Individuum zwischen Räumen. Wahrnehmung, Verortung, Grenzen

Zur Komposition und Relation von Space, Bewegung und Kultur in Georg Büchners "Woyzeck"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Bemerkung

2. ZeitRaum- RaumZeit

3. Woyzeck und der Raum
3.1.Topographischer Raum
3.2.Topologischer und Semantischer Raum
3.2.1. Öffentlich vs. Privat/ Raumoppositionen
3.2.2. Geschlechterräume
3.2.3. Innenraum

4. Mary Overlie: Standing in Space

5. Räume und ihre Grenzen
5.1.Grenzüberschreitungen und Störungen im Raum

6. Fazit und Apell

7. Szenentabelle

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitende Bemerkung

Räume sind omnipräsenter Bestandteil unserer Leben und begegnen uns unentwegt. Wir sind nicht nur Nutzer_Innen tatsächlicher architektonischer Räume, die uns als Mängelwesen1 Schutz vor dem Außen geben, nicht nur ständige Bewohner_Innen sozialer Räume, die distinktive Erwartungen an uns richten, sondern vornehmlich Träger_Innen innerer Räume, deren Erkundung tatsächlich eine Lebensaufgabe darstellt.

Räume sind unerlässliche Rahmenbedingungen für menschliches Zusammenleben und persönliche Entfaltung. Räume sind interdisziplinärer Forschungsgegenstand und eröffnen auf psychologischer, philosophischer, architektonischer, sozialer, kulturwissenschaftlicher und literarischer Ebene zahlreiche Analysemöglichkeiten und ermöglichen dadurch einen theoretischen Zugang gesellschaftliche Strukturen zu erschließen.

“Understanding space is an innate ability that most of us possess to varying degrees”2. Die unabwendbare Betroffenheit, jedoch unterschiedliche Wahrnehmung eines jeden Individuums mit dem Thema Raum und die Prägnanz für die literaturwissenschaftliche Analyse sollen Anlass genug sein, sich eingängig mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

An Georg Büchners Drama „Woyzeck“ und dessen gleichnamiger Hauptfigur werde ich im vorliegenden Essay Raum-Beobachtungen anstellen und unter Berücksichtigung einschlägiger (literarischer) Raumkonzeptionen einen Erklärungsversuch seiner Handlungsweise als räumlicher und sozialer Grenzgänger unternehmen. Primär wird zu dieser Untersuchung Mary Overlies Theorie der Six Viewpoints herangezogen. Die Tanz- und Bewegungskünstlerin hat mit ihrer Text „Standing in Space“3 ein theoretisches Lehrsystem entworfen, dass als philosophisches Analyseinstrument für Performances, Theater und Tanz herangezogen werden kann. Folgende Komponenten stellen dabei Gegenstände Overlies Untersuchung und Theorie dar: Space, Shape, Time, Movement und Story. Die Fokussierung auf das „Grund-Element“Space stellt für eine Raum-orientierte Analyse einen gewinnbringenden Ausgangspunkt dar.

Die essayistische Schreibweise schließt, meines Erachtens, eine fundierte Recherche nicht aus, weswegen diese elementarer Bestandteil der vorliegenden Arbeit sein wird. Eingliederung in Kapitel und Überschriften stellen eher Wegweiser, als ein strenges Korsett dar, die die Gedankenwanderung zielführend gliedern soll. Das Bestreben meiner Analyse ist die schriftliche Illustration des wechselseitigen Verhältnisses von Individuum im und zum Raum und die Folgen von Raumgrenzen und deren Überschreitungen.

2. ZeitRaum-RaumZeit

Für die literaturwissenschaftliche Analyse von Narration kommen den komplexen Faktoren Zeit und Raum seit jeher eine elementare Bedeutung zu. Nicht nur die antike aristotelische Vorstellung einer zeitlichen und räumlichen Einheit Gehlen, Arnold , Der Mensch seine Natur und seine Stellung in der Welt. Frankfurt, 4. Auflage von 1950, Frankfurt am Main 2016. des Dramas4, konzentrierte sich auf eine Interaktion beider Komponenten, Narration an sich bedarf einer Situierung von Individuen im Raum zu einer gewissen Zeit, sie bleiben jedoch einem absoluten Realitätsanspruch schuldig:

