So alt wie Die Blechtrommel ist die Debatte um die literaturhistoriographische Einordnung des Romandebüts von Günter Grass aus dem Jahr 1959. In Deutschland ein Skandalerfolg erlangte Die Blechtrommel auch in den USA Berühmtheit und stellte für den jungen Autor den internationalen Durchbruch dar. In Folge der rasch erworbenen Meriten des epischen Erstlingswerkes erschienen in Deutschland zahlreiche Artikel, Aufsätze und Dissertationen zur Blechtrommel. Darüber hinaus betraf die Thematik des Romans direkt den Prozeß der kulturellen Selbstverständigung und Identitätsfindung der jungen Bundesrepublik. Unter dem pragmatistisch – restaurativen Geist der Adenauer – Ära und der Betriebsamkeit der Wirtschaftswunderzeit schwelte der Konflikt der unzureichend aufgearbeiteten NS – Vergangenheit. Die Identitätssuche der Bundesrepublik war von schweren sozialpsychologischen Verwerfungen begleitet. Wenn Identität der Kontinuität bedarf, so war eine unkorrumpierte Traditionslinie kaum auszumachen. Auch konnte im Zeichen der militärischen Niederlage des Deutschen Reiches und der anschließend oberflächlich und auf Geheiß der Siegermächte durchgeführten Entnazifizierungsmaßnahmen kein identitätsstiftender Gründungsmythos der jungen Republik gesehen werden.
In dieser ambivalenten kulturhistorischen Situation formierte sich im September 1947 um den Publizisten Hans Werner Richter die Gruppe 47. Dieser lose Verband von Schriftstellern, dem später Günter Grass beitrat, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die neue Literaturszene der Bundesrepublik zu formieren und sich im literarischen Bereich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Politisierung der Literatur – die Diskussion über Verantwortungen und Möglichkeiten im Bereich ästhetischer Kunst – drehte sich wesentlich um die Bereiche persönlicher oder kollektiver Schuld vor einem historischen Horizont, dem selbst jede teleologische Heilserwartung abzusprechen war. Die Historismusdebatte zog den wissenschaftlichen und kulturellen Geschichtsbegriff selbst in den Blickpunkt der Kritik. Der Gang der Geschichte und das persönliche Schicksal des Menschen schienen von nicht kontrollierbaren und irrationalen Faktoren abhängig. Kontinuität war nur noch als Verhängnis sichtbar.
Die epische Dichtkunst hatte so das Verhältnis von individueller Lebenssphäre und der kollektiven Historie, vor dem Hintergrund einer Auseinandersetzung mit der konkreten katastrophischen Vergangenheit, ästhetisch zu bestimmen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kontingenz und Sinn – Kommunikationstheoretische Überlegungen zum modernen Roman
3 Oskar – Die narrative Instanz der Blechtrommel
4 Oskar als Figur
5 Das Trommeln
6 Zusammenfassung
7 Bibliographie
7.1 Primärliteratur:
7.2 Sekundärliteratur:
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Kontingenz als zentrales Strukturprinzip in Günter Grass' Roman "Die Blechtrommel". Dabei wird mittels kommunikationstheoretischer Ansätze analysiert, wie der Roman die traditionelle Geschichtsauffassung und konventionelle Erzählweisen durch eine spezifische, performative Ästhetik dekonstruiert und in Frage stellt.
- Kommunikationstheoretische Analyse literarischer Texte (Luhmann, Skinner).
- Das Verhältnis von Kontingenz, Sinnstiftung und Historie.
- Die erzähltechnische Konstruktion und Funktion der Figur Oskar Matzerath.
- Die Bedeutung des Trommelns als mythisches Symbol und Anti-Entwicklungsprinzip.
- Satirische Brechungen und die Relativierung von Gattungsdefinitionen.
