Was macht das Märchen zum Märchen?

Funktion von Gut und Böse in Hauffs Kunstmärchen "Das kalte Herz"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Darstellung von Gut und Böse anhand von mathematischen Termen
1.2. Sinnzusammenhang zwischen Gleichung und Märchen und kurze Inhaltsangabe

2. Hauptteil
2.1. Merkmale des Kunstmärchens
2.2. Die Wesensmerkmale der Gattung Märchen
2.2.1 Eindimensionalität
2.2.2 Flächenhaftigkei t
2.2.3 Abstrakter Stil
2.2.4 Isolation und Allverbundenheit
2.2.5 Sublimation und Welthaltigkeit
2.3. Die Helden, Antihelden und andere Protagonisten
2.3.1 Die männlichen Helden
2.3.2 Die weiblichen Heldinnen
2.3.3 Die Bösewichter

3. Schluss
3.1. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Darstellung von Gut und Böse anhand von mathematischen Termen

1 + -1 = 0

0 + -1 = -1

-1 + 1 = 0

0 + 1 = 1

1.2. Sinnzusammenhang zwischen Gleichung und Märchen und kurze Inhaltsangabe

Diese mathematischen Terme bilden den Auftakt und die Einleitung meiner Darstellung von Gut und Böse in einem der „schönsten deutschen Kunstmärchen“[1], dem „Kalten Herz“ von Wilhelm Hauff. Es ist eingebunden in eines seiner drei „Märchenalmanache“, dem „Wirtshaus im Spessart“.

Am Anfang steht die Frage nach dem Sinn dieser mathematischen Gleichungen, vor allem aber nach dem Zusammenhang zwischen diesen und einem Märchen. Dies mag vor allem deswegen so wenig zusammensetzbar sein, als unsere Erinnerung, wenn wir das Wort „Märchen“ vernehmen, wohl eher hinüberschweift zu dicken Büchern, aus denen uns, als wir klein waren, vorgelesen wurde, womöglich sogar vor dem Zubettgehen.

Vor diesem Hintergrund möchte ich versuchen, diese Gleichungen mit dem Inhalt des Märchens zu erklären und so verständlicher zu gestalten. Auffallend bei der Darstellung des Inhalts war dabei, dass sich die Hauptperson immer wieder auf Wesen jenseits der Realität berief, hier das Glasmännlein und den Holländermichel, ohne dass es etwas Besonderes darstellte. Frederik Hetmann, dessen Buch ich bei der Bearbeitung heranzog, sagt dazu: „Damit ist gemeint, dass im Märchen wirkliche und unwirkliche Welt nahtlos ineinander übergehen,...“[2]

Peter Munk, ein armer Köhlerssohn, der schon frühzeitig und aus der Armut heraus geboren von seinem Vater das ungesunde, eintönige, „elend“[3] und schlechtbezahlte Handwerk des Verschwelens von Holz zu Holzkohle erlernte, saß jeden Tag an seinem Meiler, um für seine verwitwete Mutter und sich das tägliche Brot zu verdienen. Er selbst war ein rechtschaffener Bursche, reinen Gewissens und dabei noch solch kindlichen Gemüts, dass beim vielen Nachdenken über sich und die Welt „die tiefe Waldesstille sein Herz zu Tränen und unberührter Sehnsucht“[4] anregte. In diesen Momenten wanderten seine Gedanken hin zu den Flößern, deren einträgliches Gewerbe Anerkennung und Wohlstand brachte, zu den Glasbläsern, die ihre Gesundheit schönen Gefäßen opferten, ihre Arbeitgeber jedoch zu reichen Leuten machten und hin zu jenen, die von Schicksal und Natur derart begütert wurden, dass sie ihre Tage mit Kartenspiel und Tanz verbringen konnten.

Es ist sicherlich verständlich, dass solcherart Gedanken, wenn man jung und hoffnungsvoll ist und dabei den ganzen Tag mit Ruß beschmiert vor dem Weiler sitzt, anregen, aus dem eigenen Dasein auszubrechen, um es den eben Beschriebenen gleich zu tun, und so dem eintönigen Einerlei zu entkommen.