Raum und Zeit können nur angedeutet, die Figuren und der innere Zusammenhang der Dinge hingegen genau beschrieben sein, oder umgekehrt. Je expliziter die Darstellung der Welt ist, umso mehr wird sie zu einer, eigenen Wirklichkeit‘, je eindeutiger die vom Erzähler gezogenen Verbindungslinien sind, umso mehr wird aus dem partikularen Geschehen eine kohärente Geschichte. Insofern ist narrative Welthaftigkeit immer ein Produkt der sinnvollen Verquickung von weltkonstituierenden Elementen.5

Im literaturwissenschaftlichen Wettbewerb läuft die Fokussierung auf die Komponente der Zeit, der „Relevanz von Räumlichkeit für literarische Kunstwerke“6 den Rang ab. Der Ursprung dieser Zeit -Konzentration mag aus einem „Laokoon“ Trauma7 herrühren, dass schon früh die Distinktion von Raum und Literatur unterstütze: „In Laokoon: oder über die Grenzen der Malerei und Poesie‘ 8 vollzog Lessing eine folgenreiche Unterscheidung der Kunstgattungen. Konstitutives Merkmal der Dichtung, der Poesie, sei die Zeit deren Handlungen, die bildende Kunst wird auf der Seite des Raumes geschlagen: der Raum sei, so Lessing, das Gebiete des Malers‘.“9 Die Auseinandersetzung mit dem Raum ist folglich eine, die für die Literatur, im Gegensatz zum Zeitbegriff „keine etablierte poetologische Referenzvokabel“10 darstellt. Warum ist das so? Warum scheint die Orientierung an etwas derart artifiziellem wie Zeit prominenter, als der Raumauseinandersetzung zu sein? Um meine Begründung zu untermauern, werde ich mich hier einer kurzen persönlichen Anekdote bedienen:

Einen Ort, den ich in meiner Heimatstadt Berlin fast täglich passiere, ist der Bahnhof Friedrichstraße. Dieser Ort hat enorme Symbolkraft, steht er doch in unterschiedlichen Zeiten sinnbildlich für die deutsche Geschichte. Ein Figuren-Denkmal mit dem Titel „Züge ins Leben-Züge in den Tod“11 erinnert dort einerseits an die Deportationen und Ermordungen von über 1,5 Millionen Kinder im zweiten Weltkrieg und zum anderen an die Kindertransporte nach Großbritannien, die „[…]in den neun Monaten von der Reichspogromnacht im November 1938 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 10.000 vorwiegend jüdische Kinder im Alter von vier Monaten bis sechzehn Jahren vor dem drohenden Tod im Konzentrationslager […]“12 retteten.

Jahre später, in Zeiten des Kalten Krieges war der Bahnhof Friedrichstraße Grenzübergangsstelle zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Weil die Ausreise für DDR-BürgerInnen nicht gestattet war und Verwandte und Bekannte dort häufig unter Tränen verabschiedet werden mussten, nannte man die Übergangsstelle „Tränenpalast“13.

Dieser kurze Abriss der Zeitgeschichte der Friedrichstraße soll nur skizzieren, dass der Faktor Zeit Räume dynamisiert und konnotiert. Betrachtet wir immer die sich wandelnde Zeit, dafür nutzen wir grammatische Flexion von Verben und historische Epocheneinordnungen. Der bestehende Raum wirkt dagegen statisch, nur die Zeit scheint im Wandel. Dass sich der Raum Friedrichstraße durch die Skulptur „Züge ins Leben-Züge in den Tod“14 und durch das Museum, das sich heute in der ehemaligen Ausreisehalle, dem „Tränenpalast“, befindet, auch verändert hat, scheint deswegen sekundär, weil die Veränderung nur durch die Zeit begünstigt wurde.

Die Friedrichstraße ist heute im Übrigen ein wichtiger Nah-und Fernverkehrsbahnhof und bietet neben einigen Geschäften auch einen Aufenthaltsort für zahlreiche obdachlose Personen15. An dieser aktuellen Beschreibung wird deutlich, dass Räume mit ihren jeweiligen aktuellen politischen und sozialen Problematiken interferieren, dass sie Spiegel der Zeit sind.

