Dinge sehen, wie sie aus sich selber sind

Text-Bild-Relationen am Beispiel des 'Orbis sensualium pictus'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
22 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biografie zu Johann Amos Comenius

3 Der ‚Orbis sensualium pictus’
3.1 Mögliche Intention des Autors

4. Sichtbares und Sagbares
4.1 Deutung und Wirkung des Orbis pictus
4.2 Aktuelle Tendenzen

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Durch das Seminar ‚Sprachpädagogik der frühen Neuzeit’ im vergangenen Wintersemester wurde ich durch ein im Seminar von Kommilitonen gehaltenes Referat über die Pädagogik des Johann Amos Comenius daran erinnert, dass ich den Namen nicht nur in der Universität, sondern auch schon andernorts gehört und gelesen hatte. Durch die Inhalte des Referats ermuntert, versuchte ich nachzuvollziehen, woher mir diese Person bekannt war und ich verschaffte mir einen Überblick über dessen Werke und Schriften. Der im Seminar behandelte ‚Orbis sensualium pictus’ machte auf mich den Eindruck, als seien mir die Bilder, vor allem das „figürliche Alfabeth“[1], in dem allen Buchstaben ein Bild mit einem der Aussprache des Buchstaben ähnlichen Inhalt zugeordnet ist, bekannt. Nach langem Überlegen sind mir die alten Schulbücher meiner Großmutter in den Sinn gekommen. Unter diesen befand sich auch der ‚Orbis sensualium pictus’ (nachfolgende Orbis pictus genannt). Nun konnte ich mich an meine Kindheit erinnern, in der mir meine Großmutter diese Bilder zeigte und erfuhr von meiner Mutter, dass ich von den Bildern und den Tieren begeistern war; durch diese mein Sprechen übte. So gelangte ich zu der Überlegung, mich näher mit diesem Werk auseinander zu setzen und merkte bei näherer Beschäftigung, dass zwischen den Bildern und den Texten gewisse Spannungen bestehen; dass nicht alle Abbildungen auch Parallelen oder direkte Veranschaulichungen der schriftlichen Erklärung aufwiesen. Ich versuchte trotz allem, die Verknüpfungsstellen herauszufinden, die es dem Betrachter ermöglichten, die Schrift zu verstehen – auch, wenn es mir als Leser vermittelt durch die Beschreibung oftmals nur möglich war, die dargestellten Szenen einem gewissen Thema zuzuordnen, weil mir das kontextuelle, zeitliche und räumliche Wissen der Entstehungszeit des ‚Orbis pictus’ teilweise fehlte. Die zeitliche Distanz machte das direkte Bildverständnis in manchen Fällen schwer, was durch den Text wieder relativiert wurde. Gerade dieses Wechselspiel zwischen Text und Bild sollte für mein weiteres Arbeiten am Orbis pictus an Bedeutung gewinnen. Auch die zeitliche und persönliche Entwicklung des Autors spielt in die Deutung des Werks mit ein, weil es sich um eine persönlich wie historisch turbulente Zeit handelt, in der es entstand. Die Erfahrungen aus meiner Kindheit stellten mich sodann aber vor die Frage, inwieweit noch heute diese Text-Bild-Korrelation in der Pädagogik oder den Wissenschaften von Bedeutung sind und wie der derzeitige Stand der Forschung den Orbis pictus bewertet.

