„Der moralische Status der Tiere ist, da sie einfach nur Mittel sind, gleich Null – sie sind also von der moralischen Gemeinschaft ausgeschlossen.“
Dieses Zitat ist eine treffende Zusammenfassung dessen, was sehr lange Zeit die gängige Auffassung über die Rechte von Tieren war und sogar – teilweise – bis in die Gegenwart hinein ist; so heißt es beispielsweise gleich im ersten Paragraphen des Tierschutzgesetzes bis heute: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Zwar bezeichnet der diesem Satz vorangehende das Tier als Mitgeschöpf des Menschen, dessen Leben und Wohlergehen es zu schützen gelte, doch wird hier eine Hierarchie aufgestellt, die den Menschen über das Tier stellt. Denn anscheinend hat ersterer das Recht, letzteren Schmerzen oder Leid zuzufügen, wenn er einen vernünftigen Grund vorzuweisen hat, was bedeutet, dass es im Ermessen des Menschen liegt, wann einem Tier Leid zugefügt werden darf. Dass die Entscheidung, wann ein Grund ein vernünftiger ist, problematisch ist, muss und kann an dieser Stelle nicht weiter erläutert werden. Die Tatsache, dass der Mensch scheinbar das Recht dazu hat, und die Frage, woher er dieses Recht nimmt, beschäftigt die Philosophen und Ethiker bis heute.
Die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis Mensch – Tier und die Frage, wie dieses sich gestaltet, ob letztere Rechte haben bzw. der Mensch ihnen gegenüber Pflichten – welcher Art auch immer –, reicht bis in die Antike zurück. Die Beantwortung dieser Frage hing und hängt meist mit einer Reihe von Faktoren zusammen, vor allem mit der Stellung des Menschen zum Tier. Im Rückblick wurde der Mensch fast immer weit über das Tier erhoben, und zwar vor allem aus zwei – scheinbaren – Gründen, die jedoch über Jahrhunderte hin quasi Konsens und beinahe unerschütterlich waren: zum einen die Vernunftfähigkeit des Menschen, zum anderen seine Gottesebenbildlichkeit.
Aufgrund der fundamentalen Bedeutung dieser zwei Thesen sollen diese in ihren wichtigsten Zügen dargestellt werden, bevor dann auf die Theorie Descartes’, dessen Denken die frühe neuzeitliche Philosophie in dieser Richtung stark beeinflusst hat, und auf Kant, dessen tierethische Ansätze bis heute einflussreich sind, eingegangen wird. Im Anschluss daran werden alle bis dahin ausgeführten Argumentationsweisen kritisiert sowie ihre Schwachstellen aufgezeigt, bevor zum Abschluss neuere Sichtweisen mit ihren Vor- und Nachteilen kurz diskutiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Traditionelle Sichtweisen des Verhältnisses Mensch – Tier
2.1. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen
2.2. Die Vernunftfähigkeit des Menschen
2.2.1. Geschichtlicher Überblick
2.2.2. Descartes
2.2.3. Kant
3. Kritik
3.1. Allgemein
3.2. An Descartes
3.3. An Kant
4. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische und philosophische Begründung der moralischen Sonderstellung des Menschen gegenüber dem Tier. Sie hinterfragt kritisch, inwieweit traditionelle Kriterien wie Vernunftbegabung und Gottesebenbildlichkeit ausreichen, um Tieren einen moralischen Status abzusprechen, und analysiert neuere tierethische Ansätze im Hinblick auf deren Konsistenz.
- Historische Entwicklung des anthropozentrischen Weltbildes
- Die Rolle der Vernunft in der Philosophie von Descartes und Kant
- Kritische Analyse traditioneller Ausschlusskriterien für Tiere
- Einfluss der Evolutionstheorie auf das Mensch-Tier-Verhältnis
- Bewertung moderner Ansätze wie Utilitarismus und Präferenz-Utilitarismus
Auszug aus dem Buch
2.2.2. Descartes
Für Descartes sind Tiere reine Automaten ohne Vernunft, und er behauptet in seinem Discours de la Méthode dementsprechend, dass jene „[...] n’agiraient pas par connaissance, mais seulement par la disposition de leurs organes [...]“. Zwar glaubt Descartes, dass die Vernunft etwas mit Organen zu tun hat, doch ist die Grundannahme der Vernunftlosigkeit der Tiere das Entscheidende für ihren moralischen Status.
