bedeutet hier die Fügung in machtpolitische Verhältnisse.

Im Gegensatz zum Modell der New Home Economics, welches auf der neoklassischen Wirtschaftslehre basiert, und ihrer Akzentuierung der individuellen Nutzenskalküle stellt die marxistische Theorie einen Erklärungsansatz gesamtgesellschaftlicher Produktion und Reproduktion zur Verfügung, die in der sogenannten „Hausarbeitsdebatte“ kontrovers diskutiert wurde. Eine Quantifizierung der Hausarbeit ist hierbei unmöglich. Die Familie ermöglicht im Wirkungsgefüge des Lohnarbeitsverhältnises die Kanalisierung der Sexualität durch die Ehe, die Umverteilung von Einkommen und Konsumtion und dient als Ort der Sozialisation und Regeneration (vgl. Beer 1990, 40 ff.). Berufstätige Frauen erscheinen nach diesem Modell sowohl als Opfer des Patriarchats als auch als Opfer des Kapitalismus. Auch hier ist die Geschlechtskonstruktion der Rahmen der durch Geschlechterrollen vorgegeben wird. Beide Ansätze gehen nicht von der aktiven Konstruktion von Gesellschaft aus, sondern von der Fügung in Zwänge.

An diesem Punkt setzen dualistische Theorien ein, die davon ausgehen, dass Frauen durch die kapitalistische Wirtschaftsweise und durch das Patriarchat in ein doppeltes Abhängigkeitsverhältnis geraten sind. „Die persönlichen Abhängigkeiten wirken zusammen mit den Benachteiligungen und Diskriminierungen in der Produktionssphäre gleichsam in kumulativer Weise auf die Frauen“ (Cyba 2000, 55).

Der Begriff des Patriarchats hat unterschiedliche Bedeutungen. Bedeutsam in diesem Zusammenhang ist der ‚Sekundärpatriarchalismus’. Dieser bildet sich nach der Bauernbefreiung aus. Innerhalb einer Familie werden Autoritätsverhältnisse, die strukturell denen des Patriarchalismus entsprechen etabliert. Durch die Verfügung über Geld aus der Vermarktung von Arbeitskraft konnten Männer Macht auf ihre Ehefrauen ausüben. Laut Beer (1990, 249 f.) verfügen Frauen stets über geringeres Einkommen, da sie soziale Schließungsprozesse nur in untergeordneten und schlecht bezahlte Positionen arbeiten lassen. Diese Tendenz hat sich bis zum heutigen Tage fortgesetzt, in der Familie und im Berufsleben. Geschlechtkonstruktionen zeichnen sich hier also insbesondere durch die Ungleichheit der Geschlechterrollen und die Auswirkungen dieser Ungleichheit auf die Lebenswelt aus. Durch eine Fortführung traditioneller Sozialstrukturen in die Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft hat eine erneute Konstruktion der Geschlechterrollen nicht stattgefunden.

Auch die Theorie des „weiblichen Arbeitsvermögens“ von Elisabeth Beck-Gernsheim und Ilona Ostner greift die Unterschiede der Geschlechter auf, deutet die von Frauen in Familie und Beruf geleistete Arbeit als gleichwertige, aber andere Art von Arbeit. Frauen entwickeln auf Grund ihrer Lebensgeschichte Kompetenzen, die für ihre Wahl typisch weiblicher Berufe und für bestimmte Verhaltensweisen verantwortlich sind. Somit wird geschlechtsspezifische Segregation indirekt mit geschlechtsspezifischer Sozialisation erklärt (Lemmermöhle 2004, 240 f.).

Sozialstrukturell gibt es durchaus nachweisbare Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Trotz rechtlicher und formaler Gleichheit, kommen die Unterschiede doch noch vor allem in der Segregation am Arbeitsmarkt zu Tage. Der Unterschied der Geschlechtskonstruktionen wird hier anders dargestellt. Geschlechtskonstruktionen sind in der Theorie des weiblichen Arbeitsvermögens Kompetenzen, die ein Individuum aufgrund seiner geschlechtsspezifischen Sozialisation erworben hat und am Arbeitsmarkt einbringen kann (vgl. ebd.). Die Geschlechtkonstruktionen lassen sich also als fortgeführte, auf Sozialisation basierende kognitive Orientierung und somit Inwertsetzung eines Individuums verstehen.