Die Anekdote diente dem Versuch Raum und Zeit in Verbindung zu setzen und die Abhängigkeitsverhältnisse zu verdeutlichen. Die Zeit, man könnte auch sagen der Zeitgeist, verändert den Blick und die Dynamik und Nutzung eines Ortes. Zeitliche Epochen und Einteilungen werden eher betrachtet, weil sie einen (vermeintlich) fixierten Anfangs- und Endpunkt markieren, wohingegen Raum immer eine Verquickung der Vergangenheit, des Ist- Zustands und der Zukunft darstellt. Die Auseinandersetzung mit Raum ist letztlich keine, die der Instanz der Zeit als esoterisches Pendant gegenübersteht. Sie ist vielmehr Basis eines Perspektivwechsels, der den Raum als dynamisches Konstrukt versteht. Eine Auseinandersetzung, die, wenn sie interdisziplinäre Ansprüche stellt, gewagt werden muss, um Gesellschaft und Literatur nicht abhängig ihrer zeitlichen Konstituierung, sondern von der Positionierung und Verortung im Raum zu verstehen. Im Folgenden soll sich dieser Auseinandersetzung verpflichtet werden, ohne das Begriffspaar ZeitRaum und RaumZeit als sich ausschließende Konstituenten zu betrachten.

3. Woyzeck und der Raum

Georg Büchners Drama „Woyzeck“, welches er im Jahre 183616 zu schreiben begann und das, seinem frühen und plötzlichen Tod geschuldet, nur ein Fragment blieb, bietet auf verschiedensten Ebenen die Möglichkeit einer Raumanalyse. Zum einen, weil es sich bei Woyzeck um ein Drama, also um einen Text für die Bühne handelt, der also zu räumlichen Aufführungszwecken bestimmt ist. Die inhärente Bühnenbestimmung lässt sich mit den Analyseinstrumenten Overlies Space ertragreich kombinieren. Zum anderen geben Haupt-und Nebentext mannigfaltige Hinweise auf die Pluralität der tatsächlichen Schauplätze, der unterschiedlichen sozialen Räume und den emotional-privaten Räumen Woyzecks. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Raum kann dabei in seiner ganzen Polysemie verstanden werden. Raumbeobachtungen sind auch deswegen von großem Interesse, weil das Drama „Woyzeck“ nicht wie Tragödien des 17. Und 18Jahrhunderts17 die „großen [verbalen, Anm, H. G.] Deklamationen“18 entfaltet, „sondern eine einfache Sprache mit kollektiven Versatzstücken“19 verwendet.

3.1. Topographischer Raum

Wenn in literarischen Texten von Räumen die Sprache ist, wird nie nur eine singuläre Komponente begutachtet, vielmehr oszilliert Raum zwischen mannigfaltigen Bedeutungsmöglichkeiten: „Die erzählte Welt gliedert sich in topographische Räume, sowie topologische und semantische Relationen, die jeweils durch eine Grenze voneinander getrennt sind. Bestimmt wird der binäre Raum durch Oppositionspaare wie ,Stadt‘ vs. ,Land‘ (topographisch), ,innen‘ vs. ,außen‘ (topologische) sowie ,gut‘ vs. ,böse‘(semantisch).“20

Das Drama „Woyzeck“21 wird mit einigen konkreten Raumbeschreibungen ausstaffiert, die im Nebentext kenntlich gemacht werden. An ihnen werden zentrale Diskurse und Raumoppositionen sichtbar: Es gibt den Schauplatz der „Stadt“22, der dem „Feld“23 diametral gegenübersteht. Die Stadt als semantischer Raum vermittelt Kultur und Zivilisation, das Feld spiegelt mit der Distanz zur Stadt Nähe zu Barbarei und Natur wider. Inwieweit die semantischen Räume auch ein Abbild der internen Konflikte darstellen lässt sich an einer späteren Stelle verdeutlichen. Die topologischen Räume Innen und Außen bringen ein Spannungsfeld hervor, dass durch immer wiederkehrende Szenen an Fenstern, die durch einen Blick von innen nach außen oder umgekehrt geprägt sind, akzentuiert wird.24 Diese Fensterszenen verdeutlichen den Konflikt zwischen interner und externer Welt25. Des Weiteren gibt es Orte, die semantisch eindeutig geschäftlich und öffentlich markiert sind, wie beispielsweise die Kaserne, der Marktplatz, das Wirtshaus oder der Laden und andere, die eindeutig privat markiert sind, wie die Kammer Maries, die Wachstube.

