Räume sind omnipräsenter Bestandteil unserer Leben und begegnen uns unentwegt. Wir sind nicht nur Nutzer_Innen tatsächlicher architektonischer Räume, die uns als Mängelwesen Schutz vor dem Außen geben, nicht nur ständige Bewohner_Innen sozialer Räume, die distinktive Erwartungen an uns richten, sondern vornehmlich Träger_Innen innerer Räume, deren Erkundung tatsächlich eine Lebensaufgabe darstellt.
Räume sind unerlässliche Rahmenbedingungen für menschliches Zusammenleben und persönliche Entfaltung. Räume sind interdisziplinärer Forschungsgegenstand und eröffnen auf psychologischer, philosophischer, architektonischer, sozialer, kulturwissenschaftlicher und literarischer Ebene zahlreiche Analysemöglichkeiten und ermöglichen dadurch einen theoretischen Zugang gesellschaftliche Strukturen zu erschließen. An Georg Büchners Drama „Woyzeck“ und dessen gleichnamiger Hauptfigur werde ich in der vorliegenden Arbeit Raum- Beobachtungen anstellen und unter Berücksichtigung einschlägiger (literarischer) Raumkonzeptionen einen Erklärungsversuch seiner Handlungsweise als räumlicher und sozialer Grenzgänger unternehmen.
Primär wird zu dieser Untersuchung Mary Overlies Theorie der Six Viewpoints herangezogen. Die Tanz- und Bewegungskünstlerin hat mit ihrer Text „Standing in Space“ ein theoretisches Lehrsystem entworfen, dass als philosophisches Analyseinstrument für Performances, Theater und Tanz herangezogen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Bemerkung
2. ZeitRaum- RaumZeit
3. Woyzeck und der Raum
3.1.Topographischer Raum
3.2.Topologischer und Semantischer Raum
3.2.1. Öffentlich vs. Privat/ Raumoppositionen
3.2.2. Geschlechterräume
3.2.3. Innenraum
4. Mary Overlie: Standing in Space
5. Räume und ihre Grenzen
5.1.Grenzüberschreitungen und Störungen im Raum
6. Fazit und Apell
7. Szenentabelle
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Komposition und Relation von Raum, Bewegung und Kultur in Georg Büchners Drama „Woyzeck“. Ziel ist es, unter Einbeziehung der Theorie „Standing in Space“ von Mary Overlie zu analysieren, wie die Hauptfigur als sozialer und räumlicher Grenzgänger agiert und in welchem Verhältnis das Individuum zu seiner räumlichen Umgebung steht.
- Raumkonzeptionen in der Literaturwissenschaft und ihre Anwendung auf „Woyzeck“.
- Analyse von Raumoppositionen wie Stadt vs. Land und Innen vs. Außen.
- Untersuchung von Hierarchie- und Geschlechterräumen in Bezug auf soziale Exklusion.
- Theoretische Verknüpfung von Büchners Dramentext mit Mary Overlies „Six Viewpoints“.
- Identitätskonstruktion und Grenzüberschreitung als existenzielle Bewältigungsstrategien.
Auszug aus dem Buch
3.2.1. Öffentlich vs. Privat
Jegliche Raumdiskurse sind auch immer Hierarchie-Diskurse, gerade bei dem Begriffspaar öffentlich versus privat, fällt deutlich auf, dass gewisse Räume spezifische Hierarchiegefüge hervorrufen. Benehmen wir uns doch gänzlich anders in einem Bewerbungsgespräch, als bei einem gemütlichen Beisammensein unter Freund_Innen.
