Sport und Gewalt. Sozialwissenschaftliche Ansätze zur Erklärung eines prekären Phänomens


Bachelorarbeit, 2007

48 Seiten, Note: 15 Punkte


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Einführung in die Thematik
1.1 Einführung in die Thematik der Gewalt
1.1.1 Formen der Gewalt
1.1.2 Definition von Gewalt und der Bezug zur Aggression
1.2 Einführung in die Thematik des Sports
1.2.1 Zur Genese und gesellschaftlichen Bedeutung des modernen
Sports

2. Die „klassischen“ Modelle zur Erklärung von Aggression und Gewalt
2.1 Das trieb- und instinkttheoretische Modell aggressiven Verhaltens
2.2 Die Frustrations-Aggressions-Theorie
2.3 Lerntheoretische Ansätze der Aggression
2.4 Kritik an den klassischen Modellen zur Erklärung aggressiven
Verhaltens

3. Sport, Aggressionen und Gewalt
3.1 Gewalt im Sport – Sportlergewalt
3.2 Ansätze zur Erklärung von gewalttätigem Verhalten im Sport
3.2.1 Gesellschaftliche Voraussetzungen für Gewalt im Sport
3.2.2 Der pluralistische Ansatz
3.3 Gewalt im Umfeld von Sport – Zuschauergewalt
3.3.1 Die Differenzierung der Fanszene im Fußball
3.4 Erklärungsansätze zur Gewalt im Umfeld von Sport
3.4.1 Das Bedingungsgefüge aggressiver Zuschauerhandlungen
3.4.2 Gewalttätiges Verhalten von Hooligans
3.4.3 Gewaltfördernde Selbstkonzepte in der Erfolgsgesellschaft
3.4.4 Das FLOW-Erlebnis

4. Gesamtzusammenfassung – Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Gewalt wird dort offensichtlich, wo es zu Verletzungen von Personen, großen Sachbeschädigungen oder gar Toten kommt. Deshalb verwundert es auch nicht, dass Gewalt im Bereich des Sports hauptsächlich mit Zuschauerausschreitungen in Verbindung gebracht wird.

Seit den 1980er Jahren werden vor allem Fußballspiele immer wieder von schwerwiegenden Zuschauerausschreitungen überschattet. Dabei rücken vor allem drei Ereignisse in den Vordergrund: Im Mai 1985, kamen bei Ausschreitungen im Brüsseler Heysel Stadion 39 Menschen ums Leben und mehrere Hundert wurden verletzt. Vier Jahre später, im April 1989 starben 96 Personen, als bei einem Spiel im Hillsborough Stadion in Sheffield eine Panik ausbrach. Und schließlich die tragischen Ereignisse im Rahmen der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich. Hier lieferten sich deutsche Fans eine Straßenschlacht mit französischen Polizisten. Einer der Polizisten wurde schwer verletzt und ist seitdem schwer behindert (vgl. Brüggemeier 2006, S.39). Doch solche Ereignisse lassen sich bis in die Gegenwart verfolgen. Besonders im Zusammenhang mit der italienischen Fußballliga wurde vor nicht allzu langer Zeit von heftigen Ausschreitungen berichtet. Erst im Februar dieses Jahres kam bei Randalen im Umfeld eines italienischen Fußballspiels ein Polizist ums Leben. Aber auch in Deutschland kam es vermehrt zu Ausschreitungen in Verbindung mit Fußballspielen, wovon nicht nur die Bundesliga, sondern auch untere Spielklassen betroffen sind, wie die Medien berichten. Das es gerade im Umfeld von Fußballspielen häufig zu Ausschreitungen kommt, mag daran liegen, dass Fußball als populärster Sport dieser Zeit große heterogene Massen anzieht. Dunning geht davon aus, dass dieses Phänomen unter anderem mit der Berichterstattung zusammenhängt. So wird über den populären Fußball häufiger berichtet, als über andere Sportarten und dementsprechend auch über damit einhergehende Ausschreitungen (vgl. Dunning 2002, S.1148).

