Kulturspezifische Regeln für 'Gratulieren'

Anlässe für obligatorische und fakultative Gratulationen im Deutschen und ihre pragmatischen Implikationen


Essay, 2005

8 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

„Alles Gute zu Deinem heutigen Ehrentag“, ruft sie mir lachend zu. Auch sie feiert heute Geburtstag, deshalb reiche ich ihr routiniert meine Hand und erwidere: „Dir auch meine herzlichsten Glückwünsche.“ Dieses Paradebeispiel standardisierter Alltagskommunikation erleben wir häufig genug, um uns sprachlicher Routinen zu bedienen. Lüger definiert diese Formeln in „Routinen und Rituale“ als verfestigte, wiederholbare Prozeduren, die den Handelnden als fertige Problemlösungen zur Verfügung stehen. Die Verwendung solcher Routineformeln steht eng im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Erwartungen in Bezug auf Angemessenheit, Höflichkeit, Situationsgebundenheit und sozialen Parametern und drückt die Beziehung der Kommunikationspartner untereinander aus. In bestimmten Bereichen sind passende Routineformeln nicht nur Ausdruck von Höflichkeit, sondern sogar Pflicht. In diesen Fällen spricht man von Ritualisierungen oder Ritualen. Letztere sind definiert als ein sich bei bestimmten Anlässen wiederholender, stets gleichartiger Ablauf, festgelegtes Verhalten oder aber, nach Lüger, „Handlungen, die auf ein bestimmtes Ordnungs- und Wertesystem hinweisen und dessen Formeln sind“, womit Rituale eine Unterklasse der Routinen darstellen. Sie werden nach Coulmas eingesetzt, um Gespräche zu strukturieren und dienen als strategische Signale in Konversationen, z. B. in Form von Begrüßungs- und Verabschiedungs-, Anrede- und Höflichkeits-, sogenannten diskursiven („Nach meiner Meinung“, „Ich glaube, daß“ oder „Für den Fall, daß“) sowie Glückwunsch-, Beileids-, Dankes- und Bittformeln. Eine Gratulation ist nach dem Duden ein mündlicher, schriftlicher oder telefonischer Ausdruck des Beglückwünschens. Geburtstage beispielsweise sind ein Anlaß, alles Gute oder die besten Wünsche zu übermitteln, so wie im Jahr zuvor und in dem darauf. Die alljährliche Geburtstagsgratulation ist demzufolge ein Ritual.

Das Deutsche kennt die verschiedenartigsten Gelegenheiten zur Übermittlung von Glückwünschen. Wie bereits benannt, ist der Geburtstag der wohl gängigste, bekannteste und häufigste Gratulationsgrund. Daneben existieren weniger bekannte und seltenere Anlässe, wie die Diamantene Hochzeit, weil sich der Glückwunsch an Personen richtet, die 60 Jahre miteinander verheiratet sind, und anzunehmen ist, daß nur der Familienkreis um diese Tatsache weiß.

Ob man den Anlaß für obligatorisches oder fakultatives Gratulieren gleichsetzen kann mit Ritual oder Routine, wie z. B. der Glückwünsch bei gleichzeitigem Wissen um den Geburtstag des Gesprächspartners und ein „Frohe Weihnachten“-Gruß, mit dem man sein Gegenüber routiniert in der Zeit des Advents bedenkt, sei hier dahingestellt. Erwähnt werden im Kommenden jedoch verschiedene Gratulationsanlässe im Deutschen, und zwar mittels einer Art Lebensreise: Ein Kleinkind erhält Geburtstagswünsche verbunden mit Geschenken. Jedes Jahr zum gleichen Datum ist es wieder soweit. Dazwischen besucht es andere Kindergeburtstage, auf die es eingeladen wird. Das Wichtigste dabei ist das Aussprechen von „Ich gratuliere Dir zum Geburtstag“ in Verbindung mit dem Reichen und Schütteln der Hände. Letzteres bezeichnet Lüger als nonverbales Verhalten; ein nichtsprachliches Phänomen, das für das Verständnis gesprochener Sprache sehr wichtig ist, hier in Form der Gestik.

Im Deutschen ist das ein Muß: Man gratuliert zum Geburtstag. Sogar Fremde werden, die Bekanntgabe vorausgesetzt, beglückwünscht. Die Form variiert dabei vielfach: das Deutsch-Lehrwerk „Moment mal“ zählt dazu „Die besten Wünsche“, „Alles Gute“, „Herzlichen Glückwunsch“, „Herzliche Gratulation“, „Viel Glück“, „Ich gratuliere ganz herzlich“ auf. Ob in Familie oder anderen Personen gegenüber ausgesprochen, der Inhalt des Grußes differiert nur wenig.

Dann kommen das erste Silvester und mit ihm die Glückwünsche zum Neuen Jahr. Auch das spricht man gegenüber Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten aus, ebenso wie bei Begegnungen alltäglicher Art, wie z. B. der Verkäuferin beim Bäcker, unmittelbar nach Neujahr. Kurz zuvor rief man jedem, den man traf, „Frohe Weihnachten“ zu, ein Glückwunsch und damit eine Art der Gratulation. Schon in der Kinderstube lernen wir, Menschen, mit denen wir auf die ein oder andere Art und Weise zu tun haben (der Süßigkeitenverkäuferin, dem Postbote, dem man entgegengeht, ja sogar dem unbeliebten Untermieter, den man sonst nicht mag), gegen Ende des Advents ein frohes Weihnachtsfest zu wünschen.

Im März folgt ein weiteres Fest, aus dessen Anlaß man sich von Karfreitag bis Ostersonntag mit „Frohe Ostern“ begrüßt.

In den vorwiegend katholischen Gegenden Deutschlands ist der Namenstag ein Anlaß für Glückwünsche, jedoch wohl eher fakultativer Art, weil viel weniger bekannt, als z. B. Weihnachten. Lehrwerke der deutschen Sprache, wie beispielsweise „Themen“, gehen noch tiefer und führen das Pfingstfest als Gratulationsmöglichkeit an. „Frohe Pfingsten“ wünscht man sich in der Familie, aber auch den Bekannten, die man trifft oder mit denen man telefoniert. Es ist also davon auszugehen, daß der Pfingstgruß obligatorischer Art ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Kulturspezifische Regeln für 'Gratulieren'
Untertitel
Anlässe für obligatorische und fakultative Gratulationen im Deutschen und ihre pragmatischen Implikationen
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Veranstaltung
Textphänomene
Note
1,6
Autor
Jahr
2005
Seiten
8
Katalognummer
V89291
ISBN (eBook)
9783638037853
ISBN (Buch)
9783656613428
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Signale in Konversationen, z. B. in Form von Begrüßungs- und Verabschiedungs-, Anrede- und Höflichkeits-, sogenannten diskursiven sowie Glückwunsch-, Beileids-, Dankes- und Bittformeln Essay - Anforderungen, Formgebung, Inhalt
Schlagworte
Kulturspezifische, Regeln, Gratulieren, Textphänomene
Arbeit zitieren
Diplomgermanistin Dorothee Noras (Autor), 2005, Kulturspezifische Regeln für 'Gratulieren', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89291

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