Günter Grass 'Die Blechtrommel' - Kontingenz als Strukturprinzip


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kontingenz und Sinn – Kommunikationstheoretische Überlegungen zum modernen Roman

3 Oskar – Die narrative Instanz der Blechtrommel

4 Oskar als Figur

5 Das Trommeln

6 Zusammenfassung

7 Bibliographie
7.1 Primärliteratur
7.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

So alt wie Die Blechtrommel ist die Debatte um die literaturhistoriographische Einordnung des Romandebüts von Günter Grass aus dem Jahr 1959. In Deutschland ein Skandalerfolg erlangte Die Blechtrommel auch in den USA Berühmtheit und stellte für den jungen Autor den internationalen Durchbruch dar. In Folge der rasch erworbenen Meriten des epischen Erstlingswerkes erschienen in Deutschland zahlreiche Artikel, Aufsätze und Dissertationen zur Blechtrommel. Darüber hinaus betraf die Thematik des Romans direkt den Prozeß der kulturellen Selbstverständigung und Identitätsfindung der jungen Bundesrepublik. Unter dem pragmatistisch – restaurativen Geist der Adenauer – Ära und der Betriebsamkeit der Wirtschaftswunderzeit schwelte der Konflikt der unzureichend aufgearbeiteten NS – Vergangenheit. Die Identitätssuche der Bundesrepublik war von schweren sozialpsychologischen Verwerfungen begleitet. Wenn Identität der Kontinuität bedarf, so war eine unkorrumpierte Traditionslinie kaum auszumachen. Auch konnte im Zeichen der militärischen Niederlage des Deutschen Reiches und der anschließend oberflächlich und auf Geheiß der Siegermächte durchgeführten Entnazifizierungsmaßnahmen kein identitätsstiftender Gründungsmythos der jungen Republik gesehen werden.

In dieser ambivalenten kulturhistorischen Situation formierte sich im September 1947 um den Publizisten Hans Werner Richter die Gruppe 47. Dieser lose Verband von Schriftstellern, dem später Günter Grass beitrat, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die neue Literaturszene der Bundesrepublik zu formieren und sich im literarischen Bereich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Politisierung der Literatur – die Diskussion über Verantwortungen und Möglichkeiten im Bereich ästhetischer Kunst – drehte sich wesentlich um die Bereiche persönlicher oder kollektiver Schuld vor einem historischen Horizont, dem selbst jede teleologische Heilserwartung abzusprechen war. Die Historismusdebatte zog den wissenschaftlichen und kulturellen Geschichtsbegriff selbst in den Blickpunkt der Kritik. Der Gang der Geschichte und das persönliche Schicksal des Menschen schienen von nicht kontrollierbaren und irrationalen Faktoren abhängig. Kontinuität war nur noch als Verhängnis sichtbar.

Die epische Dichtkunst hatte so das Verhältnis von individueller Lebenssphäre und der kollektiven Historie, vor dem Hintergrund einer Auseinandersetzung mit der konkreten katastrophischen Vergangenheit, ästhetisch zu bestimmen. Die Erfahrung der Kontingenz der Historie und der Verbindung der Sphären biographischer mit gesellschaftlicher Zeitgeschichte erforderte innovative avancierte Erzähltechniken.

Die Blechtrommel stellt sicher einen äußerst konsequenten epischen Entwurf dar sich inhaltlich, vor allem aber erzähltechnisch mit der jüngsten Vergangenheit auseinanderzusetzen. Insbesondere die Perspektive auf dasjenige, was unter dem Begriff „Geschichte“ einst verfügbar war und nun im Mindesten diskreditiert, wenn nicht als kulturelles Gedankengut mit schuldig geworden war, nimmt in den Worten Oskar Matzeraths skurrile bis monströse Züge an. Das Bewußtsein der Nicht – Finalisierbarkeit von Geschichte, sei es als christliche Heilsgeschichte oder als Teleologie im Zeichen des Prometheus, stellt sich den Romanciers der Nachkriegszeit, wie auch nach und nach den Historikern, als solches der narrativen Aufrichtigkeit. Die Historie selbst entpuppt sich als zu erzählende Geschichte, die sogenannte Stunde Null weist sowohl weit in die Vergangenheit als auch in eine bewußt zu gestaltende Zukunft. Kontingenz war als bestimmender Faktor der Historie seit dem neunzehnten Jahrhundert und dem Untergang des Hegelschen Geschichtssystems erkannt. Unter dem frischen Eindruck der Schrecken und Greuel stellte sich die Frage nach den Brüchen des Geschichtsverlaufes und den Ursachen der Pervertierung der bürgerlich – aufklärerischen Ideale.

