Ausgehend von den unterschiedlichen Bedeutungen, die dem Holocaust in der filmischen Aufarbeitung der DEFA-Tradition und des Hollywood-Kinos zukommen, wird in der vorliegenden Arbeit zunächst das jeweilige Verhältnis der beiden Verfilmungen von „Jakob der Lügner“ zur historischen Realität des Holocaust sowie die Erzählhaltungen der beiden Regisseure Frank Beyer und Peter Kassovitz dargelegt. Dabei werden die unterschiedlichen Konzeptionen der Filme herausgearbeitet und im einzelnen näher betrachtet.
In einem dritten Schritt interessiert der Umgang beider Regisseure mit dem Holocaust in seiner konkreten visuellen Darstellung, bevor sich das abschließende Resümee damit beschäftigt, wie der jeweilige konzeptionelle Ansatz die Wirkung der filmischen Mittel beeinflusst und welcher der beiden Ansätze dem Wesen der Geschichte an sich näher kommt.
Inhaltsverzeichnis
1. DIE BEDEUTUNG DES HOLOCAUST
1.1. DIE DEFA UND DER HOLOCAUST
1.2. HOLLYWOOD UND DER HOLOCAUST
2. DAS VERHÄLTNIS ZUR HISTORISCHEN REALITÄT DES HOLOCAUST
2.1. DAS KONZEPT DES MÄRCHENHAFTEN
2.2. DAS KONZEPT DES KOMISCHEN
2.3. DAS KONZEPT DES AUTHENTISCHEN
3. DER UMGANG MIT DER HISTORISCHEN REALITÄT
3.1. DIE DARSTELLUNG DES HOLOCAUST BEI „JAKOB DER LÜGNER“
3.2. DIE DARSTELLUNG DES HOLOCAUST BEI „JAKOB THE LIAR“
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die filmische Aufarbeitung des Holocaust in Frank Beyers DEFA-Verfilmung "Jakob der Lügner" und Peter Kassovitz’ Hollywood-Remake "Jakob the Liar", wobei der Fokus auf den unterschiedlichen Konzeptionen und dem Umgang mit der historischen Realität liegt.
- Vergleich der Erzählhaltungen und Konzeptionen beider Regisseure.
- Analyse des Umgangs mit dem "Märchenhaften", "Komischen" und "Authentischen" bei der Darstellung des Holocaust.
- Untersuchung der visuellen Umsetzung von Grauen, Gewalt und Hoffnung.
- Evaluierung der jeweiligen filmischen Ansätze hinsichtlich ihrer ethischen und historischen Angemessenheit.
Auszug aus dem Buch
2.1. Das Konzept des Märchenhaften
Beyer hielt sich in dieser Frage eng an Jurek Becker und dessen Haltung zu Lüge und Wahrheit, die sich bereits im Umgang mit dem wahren Grundkern der Geschichte widerspiegelt: Denn ausgehend von der authentischen Geschichte eines Juden, der im Ghetto Lódz trotz Verbot ein Radio besaß und die Mitbewohner des Ghettos mit Nachrichten versorgte, bis er aufflog und hingerichtet wurde, konstruiert Becker eine fiktionale Geschichte und verkehrt sie in dem Sinne, dass der Protagonist bloß vorgibt, ein Radio zu besitzen.
Becker und Beyer setzten der äußeren Authentizität eine innere Wahrhaftigkeit bzw. Wahrheit entgegen: Gleich zu Beginn des Films erscheinen drei Texttafeln, die den Zuschauer mit dem Grundton der Geschichte vertraut machen sollen: "Die Geschichte von Jakob dem Lügner hat sich niemals so zugetragen." – "Ganz bestimmt nicht." – "Vielleicht hat sie sich aber doch so zugetragen."
