Das Thema der vorliegenden Arbeit lautet „Die offene Ganztagsschule im Spannungsfeld zwischen Bildung, Erziehung und Betreuung – Eine Evaluation an einer Grundschule in Nordrhein-Westfalen“.
Die offene Ganztagsschule wurde zum Schuljahr 2003/2004 von der Bundesregierung eingeführt und ist momentan ein brisantes Diskussionsthema.
Entstanden aus dem Bedarf erhöhter Bildungsqualität, welche durch die PISA Ergebnisse von 2001 deutlich wurden, sowie dem Bedarf an mehr und besseren Betreuungsmöglichkeiten für Kinder berufstätiger Eltern, sollte die offene Ganztagsschule gleich mehrere Probleme zugleich lösen.
Sie soll verschiedene Professionen zusammenführen – die Schule, seit jeher in Monopolstellung, soll nun mit der Kinder- und Jugendhilfe, dem Revier der Sozialen Arbeit, Hand in Hand gehen, um ihre Ziele, unter anderem Chancengleichheit für alle Kinder und bessere Bildungsqualität, zu erreichen.
Soweit die Vorstellung der Bundesregierung. Doch auch die Kritik an der offenen Ganztagsschule wird immer lauter. So ist z. B. von einer „pädagogischen Billiglösung“ die Rede, in der Kinder nicht mehr gebildet, sondern nur verwahrt würden.
Diese Diskussion weckt das Interesse, sich die OGS einmal in der Praxis anzusehen.
Die Arbeit in zwei Teile unterteilt – im ersten, theoretischen Teil geht es um die offene Ganztagsschule in ihrem Spannungsfeld, das zwischen ihrem Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsauftrag existiert. Dieses Spannungsfeld wird in den Kapiteln zwei und drei erklärt.
Dazu werde ich nach einer begrifflichen Annäherung des Titels dieser Arbeit die Systeme Familie und Kindheit, Schule und Kinder- und Jugendhilfe erklären.
In Bezug auf die Familie wird insbesondere auf die veränderten Lebensbedingungen von Kindern sowie die veränderten Familienstrukturen in unserer heutigen Gesellschaft eingegangen.
Daraufhin wird das Spannungsfeld Jugendhilfe und Schule betrachtet, indem ich die jeweiligen Aufträge, Gemeinsamkeiten und Unterschiede versuchen werde aufzuzeigen und die Schwierigkeiten der Kooperation am Beispiel ihrer unterschiedlichen Berufsgruppen zu verdeutlichen versuche.
Diese theoretische Einführung ermöglicht einen Einblick in die vielfältigen Erwartungen und Anforderungen, die an die offene Ganztagsschule aus unterschiedlichsten Perspektiven gestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Einleitung und Aufbau der Arbeit
