Bedingungen für Generalisierte Reziprozität - Kultur des Teilens (von Wissen)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Vertrauen
2.1 Ur-Vertrauen
2.2 Interpersonelles Vertrauen
2.3 Vertrauen in geschlossenen Gruppen

3. Tauschbeziehungen
3.1 Grundsätzliche Formen des Warentausches
3.2 Das Kontinuum der Reziprozität
3.2.1 Generalisierte Reziprozität
3.2.2 Ausgeglichene Reziprozität
3.2.3 Negative Reziprozität

4. Individuelles Tauschverhalten im Markt
4.1 Unpersönliche versus persönliche Tauschgeschäfte
4.2 Güter und Geschäftsdurchführung

5. Implikation für den Wissensaustausch

6. Wissensaustausch in Unternehmen
6.1 Offenheit und Vertrauen
6.2 Anreizsysteme und Kooperation

7. Der Kula Handel

8. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Ergebnissen aus der ethnologischen Forschung zum Thema Tauschbeziehungen und welche Schlussfolgerungen man aus ihnen für das Wissensmanagement ableiten kann. Das Erkenntnisinteresse liegt in der Frage, welche Voraussetzungen den Wissensaustausch begünstigen. Eine Frage die sich anschließt, ist die, welche Vor- und Nachteile verschiedene Formen von Tauschbeziehung in Bezug auf den Austausch von Wissen haben und wie Wissensaustausch optimaler Weise stattfinden kann oder sollte.

Die Untersuchung beginnt mit der Erörterung der Bedeutung von Vertrauen für jede Form von sozialer Handlung. Verschiedene Merkmale unterschiedlicher Tauschformen und Tauschbeziehungen werden dargestellt. Diese werden durch die Erläuterung einiger Besonderheiten des individuellen Tauschverhaltens im Markt ergänzt. Anschließend werden daraus mehrere Implikationen für den Wissensaustausch abgeleitet. Diese Ergebnisse sollen in den folgenden Abschnitten durch Beispiele aus Unternehmen verdeutlicht werden. Am abschließenden Beispiel des Kula Handels soll noch einmal die wechselseitige Bedeutung zwischen sozialen und ökonomischen Interessen bei Tauschbeziehungen veranschaulicht werden.

2. Vertrauen

Vertrauen ist die Grundlage für alle sozialen Aktivitäten. Ohne Vertrauen in uns selber und andere wären wir nicht fähig zu handeln. Wie sich Vertrauen entwickelt, beim Säugling und im späteren Kontakt mit anderen Personen wird im folgenden Abschnitt erläutert. Anschließend wird das Vertrauensverhältnis in geschlossenen Gruppen verdeutlicht.

2.1 Ur-Vertrauen

Die Fähigkeit zu vertrauen lernt der Mensch zu erst im Verhältnis zur Mutter. Durch den Schutz bzw. die Nähe der Bezugsperson ist der Säugling in der Lage sich mehr und mehr alleine mit seiner Umwelt auseinander zu setzen. Das so genannte „Bindungsverhalten“ des Säuglings setzt ein, wenn Unwohlsein auftritt oder eine Situation unvertraut ist. Der Säugling sucht dann die Nähe seiner Bezugsperson. Mit der Zeit wird das Kind immer bindungssicherer, das Bindungsverhalten wird nicht mehr so oft aktiviert und somit der Erkundungsradius ständig vergrößert. Auf der einen Seite wäre der Säugling ohne das Vertrauen zur Bezugsperson nicht Handlungsfähig (Oerter, Montada 1995: 239 ff.). Auf der anderen Seite lernt das Kind auch Vermutungen über die Konsequenzen eigenen Handels anzustellen, mit der Zeit baut sich ein Vertrauen auf auch dann sicher zu sein, wenn die Bezugsperson nicht in der Nähe ist.

Dieses Antizipieren von Reaktionen auf zukünftiges Verhalten spielt auch beim interpersonellen Vertrauen eine wichtige Rolle.

2.2 Interpersonelles Vertrauen

Damit einer oder mehreren Personen Vertrauen entgegengebracht werden kann braucht man Vertrauen in das eigene Handeln und muss vorhersehen können, wie der oder die andere darauf reagiert (Apelt 1999: 11). Man kann einer Person zum Beispiel trauen, weil sie als ehrlich wahrgenommen wird, wohlwollende Absichten besitzt, keine manipulativen Absichten hat oder diese mit Sanktionen bei Vertrauensbruch rechnen muss (Graeff 1998: 8).

Vertrauenswürdigkeit steigt wiederum das Selbstvertrauen und steigt die innere Befriedigung (Cohen, Prusak 2000: 29).

Vertrauen ist aber auch sehr situationsabhängig. In manchen Augenblicken trauen wir einem Fremden und einigen Personen trauen wir vielleicht ein Leben lang, egal was kommen mag. Wir mögen einer Person vertrauen, wenn es um unser Leben geht, aber nicht wenn es darum geht pünktlich zu sein (Cohen, Prusak 2000: 30).

