Die Macht der Tradition in ausgewählten Texten der Scapigliatura


Seminararbeit, 2006

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tradition und Revolte in Texten der Scapigliatura
2.1. „Figurina antica“
2.2. „Viaggio di nozze“
2.3. „Nettunia“

3. Schreibweise der Autoren und Bezug auf den Inhalt
3.1. Cagna in „Figurina antica“
3.2. Dossi in „Viaggio di nozze“

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In unserem Leben spielt die Tradition eine wichtige, aber dennoch eine fast selbstverständliche und alltägliche Rolle. Das Wort Tradition stammt von lat. traditio, was soviel wie Übergabe oder Überlieferung bedeutet. Es ist „die gesellschaftlich vermittelte, historisch überkommene oder auch bewusst gewählte Übernahme und Weitergabe von Wissen, Lebenserfahrungen, Sitten, Bräuchen, [und] Konventionen [...]“.[1] Demnach ist die Tradition ein kulturelles Erbe, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Da aber niemand alles Wesentliche von Beginn an selbst entwickeln und herausfinden kann, wird einem zwangsläufig das Wissen von Anderen übergeben.

Daraus ergibt sich zugleich die Möglichkeit, die mehr oder weniger aufgezwungene Tradition abzulehnen. Denn jede Tradition hat auch einmal als Neuheit begonnen. Der sich daraus ergebende Schlüsselbegriff „Revolte“ ist der zweite zentrale Punkt dieser Arbeit. Darunter versteht man unter anderem die Auflehnung von Personen gegen auferlegte Erwartungen und Normen.

Im Folgenden werde ich drei meiner Meinung nach passenden Kurzgeschichten auf diese gegensätzlichen, aber dennoch in Bezug zueinander stehenden Begriffe erläutern. Darüber hinaus steht auch die Vorgehensweise der Autoren der Scapigliatura im Mittelpunkt.

2. Tradition und Revolte in Texten der Scapigliatura

2.1. „Figurina antica“

Die Kurzgeschichte „Figurina antica“ von Achille Giovanni Cagna handelt von einer Frau, die ihr ganzes Leben lang von ihrer Familie ausgenutzt wird und nach dem Tod ihrer Eltern einsam und zurückgezogen lebt. Die Protagonistin Irene – die „figurina antica“ – lebt ihr ganzes Leben so, wie es die Tradition ihr vorschreibt. Sie ist in ihrer Jugend eine hübsche und zarte junge Frau, die als Dienstmädchen ihrer Familie aufwächst. Sie ist diejenige, die sich um jeden und alles kümmern muss, jedoch wird ihr keine Beachtung geschenkt und keinerlei Respekt erwiesen. Sie pflegt ihre kranke Mutter und macht den ganzen Haushalt. Wenn irgend etwas schief geht, trägt immer Irene die Schuld daran; kein einziges Mal versucht sie sich zu wehren geschweige denn ihre aussichtslose Situation zu verbessern. Schon sehr früh in ihrer Jugend findet sich Irene mit der Situation eine passive Rolle in ihrer Familie zu spielen ab. Als einzige Revolte in ihrem Leben kann ihre Liebe zu Vittorio gesehen werden. Er ist ein gutaussehender junger Mann – „un bel giovinotto“[2] – der nicht weit entfernt von Irene wohnt. Blickkontakte und Briefe häufen sich, bis er schließlich um ihre Hand anhält. Aus Angst seine Tochter als Küchenmädchen zu verlieren, verbietet Irenes strenger Vater diese Hochzeit und somit erlischt für sie ihre einzige Chance mit der Tradition zu brechen. Schließlich fügt sich Irene ihrer Familie und opfert damit ihre Liebe. Sie weint oft und liest die Briefe ihres geliebten Vittorios, den sie niemals vergessen hat, immer wieder. Nach dem Tod ihrer Eltern traut sich Irene aber gar nicht mehr die Briefe zu lesen, sie hat Angst ihre Eltern damit zu verletzen. Obwohl die Eltern verstorben sind, nimmt Irene weiterhin Rücksicht auf sie. An dieser Stelle wird dem Leser gezeigt, wie sehr Irene noch an der Tradition festhält. Sie könnte doch jetzt heiraten und ein besseres Leben führen? Doch sie kennt das Leben nicht anders, da sie sich, mittlerweile 30 Jahre alt, noch immer als Dienstmädchen sieht und das Leben nun so weiterführt, wie sie es zuvor getan hatte. In ihrer Jugend konnte sie nichts dafür, dass sie von ihren Eltern nur benutzt wurde, doch jetzt, nach dem Tod ihrer Eltern, ist es zum Teil auch ihre eigene Schuld, dass sie nichts aus ihrem Leben macht. Da ihr Bruder ebenfalls alleine ist, bleibt sie aus Liebe zu ihm im elterlichen Haus und steht nun im Dienste ihres Bruders. Sie versucht nicht ihr Leben zu ändern, sie denkt nicht einmal daran, sich in der Situation von ihrem Bruder zu trennen und ihr eigenes Leben zu führen oder genauer gesagt es überhaupt erst zu beginnen. Doch sie war nur einige Jahre die Haushaltshilfe ihres Bruders, denn nachdem er geheiratet hat, wurde sie plötzlich überflüssig.