1.2 Bildung, Erziehung und Betreuung – eine Begriffsannäherung
2. Veränderte Kindheit und Familienstrukturen
2.1 Die Familie
2.1.1 Die Funktion der Familie
2.1.2 Der Wandel der Familienstruktur in der heutigen Gesellschaft
2.1.2.1 Pluralisierung und Individualisierung
2.1.2.2 Ein-Eltern-Familien
2.1.2.3 Erwerbstätigkeit der Frauen
2.2 Kindheit
2.2.1 Kindheit als Lebensphase
2.2.2 Die Bedürfnisse des Kindes
2.2.3 Das 6. bis 10. Lebensjahr - Das Grundschulalter
2.2.3.1 Entwicklungsaufgaben
2.2.3.2 Kognitive Entwicklung
2.2.4 Veränderte Freizeit- und Lebensbedingungen für Kinder heute
2.2.4.1 Wandel kindlicher Freizeitgestaltung
2.2.4.2 Wandel des Eltern-Kind-Verhältnisses
3. Kooperation von Schule und Jugendhilfe
3.1 Die Grundschule
3.1.1 Wandlungsprozesse
3.1.2 Zum Bildungsauftrag der Grundschule: Eigenständigkeit
3.1.3 Grundlegende Bildung
3.2 Die Kinder- und Jugendhilfe
3.2.1 Auftrag und Rechtsgrundlage
3.2.2 Träger der Kinder- und Jugendhilfe
3.3 LehrerInnen und SozialpädagogInnen – Ein schwieriges Verhältnis?
3.4 Ausblick und Anforderungen an die OGS
3.4.1 Das additive Modell
3.4.2 Das integrative Modell
4. Die offene Ganztagsschule im Primarbereich (OGS)
4.1 Das Rahmenkonzept
4.1.1 Zielsetzungen
4.1.2 Organisation und Finanzierung:
4.2 Entstehungsbedingungen der OGS
4.3 Bisherige Forschungsergebnisse
4.4 Kritik an der OGS
5. Vorüberlegungen und Anlage zur Untersuchung
5.1 Zielsetzungen
5.2 Fragestellung und Operationalisierung
5.2.1 Hypothesen
6. Forschungsdesign
6.1 Die Befragung
6.1.1 Das Erhebungsinstrument Fragebogen
6.1.1.1 Vor- und Nachteile
6.1.2 Das Erhebungsinstrument Interview
6.1.2.1 Interviewerverhalten
6.1.3 Die Befragung von Kindern
6.1.4 Die Erstellung der Fragebögen
7. Die Durchführung der Untersuchung
7.1 Vorbereitung der Untersuchung
7.2 Ablauf der Untersuchung
7.3 Die beteiligten Institutionen und ihre Aufgaben innerhalb der OGS
7.3.1 Die Grundschule Schulstraße
7.3.2 Der deutsche Kinderschutzbund (DKSB) Ortsverband W.
7.3.3 Der öffentliche Träger (Stadt W.)
8. Auswertung und Interpretation
8.1 Zusammenfassung der Ergebnisse der Fragebögen
8.1.1 Ergebnisse der Elternbefragung
8.1.2 Ergebnisse der Kursleiter-Befragung (Honorarkräfte)
8.1.3 Ergebnisse der Lehrerbefragung
8.1.4 Ergebnisse der Befragung des pädagogischen Personals
8.1.5 Ergebnisse der Kinderbefragung
8.2 Die Interviews
8.2.1 Zusammenfassung und Diskussion der Interviews
8.3 Überprüfung der Hypothesen
8.4 Zusammenfassung & Diskussion der Ergebnisse
8.5 Fazit und Ausblick
9. Schlusswort
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die Arbeit evaluiert die Umsetzung der Offenen Ganztagsschule (OGS) an einer Grundschule in Nordrhein-Westfalen, um die Erwartungen und Zufriedenheit der beteiligten Akteure vor dem Hintergrund der Kooperation von Schule und Jugendhilfe zu untersuchen.
- Verändertes Aufwachsen von Kindern in modernen Familienstrukturen
- Kooperation zwischen Schule und Kinder- und Jugendhilfe
- Die pädagogische Konzeption und Praxis der OGS
- Empirische Untersuchung der Akteurs-Perspektiven (Eltern, Lehrer, Personal, Kinder)
- Herausforderungen in der praktischen Umsetzung und Qualitätssicherung
Auszug aus dem Buch
3.3 LehrerInnen und SozialpädagogInnen – Ein schwieriges Verhältnis?
In den vorangegangenen Abschnitten wurden die beiden Systeme Schule und Jugendhilfe in ihren Grundzügen vorgestellt. Dort war bereits der ein oder andere Unterschied feststellbar. Das Spannungsverhältnis zwischen der Differenzierungsfunktion, die in erster Linie der Schule zukommt, und der Integrationsfunktion der Kinder- und Jugendhilfe stehen auf den ersten Blick in einem Widerspruch zueinander. Zwar besitzt auch die Schule eine Integrationsfunktion, ebenso muss auch die Kinder- und Jugendhilfe differenzieren. Jedoch nimmt die jeweils andere Funktion einen deutlich höheren Stellenwert in den jeweiligen Systemen ein.
Seit den 20er Jahren gingen beide Institutionen ihren eigenen Weg und entwickelten für ihren Bereich zugeschnittene Handlungsansätze. Nun stellt sich die Frage, warum diese beiden Systeme nun trotz ihrer Unterschiedlichkeit miteinander kooperieren und gemeinsame Konzepte entwickeln sollen? Olk & Speck sehen die Notwendigkeit, die einzelnen Systeme und auch ihr Verhältnis zueinander zu überprüfen darin, dass Schule eine immer stärkere Bedeutung für Kinder und Jugendliche bekommt und sich immer mehr auf deren Lebenswelt, auch außerhalb des Schulgebäudes, auswirkt.