2. Biografie zu Johann Amos Comenius

Johann Amos Comenius wurde am 28. März 1592 unter dem Namen Jan Seges Komensky in Nivnice, einer Stadt in Mähren, im Osten der heutigen Slowakischen Republik, geboren. In seiner Kindheit verlor er schon im Alter von zehn Jahren seinen Vater und kurz darauf seine Mutter. Durch Verwandte und Förderer wird es Jan Seges Komensky 1608 ermöglicht, die Lateinschule zu besuchen. Hierbei kommt es zum Kontakt mit der Brüdergemeinschaft der Sozinianer, einer nachreformatorischen Religionsgemeinschaft, die die Trinität Gottes verneint und deren Priester nicht zölibatär leben. Durch von der Gemeinschaft der Böhmischen Brüder bereitgestellte finanzielle Mittel wird es für ihn möglich, in den deutschen Städten Marburg, Herborn und später auch in Heidelberg zu studieren. Während seines Studiums nimmt er den Namen Johann Amos Nivanus an und passte sich der zeitgemäßen Latinisierung seines Namens in den Kreisen der Gelehrten an. Nach Abschluss seines Studiums kehrte Johann Amos Nivanus in seine Heimat zurück und wurde dort als Lehrer an der Dorfschule tätig. Mit der Weihe zum Priester erhielt Nivanus die Leitung über eine Pfarrkirche in Mähren und über seine Funktion als Pfarrvorsteher wird ihm die Leitung der örtlichen Schule anvertraut. Schon in dieser Zeit prägt ihn der schulische Alltag und der für ihn beschwerliche Umgang mit Buchstabiertafeln und der „Verdruß der ABC-Schüler.“[2] Mit 26 Jahren heiratet Nivanus seine erste Frau, mit der er zwei Kinder hatte. Frau und Kinder starben an den Folgen der Pest schon vier Jahre darauf. Während des Dreißigjährigen Krieges heiratet Nivanus erneut und muss mit seiner Familie wegen der regiden Rekatholisierung Böhmens und Mährens durch die Habsburger 1621 in den Untergrund gehen. Seit 1627 benennt sich Johann Amos Nivanus in den heute bekannten Namen Johann Amos Comenius um. Nach seiner Flucht nach Polen, wo die Böhmischen Brüder unter dem dortigen Fürsten Zuflucht gewährt bekommen, wird Comenius Lehrer am Gymnasium in Lissa, zu dessen Rektor er 1635/36 ernannt wird. Durch seine pädagogischen Schriften bekannt, wird er 1641 vom englischen Parlament nach London eingeladen. Nach politischen Unruhen zwischen England und dem katholischen Irland im Folgejahr verlässt Comenius England wieder. Schon 1642 ereilt ihn der Ruf Louis de Geers, eines einflussreichen holländischen Mannes, der ihn mit Geldern des einflussreichsten schwedischen Waffenlieferanten zur Reform des schwedischen Schulsystems bewegen soll. Nach der Neuorganisation des schwedischen Schulsystems, was für Comenius ein schwieriges Unterfangen darstellte, weil er für den Waffenlieferanten arbeitete, das System aber den Staat überzeugen musste, trifft er sich im Juni 1642 mit René Descartes, damals latinisiert Renatus Cartesius, in dessen Landhaus in Endegeest zu Unterredungen.[3] In der Folgezeit reist Comenius viel und versucht, seine pansophischen Studien voranzutreiben, was aber dadurch verhindert wird, dass ihm sein pädagogischer Ruf vorauseilt und er zur Reform vieler Schulen angehalten wird. Erst 1648 kehrte er nach Lissa zurück und heiratete nach dem Tod seiner zweiten Frau im Mai 1649 ein weiteres Mal. Ein Meilenstein in seinem Lebenslauf war die Einladung des in Ungarn mächtigen Fürsten von Transsylvanien zur Reform der dortigen Schule. Comenius knüpfte an diese Tätigkeit die Hoffnung, dass er mittels der Hilfe des Fürsten und dessen Kontakten zur Türkei und anderen den Habsburgern entgegenstehenden Staaten seine Rückkehr nach Mähren erreichen könnte. Dieses Vorhaben scheitert jedoch an den europäischen Mächtekonstellationen. Seine Tätigkeit in Sáros Patak beruht aber nicht nur auf der didaktischen Erneuerung des Schulsystems, sondern er vermählt dort den Fürsten Sigismund mit seiner deutschen Gemahlin, der Pfalzgräfin Henrietta, einer Tochter des Königs Friedrich, weil die ungarischen Bischöfe kein Deutsch und die deutschen Bischöfe kein Ungarisch sprachen. Die Ehe hielt jedoch in Folge schwerer Krankheit beider Ehepartner nur ein Jahr. Ebenfalls entwarf Comenius in Sáros Patak den Vorentwurf zum Orbis pictus, der unter dem Titel ‚Lucidarium’ firmierte und erst 1658 unter dem heute bekannten Titel in Nürnberg veröffentlicht wurde. Durch seine Tätigkeit in dieser Zeit wurde Comenius als „genialer Didaktiker und Schulreformer“[4] bekannt. Auch formte sich in den Jahren in Transsylvanien sein didaktisches Motto „Omnia sponte fluant, absit violentia rebus“[5], was auch im Titelbild des Orbis pictus Aufnahme fand. 1654 kehrt Comenius nach Lissa zurück, was unter dem Schutz der Schweden bis 1656 seiner Familie Sicherheit gab. Nach dem Rückzug der Schweden aus Lissa wurde die Stadt von polnischen Partisanen geplündert und in Brand gesteckt. Comenius verlor in diesen Wirren viele seiner Schriften und einen Großteil seiner Bibliothek an die Flammen und wandte sich nun nach Holland, um dort seinen pansophischen Ideen nachzugehen. Doch die „Ratsherren von Amsterdam und die Admiralität der Ost-Indischen Gesellschaft waren (...) eher und mehr an einer guten Schulbildung ihrer eigenen Kinder (...) interessiert als an pansophischen Bestrebungen.“[6] Trotz allem gelingt es Comenius, seine ‚Opera Didactica Omnia’, eine Zusammenstellung aller seiner didaktischen Arbeiten seit 1627 mit einem erklärenden Schlussteil, herauszugeben. „Nach dem Abschluß seines didaktischen Lebenswerks muß Comenius auf mehreren Gebieten gleichzeitig gearbeitet haben: auf kirchlichem, politischem und philosophisch-pansophischem Gebiet.“[7] Neben seiner Tätigkeit als Priester wurde ihm in der Vergangenheit mehrfach die Leitung von pastoralen Verbünden der Böhmischen Brüder angetragen, die Comenius im Hinblick auf seine weiteren Tätigkeiten jedoch immer zurückstellte und sich nur zur Mitarbeit verpflichtete. Mit der Philosophie Descartes setzt sich Comenius kritisch auseinander und verurteilt sie scharf: „Sie [Descartes Philosophie] trennt im Denken des Menschen Gott von seiner Schöpfung (...).“[8] Sie führt geradewegs zum Atheismus und hat aus den Akademien „Heidennester“[9] gemacht. Mit der Vermischung von Himmel und Erde geht Comenius auf die Kritik Descartes ein, der 1638 schon bemängelte, dass Comenius vorhabe, die Pansophie mit der Theologie zu vermischen.[10] Comenius hingegen postuliert drei aufeinander bezogene Erkenntnisquellen: die Welt der sichtbaren Dinge (Natur), die dem menschlichen Gemüt und Geist (animus et mens) eingeborenen Ideen (notiones communes) und die göttliche Offenbarung, hier noch ausschließlich die Hl. Schrift.[11] Diese Einteilung entspricht in ihren Bestandteilen nicht mehr der heute gängigen, ist jedoch im Ansatz bedeutsam, wenn man von der Aufteilung in die Dinge der realen Welt und die Vorstellung im Kopf des Menschen ausgeht. Die wahre Erkenntnis liegt für den Theologen Comenius aber noch allein in der göttlichen Offenbarung, die er selbst Zeit seines Lebens in naher Zukunft auf die Menschheit zukommen sah. Auch durch seine didaktische Überlegung zum effektiven Erwerb von Wissen, das zu „rechtem Handeln befähigt und führt, gelangt der Lernende am besten in dem Dreischritt ‚Erfahrung durch sinnliche Wahrnehmung (theoria) – rationale Verarbeitung des Erfahrenen im Verstande (praxis) – Anwendung durch gezieltes und rechtes Handeln (chresis).“[12]