Doch nicht nur in den Reihen der Zuschauer und Fans, sondern auch im Sport selbst lässt sich gewalttätiges Verhalten erkennen. Häufig kann man beobachten, dass Sportler auf dem Spielfeld die Beherrschung verlieren, ihre Gegner ernsthaft attackieren oder sie beschimpfen. In einer subtilen Art und Weise wird Gewalt zunehmend als Mittel zum Zweck eingesetzt. Begriffe wie „Taktisches Foul“ oder auch „Fair Foul“, die sich in den sportlichen Sprachgebrauch eingeschlichen haben, können dies verdeutlichen. Aber auch die Praxis des Dopings, durch welche Sportler sich selbst in gewisser Weise Gewalt zufügen, wie später noch aufgezeigt werden soll, scheint in manchen sportlichen Disziplinen Gang und Gebe zu sein, wie z.B. die aktuelle Debatte im Radsport verdeutlicht.

Womit hängt eine solche Entwicklung zusammen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Gewalt im Umfeld von Sportveranstaltungen und derjenigen die im Sport selbst auftritt? Wodurch entsteht überhaupt gewalttätiges Verhalten bzw. was sind dessen Ursachen?

Diesen Fragen soll im Laufe dieser Arbeit nachgegangen werden. Dazu gilt es allerdings zunächst auf einige grundsätzliche Fragen einzugehen. Entsprechend erfolgt in einem ersten Abschnitt eine Einführung in die Thematik. Diese beschäftigt sich einerseits mit dem Begriff der Gewalt. Da Gewalt ein sehr komplexes Phänomen ist, das nicht nur unterschiedliche Gewaltverständnisse hervor bringt, sondern auch die unterschiedlichsten Formen und Facetten aufweist, werden Formen der Gewalt vorgestellt, die für das Thema Sport und Gewalt relevant erscheinen und darüber hinaus der Versuch einer allgemeingültigen Definition unternommen. Andererseits soll sich dieser Abschnitt mit dem Bereich des Sports befassen. Hier gilt es zunächst zu klären, was unter Sport zu verstehen ist. Des Weiteren scheint es für das Thema Sport und Gewalt relevant zu sein, einen kurzen Überblick über die Entwicklung des modernen Sports, die gesellschaftlichen Zusammenhänge aus denen dieser sich entwickelte, als auch über die Bedeutung des Sports in modernen Gesellschaften zu geben. Denn dies ermöglicht einerseits, einen Blick auf die Wandlungen des Sports und der damit einhergehenden Gewalt im historischen Zeitverlauf und andererseits kann dadurch aufgezeigt werden, dass dem Sport die Gewalt in einer bestimmten Form innewohnt, was sich wiederum auf das Verständnis von Gewalt und Sport, besonders der Gewalt im Sport, auswirkt. In einem zweiten Abschnitt werden „klassische“ Theorien zur Erklärung von aggressivem bzw. gewalttätigem Handeln vorgestellt und in Bezug zur Gewalt im Sport und dessen Umfeld diskutiert. Der dritte Abschnitt dieser Arbeit wird sich explizit mit dem Thema Sport und Gewalt auseinandersetzen. Dabei erfolgt eine Trennung zwischen Gewalt im Sport bzw. Sportlergewalt und der Gewalt im Umfeld von Sport bzw. im Zusammenhang mit Zuschauerausschreitungen. In Ergänzung zu den „klassischen“ Aggressionsmodellen, werden verschiedene weitere Bedingungen zur Erklärung von aggressivem bzw. gewalttätigem Verhalten herangezogen. In einem abschließenden Teil sollen die Darstellungen zu einem Fazit zusammengefasst werden.

1. Einführung in die Thematik

Um Erklärungen für die Ursachen von Gewalt im Bereich des Sports geben zu können, müssen zunächst einige grundlegende Überlegungen angestellt werden. Einerseits bedarf es einer Begriffsbestimmung von Gewalt. Denn Gewalt wird in verschiedenen Zusammenhängen unterschiedlich interpretiert. Die Gründe hierfür liegen zum einen an der weiten Auslegung des Begriffes selbst, aber auch an den unterschiedlichen Formen und Facetten in denen sich Gewalt äußert. Andererseits sollte geklärt werden, was in diesem Zusammenhang unter Sport zu verstehen ist. Darüber hinaus soll eine kurze Darstellung der Entwicklung und Ausbreitung des Sports erfolgen. An dieser Darstellung soll verdeutlicht werden, dass Gewalt im Sport und dessen Umfeld kein Phänomen der Neuzeit ist, sondern immer vorhanden war. Zu Fragen ist nach den Veränderungen, die stattgefunden haben müssen, so dass uns diese Phänomene in der heutigen Zeit als völlig neu erscheinen.