Sowohl für die Literaturhistoriographie, als auch für die literarisch Schaffenden war die Beziehung zu Traditionen neu zu bestimmen. Implizite Geschichtsbilder der Literaturhistoriographie wurden offengelegt und kritisiert, übergreifende Kategorisierungen wie die Einordnung in Textgattungen theoretisch verdächtig. Insbesondere im Bereich der Epik, deren traditionelles Thema das Verhältnis des Individuums zur kollektiven Sphäre sozialer Geschichte ist, konnte kein ungebrochenes Anknüpfen an Traditionen erwartet werden. Wie zuvor wurde das Schreiben, der Geschichte und von Geschichten, in Krisenzeiten selbst zum Thema des Schreibens.

2 Kontingenz und Sinn – Kommunikationstheoretische Überlegungen zum modernen Roman

Ziel dieser Arbeit ist es, die Kontingenzerfahrung als wesentliches Strukturprinzip der Blechtrommel aufzuzeigen. Bemerkenswert an der Forschungslage zur Blechtrommel ist die Heterogenität der Interpretationsergebnisse, welche m. E. unmittelbar aus der methodischen Differenz der Einzeluntersuchungen resultiert. Überspitzt gesagt scheint Einigkeit nur in dem Punkt zu herrschen, daß eine literarhistorische und gattungsmäßige Einordnung schwer fällt. So ist die Blechtrommel als Entwicklungsroman oder dessen Parodie ebenso betrachtet worden, wie als moderne Variante des Pikaroromans. Was jedoch die unterschiedlichen Analyseverfahren und deren divergierende Resultate verbindet, ist eine Tendenz zu Vereinheitlichung, die bald an ihre Grenzen stößt. Je nach psychologisierender oder strukturalistischer Lesart werden Leistungen der erzähltechnischen Komposition übersehen oder skurrile und widerständige Elemente der Narration geglättet. Das Absurde der Lebensgeschichte Oskar Matzeraths ist von der formalen Seite der Erzählperspektive nicht zu trennen.

Diese Tendenz zur Widerständigkeit gegen simplifizierende und einnehmende Deutungsmuster ernst zu nehmen ist Anlaß genug zu einer Methodenreflexion. Liegt die besondere Leistung der Blechtrommel tatsächlich in ihrer hermetischen Struktur, die sich jedem positiven Zugriffsparadigma verweigert, so muß die literaturwissenschaftliche Methode derart beschaffen sein, Kontingenz als Prinzip entdogmatisierter Historiographie spiegeln zu können.

In den Begriffen der Modallogik wird ein Verhältnis dann als kontingent bezeichnet, wenn auf A nicht notwendig B folgt und auf A nicht notwendig nicht B folgt. Ein solches Verständnis der historischen Sukzession bedeutet neben Unberechenbarkeit zukünftiger Geschichte - die Folge ist soziologisch gesprochen Unsicherheit gegenüber der Zeit - für die Geschichtsschreibung eine Relativierung der Möglichkeit, historisches Geschehen auf überzeitliche Sinnkategorien zu finalisieren. Demnach kann jede konkrete vergangene Situation nicht mehr verstanden werden als die Verwirklichung eines positiv Gesetzten (gleich ob das Wort idealistisch oder phänomenologisch gelesen wird), sondern aus der negativen Differenz gegenüber dem noch Möglich – Gewesenen.

Die obigen Überlegungen zum Verständnis historischer Dokumente implizieren eine synchrone Lesart von Sinn und sind insofern traditionellen Geschichtsmodellen wie dem Historismus entgegengesetzt und ermöglichen zugleich, durch Sinnzuschreibung als Ergebnis einer Kontextnegation, ein historisches Ereignis als nicht determinierte und singuläre Wahlentscheidung zu begreifen. Insofern ist Kontextualität als Negativfolie der Selektion zu erforschen, um den spezifischen Sinn eines Dokumentes interpretierbar zu machen. Gegen marxistische Theorie ist also der Kontext einer Selektion nicht determinierend vorgeschaltet, sondern wird selbst in der Selektion spezifisch aktualisiert.