Diese Exempel sollten als Grundlage bekannt sein, bevor wir uns konkret mit den Räumen und Raumoppositionen auseinandersetzen. Sie zeigen eine Bandbreite von möglichen Räumen und damit auch eine Vielzahl möglicher analytischer Zugänge. An einigen, nun folgenden Textstellen und Szenen möchte ich die Verhältnisse aufzeigen und werde nun den Weg vom topografisch- topologisch zum semantisch markierten Raum eingeschlagen, was nicht nur eine Bewegung von außen nach innen, sondern auch einer intensiveren Raumkonzeptionellen Unternehmung gleichkommt.

3.2. Topologischer und Semantischer Raum

3.2.1. Öffentlich vs. Privat

Jegliche Raumdiskurse sind auch immer Hierarchie-Diskurse, gerade bei dem Begriffspaar öffentlich versus privat, fällt deutlich auf, dass gewisse Räume spezifische Hierarchiegefüge hervorrufen. Benehmen wir uns doch gänzlich anders in einem Bewerbungsgespräch, als bei einem gemütlichen Beisammensein unter FreundInnen.

Folgendes Beispiel soll verdeutlichen, wie stark Hierarchie und Raum miteinander korrelieren. In einem geschlossenen Raum lässt sich der Hauptmann von Woyzeck rasieren.26 Das Zimmer in einem Innenraum symbolisiert also hier die engen sozialen Grenzen, in denen sich die Figuren aufhalten. Der Hauptmann ist aller Wahrscheinlichkeit der Vorgesetzte Woyzecks und ihm demnach sozial-hierarchisch überlegen. Das äußert sich nicht nur an der Handlungszuordnung der Beiden; Woyzeck rasiert den Hauptmann, der Hauptmann lässt sich rasieren, sondern vor allem an dem daraus resultierenden Kommunikationsmodus, der Woyzeck in eine Position manövriert, in der er Anforderungen „Langsam, Woyzeck, langsam; eins nach dem andern!“27 und Beschreibung des Hauptmanns: „Oh, Er ist dumm, ganz abscheulich dumm!“28, „Woyzeck, Er hat keine Tugend! Er ist kein tugendhafter Mensch!“29 zu akzeptieren, ja auszuhalten hat.

Hier eröffnet sich jedenfalls noch ein weiterer Raumkonflikt, der die Religion oder genauer gesagt das Sakrale mit dem Profanen ins Zentrum der Unterredung stellt. Da Woyzecks Sohn nicht getauft ist, ihm folglich keine legitimierte Raumzugehörigkeit der christlichen Kirche zukommt, wird Woyzeck als Vater als amoralisch betrachtet. Die non-existente religiöse Raumzugehörigkeit des Kindes und die folgenschwere Beleidigung gegenüber seines Vaters Woyzeck, schließen auf ein streng reglementiertes Bezugssystem einer sozialen Gesellschaft, das jegliche „Abnormitäten“ mit Unanständigkeit gleichsetzt: „Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er. Es ist ein gutes Wort. Er hat ein Kind ohne den Segen der Kirche, wie unser hocherwürdiger Herr Garnisionsprediger sagt - ohne den Segen der Kirche, es ist nicht von mir.“30 Die Aussage des Hauptmanns macht ferner deutlich, dass es gewisse Instanzen gibt, wie hier die Kirche, die von gewissen Stellvertretern, hier der Garnisionsprediger zu beachten sind. Daraus folgt die Annahme, das Raumregeln größtenteils verbal tradierte Regeln sind, die einer inhärenten Raumlogik folgen. Die Antwort Woyzecks ist hier so überraschend wie klug und bezieht sich auf etwas, das schriftlich fixiert und dadurch den Status der Allgemeingültigkeit und Glaubwürdigkeit genießt. Das Aufnehmen des Bibelzitats in seine Argumentation schlägt nicht nur faktisch, sondern auch logisch die intrinsische Raumregel: „Herr Hauptmann, der liebe Gott wird den armen Wurm nicht drum ansehen, ob das Amen drüber gesagt ist, eh er gemacht wurde. Der Herr sprach: Lasset die Kleinen zu mir kommen.“31

Woyzecks Religionsverständnis überschreitet damit die Raumregel und die Raumgrenze der christlichen Gemeinschaft, weil er, dem Bibelzitat folgend, die Idee der bedingungslosen barmherzigen Liebe Gottes vertritt, die institutionell keine Raumzugehörigkeit erfordert.