Nicht vernunftbegabt sind die Tiere für ihn deswegen, weil sie den sogenannten Sprach- und Handlungstest nicht bestehen: Zum einen sind sie zwar in der Lage, bestimmte Handlungen besser auszuführen als der Mensch, was jedoch nur solche Handlungen betrifft, die nichts mit der Denkfähigkeit zu tun haben.
Tiere übertreffen Menschen also nur in Instinkt- und mechanischen Handlungen, die nichts mit dem Gebrauch der Vernunft zu tun haben, so wie „[...] une horloge, qui n’est composée que de roues et de ressorts, peut compter les heures et mesurer le temps plus justement que nous avec toute notre prudence.“ Dass Tiere diese mechanischen Dinge besser können als der Mensch, ist für Descartes sogar ein starker Hinweis auf ihre Vernunftlosigkeit, denn „[...] der Instinkt der Hunde und Katzen, die die Erde aufkratzen, um ihre Exkremente zu verscharren, obwohl sie es doch fast niemals ausführen [...]“ zeige, „[...] daß sie es nur aus Instinkt und ohne daran zu denken tun.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert den moralischen Status von Tieren und stellt die zentrale Frage nach der Berechtigung der menschlichen Vorrangstellung.
2. Traditionelle Sichtweisen des Verhältnisses Mensch – Tier: Dieses Kapitel erläutert die historisch gewachsenen Konzepte der Gottesebenbildlichkeit und der Vernunftfähigkeit als Argumente für eine Exklusion von Tieren aus der moralischen Gemeinschaft.
3. Kritik: Die Arbeit übt Kritik an den traditionellen Argumenten und hinterfragt insbesondere die Konsistenz der anthropozentrischen Positionen im Lichte neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse.
4. Fazit und Ausblick: Das Fazit stellt fest, dass klassische Begründungen den heutigen Anforderungen kaum standhalten und diskutiert kurz neuere tierethische Lösungsansätze.
Schlüsselwörter
Tierethik, Anthropozentrismus, Vernunftbegabung, Descartes, Kant, Gottesebenbildlichkeit, moralischer Status, Tierrechte, Speziesismus, Utilitarismus, Subjektivität, Evolutionstheorie, Bewusstsein, Empfindungsfähigkeit, Altruismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Untersuchung des moralischen Status von Tieren im Vergleich zum Menschen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die historischen Grundlagen des Anthropozentrismus, die Rolle von Vernunft und Sprache sowie moderne Konzepte der Tierrechtsphilosophie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu hinterfragen, ob die traditionelle philosophische Exklusion von Tieren aus der moralischen Gemeinschaft rational begründbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse und philosophische Kritik existierender anthropozentrischer Theorien, insbesondere die von Descartes und Kant.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der traditionellen Sichtweisen (Gottesebenbildlichkeit, Vernunftargument) und deren kritische Überprüfung anhand aktuellerer Erkenntnisse.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
Tierethik, Anthropozentrismus, moralischer Status, Vernunft, Rechte, Utilitarismus.
Wie argumentiert Descartes bezüglich des tierischen Bewusstseins?
Descartes betrachtet Tiere als Automaten ohne Bewusstsein, da sie den Sprach- und Handlungstest nicht bestehen und ihre Handlungen rein instinktgesteuert seien.
Inwiefern beeinflusst die Evolutionstheorie die ethische Debatte laut Autor?
Die Evolutionstheorie widerlegt den kategorialen Unterschied zwischen Mensch und Tier und macht die Vernunft als exklusives Ausschlusskriterium unhaltbar.
Warum hält der Autor die indirekten Pflichten Kants für problematisch?
Der Autor argumentiert, dass eine konsistente Tierethik direkte moralische Verpflichtungen erfordert, statt lediglich den Schutz des Menschen vor eigener Verrohung als Grund für Tierschutz anzuführen.
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- Jessica Werner (Author), 2007, Sind Tiere moralisch zu berücksichtigen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89060