Diese Überlegungen allgemeiner Natur dienten einer gerafften Darstellung der Kommunikationsanalyse in der Luhmannschen Systemtheorie. Ganz bewußt wird hier auf eine interpretative Differenzierung von konkreter Kommunikation und historischen Sachverhalten verzichtet.

Der englische Historiker Quentin Skinner entwickelte seit Ende der 1960er Jahre eine Theorie der Textinterpretation, deren Ziel es ist, den Sinngehalt von Texten aus ihrer vergangenen Situativität zu erfassen. Nach Skinner bildet die kommunikative Funktion eines Textes in und gegenüber dem diskursiven Kontext seinen Sinn. In seinen Überlegungen schließt er an die sprachtheoretischen Überlegungen der englischen analytischen Philosophie J. L. Austins an. Austin betont die analytische Binnendifferenzierung einer kommunikativen Äußerung nach Lokution und Illokution. „Lokution verweist auf die inhaltliche Seite, die alle Äußerungen haben; Illokution verweist auf den kommunikativen Einsatz, die intendierte Zielrichtung, die ebenfalls allen Äußerungen innewohnt“ (DE BERG, S. 19).

Die Illokution Austins Theorie, die kommunikative Funktion einer Äußerung, überträgt Skinner auf literarische Texte. Dabei geht es ihm nicht um eine psychologistische Erfassung der vom Autor intendierten Bedeutung, sondern streng funktionalistisch um die Eruierung der kommunikativen Rolle, die der Text in einem konkreten Kontextzusammenhang einnimmt. Dabei gilt, daß der „kontextuelle Bezugshintergrund des Textes […] über die entstehungsgeschichtlich – kommunikative Funktion des Textes konstituiert [wird]“ (DE BERG, S. 32).

Das solcherart kommunikationsanalytisch verfasst Textinterpretations- verfahren fasst De Berg folgendermaßen zusammen:

„Selbstverständlich sind Aussagen des Autors über sein Werk und zeitgenössische Rezeptionen kritisch zu überprüfen. Der Autor befindet sich zwar in einer privilegierten Position, wenn er Aussagen über das Werk macht, doch im Prinzip ist es keineswegs grundsätzlich falsch, ihm nicht zu glauben. Dasselbe gilt für Rezeptionen. Beide sind als Hilfsmittel anzusehen, die Aufschluß darüber geben könnten [kursiv i. O.], worauf sich ein Text bezieht, und sollten keineswegs direkt an den Text rückgekoppelt werden. Sie sollten als heuristische Mittel zur Eruierung des textuellen Bezugshintergrundes genommen werden, nicht als Determinanten der Textbedeutung.

Sprachliche und soziale Konventionen könnten bei der anvisierten Kommunikationsanalyse ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Doch auch hier gilt, daß man Kommunikationen nicht aus den Konventionen heraus erklären sollte. Zu fragen wäre im Gegenteil, wie sich eine konkrete kommunikative Äußerung vor dem Hintergrund bestimmter Konventionen (und das heißt oft: gegen sie) profiliert. Konventionen legen Bedeutung nicht fest, sondern bilden allenfalls den Fond, vor dem Kommunikationen ihr Relief, ihre Eigenheit aufbauen. Der Konventionsbegriff ist dem Intentionsbegriff untergeordnet“ (DE BERG, S. 25).

[...]

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Details

Titel
Günter Grass 'Die Blechtrommel' - Kontingenz als Strukturprinzip
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut: Abteilung Neuere deutsche Literatur)
Veranstaltung
Günter Grass. Ausgewählte Romane
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V88643
ISBN (eBook)
9783638030038
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Günter, Grass, Blechtrommel, Kontingenz, Strukturprinzip, Ausgewählte, Romane
Arbeit zitieren
Simone Bender (Autor), 2007, Günter Grass 'Die Blechtrommel' - Kontingenz als Strukturprinzip, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88643

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