Ein weiterer thematisierter Faktor, der die interne Logik des Raumes betrifft, ist die Zugehörigkeit zu einer spezifischen Gesellschaftsschicht (Class), die mit äußeren Faktoren wie Geld, Bildung und Stand einhergeht. Woyzeck, der bildungsfern und arm ist, geht ebenfalls von einer intrinsischen Raumordnung aus, in welcher das Moralbewusstsein durch finanziellen Wohlstand gefördert wäre: „Geld, Geld! Wer kein Geld hat - Da setz einmal eines seinesgleichen auf die Moral in der Welt! Man hat auch sein Fleisch und Blut. Unsereins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt. Ich glaub', wenn wir in Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen.“32 Und weiter spricht Woyzeck: „Sehn Sie: wir gemeine Leut, das hat keine Tugend, es kommt nur so die Natur; aber wenn ich ein Herr wär und hätt' ein' Hut und eine Uhr und eine Anglaise und könnt' vornehm rede, ich wollt' schon tugendhaft sein. Es muß was Schönes sein um die Tugend, Herr Hauptmann. Aber ich bin ein armer Kerl!“33. Hier befindet sich die Crux der Analyse. Zum einen übernimmt Woyzeck die inhärenten Raumregeln, in denen er sich der Argumentationsstruktur des Hauptmanns anpasst (Kein Geld- ergo keine Moral), zum anderen ist er nur Produkt der ihm bekannten Räume und hat indes durch einen sozial schwachen Stand nie die Möglichkeit zur Entfaltung von Moral erhalten. Der Raum hat ihn also (vor-)beeinflusst und nun beeinflusst er den Raum in dessen eigener Logik.

Das Menschenbild, das der Idee zu Grunde liegt, ist eines, das dem Menschen Moral nicht a priori zuspricht, sondern dies als erlernbar betrachtet. Erlernbarkeit von Moral durch Bildung, welche wiederrum stark mit dem Faktor finanzieller Mittel, und Status verquickt ist.

Mit einer Aufforderung der äußeren Raumnutzung schließt die Szene: „Geh jetzt, und renn nicht so; langsam, hübsch langsam die Straße hinunter!“34 Die expliziten wie impliziten Raumnutzungsanweisungen erlauben es Woyzeck in keinerlei Hinsicht einen Ort der Entfaltung zu finden. Die Rahmenbedingungen sind so starr reglementiert, dass ein respektiertes Leben nach Ausreizen der Raumgrenzen zu einem Ausschluss jeglicher Räume führt. Eine innere Raumentfaltung scheint dicht verwoben mit den Umständen und Möglichkeiten der äußeren Räume. Die Nicht-Zugehörigkeit des kirchlichen Raumes, des moralischen Raumes, des finanziell solventen Raumes geht also mit spezifischen Charakterzuschreibungen durch die Gesellschaft, hier verkörpert durch den Hauptmann, einher. Halten wir bis hierher fest: Grenzen der sozialen Räume sind gesellschaftlich vereinbart und folgen meist einer intrinsischen Logik. Sie sind immer von einem Hierarchie-Verhältnis geprägt und führen zum sozialen Ausschluss, wenn sie nicht eingehalten werden.

3.2.2. Geschlechterräume

In der Stadt steht Marie mit ihrer Nachbarin an einem Fenster35 und betrachtet von dort aus die vorbeizeihende Militärparade, die der Tambourmajor anführt. Die Beschreibung ist für die Auseinandersetzung mit Geschlecht (Gender) maßgeblich. Die Nachbarin bemerkt: „Was ein Mann, wie ein Baum!“36 daraufhin antwortet Marie: „Er steht auf seinen Füßen wie ein Löw.“37 Die Vertikale, die der Ausdruck Baum hier impliziert, kann durchaus als Phallussymbol verstanden werden und zielt dabei auch auf die Betonung der männlich-kräftigen Kondition des Tambourmajors, die unerschütterlich, gewaltig und groß (eben wie ein Baum) wahrgenommen wird. Die Hypermaskulinität38, die der Tambourmajor auszustrahlen scheint, wird an anderen Textbelegen ebenfalls mit Beschreibungen der Tierwelt unterstützt.39

