Wie sehen die verschiedenen Anspielungen auf den Heraklesmythos in Gottfried Kellers "Pankraz, der Schmoller" konkret aus und welche Funktion hat der Einbezug einer solchen literarischen Vorlage in Kellers Novelle?
Dafür sollen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Herakles und Pankraz in vergleichender Perspektive herausgearbeitet werden, um zu klären, inwiefern die Figur als Ebenbild oder als Parodie von Herakles gezeichnet wird. Anschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst, bevor ein abschließender Blick auf die Funktion der Heraklesbezüge in Kellers Werk erfolgt.
Inhaltsverzeichnis
1. Pankraz‘ Heimatort Seldwyla als ein Ort der Moderne und Mythologie
2. Bezüge zum Heraklesmythos in Gottfried Kellers Novelle Pankraz, der Schmoller
2.1. Pankraz und die Jagd auf den Löwen
2.2. Verweichlichung Pankraz‘ unter Lydia
2.3. ‚Pankraz‘, ein ‚Allesbeherrscher‘ im wörtlichen Sinn?
3. Zur Funktion der Heraklesbezüge in Pankraz, der Schmoller
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Einbindung und Funktion von Bezügen zum antiken Heraklesmythos in Gottfried Kellers Novelle „Pankraz, der Schmoller“. Dabei wird analysiert, inwiefern der Protagonist Pankraz als modernes Ebenbild oder aber als ironische Parodie der antiken Heldenfigur gezeichnet wird und welche Rolle diese literarische Referenz innerhalb der realistischen Erzählweise spielt.
- Analyse mythologischer Motive im literarischen Realismus des 19. Jahrhunderts
- Vergleich der Löwenkampf-Episoden bei Herakles und Pankraz
- Untersuchung der „Verweiblichung“ und Männlichkeitskonstruktion
- Etymologische und inhaltliche Deutung des Namens „Pankraz“
- Die Funktion der Mythenrezeption als Mittel der Distanzierung zur Romantik
Auszug aus dem Buch
2.1. Pankraz und die Jagd auf den Löwen
Wie in der Einleitung schon kurz erwähnt, ist eine erste Parallele zwischen dem Heraklesmythos und der Novelle Pankraz, der Schmoller ein Kampf des jeweiligen Protagonisten mit einem Löwen.
Herakles muss sich in der griechischen Mythologie sogar zwei Mal gegen einen Löwen im Kampf behaupten. Die erste Konfrontation knüpft an Herakles‘ Entscheidung für den „Weg der Tugend“ an. Er begibt sich auf den Berg Kithäron, wo er den dort hausenden, „entsetzliche[n] Löwen“ besiegt, dessen Fell und Kopf abtrennt und fortan als Mantel und Helm trägt. Herakles‘ zweiter Löwenkampf bildet gleichzeitig seine erste kanonische Tat im Dienste Eurystheus‘. Er soll dem König das Fell des nemëischen Löwen bringen, der die Menschen auf der Peloponnes terrorisiert. Nach einer langen Suche findet Herakles den Löwen schließlich, kann ihn allerdings nicht mit seinen Pfeilen niederschießen, da das „Ungeheuer“ nicht mit menschlichen Waffen verwundet werden kann. Aus diesem Grund erwürgt er den Löwen nach einem „mühseligen Ringkampf“, woraufhin sich Herakles auch hier wieder Rüstung und Helm aus dem Fell und dem Kopf des Löwen fertigt.
Vergleicht man die Geschichte des Löwenkampfes von Herakles mit der von Pankraz, so fallen die deutlichen Bezüge Kellers zum griechischen Mythos auf. Auch Pankraz kämpft gegen einen besonders furchteinflößenden Löwen, der die Menschen in der Gegend in Angst und Schrecken versetzt, bevor er das Löwenfell nach dessen Tod als eine Art Andenken an seinen Sieg überall hin mitnimmt.
Schon im griechischen Mythos übernimmt der Löwe die Funktion eines „Identifikationsungeheuer[s]“ für den Heros, der durch das Tragen des Löwenfells buchstäblich in dessen Haut schlüpft und so untrennbar mit dem Löwen verbunden ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Pankraz‘ Heimatort Seldwyla als ein Ort der Moderne und Mythologie: Dieses Kapitel verortet das Geschehen im kapitalistisch geprägten Seldwyla und hinterfragt die Möglichkeiten mythologischer Erzählweisen in einer modernen, industrialisierten Welt.
2. Bezüge zum Heraklesmythos in Gottfried Kellers Novelle Pankraz, der Schmoller: Hier erfolgt eine detaillierte Gegenüberstellung der Protagonisten in Bezug auf ihre Löwenkämpfe, ihre Erfahrungen mit „Verweichlichung“ durch Frauenfiguren sowie die etymologische Bedeutung und Symbolik des Namens „Pankraz“.
3. Zur Funktion der Heraklesbezüge in Pankraz, der Schmoller: Das abschließende Kapitel analysiert die erzähltheoretische Funktion der Mythenrezeption und zeigt auf, wie Keller den Mythos zur Abgrenzung von der Romantik und zur ironischen Entmythologisierung einsetzt.
Schlüsselwörter
Gottfried Keller, Pankraz der Schmoller, Heraklesmythos, Realismus, Männlichkeitskonstruktion, Löwenkampf, literarische Parodie, Entmythologisierung, Seldwyla, Verweiblichung, Mythosrezeption, Identitätsfindung, Romantik, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht die literarischen Bezüge zwischen Gottfried Kellers Novelle „Pankraz, der Schmoller“ und der antiken Herakles-Mythologie.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Männlichkeit, die kritische Auseinandersetzung mit romantischen Traumwelten und die Transformation antiker Motive in den Kontext des 19. Jahrhunderts.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob Pankraz als heroisches Pendant oder ironische Persiflage des antiken Herakles konzipiert ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine komparatistische und literaturwissenschaftliche Analyse, bei der ausgewählte Textstellen der Novelle mit mythologischen Vorlagen verglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Episoden wie den Löwenkampf und die Begegnung mit Lydia sowie die Bedeutung des Namens Pankraz im Hinblick auf den Herrschaftsanspruch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Realismus, Heraklesmythos, Identitätskonstruktion, Entmythologisierung und die Parodie der Heldenfigur.
Inwiefern unterscheidet sich der Löwenkampf von Pankraz von dem des Herakles?
Während Herakles souverän und vorbereitet agiert, nimmt Pankraz eine passive, fast hilflose Rolle ein und ist auf die Hilfe Dritter angewiesen, was ihn als Parodie auf den antiken Helden ausweist.
Wie bewertet der Autor die „Läuterung“ von Pankraz am Ende?
Der Autor stellt infrage, ob eine echte Heilung vorliegt, da Pankraz weiterhin starrsinnig agiert und sein psychologisches Defizit des „Schmollens“ nicht vollständig überwunden zu haben scheint.
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- Sebastian Binder (Author), 2017, Bezüge zum Herakles-Mythos in der Novelle "Pankraz, der Schmoller" von Gottfried Keller, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/889296