Fast wie ein Motto werden diese Zeilen dem Film vorangestellt: Sie betonen zunächst den fiktionalen Charakter der Geschichte, um dann aber sogleich die generelle Möglichkeit bzw. den potentiellen Wahrheitsgehalt dieser Geschichte zu hervorzuheben. Bereits mit diesen drei Sätzen exponieren Becker und Beyer, dass sie im folgenden eine Märchengeschichte erzählen werden und kommen so eventuellen Vorwürfen nach historischer Ungenauigkeit bzw. Verzerrung von vornherein zuvor.
Mit der Entscheidung, ihrer Geschichte Märchencharakter zu verleihen, machen Becker und Beyer gleichzeitig ein Merkmal des Märchens zu ihrer Haltung gegenüber dem Holocaust: der Realität das eigene Wunschdenken entgegenzuhalten. Nichts anderes macht im Grunde auch Jakob: Seine Lügen, verklärten Erinnerungen und Zukunftsvisionen drücken sein Wunschdenken und das der Ghettobewohner aus und werden schließlich zu einer Art höheren Wahrheit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. DIE BEDEUTUNG DES HOLOCAUST: Dieses Kapitel erläutert die unterschiedlichen Ansätze der DEFA-Produktion sowie des Hollywood-Kinos bei der filmischen Thematisierung des Holocaust.
2. DAS VERHÄLTNIS ZUR HISTORISCHEN REALITÄT DES HOLOCAUST: Hier werden die drei Kernkonzepte des Märchenhaften, des Komischen und des Authentischen eingeführt und im Kontext beider Filme analysiert.
3. DER UMGANG MIT DER HISTORISCHEN REALITÄT: Dieses Kapitel untersucht konkret, wie beide Regisseure visuelle Mittel und Narrative nutzen, um ihre jeweilige Haltung zur Darstellung des Holocaust umzusetzen.
Schlüsselwörter
Holocaust, Jakob der Lügner, Jakob the Liar, DEFA, Hollywood, Filmgeschichte, Märchen, Komik, Authentizität, historische Realität, Jurek Becker, Frank Beyer, Peter Kassovitz, Repräsentation, Ghetto
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit vergleicht die filmische Umsetzung des Holocaust in zwei verschiedenen Verfilmungen des Stoffes "Jakob der Lügner" durch Frank Beyer (DEFA) und Peter Kassovitz (Hollywood).
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die erzählerischen Konzepte des Märchenhaften, der Komik und des Authentizitätsanspruchs im Umgang mit dem historischen Trauma des Holocaust.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie sich die unterschiedlichen Konzeptionen beider Filme auf die visuelle Darstellung und die Wirkung beim Zuschauer auswirken und welcher Ansatz dem Sujet besser gerecht wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Filmanalyse, die sowohl die narrativen Strukturen als auch die visuellen Inszenierungsstrategien beider Filme gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Konzepte des Märchenhaften bei Beyer/Becker sowie die Konzepte des Komischen und Authentischen bei Kassovitz und deren spezifische Auswirkungen auf die Darstellung von Gewalt und Realität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Holocaust-Repräsentation, Märchen-Metapher, filmische Ästhetisierung, Authentizitätskonzept und historische Realität definiert.
Wie unterscheidet sich der Umgang mit dem "Märchenhaften" zwischen den beiden Regisseuren?
Während Beyer die Märchenhaftigkeit als poetisches und strukturelles Element nutzt, um eine "höhere Wahrheit" zu vermitteln, streicht Kassovitz diese Elemente zugunsten eines stärkeren Fokus auf Komik und Authentizität.
Warum wird das Ende von "Jakob the Liar" als Bruch mit dem Authentizitäts-Konzept bewertet?
Da Kassovitz versucht, Authentizität mit einem für Hollywood typischen Happy End zu verbinden, erzeugt der Schluss einen eklatanten Bruch, der die vorangegangene, als realistisch postulierte Darstellung unglaubwürdig macht.
- Quote paper
- Evi Goldbrunner (Author), 2004, Die Behandlung und Darstellung des Holocaust in "Jakob der Lügner" und "Jakob the Liar", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89283