Pierre Bourdieu (2005, 156 ff.) weist auf die Beobachtung hin, dass Töchter von arbeitenden Müttern höhere Karriereansprüche haben und dem traditionellen Frauenmodell weniger verhaftet sind. Und doch lässt sich auch in intellektuellen Berufen, wie eingangs erwähnt, eine am Geschlecht orientierte Arbeitsteilung feststellen.

Wenn auch mehr Mädchen als Jungen Abitur machen, so sind sie, laut Bourdieu, in den angesehensten und gefragtesten Fachrichtungen weit weniger und in den naturwissenschaftlichen nur ganz schwach vertreten, wogegen ihr Anteil in den literaturwissenschaftlichen zunimmt. An den medizinischen Fakultäten nimmt der Anteil an Frauen in einem Fach mit höherem Rang in der Fächerhierarchie ab. Die Struktur der Abstände bleibt demnach weiterhin bestehen. Frauen nehmen vor allem Positionen ein, die entweder bereits abgewertet oder in Abwertung begriffen sind. Dadurch kommt es zu einem Schneeballeffekt, denn umso mehr Frauen solche Positionen bekleiden, umso höher die Abwanderung der Männer. So verschleiert laut Bourdieu die formelle Gleichheit von Männern und Frauen, dass die Frauen bei gleichen Voraussetzungen stets die weniger lukrativen Positionen bekleiden – sie werden schlechter bezahlt, erhalten im Vergleich zu Männern bei gleicher Qualifikation niedrigere Positionen, sind stärker von Arbeitslosigkeit und prekären Arbeitsverhältnissen betroffen und werden in höherem Maße auf Teilzeitstellen verwiesen.

Frauen verdienen durchschnittlich 80 Prozent des Einkommens von Männern, wobei dieser Mittelwert länderspezifisch stark variiert. Außerdem sind in Ländern wie Deutschland neun Zehntel der Teilzeitstellen mit Frauen besetzt. Diese Umstände tragen dazu bei, dass auch entlohnt arbeitende Frauen von Altersarmut betroffen sind, während auf globaler Ebene von einer Feminisierung von Armut gesprochen wird (vgl. Jensen 2005, 150).

Da Männer auch in Frauenberufen auf den oberen Rängen dominieren (vgl. Teubner 1992, 47), so auch in der Sozialarbeit oder Erwachsenenbildung, geht man davon aus, dass Frauen von der Deregulierungspolitik und vom Sozialabbau stärker betroffen sein werden als Männer (vgl. Bourdieu 2005, 160; Jensen 2005, 147). Hier bedingen Geschlechtskonstruktionen, dass die Lebenswelt sich den sozialisationsbedingten Geschlechterrollen anpasst. Bei Bourdieu (2005, 111) sind Geschlechtskonstruktionen Eigenschaften, die geschlechtsbedingt variieren. Wenn Anpassungsvorgänge stattfinden, können diese Eigenschaften internalisiert werden und beeinflussen die Persönlichkeit des Individuums. Sofern eine Frau eine Position wirklich erfolgreich bekleiden will, müsste sie über eine Reihe von Eigenschaften verfügen, die ihre männlichen Konkurrenten gemeinhin mitbringen, eine bestimmte körperliche Statur, Stimme oder Dipositionen wie Aggressivität, Sicherheit im Auftreten, „Rollendistanz“, sogenannte natürliche Autorität, auf deren Ausbildung die Männer als Männer stillschweigend präpariert und trainiert worden sind.

Im Gefolge der neuen Frauenbewegung hat sich seit den 1970er Jahren in der Erziehungswissenschaft ein feministischer Diskurs- und Forschungszusammenhang herausgebildet, der seinen Ausgangspunkt bei Frauendiskriminierungen und Ungleichheiten im Sinne hierarchischer gesellschaftlicher Zuweisungen nahm.