Mit etwa 40 Jahren ist sie erstmals in ihrem Leben auf sich alleine gestellt. Durch die Tatsache, dass sie ihr ganzes Leben lang sowohl von ihren Eltern als auch von ihrem Bruder benutzt und ihre erste und einzige Liebe verboten wurde, ist Irene eine bemitleidenswerte gebrochene Dame mittleren Alters, gezeichnet von einem Leben voller Schmerz und Leiden: „[...] la faccia era tutta scritta di sofferenze, [...] come vecchio quadro [...]“.[3] Jetzt, da sie alleine ist und sich um niemanden mehr kümmern muss, könnte Irene versuchen ihr Leben zu ändern und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Statt dessen zieht sie sich komplett zurück und meidet jeglichen Kontakt zur Außenwelt und ihren Mitmenschen: „[...] non amava trovarsi in mezzo alla gente [...]“.[4] Sie ist so sehr von ihrer traditionellen Lebensweise geprägt, dass sie sich mit ihrer Situation schon abgefunden hat. Sie kennt es nicht anders und gibt sich damit völlig zufrieden. Das Haus verlässt sie nur zum wöchentlichen Kirchgang. Ihre Einkäufe erledigt eine Frau für sie. Die Kleidung, die sie trägt, ist schon seit 30 Jahren nicht mehr modern und sogar von ihrer lang verstorbenen Mutter. Somit lebt sie immer noch in ihrer Vergangenheit. Man beachte jedoch, dass sie ihre alten Kleider sehr würdevoll trägt, vor allem an Feiertagen, obwohl sie eine gesellschaftliche Randfigur ist und ihr Leben lang verspottet wurde: „Il mondo pettegolo, plebeo, rideva sotto i baffi delle innocenti debolezze di quella povera creatura [...]“.[5] Die Art und Weise wie sie ihre Bekleidung ordnet ist im Laufe der Jahre auch zu einem Brauch geworden. Zuerst faltet Irene sie ordentlich zusammen, verpackt sie in alte vergilbte Zeitungen und legt sie dann in Schachteln. Diese legt sie wiederum in eine Schublade und verschließt diese. Durch den Vorgang des Ein- und Auspackens ihrer Kleidung und dem wöchentlichen Gang in die Kirche ist ihr Leben von Ritualen geprägt. Jeder Tag gleicht dem anderen. In ihrer Einsamkeit hat sie sich eine Henne als Haustier angeschafft, um die sie sich kümmert. Irene braucht jemanden, für den sie sorgen kann, da sie ihr ganzes Leben lang ihre Familie bedient hat. Das Haustier Cocò nimmt für Irene einen höheren Stellenwert ein als ihre Mitmenschen. Sie behandelt es sogar wie einen Menschen. Aufgrund der Tatsache, dass Cocò von Irene vermenschlicht wird, ist Cocò ihr einzig lebender Kontakt und Ansprechpartner. Sie sorgt sich so sehr um Cocò, dass sie sogar Angst hat Cocò alleine Zuhause zu lassen um in die Kirche zu gehen: „[...] tanto più in causa di Cocò la sua vecchia gallina che doveva starsene sola in casa per alcune ore“.[6]

[...]


[1] „Tradition“ In: Brockhaus. Die Enzyklopädie in 24 Bänden. Band 22, Leipzig: F.A. Brockhaus, 2001, S. 229.

[2] Finzi, Gilberto (Hrsg.): Novelle italiane. L’ottocento, secondo volume, Milano: Garzanti Editore s.p.a., 1985, S. 330.

[3] Ebd., S. 332.

[4] Ebd., S. 334.

[5] Ebd., S. 328.

[6] Ebd., S. 334.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Macht der Tradition in ausgewählten Texten der Scapigliatura
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Literaturwissenschaft/ Romanische Literaturen)
Veranstaltung
Racconti della scapigliatura
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
11
Katalognummer
V88701
ISBN (eBook)
9783638033312
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Macht, Tradition, Texten, Scapigliatura, Racconti
Arbeit zitieren
Anastasia Deibert (Autor), 2006, Die Macht der Tradition in ausgewählten Texten der Scapigliatura, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88701

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