Bei dieser Zusammenarbeit treffen zwei unterschiedliche Professionen aufeinander: LehrerInnen und SozialpädagogInnen. Konflikte innerhalb dieser Zusammenarbeit entstehen nach Olk & Speck nicht durch die mangelnde Bereitschaft und fehlende Organisation dieser Berufsgruppen. Sie führen die Schwierigkeiten vielmehr auf institutionelle bzw. strukturelle Ursachen zurück. Auf diese Schwierigkeiten möchte ich nun näher eingehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt das Thema, die Relevanz der OGS im Kontext von PISA und gesellschaftlichem Wandel sowie den Aufbau der Arbeit dar.
2. Veränderte Kindheit und Familienstrukturen: Dieses Kapitel erläutert den Wandel familialer Strukturen, die Auswirkungen auf die Kindheit und die daraus resultierenden Anforderungen an Erziehung und Betreuung.
3. Kooperation von Schule und Jugendhilfe: Hier werden die unterschiedlichen Aufträge und Arbeitskulturen von Schule und Jugendhilfe analysiert und die Notwendigkeit der Kooperation begründet.
4. Die offene Ganztagsschule im Primarbereich (OGS): Das Kapitel behandelt das gesetzliche Rahmenkonzept des Landes NRW, die Zielsetzungen und die Kritik an der Umsetzung der OGS.
5. Vorüberlegungen und Anlage zur Untersuchung: Die Autorin legt hier ihre Forschungsziele, Hypothesen und die methodische Vorgehensweise ihrer Evaluation an einer spezifischen Grundschule dar.
6. Forschungsdesign: Dieses Kapitel beschreibt das methodische Design der Evaluation, inklusive der Erhebungsinstrumente (Fragebögen und Interviews) sowie Besonderheiten der Kinderbefragung.
7. Die Durchführung der Untersuchung: Darstellung des praktischen Ablaufs der Datenerhebung an der Grundschule, inklusive der beteiligten Akteure und Institutionen.
8. Auswertung und Interpretation: Das Kernkapitel fasst die Ergebnisse der Befragungen zusammen, diskutiert diese im Abgleich mit den Hypothesen und bietet ein Fazit sowie einen Ausblick zur OGS.
9. Schlusswort: Das Schlusswort reflektiert den Lernprozess der Autorin bei der Durchführung der empirischen Studie und resümiert die gewonnenen Erkenntnisse.
Schlüsselwörter
Offene Ganztagsschule, OGS, Grundschule, Kooperation, Jugendhilfe, Kindheit, Familienstrukturen, Evaluation, Bildungsauftrag, Sozialpädagogik, Lehrkräfte, Elternbefragung, Kinderbefragung, Erziehung, Schulentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Herausforderungen und Chancen der Offenen Ganztagsschule (OGS) als neues pädagogisches Konzept, das Schule und Jugendhilfe verzahnen soll.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf den veränderten Lebensbedingungen von Kindern, der Kooperation zwischen unterschiedlichen Berufsgruppen und der empirischen Evaluation der OGS-Praxis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Evaluation der OGS an einer konkreten Grundschule, um Erwartungen, Zufriedenheit und Gelingensbedingungen für die Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe zu dokumentieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt ein empirisches Forschungsdesign in Form einer Evaluation mit schriftlichen Fragebögen für Erwachsene und mündlichen Befragungen der beteiligten Grundschulkinder.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Einführung zum Thema, eine Darstellung des Forschungsdesigns sowie die detaillierte Auswertung und Diskussion der erhobenen Daten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind OGS, Kooperation, Schulentwicklung, soziale Arbeit, Kindheit und Familienstrukturen.
Warum ist die Einbeziehung der Kinder bei der Befragung so wichtig?
Da die Kinder die „Hauptakteure“ im offenen Ganztag sind, hält die Autorin es für essenziell, ihre Perspektive als „Experten ihrer Lebenssituation“ zu erheben, was in anderen Studien oft vernachlässigt wurde.
Was ist das Hauptergebnis bezüglich der Zusammenarbeit von Lehrern und OGS-Personal?
Die Kooperation ist noch stark verbesserungsbedürftig, da beide Professionen in getrennten Systemen arbeiten und teilweise Vorurteile oder mangelnde Absprachen die Verzahnung erschweren.
- Quote paper
- Daniela Gennrich (Author), 2006, Die offene Ganztagsschule im Spannungsfeld zwischen Bildung, Betreuung und Erziehung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89152