Dabei spricht man häufiger von Frauenforschung in der Erziehungswissenschaft als von feministischer Erziehungswissenschaft. Es hat sich auch eine Männerforschung herausgebildet, die jedoch bislang nur marginale Bedeutung hat.

Die Frauenforschung wird in die zwei divergierenden Theorieströmungen eingeteilt: empirisch - sozialwissenschaftlich - historische und poststrukturalistisch orientierte Richtungen.

Die sozialwissenschaftlichen feministischen Theorien lassen sich in mikro- und makroanalytische Ansätze unterscheiden.

Die makroanalytischen Ansätze knüpfen an historisch-materialistische Theorietraditionen an, weisen auf die Verbindung von Kapitalismus und Patriarchat oder die Entstehung einer hierarchischen Arbeitsteilung hin (vgl. Krüger 2002, 153 f.). Dies wurde bereits an früherer Stelle in dieser Arbeit gezeigt als die marxistische Theorietradition, die hier den makroanalytischen Ansätzen zugeordnet wird, dem Modell der New Home Economics gegenübergestellt wurde.

Die mikroanalytischen Ansätze befassen sich mit der weiblichen Identität, wobei der Schwerpunkt von der radikalen Gleichheit auf die radikale Differenz verschoben wurde (vgl. Breger 2005, 51). Man spricht von den Benachteiligungssätzen, die eine Gleichstellung von Frauen und Männern fordern, und den differenztheoretischen Ansätzen, die nach der spezifisch weiblichen Selbstverwirklichung suchen.

Die poststrukturalistischen Theorieströmungen verfolgen das Ziel einer Dekonstruktion der binären Aufteilung von Menschen in weiblich und männlich. Geschlecht wird als soziale Konstruktion gesehen, d. h. die Zweigeschlechtlichkeit ist ein soziales Konstrukt, das durch Prozesse der Zuschreibung entsteht („doing gender“). Geschlecht wird nicht als Besitz konstruiert, sondern könnte situativ konkretisiert oder auch gewechselt werden (vgl. Krüger 2002, S. 156 f.). Hier ist der Begriff der Geschlechtskonstruktion also weiter als in den bisherigen Betrachtungen, d. h. Geschlecht wird hier stärker als Konstruktion des Individuums betrachtet. Es handelt sich also um eine weniger soziale, dafür aber individuellere Zuschreibung des Geschlechts. Folglich ist nicht nur die Geschlechtszuschreibung, sondern auch das Geschlecht selbst eine Konstruktion.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1.: Überblick über die feministischen Ansätze in der Erziehungswissenschaft[1]

In einem der wenigen systematischen Theorieentwürfen der feministischen Erziehungswissenschaft hat Annedore Prengel alle drei vorgestellten Positionen kritisiert und ein Konzept der egalitären Differenz und Vielfalt geschaffen (vgl. Krüger 2002, 157 ff.).

Sie kritisiert, dass mit dem Ziel der Gleichstellung von Frauen und Männern eine Assimilationspädagogik entstehen kann, bei der spezifisch weibliche Kompetenzen ignoriert werden. Die differenztheoretischen Ansätze dagegen idealisieren und werten Weiblichkeit höher als Männlichkeit und bleiben somit in hierarchischen Strukturen von Über- und Unterordnung verhaftet. Auch findet sie, dass die Theorien die Geschlecht als soziale Konstruktion sehen, die gesellschaftliche Bedeutung des symbolischen Systems der Zweigeschlechtlichkeit sowie die Notwendigkeit einer spezifischen Frauenpolitik übersehen.

Ihr Konzept folgt dem Grundsatz des Miteinanders der Verschiedenen, da sowohl die Ungleichbehandlung von Gleichen, als auch die Gleichbehandlung von Ungleichen ungerecht ist (vgl. Krüger 2002, 159).

Vor allem die poststrukturalistischen Ansätze sind für die Konstruktion von Geschlecht von Bedeutung, da sie eine individuelle, situativ abhängige Geschlechtskonstruktion erklären, die jeden Tag aufs Neue entstehen muss.