Zunächst erfolgt die Beschäftigung mit dem Begriff Gewalt und dessen Erscheinungsformen.

1.1 Einführung in die Thematik der Gewalt

Eine eindeutige Definition von Gewalt wird dadurch erschwert, dass der Gewaltbegriff in den unterschiedlichsten Kontexten Verwendung finden kann. Dementsprechend herrschen sowohl im allgemeinen Sprachgebrauch, aber auch in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, sowie auf Seite der Täter und der Opfer höchst unterschiedliche Vorstellungen davon, was unter „Gewalt“ zu verstehen sei (vgl. Song 2001, S.14). Darüber hinaus findet man Verschiebungen des Gewaltverständnisses im historischen Zeitverlauf. So sind bestimmte Formen der Gewalt im Laufe der Zeit von der Bildfläche verschwunden, galten als nicht mehr zeitgemäß und wurden entsprechend sanktioniert oder zumindest „hinter die Kulissen“ verband bzw. der Öffentlichkeit entzogen (Bonacker/Imbusch 2006, S.96). Häufig wird der Begriff der Gewalt mit anderen Begriffen wie „Macht“, „Zwang“ und „Aggression“ synonym verwendet, was zusätzlich ein angemessenes Verständnis von Gewalt und den damit verbundenen Phänomenen erschwert (vgl. Bonacker/Imbusch 2006, S.82f.). Bevor ein Bezug zur Aggression hergestellt wird, sollen zunächst verschiedene Formen der Gewalt aufgezeigt und definiert werden, die für das Thema Sport und Gewalt relevant erscheinen.

1.1.1 Formen der Gewalt

Die offensichtlichste Form von Gewalt und gleichzeitig auch die Gewalt im engsten Sinne, ist die „direkte physische Gewalt, die auf [körperliche] Schädigung, Verletzung oder Tötung anderer Personen abzielt“ (Bonacker/Imbusch 2006, S.86).

Im Gegensatz zu der direkten physischen Gewalt, wirkt die psychische Gewalt im Verborgenen und ist äußerlich nicht sichtbar. Psychische Gewalt findet ihren Ausdruck in Worten, Gebärden, Symbolen, aber auch im Entzug von Lebensnotwendigkeiten, „um Menschen durch Einschüchterung und Angst oder spezifische ‚Belohnungen’ gefügig zu machen“ (Bonacker/Imbusch 2006, S.87). Eine Variante der psychischen Gewalt stellt die symbolische Gewalt dar. Symbolische Gewalt im Sinne von „Gewalt als Sprache“, findet man z.B. in Form von „Anschreien, (…) Beschimpfung, Beleidigung, Verleumdung, Diskreditierung, Herabwürdigung, Missachtung, Abwertung, (…) Ignorieren und Lächerlichmachen bis hin zu Demütigung und Rufmord“ (Bonacker/Imbusch 2006, S. 89). Symbolische Gewalt im Umfeld von Sport findet ihren Ausdruck unter anderem im „aggressiven Posieren zwischen rivalisierenden Fans und in der Abfolge des Skandierens und Gegenskandierens auf den Rängen“ (Dunning/Murphy/Williams 2003, S.447), aber auch im Sinne der hate speech mit rassistischem Hintergrund (vgl. Bonacker/Imbusch 2006, S. 89), wenn z.B. Fans einen dunkelhäutigen Spieler diskreditieren.

Die Form der institutionellen Gewalt geht über die direkte personelle Gewalt hinaus, da sie nicht nur eine spezifische Art sozialen Verhaltens beschreibt, „sondern auch auf dauerhafte Abhängigkeits- und Unterwerfungsverhältnisse abzielt“ (Bonacker/Imbusch 2006, S.87). In der Moderne entspricht die institutionelle Gewalt der Staatsgewalt bzw. dem „Hoheits- und Gehorsamsanspruch mit dem der Staat dem einzelnen gegenübertritt“ (Waldmann, zitiert in: Bonacker/Imbusch 2006, S.87). Eine in diesem Sinne „ordnungsstiftende Funktion von Gewalt“ spiegelt sich in „physischen Zwangseingriffen“ der Polizei wider (vgl. Bonacker/Imbusch 2006, S.87), z.B., wenn diese versucht Zuschauerausschreitungen zu unterbinden. Auch wenn diese Form der Gewalt einen bestimmten Grad an Legitimität genießt, bleibt sie dennoch Gewalt (vgl. Bonacker/Imbusch 2006, S.87f.).