Peter Munk jedoch sah in diesen Momenten nur das vermeintlich Positive. Er begriff nicht, dass es ein langer Weg zu Reichtum und Glück ist, der viel Mühe und Schweiß mit sich bringt.

Jung und ungestüm wollte er den erträumten Zustand sofort erreichen. Dabei war ihm jedes Mittel recht. Sogar den allseits gefürchteten „Holländermichel“, ein bösartiger Riese, der als Holzfäller und Menschenverachter so manchen in sein Unglück stürzte, nimmt er in Anspruch, um mit dessen Hilfe sein Ziel zu erreichen.

Hier sei kurz bemerkt, dass ich die erste Begegnung Peter´s mit dem Glasmännlein außer Acht gelassen habe, weil ihm diese Begegnung keine längerfristige Veränderung seiner Lebensverhältnisse einbringt. Es wird angesetzt, nachdem Peter Munk zwar durch das Glasmännlein beschenkt wurde, jedoch alles wieder verlor.

An dieser Stelle lässt sich der erste Term aufstellen: Peter Munk, von mir im Anfangsstadium dargestellt mit 1, denn, wie schon gesagt, war er ein einfacher, gutherziger Mensch. Jedoch bringen ihn seine Tagträumereien und neidvollen Gedanken vom rechten Wege ab. Dies wurde von mir mit einer –1 bezeichnet, so dass sich die positiven Seiten des Peter Munk neutralisieren und damit 0 ergeben.

Im jetzigen Zustand sucht er den Holländermichel auf, um mit jenem einen Pakt zu schließen, der ihm den vermeintlich erstrebenswerten Glückszustand zu sichern scheint. Folglich wird jetzt das Tun des Holländermichels, von mir mit –1 gekennzeichnet, zum 0-Zustand addiert, und es ergibt sich ein Negativwert –1, der den Kohlenmunk-Peter in seinem jetzigen Lebensabschnitt zeigt.

Nachdem Peter durch den Vertrag, der ihn von nun an dem Holländermichel verpflichtet, das, was menschliches Fühlen und Handeln ausmacht, nämlich sein Herz, verliert, folgt ein langer Weg gräulicher Irrungen und Wirrungen, die den einstmals guten Köhlerjungen zu einem oberflächlichen, geld- und anerkennungsgierigen, über Leichen gehenden (sogar die eigene Frau kommt durch seine Hand um und auch der Mutter verweigert er die notwendige Hilfe) Menschenverächter werden lassen.

Erst nach dem Tod seiner Frau scheint sich der Kohlenmunk-Peter zu besinnen.

Er sucht den Kontakt zur einzigen Person, die ihm aus dieser Misere helfen kann – dem Glasmännlein, ein kleines, gutherziges und hilfsbereites Wesen, welchem zu begegnen die Erfüllung von drei Wünschen bedeutet. Wie bereits angedeutet, fand eine solche Begegnung des Peter Munk mit dem Glasmännlein schon einmal statt, änderte jedoch nichts an seinem damaligen Leben, weil er die Ratschläge des kleinen Glücksbringers missachtete und den schnelleren Weg zum Glück, der unweigerlich über den Holländermichel führte, einschlug. Einen einzigen Wunsch aber hatte Peter Munk aus dieser Begegnung noch frei, und den wollte er nun, nachdem er so tief gesunken war, dass sich seine Situation für ihn selbst unerträglich darstellte, einlösen.

Er wünscht sich die Mithilfe des Glasmännleins, wenn er sein Herz vom Holländermichel zurückholt. Dieses schier unlösbare Ansinnen kann nur mit fremder Hilfe zum Erfolg führen.

Bevor jedoch zur Tat geschritten wird, das Herz zurückzugewinnen, bleibt der Gedanke, der die Wende zum Positiven einläutet, festzuhalten.

Peter Munk, bis jetzt im Negativzustand –1, erfährt durch seinen Willen, dargestellt mit +1, sein Leben zu verändern und wieder ein menschliches Herz sein eigen nennen zu können, eine erneute Neutralisation, gekennzeichnet mit 0. In diesem Stadium ist es ihm möglich, sich dem Guten wieder zuzuwenden und sein Dasein positiv zu gestalten.