Die Unterredung der zwei Frauen verdeutlicht allerdings noch weitere Grenzen, die sowohl das Geschlecht, als auch das geschlechtliche Zusammenleben betreffen. Die Nachbarin wirft Marie nämlich Unzucht und Promiskuität vor: „Frau Jungfer! Ich bin eine honette Person, aber Sie, es weiß jeder, Sie guckt sieben Paar lederne Hose durch!“40. Eine Diskriminierung erfährt Marie also indem sie die Grenzen einer jungen Mutter und Partnerin dadurch überschreitet, dass sie die gesellschaftlichen Grenzen der Treue und Monogamie zu überschreiten bedroht. Bemerkenswert ist hierbei die gesellschaftliche Instanz der Regelung und des Verbots, welche durch die Nachbarin verdeutlicht wird. Auch hier wird, wie oben bereits angedeutet, das Raum regulierende Moment der verbalen Züchtigung genutzt. Als Rebellion gegen diese restriktive Bevormundung, kann das Zuschlagen41 der Fensterscheibe seitens Marie, verstanden werden, das die Grenze zwischen dem Innen und Außen deutlich markiert und einen Ausschluss der „Außenansicht“ fördert, wodurch der Weg zum Ehebruch geebnet wird.42 Diese Beobachtung führt zu einer weiteren philosophisch-psychologischen Annahme: Durch die vermeintliche Determination von Grenzen werden Individuen zu einer beabsichtigten Grenzüberschreitung und einer Verletzung der Raumdeterminationen befähigt, Maries Raumüberschreitung, der durch den Seitensprung sichtbar gemacht wird, geht auch mit einer Verbesserungsabsicht ihrer Umstände einher43.

Der Geschlechterdiskurs interferiert stark mit einem Sexualdiskurs, der durch den Betrug Maries sichtbar gemacht wird. Sexuelle Lust und Anziehungskraft werden als animalisch und oberflächlich betrachtet, wie folgende Unterhaltung zwischen Marie und dem Tambourmajor zeigt:

„Marie: Geh einmal vor dich hin! Über die Brust wie ein Stier und ein Bart wie ein Löw. So ist keiner! – Ich bin stolz vor allen Weibern!“44 „Tambourmajor: Wenn ich am Sonntag erst den großen Federbusch hab' und die weiße Handschuh, Donnerwetter! Der Prinz sagt immer: Mensch, Er ist ein Kerl.“45 Die Betitelung „Stier und Löwe, die heraldisch ausgewiesenen Machtsymbole, vereinigen Potenz und Autorität.“46 Durch den animalisch konnotierten Sexualdiskurs, durch welchen dem Tambourmajor jedwedes Menschsein abgesprochen wird, wird eine Verbindung hinsichtlich der Fremd- und Selbstverortung in die unmoralischen triebgesteuerten „Welt der Tiere“ geschlagen, in der auch Woyzeck von außen determiniert zu sein scheint47.

[...]


1 Overlie, Mary, Standing in Space.

2 The Six Viewpoints Theory and Practice, USA 2016, S.10.

3 Ebd.

4 Vgl. hierzu: https://www.unibamberg.de/fileadmin/uni/fakultaeten/split_professuren/literaturvermittlung/ https://www.uni-bamberg.de/fileadmin/uni/fakultaeten/split_professuren/literaturvermittlung/MaterialienNDLI/ESIMaterialienDramentheori e-_und_analyse_SoSe_2009.pdfAristotles

5 Spanke, Kai und Werner, Lukas, Die gebrechliche Einrichtung der Welt. Raumstörungen und Textbrüche in Heinrich von Kleists Erzählungen, in: Störungen im Raum- Raum der Störungen, hg. Von Carsten Gansel und Pawel Zimniak, Heidelberg 2012, S. 72.

6 Engelke, Jan, Kulturpoetiken des Raumes. Die Verschr änkung von Raum-, Text- und Kulturtheorie, Würzburg 2009, S. 15

7 Vom „Laokoon Trauma“ spricht Jörg Robert in seiner Einführung in die Intermedialität. Robert, Jörg, Einführung in die Intermedialität. Darmstadt, 2014.