Am 15. November 1670 stirbt Johann Amos Comenius in Amsterdam. „Comenius hat mit seinem Lebensweg und mit der Entfaltung seiner Pansophie aufgezeigt, dass die Welt und das Leben tatsächlich die eigentliche Schule des Menschen ausmachen, zu der als integrierende Teil die institutionalisierten Schulen gehören, in denen der Mensch auf die übergreifende Schule des Lebens vorbereitet wird.“[13]

[...]


[1] J. A. Comenius: Orbis sensualium pictus. In der Praefatio.

[2] J. A. Comenius: Orbis sensualium pictus. In der Praefatio.

[3] Vgl. Michel / Beer S. 58.

[4] Michel / Beer S. 107.

[5] ebd. S. 116. Alles muss von selbst fließen und den Dingen Gewaltsamkeit fern sein.

[6] ebd. S. 140.

[7] Michel / Beer S. 141.

[8] zit. nach Michel / Beer S. 184.

[9] ebd.

[10] Vgl. Michel S. 229.

[11] Michel S. 229.

[12] ebd. S. 234.

[13] ebd.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Dinge sehen, wie sie aus sich selber sind
Untertitel
Text-Bild-Relationen am Beispiel des 'Orbis sensualium pictus'
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für Germanistik)
Note
1,6
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V88859
ISBN (eBook)
9783638034807
ISBN (Buch)
9783638932707
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dinge, Johann, Amos, Comenius, Text-Bild-Relation, Orbis sensualium pictus, Orbis pictus
Arbeit zitieren
René-André Kohl (Autor), 2007, Dinge sehen, wie sie aus sich selber sind, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88859

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