Folgendes Beispiel soll verdeutlichen, wie stark Hierarchie und Raum miteinander korrelieren. In einem geschlossenen Raum lässt sich der Hauptmann von Woyzeck rasieren. Das Zimmer in einem Innenraum symbolisiert also hier die engen sozialen Grenzen, in denen sich die Figuren aufhalten. Der Hauptmann ist aller Wahrscheinlichkeit der Vorgesetzte Woyzecks und ihm demnach sozial-hierarchisch überlegen. Das äußert sich nicht nur an der Handlungszuordnung der Beiden; Woyzeck rasiert den Hauptmann, der Hauptmann lässt sich rasieren, sondern vor allem an dem daraus resultierenden Kommunikationsmodus, der Woyzeck in eine Position manövriert, in der er Anforderungen „Langsam, Woyzeck, langsam; eins nach dem andern!“ und Beschreibung des Hauptmanns: „Oh, Er ist dumm, ganz abscheulich dumm!“, „Woyzeck, Er hat keine Tugend! Er ist kein tugendhafter Mensch!“ zu akzeptieren, ja auszuhalten hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Bemerkung: Einführung in die Thematik der Raumwahrnehmung und Vorstellung der methodischen Herangehensweise unter Nutzung von Mary Overlies „Six Viewpoints“.
2. ZeitRaum- RaumZeit: Theoretische Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Zeit und Raum in der Literatur, verdeutlicht durch eine Anekdote zur Berliner Friedrichstraße.
3. Woyzeck und der Raum: Anwendung der Raumtheorie auf das Drama „Woyzeck“, inklusive Analysen zu Topographie, Topologie, Geschlechterrollen und dem Innenraum der Figur.
4. Mary Overlie: Standing in Space: Detaillierte Betrachtung des Analyseinstruments von Mary Overlie und dessen Übertragbarkeit auf den literarischen Text.
5. Räume und ihre Grenzen: Untersuchung der notwendigen Abgrenzung von Räumen und der Bedeutung von Grenzüberschreitungen sowie Störungen.
6. Fazit und Apell: Abschließendes Plädoyer für ein bewussteres Raumverständnis und die Notwendigkeit von Raumöffnungen im sozio-politischen sowie privaten Kontext.
7. Szenentabelle: Tabellarische Übersicht der zentralen Szenen des Dramas mit Fokus auf deren räumliche Zuordnung und inhaltliche Bedeutung.
Schlüsselwörter
Woyzeck, Georg Büchner, Raumtheorie, Mary Overlie, Standing in Space, soziale Räume, Gender, Topographie, Grenzüberschreitung, Innenraum, Hierarchie, Identität, Literaturwissenschaft, Performativität, Machtverhältnisse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die räumlichen Dimensionen und Verortungen von Individuen in Georg Büchners Drama „Woyzeck“ durch eine interdisziplinäre kulturwissenschaftliche Brille.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf Raumkonzeptionen, sozialen Hierarchien, Gender-Diskursen und der Frage, wie Individuen durch äußere Umstände und Raumregeln determiniert oder ausgegrenzt werden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Woyzecks Handlungsweise und sein Scheitern als „Mensch zwischen den Räumen“ durch die Anwendung von Mary Overlies „Six Viewpoints“-Theorie zu erklären und Raum als dynamisches, machtbesetztes Konstrukt zu begreifen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Theorie von Mary Overlie aus ihrem Werk „Standing in Space“ als Analyseinstrument, kombiniert mit literaturwissenschaftlicher Szenenanalyse und kulturtheoretischen Ansätzen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung topographischer und topologischer Räume, eine geschlechterspezifische Analyse der Figureninteraktionen sowie eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Raumgrenzen für die soziale Identitätsbildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Raumtheorie, Woyzeck, Gender, soziale Exklusion, Raumgrenzen, Hierarchie, Performativität und Identität.
Wie korreliert der „Innenraum“ Woyzecks mit den äußeren Schauplätzen?
Die Arbeit zeigt, dass Woyzecks psychischer Innenraum eng an die äußeren, starren sozialen Gegebenheiten gekoppelt ist; eine persönliche Entfaltung scheitert oft an der Unfähigkeit, diese äußeren Räume aktiv zu besetzen oder zu verändern.
Welche Bedeutung kommt dem Tambourmajor im Kontext des Raumdiskurses zu?
Der Tambourmajor wird als Personifikation einer hypermaskulinen Erfolgs- und Raumeroberung dargestellt, die Woyzeck nicht nur seine Partnerin Marie entfremdet, sondern ihn auch räumlich und sozial weiter an den Rand drängt.
- Quote paper
- Hannah Grünewald (Author), 2018, Individuum zwischen Räumen. Wahrnehmung, Verortung, Grenzen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/887598