Es gelingt ihm u. a. durch seinen Helfer, das Glasmännlein, sein lebendiges Herz zu erlangen. Er ist wieder ein Mensch, kann fühlen und spüren. An dieser Stelle ist sein Anfangszustand wieder erreicht; durch sein Herz, welches ein +1 für ihn bedeutet, befindet er sich dort, von wo er ausging, nämlich +1.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass nur der mathematische Term so von mir dargestellt wurde, denn der eigentliche Urzustand ist es nicht, in dem sich der Held befindet. Die Gutherzigkeit und Rechtschaffenheit sind zwar zurückgekehrt, jedoch erweitert um ein Vielfaches an Wissen, Erfahrung und hinterlassenen Narben. Darauf soll später genauer eingegangen werden.

Jetzt besteht die Möglichkeit, noch hinzuzuzählen, was dem Kohlenmunk-Peter und seiner, durch das Glasmännlein vom Tode befreiten, Frau die Zukunft bringen wird, an der sie von nun an gemeinsam arbeiten. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Auch der Autor hat hier offengelassen, was nach der glücklichen Auflösung der charakterlichen und seelischen Verwirrung des Peter Munk folgen könnte. Das

Märchen endet mit der Erkenntnis: „Es ist doch besser zufrieden sein mit wenigem, als Gold und Güter zu haben, und ein kaltes Herz.“[5]

Das, was ich bisher nur mit Hilfe von 1, 0 sowie Negativ- oder Positivvorzeichen dargestellt habe, soll im Folgenden näher erläutert werden. Dabei sollen Bedeutung und Funktion von Gut und Böse, bezogen auf „Das kalte Herz“ hervorgehoben werden.

2. Hauptteil

2.1. Merkmale des Kunstmärchens

Um die Aufgabenstellung zu lösen und für den Leser umzusetzen, sollte an dieser Stelle genauer auf das Märchen als solches eingegangen werden.

„Das kalte Herz“ stellt ein Kunstmärchen dar, welches sich von Volksmärchen, wie z.B. denen der Brüder Grimm, dadurch unterscheidet, dass es individuelle Verfasser aufweist. Während beim Volksmärchen das Volk als kollektiver Erzähler fungiert und nur durch die spätere Bearbeitung einige individuelle Züge erfährt, entstammt das Volksmärchen der Feder eines Autors, so z.B. derer der Romantik wie Brentano, Tieck, Hoffmann, Andersen und Hauff. Ein Kunstmärchen zeichnet sich schon deshalb durch die Aussageabsicht des Erzählers aus. Auch sind die Volksmärchen oftmals leichter verständlich und bildhafter dargestellt, während im Kunstmärchen feinsinnige, diffiziele und wunderbare Wege eingeschlagen werden, die die unerfüllbaren romantischen Sehnsüchte des Autors zur Geltung bringen. Dabei beschäftigen sich die Inhalte der Kunstmärchen mit realitätsnahen Themen, die an für den Leser bekannten Orten zum Tragen kommen.

[...]


[1] „Das kalte Herz“, Lesehefte mit Materialien, Umschlagseite

[2] „Märchenforschung, Märchenkunde, Märchendiskussion“, S. 15

[3] Hauff, Wilhelm, „Das kalte Herz“, S. 5

[4] Hauff, Wilhelm, „Das kalte Herz“, S. 5

[5] Hauff, Wilhelm, „Das kalte Herz“, S. 53

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Was macht das Märchen zum Märchen?
Untertitel
Funktion von Gut und Böse in Hauffs Kunstmärchen "Das kalte Herz"
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Veranstaltung
NDL II
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V89172
ISBN (eBook)
9783638025898
ISBN (Buch)
9783638921596
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Wesensmerkmale der Gattung Märchens Merkmale des Kunstmärchens Gut und Böse, dargestellt mit Hilfe mathematischer Terme Eindimensionalität Flächenhaftigkeit Abstrakter Stil Isolation und Weltverbundenheit Sublimation und Welthaltigkeit Helden, Antihelden und andere Protagonisten
Schlagworte
Märchen
Arbeit zitieren
Diplomgermanistin Dorothee Noras (Autor), 2002, Was macht das Märchen zum Märchen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89172

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