Geschlecht ist demnach nicht etwas was wir haben, sondern etwas was wir inszenieren, was wir tun. Diese komplexe Herstellung von Geschlecht in Interaktionen bleibt im alltäglichen Handeln unbemerkt und verläuft nahezu automatisch. Geschlechterunterscheidung lässt sich nicht auf „natürliche“ Differenzen zurückführen, sondern auf eine soziale Assymetrie der Geschlechter (vgl. Engler 1999, 14). „Doing gender“ erklärt die kulturelle und soziale Konstruktion von Geschlecht.

Insbesondere dieser Ansatz ist es, der im weiteren Verlauf dieser Arbeit, die Grundlage der Geschlechtskonstruktionen bildet, die in der Erwachsenenbildung untersucht werden sollen.

Zusammenfassend lassen sich die Theorien nach folgenden Gesichtspunkten unterscheiden:

Ein erstes Unterscheidungskriterium ist die aktive Rolle des Individuums bei der Konstruktion von Geschlecht. Diese aktive Rolle findet sich bei den psychologischen Ansätzen und dem Doing gender-Ansatz, während die übrigen Theorien meist von der Fügung in Zwänge ausgehen, die sozialisationsbedingt das Individuum formen.

Ein weiteres Unterscheidungskriterium ist wie die Konstruktion bewertet wird. Beispielsweise sehen die New Home Economics die Konstruktion der Geschlechtsrolle sowohl für die Gesellschaft als auch für das Individuum als passend und effizient an. Hier ist die Möglichkeit des Lernens nicht vorhanden. Die Geschlechtskonstruktionen sind stets optimal, da von dem individuellen Nutzenskalkül ausgegangen wird. Die Bewertung der Marxisten hingegen ist dagegen eher kritisch. Es wird Armut erzeugt und es bleibt kein Platz für die Selbstverwirklichung des Individuums. Auch die Tradierung präindustrieller Strukturen in die Industriegesellschaft ist bei den Marxisten ein hemmender Faktor für die Konstruktion des Geschlechts.

Als letztes Unterscheidungskriterium kann das Geschehen der Konstruktion herangezogen werden. Bei den Marxisten handelt es sich um die Tradierung sozioökonomischer Zwänge, während die übrigen Ansätze von der Überlieferung psychologischer oder sozialer Rollenbilder ausgehen.

Es bleibt nicht in allen Konzeptionen Platz für Lernen und somit für die Erwachsenenbildung. Fachwissen oder Bildung verändert die sozioökonomische Situation und damit sowohl die eigene Selbstwahrnehmung als auch den Umgang mit dem anderen Geschlecht.

Lernen und Erwachsenenbildung sind dort sinnvoll, wo die Rollenbilder und Zuschreibungen nicht zu einem individuellen und kollektiven Optimum führen, so wie es beim Modell der New Home Economics der Fall ist.

2.3 Gender Mainstreaming

Der Begriff des Gender Mainstreaming entwickelte sich im wissenschaftlichen Diskurs zu einem Schlagwort der Herstellung von Chancengleichheit im Berufsleben zwischen Männern und Frauen.

Marianne Weg definiert Gender Mainstreaming als „Integrierte Chancengleichheitspolitik als Aufgabe und Auftrag für alle“ (2001, 1; zit. n. Schmitt 2005, 61) und zum anderen als „Gleichstellung von Frauen und Männern als Gemeinschaftsaufgabe“ (ebd.). Gender Mainstreaming wird als ein politisches Konzept definiert, um die praktische Gleichheit von Mann und Frau im Berufsleben zu garantieren.

[...]


[1] vgl. Rapold 2004, S. 2

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Welche Bedeutung haben Geschlechtskonstruktionen für die Erwachsenenbildung?
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
86
Katalognummer
V88627
ISBN (eBook)
9783638029674
ISBN (Buch)
9783638927758
Dateigröße
1033 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Welche, Bedeutung, Geschlechtskonstruktionen, Erwachsenenbildung, Thema Erwachsenenbildung
Arbeit zitieren
Ursula Ebenhöh (Autor), 2007, Welche Bedeutung haben Geschlechtskonstruktionen für die Erwachsenenbildung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88627

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