Nachdem verschiedene Studien der Nachkriegszeit keinen unmittelbaren Einfluß der Massenmedien auf die Einstellungen oder das Verhalten der Rezipienten nachweisen konnten, herrschte in der Medienwirkungsforschung in den fünfziger und sechziger Jahren die Vorstellung von schwachen bzw. fehlenden Medienwirkungen. Anfang der siebziger Jahre wurde jedoch von verschiedener Seite die Wirkungslosigkeit der Medien in Frage gestellt, da die eigenen Erfahrungen in einer immer stärker von den Medien geprägten Gesellschaft der schwachen bzw. fehlenden Medienwirkungen widersprachen. Ein Ausweg fand sich schließlich in der Vermutung, daß die auf den Nachweis von Einstellungsänderungen fixierte Forschung vielleicht Medieneffekte übersehen hatte. Das Forschungsinteresse verlagerte sich von der Einstellungs- und Verhaltensänderung hin zur Informationsverarbeitung, wobei die sich gleichzeitig vollziehende, kognitive Wende in der psychologischen Forschung von großem Einfluß gewesen sein sollte. Eine der sichtbarsten Neuorientierungen in der Kommunikations-forschung Anfang der siebziger Jahre stellt der Agenda-Setting-Ansatz dar.
Den Begriff "Agenda-Setting" prägten die amerikanischen Wissenschaftler Maxwell E. McCombs und Donald L. Shaw. In ihren 1972 veröffentlichten Aufsatz ,,The Agenda-Setting Function of Mass Media." formulierten sie die Agenda-Setting-Hypothese wie folgt:
"While the mass media may have little influence on the direction or intensity of attitudes, it is hypothesized that the mass media set the agenda for each political campaign, influencing the salience of attitudes toward the political issues."
(Mc Combs/Shaw, 1972, S. 177)
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Agenda-Setting-Forschung
1.1. Die „Chapel Hill“ Studie
1.2. Methode der Agenda-Setting-Forschung
1.3. Ergebnisse der Agenda-Setting-Forschung
2. Eine Agenda-Setting-Theorie
2.1. Definition der zentralen Begriffe
2.1.1. „Themen“
2.1.2. „Wichtigkeit“
2.2. Agenda-Setting-Prozesse
2.3. Gesellschaftliche Konsequenzen
Schluß
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Agenda-Setting-Ansatz in der Medienwirkungsforschung, von seiner historischen Genese über empirische Befunde bis hin zu einer fundierten theoretischen Modellbildung. Das primäre Ziel ist es, die Wirkungsweise der Massenmedien bei der Strukturierung öffentlicher Aufmerksamkeit zu ergründen und die Rolle von kognitiven Schemata und intervenierenden Variablen zu analysieren.
- Historische Entwicklung der Agenda-Setting-Forschung (Chapel Hill Studie)
- Methodische Grundlagen und Herausforderungen der Wirkungsanalyse
- Theoretische Fundierung durch kognitive Psychologie und Schematheorien
- Analyse von Interventionsvariablen wie Orientierungsbedürfnis und Medientyp
- Gesellschaftliche Implikationen und Macht der Medien bei der Themenstrukturierung
Auszug aus dem Buch
2.2 Agenda-Setting-Prozesse
Die meisten wissenschaftlichen Arbeiten zum Agenda-Setting betten den Agenda-Setting-Prozeß in einer modifizierte Lerntheorie ein, worauf bereits McCombs und Shaw hinwiesen: „Audiences not only learn about public issues and other matters though the media, they also learn how much importance to attach to an issue or tropic from the emphasis placed on it by the media.“ (McCombs/Shaw, 1977, S. 213)
Demnach unterstellt Agenda-Setting, daß die Rezipienten die Wichtigkeit der Themen öffentlicher Diskussion aus den Medien lernen und diese Gewichtung in ihre eigenen Themenhierarchien übernehmen (Rössler, 1997, S. 17). Wolfgang Eichhorn (1996) teilt diese Ansicht nicht. Seiner Meinung nach betrifft die wahrgenommene Wichtigkeit eines Themas nicht die Einordnung des Themas in die eigenen Themenhierarchien, sondern gehört zu den Umweltwahrnehmungen, die dieses Thema betreffen und ist damit Teil des entsprechenden Schemas. Eichhorn bemerkt allerdings: „Beim Rezipienten dieser Botschaft findet ein Prozeß der Attribuierung statt, der zu dem Ergebnis kommt, daß die Medien deswegen so häufig über ein bestimmtes Thema schreiben, weil es in der Öffentlichkeit wichtig ist.“ (Eichhorn, 1996, S. 104)
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Umreißt den historischen Wandel in der Medienwirkungsforschung von der Annahme „schwacher Medienwirkungen“ hin zur Entstehung des Agenda-Setting-Ansatzes.
1. Die Agenda-Setting-Forschung: Präsentiert die „Chapel Hill“-Studie als Grundstein und diskutiert die methodischen Standards sowie zentrale empirische Ergebnisse.
2. Eine Agenda-Setting-Theorie: Überführt die bisherigen empirischen Ergebnisse in ein theoretisches Modell, das auf kognitionspsychologischen Schemata basiert.
Schluß: Reflektiert den Forschungsstand und betont die Notwendigkeit, künftige Studien stärker auf die Rolle von „Experten“ auszurichten.
Schlüsselwörter
Agenda-Setting, Medienwirkungsforschung, Themenstrukturierung, kognitive Schemata, Massenmedien, Publizistik, Chapel Hill Studie, Informationsverarbeitung, Salienz, öffentliche Meinung, Mediennutzung, Kommunikationstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Theorie des Agenda-Settings, welche untersucht, inwieweit Massenmedien die öffentliche Wahrnehmung von Themen und deren Wichtigkeit beeinflussen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die historische Entwicklung der Forschung, methodische Herangehensweisen, die kognitive Fundierung durch Schematheorien sowie die gesellschaftlichen Konsequenzen der Medienberichterstattung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Wirkungsweise der Medien bei der Agenda-Setzung theoretisch zu untermauern, indem man die empirischen Befunde durch psychologische Konzepte besser erklärbar macht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse, die primär auf den Arbeiten von Wolfgang Eichhorn sowie den klassischen Studien von McCombs und Shaw aufbaut und diese systematisch integriert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der empirischen Forschung, die theoretische Definition zentraler Begriffe wie „Themen“ und „Wichtigkeit“ sowie die Analyse von Agenda-Setting-Prozessen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Agenda-Setting, kognitive Schemata, Salienz, Medienwirkungsforschung und Themenstrukturierung.
Wie unterscheidet der Autor zwischen kurzfristigen und langfristigen Effekten?
Kurzfristige Effekte werden durch Priming und die Verfügbarkeit von Informationen erklärt, während langfristige Prozesse mit der Veränderung der Zentralität von Themen innerhalb kognitiver Wertematrizen verknüpft sind.
Warum spielt das Konzept der „Experten“ laut dieser Arbeit eine wichtige Rolle?
Experten besitzen hochkomplexe kognitive Schemata, die sie befähigen, politische Muster schneller zu erkennen und bei der Informationsvermittlung spezifisch auf die Bedürfnisse der Rezipienten einzugehen.
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- Aurélie Cahen (Author), 2002, Agenda-Setting-Prozesse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8877