8 Ebd. hier zitiert er: Lessing, Gotthold Ephraim: Laokoon: oder über die Grenzen der Malerei und Poesie. In: G.E.L.: Werke. Bd. 6: Kunsttheoretische und kunsthistorische Schriften. Hrsg. Von Herbert H. Göpfert. Darmstadt 1974; vgl. insbesondere S.102 ff

9 Engelke, Kulturpoetiken des Raumes (Anm.5), S.15.

10 Ebd.

11 Vgl. https://www.berlin.de/aktuell/ausgaben/2009/juni/ereignisse/artikel.224008.php

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Vgl. https://www.berlin.de/aktuell/ausgaben/2009/juni/ereignisse/artikel.224008.php

15 Bei der Suche nach der politisch korrekten Bezeichnung obdachloser Personen habe ich mich an dem Kapitel „Politische Korrektheit“ der Vorstudie der Doktorarbeit von Sandra Wolf orientiert. http://www.kagw.de/fileadmin/user_upload/pdf/17-01-16 Vorstudie_final_ge%C3%A4ndert_Druck_Gro%C3%9F_Final.pdf

16 Vgl. dazu Georg Büchner . Woyzeck, kritisch hg. Von Egon Krause, Frankfurt am Main 1969. S.73.

17 Graczyk, Annette, Sprengkraft Sexualität. Zum Konflikt der Geschlechter in Georg Büchners "Woyzeck", in: Georg-Büchner-Jahrbuch (2005-2008), H. 11, S. 114.

18 Ebd

19 Ebd

20 Carsten Gansel und Pawel Zimniak, Raumstörungen und Textbrüche in Heinrich von Kleists Erzählungen, (Anm.4), S.77.

21 Im Folgenden wird das Drama immer mit Anführungszeichen angegeben, wohingegen die Figur Woyzeck ohne diese kenntlich gemacht wird.

22: Georg Büchner. Werke und Briefe, hg. von Karl Pörnbacher, Gerhard Schaub, Hans-Joachim Simm und Edda Ziegler, München 1995. Textbelege des Dramas „Woyzeck“ werden immer aus dieser historisch-kritischen Ausgabe bezogen Dabei handelt es sich um die Lesefassung des Dramas Büchner, Woyzeck (Anm. 14), S. 235f.

23 Ebd.

24 Vergleiche dazu: Tabelle der Szenenabfolge im Anhang

25 Eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Thema kann hier, dem Rahmen der Arbeit geschuldet, nicht stattfinden. Der Aufsatz von Anette Graczyk bietet jedoch, gerade hinsichtlich der Genderdisposition der Figuren, eine aufschlussreiche Erläuterung die Fensterszenen betreffend.

26 Büchner, Woyzeck (Anm.17), S. 239.

27 Ebd., S.239.

28 Ebd., S.240.

29 Ebd.

30 Ebd., S. 240.

31 Ebd.

32 Ebd.

33 Ebd, S. 241.

34 Ebd, S. 241.

35 Ebd, S.235 f.

36 Ebd.

37 Ebd.

38 Vgl. dazu: http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=8909

39 Bezeichnungen wie Esel, Bestie, Katze in: Büchner, Woyzeck (Anm.17), Szene: Beim Doktor, S.242f., Der Hof des Professors, S.250f.

40 Ebd., S.234.

41 Hier muss jedoch philologisch angemerkt werden, dass je nach Ausgabe der Überlieferungskontext sowohl das Wort zuschlagen, als auch zerschlagen angibt. Bemerkenswert ist jedoch ein physischer Akt der Distinktionsbetonung von innen und außen.

42 Graczyk, Annette, Sprengkraft Sexualität. Zum Konflikt der Geschlechter in Georg Büchners "Woyzeck", in: Georg-Büchner-Jahrbuch (2005-2008), H. 11, S. 110.

43 Graczyk, Annette, Sprengkraft Sexualität. Zum Konflikt der Geschlechter in Georg Büchners "Woyzeck", in: Georg-Büchner-Jahrbuch (2005-2008), H. 11, S. 110.

44 Büchner, Woyzeck (Anm.16), S.241.

45 Ebd.

46 Graczyk, Sprengkraft Sexualität. (Anm.42), S. 110.

47 Ich beziehe mich hier auf Betitelungen Woyzecks, Vgl. dazu (Anm. 38)

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Individuum zwischen Räumen. Wahrnehmung, Verortung, Grenzen
Untertitel
Zur Komposition und Relation von Space, Bewegung und Kultur in Georg Büchners "Woyzeck"
Hochschule
Universität Wien
Veranstaltung
Körper_Texte: Tanz, Theater, Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
25
Katalognummer
V887598
ISBN (eBook)
9783346217448
ISBN (Buch)
9783346217455
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tanz, Spatial Turn, Raumkonzeption, Woyzeck, Büchner
Arbeit zitieren
Hannah Grünewald (Autor), 2018, Individuum zwischen Räumen. Wahrnehmung, Verortung, Grenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/887598

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