Auszug aus dem Buch
3 Oskar – Die narrative Instanz der Blechtrommel
Oskar erzählt seine Lebensgeschichte, die im Jahre 1924 beginnt, bis zu seinem dreißigsten Geburtstag im Jahre 1954. Da er seinen Bericht 1952 beginnt und er ihn 1954 beendet, gelangen am Ende des Romans Erzählzeit und erzählte Zeit zur Deckung. Die Erzählsituation steht von Beginn des Romans fest. Oskar berichtet in drei Büchern und insgesamt 46 Kapiteln seinen Werdegang, der ihn schließlich an den gegenwärtigen Ort seiner schriftstellerischen Tätigkeit führt, die Heil- und Pflegeanstalt. Diese Konstruktion zweier Fiktionsebenen hält während der gesamten erzählten Lebensgeschichte den zeitlich – räumlichen Ausgangspunkt ihrer Kolportage und zugleich das Resultat des Entwicklungsprozesses der Handlung präsent. Durch diese erzähltechnische Struktur des Romans wird der Gang der Figur in einer Art negativer Teleologie vorgezeichnet und die Finalität des Geschehens notwendig an die Narration als ihren Ursprung geknüpft. Die Geschicke der Figur Oskar in der Retrospektion hängen notwendig vom Erzähler Oskar ab, was Grass für ein virtuoses – satirisches Doppelspiel nutzt, dessen strukturelle Bedeutung der Schlüssel zum Verständnis der Blechtrommel ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung verortet den Roman in der kulturhistorischen Situation der frühen Bundesrepublik und skizziert die Problematik einer identitätsstiftenden Erzählung nach der nationalsozialistischen Vergangenheit.
2 Kontingenz und Sinn – Kommunikationstheoretische Überlegungen zum modernen Roman: Hier wird der methodische Rahmen abgesteckt, indem das Konzept der Kontingenz aus der Systemtheorie und der Kommunikationstheorie für die Romananalyse fruchtbar gemacht wird.
3 Oskar – Die narrative Instanz der Blechtrommel: Dieses Kapitel untersucht die doppelte Fiktionsebene des Romans und wie der Erzähler Oskar die Kontrolle über die Darstellung seiner eigenen Lebensgeschichte ausübt.
4 Oskar als Figur: Die Analyse konzentriert sich auf die spezifische Rollengestaltung Oskars, dessen radikale Verweigerung sozialen Handelns den Roman als skeptische Satire konstituiert.
5 Das Trommeln: Die Trommel wird als zentrales mythisches Symbol und als irrationales Grundprinzip analysiert, das eine Alternative zur rationalistischen Sinnstiftung der Geschichte bietet.
6 Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel resümiert, dass "Die Blechtrommel" durch die konsequente Verweigerung didaktischer Muster den Leser zur eigenverantwortlichen Skepsis zwingt.
7 Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Die Blechtrommel, Günter Grass, Kontingenz, Kommunikationstheorie, Systemtheorie, Oskar Matzerath, Erzähltechnik, Satire, Geschichtsbewusstsein, Moderne, Erzählerfigur, Identität, Literaturwissenschaft, Narratologie, Sinnstiftung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Günter Grass' Roman "Die Blechtrommel" unter Anwendung kommunikationstheoretischer Konzepte, insbesondere unter dem Aspekt der "Kontingenz" als grundlegendes Strukturprinzip.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die historische Einordnung des Romans in die deutsche Nachkriegsliteratur, die erzählerische Funktion von Oskar Matzerath sowie die kritische Reflexion von Geschichte und Sinnstiftung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie der Roman durch eine performative Erzählstruktur traditionelle Gattungsgrenzen und geschichtliche Deutungsmuster dekonstruiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt Ansätze der Kommunikationstheorie, primär orientiert an der Luhmannschen Systemtheorie und der Textinterpretationstheorie von Quentin Skinner.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zur Kontingenz, die Analyse der Erzählinstanz Oskar, die Charakterisierung der Figur Oskars sowie die symbolische Bedeutung des Trommelns.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Romantitel und dem Autor sind dies vor allem Kontingenz, Systemtheorie, Erzählstruktur, Satire und Historie.
Wie unterscheidet sich der Roman laut Autorin von einem klassischen Entwicklungsroman?
Die Arbeit argumentiert, dass der Roman durch die distanzierte, teils satirische Erzählweise die klassische Entwicklung des Helden konterkariert und als skeptischer Anti-Entwicklungsroman fungiert.
Welche Rolle spielt die "Stunde Null" für die Argumentation?
Die "Stunde Null" wird als ambivalent markiert; der Roman zeigt auf, dass keine ungebrochenen Traditionslinien existieren und Geschichte immer aus einer spezifischen, kontingenten Perspektive konstruiert wird.
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- Simone Bender (Author), 2007, Günter Grass 'Die Blechtrommel' - Kontingenz als Strukturprinzip, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88643