Vertrauen ist somit kein unveränderliche Qualität die man entdecken kann, sondern ein sehr flexibles Verhältnis zwischen mindestens zwei Personen. Dieses Verhältnis kann sich Aufbauen, indem man sich über die Zeit beobachtet und bewertet, ob gegebene Aussagen und Versprechen eingehalten werden. Diese sehr rationale Sichtweise vernachlässigt allerdings, das die Einstellung der Beobachter keinen Einfluss auf den anderen hat: Wem Vertrauen entgegengebracht wird blüht auf und schenkt selber Vertrauen, wer Misstrauen erfährt wird selber vorsichtig (Cohen, Prusak 2000: 31).

Es gibt eine Vielzahl von Vertrauenssignalen die in ihrer Gesamtheit, über die Zeit und durch häufigen persönlichen Kontakt Vertrauen aufbauen. Das äußere Erscheinungsbild, die Stimme, Verhalten, Gestik oder der berufliche Status entscheiden, ob wir einer Person Vertrauen oder nicht. Nehmen wir eine bestimmte Anzahl von Vertrauenssignalen war, kann sich auch schon nach kurzer Zeit Vertrauen aufbauen. Dieser so genannte „quick trust“ ist auch nötig, denn ohne ein Minimum an spontanem Vertrauen während der ersten Begegnung gäbe es keine Basis Vertrauen aufzubauen (Cohen, Prusak 2000: 31). Wie schon erwähnt führt Misstrauen zu vorsichtigem Verhalten statt zu Vertrauen.

2.3 Vertrauen in geschlossenen Gruppen

Einen besonderen Fall stellt das Vertrauensverhältnis in geschlossenen Gruppen da. Am Beispiel der Diamantenhändler in Manhattan werden einige Besonderheiten, die für das Thema der Arbeit wichtig sind, erläutert:

Der Diamantenhandel in New York mit einem Anteil von etwa 80 Prozent am Gesamthandel in den USA wird seid je her fast ausschließlich auf mündlicher Basis durchgeführt. Das Wort und ein Handschlag zählen. Dadurch kann viel Arbeit für Verträge und deren Einhaltung gespart werden (Cohen, Prusak 2000: 27).

Diese Praxis ist möglich, da sich die Händler jahrelang kennen und alle in einer engen Gemeinschaft zusammen arbeiten und auch wohnen. Durch Regel oder Institutionen, die sich mit der Zeit gebildet haben wird das Geschäft geregelt. Der andere wichtige Grund für das Vertrauen in die Geschäftspartner sind die drohenden Sanktionen bei Betrug: Ausschluss aus dem Diamantengeschäft, der Gemeinschaft, Verlust von Nachbarn, Freunden oder sogar Familie (Cohen, Prusak 2000: 28).

3. Tauschbeziehungen

Tausch oder Austausch sind immer ein Moment einer sozialen Beziehung. Wir sind Freund oder Verwandter, Geschäftspartner, Verkäufer oder Käufer im Geschäft. Warentausch und die damit verbundene soziale Handlung bedingen sich wechselseitig und sind nicht unabhängig voneinander. Wie stark oder schwach dieser Zusammenhang sein kann, wird an den Grundsätzlichen Formen des Warentausches und an verschiedenen Ausprägungen des wechselseitigen Tausches dargestellt.

3.1 Grundsätzliche Formen des Warentausches

Es gibt zwei grundsätzliche Formen des Warentausches: Den wechselseitige oder reziproke Austausch und den zentrale Austausch (Sahlins 1972: 188). Sie stellen nur Idealtypen dar, in Wirklichkeit kommt es immer zu Durchmischungen der Tauschformen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der reziproke Austausch hat einen dualen Charakter oder „zwischen Parteien-“ Charakter. Die verschiedenen Ausprägungen dieser Tauschform werden unter 3.2 eingehender erläutert.

Beim zentralen Austausch steht die Gruppenzugehörigkeit im Vordergrund. Tauschgüter werden von allen an einen zentralen Ort oder eine Person gegeben, um anschließend nach bedarf wieder an die Gruppe verteilt zu werden. Das alltägliche Beispiel stellt die Familie dar, wo vor allem die Ernährung in dieser Art geregelt wird (Sahlins 1972: 189).

Der Zweck dieser Organisation liegt nicht so sehr im ökonomischen Austausch, sondern mehr in der gleichmäßigen Redistribution von Waren und sozialen Beziehungen. In vielen Stammesgesellschaften wird über diese Form des Tausches die soziale Ordnung festgelegt und erhalten. Es entsteht ein soziales Zentrum, welches die Zusammengehörigkeit stärkt und das Leben strukturiert (Sahlins 1972: 188 ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Bedingungen für Generalisierte Reziprozität - Kultur des Teilens (von Wissen)
Hochschule
Universität Trier  (Fachbereich IV)
Veranstaltung
Ethnologie und Wissensmanagement
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V8926
ISBN (eBook)
9783638157629
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wissensmanagement, reziprozität, kula handel
Arbeit zitieren
Christian Dehmel (Autor), 2002, Bedingungen für Generalisierte Reziprozität - Kultur des Teilens (von Wissen), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8926

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