Nachdem verschiedene Formen der Gewalt aufgezeigt wurden, stellt sich die Frage, wie man Gewalt einheitlich definieren kann, so dass die Definition alle dargestellten Formen einschließt. Des Weiteren ist ein Bezug zur Aggression herzustellen.

1.1.2 Definition von Gewalt und der Bezug zur Aggression

Im Sinne einer einheitlichen Definition von Gewalt, die auch die vorangegangenen Ausführungen einschließt, lässt sich Gewalt definieren als „eine uns Menschen natürlich gegebene und kulturell formbare Handlungsmöglichkeit, bei deren Verwirklichung wir uns selbst oder anderen Schaden androhen oder tatsächlich zufügen“ (Tiedemann 2005, S.4). Demnach ist Gewalt eine Handlungsoption von vielen, d.h. der Mensch kann gewaltsam handeln, muss es aber nicht. Darüber hinaus geht Gewalt immer mit einer schädigenden Wirkung einher, denn auch das Androhen von körperlicher Gewalt kann von einem Opfer als schädigend empfunden werden. Da sich gewalttätige Handlungen auch gegen die eigene Person richten können, scheint eine Einbeziehung der Selbstschädigung angebracht.

Wie bereits an anderer Stelle erwähnt wurde, wird der Begriff der Gewalt häufig mit dem der Aggression synonym verwendet. So auch in der (sozial-)
psychologischen und sportwissenschaftlichen Literatur. Dementsprechend findet man keine spezifischen Theorien der Gewalt. Gewalt stellt in diesem Zusammenhang lediglich einen deskriptiven Begriff dar, der für extreme Formen der Aggression verwendet wird (vgl. Bierhoff/Wagner 1998, S.6). Damit erhält der Begriff der Aggression automatisch einen negativen Bezug. Dass Aggression jedoch nicht zwingend negativ gedeutet werden muss, ergibt sich aus der Wortetymologie. Denn Aggression stammt von dem lateinischen Wort „aggredi“ ab, was „an etwas oder jemand herantreten“ bedeutet (Tiedemann 2005, S.9). Aggression kann also im schlimmsten Fall in direkter physischer Gewalt münden, kann aber auch in einem Auf-Jemand-Zugehen münden, das nicht gewaltsam werden soll bzw. wird (vgl. Tiedemann 2005, S.9). Dies ist insofern für diese Thematik von Bedeutung, als dass Aggression ein wesentlicher Bestandteil bestimmter Sportarten ist. Diese Bedeutung soll an anderer Stelle ausführlicher behandelt werden. Zunächst folgt eine Betrachtung grundlegender Aspekte im Zusammenhang mit der Entwicklung und Bedeutung des Sports.

1.2 Einführung in die Thematik des Sports

Der Begriff „Sport“ stammt aus dem Englischen und leitet sich aus dem lateinischen Wort „desportare“ ab, was soviel bedeutet wie „sich zerstreuen, sich erfreuen in der Bewegung im Spiel“[1] (Mönnich/Jung 1984, S.1). Während das englische Wort „sport“ gegen Ende des 16. Jahrhunderts noch gemeinsam mit dem Begriff „disport“ (zur Belustigung oder fröhlicher Unterhaltung) für die verschiedensten Formen der Unterhaltung und des Zeitvertreibes verwendet wurde, erfuhr „sport“ im Laufe der Zeit eine spezifischere Bedeutung im Zusammenhang mit körperlichen Aktivitäten, die sich ab dem 18. Jahrhundert, ausgehend von den oberen Schichten Englands entwickelten (vgl. Elias 2003, S.273). In diesem Sinne bezeichnet Sport einen Wettkampf, der durch körperliche Komponenten bestimmt wird, was jedoch nicht heißen soll, dass ein solcher Wettkampf nicht auch intellektuelle Elemente besitzt (Guttmann 1979, S.17). Sicherlich hat es bereits vor dem 18. Jahrhundert sportliche Wettkämpfe gegeben. Man denke etwa an die Olympischen Spiele im antiken Griechenland. Aber auch in anderen Kulturen, zu den unterschiedlichsten Zeiten spielte Sport eine bedeutende Rolle im Zusammenleben der Menschen. Vergleicht man aber diese früheren Aktivitäten mit dem Sport, der im 18. Jahrhundert entstand, sich nach und nach von England ausgehend ausbreitete und weiterentwickelte, stellt man fest, dass sich der moderne Sport, die modernen Wettkämpfe der heutigen Zeit von den vielfältigen Aktivitäten früherer Zeiten unterscheiden (vgl. Lamprecht/Stamm 2002, S.13). Auf alle spezifischen Merkmale, die der moderne Sport im Vergleich zum antiken, primitiven oder mittelalterlichen Sport aufweist, soll nicht näher eingegangen werden.[2] Für das Thema Sport und Gewalt bzw. die Entwicklung der Gewalt im Sport spielt dies jedoch insofern eine Rolle, als frühere Formen des Sports ein wesentlich höheres Maß an körperlicher Gewalt zuließen. Differenzierte Regelwerke und deren Überwachung durch Kontrollinstanzen, welche Verletzungen der Teilnehmer in Grenzen halten sollen, hat es nicht gegeben. Überlieferungen legen nahe, dass z.B. die volkstümlichen Spiele des Mittelalters, Vorreiter des modernen Rugbys und Fußballs, nach nur wenigen, mündlich vereinbarten Regeln gespielt wurden. Es gab weder festgelegte Spielflächen und Zeitgrenzen, noch eine Beschränkung der Teilnehmerzahl und deren Ausgleich auf beiden Seiten. Diese Spiele wurden weder formal organisiert, noch durch Schiedsrichter oder ähnliches kontrolliert. Darüber hinaus war nahezu alles erlaubt, so z.B. das Schlagen der Gegner mit Stöcken und Knüppeln, und es stand den Mitstreitern offen, ob sie zu Pferde oder zu Fuß teilnahmen (vgl. Dunning 1981, S.138f.). Auch die olympischen Wettkämpfe der Antike, die häufig als Vorbilder des modernen Sports angesehen werden, ließen z.B. im Boxen oder Ringen, ein wesentlich höheres Maß an körperlicher Gewalt zu, wie der vergleichbare Sport in der heutigen Zeit (vgl. Elias 1986, S.16). Eine differenzierte Einteilung der Kämpfer in Gewichtsklassen fand darüber hinaus auch nicht statt und der Kampf im olympischen Stadion wurde solange ausgetragen bis einer der Wettkämpfer kampfunfähig war oder freiwillig aufgab, was jedoch entsprechend des Kriegerethos’ als feige galt (vgl. Pilz/Wewer 1987, S.18).

Aggressive und gewalttätige Handlungen im Sport hat es demnach immer gegeben und zwar in weitaus höherem Maße, als dies in den heutigen Wettkampfarten üblich ist. Was hat sich im Laufe der Zeit verändert? Warum entwickelte sich der moderne Sport, dem ein differenziertes Regelwerk zugrunde liegt? Auf welche Einflüsse lässt sich dies zurückführen? Und welche Rolle nimmt der Sport in der modernen Gesellschaft ein?

1.2.1 Zur Genese und gesellschaftlichen Bedeutung des modernen Sports

Bevor näher auf die gesellschaftliche Bedeutung des modernen Sports eingegangen wird, soll zunächst ein Blick auf die Anfänge des modernen Sports geworfen werden, um darzustellen mit welchen weiterreichenden Entwicklungen das Aufkommen von streng reglementierten körperlichen Aktivitäten zusammenhängt. Denn nur anhand der Entwicklung, sowohl des Sports selbst, als auch jener der Gesamtgesellschaft kann man nachzeichnen, warum der Sport im Laufe der Zeit einen Wandel erfahren hat. Dies dürfte auch im Bezug auf später folgende Darstellungen zur Gewalt im Sport und dessen Umfeld von Bedeutung sein, da der Sport als Handlungsfeld innerhalb einer Gesellschaft besteht und damit nur eine relative Autonomie im Bezug zur Gesamtgesellschaft aufweist (vgl. Elias 1983, S.42f.).

Wie bereits erwähnt, entwickelte sich der moderne Sport in den oberen Schichten Englands. Eine der ersten Sportarten, die spezifische Merkmale des modernen Sports aufweist, ist die englische Fuchsjagd. Sie gehörte im 18. und frühen 19. Jahrhundert zu den wichtigsten Zeitvertreiben des Adels und der Gentry. Eine eigene Organisation, eigene Bräuche und eine Reihe an hochgradig spezifischen Regeln sorgten dafür, dass die Gentlemen ein schönes Vergnügen hatten. Denn an dieser Form der Jagd nahm man nicht teil, um ein schönes Mahl zu ergattern, sondern aus purem Vergnügen bzw. „for sport“. Das wesentliche Vergnügen wurde nicht mehr auf das Erlegen der Beute bzw. das Resultat reduziert, sondern es bestand in der Verfolgung und dem schönen Rennen und der damit verbundenen Spannung und Erregung. Darüber hinaus wurde das Erlegen der Beute den Hunden überlassen. Es erfolgte demnach eine Verschiebung des Vergnügens an der Ausführung von Gewalt, hin zu einem Vergnügen bei der Ausführung von Gewalt zuzusehen (vgl. Elias 2003, S.290ff.). Etwa zur gleichen Zeit entwickelten sich Sportspiele wie das moderne Fußball und Rugby in den englischen public schools, die den Kindern des Adels und des Großbürgertums vorbehalten waren. Die Elite übernahm bestimmte Bewegungsmuster aus den volkstümlichen Spielen und kleidete sie in einen Rahmen von Regeln, die das Maß an Gewalt und Brutalität einschränkten. Das Spielvergnügen zeichnete sich fortan nicht mehr so sehr durch brutale Kraft aus, „sondern [erfolgte] eher aus der Umsetzung von Gewalt in die Anwendung komplexer Fertigkeiten, zum Beispiel Weitergeben, Treten und Forttragen des Balles“ (Dunning 1981, S.142). Damit einhergehend war die Entwicklung einer Philosophie des Sports. Der Sport wurde zu einer „Schule des Charakters“, in der neben Mut und Männlichkeit der „Wille zum Sieg“, alles „männliche Tugenden der zukünftigen Führungskräfte“, herangezüchtet werden, allerdings nach vorgegebenen Regeln, ganz im Sinne des Fair Play, durch das die Akteure lernen, ihre Affekte zu kontrollieren (vgl. Bourdieu 1986, S.96). Nach und nach wurden verschiedene Sportvereine und Verbände gegründet und die sportlichen Spiele der Elite verbreiteten sich zunehmend über alle sozialen Schichten hinweg. Die sportlichen Regeln wurden zunehmend verfeinert und es erfolgten Maßnahmen zur gründlicheren Überwachung der Regeleinhaltung. Damit erlangten Spielwettkämpfe im Zuge der „Versportlichung“[3] ein „Niveau an Ordnung und Selbstdisziplin seitens der Teilnehmer, das zuvor unerreicht gewesen war“ (Elias 2003, S.274).

Nach Elias geht dieser Wandel des Sports mit einem gesamtgesellschaftlichen Wandel[4] einher. Diesen Wandel, der sich als „blinder“ oder „ungeplanter“ gesellschaftlicher Langzeitprozess vollzog, bezeichnet Elias als Zivilisationsprozess. Wesentliche Veränderungen, die mit diesem Prozess einhergingen, sind die Entwicklung einer niedrigeren Scham- und Peinlichkeitsschwelle im Bezug auf natürliche Körperfunktionen, wie Nahrungsaufnahme, Sex und Aggression und in diesem Zusammenhang eine Erhöhung des sozialen Drucks, welcher wiederum eine Zunahme von Affektkontrollen von Seiten der Gesellschaftsmitglieder verlangt (vgl. Dunning 1981, S.136). Tatsächlich weisen frühere Gesellschaften nicht nur hinsichtlich des Feldes von Bewegungsspielen und Wettkämpfen ein erheblich höheres Maß an Gewalt auf als moderne Gesellschaften. Die höhere Tendenz zu körperlicher Gewalt zeichnet sich im gesamtgesellschaftlichen Bild dieser Gesellschaften ab, d.h. die gesellschaftliche Toleranz gegenüber Gewalt war wesentlich höher, als dies in den modernen Gesellschaften der Fall ist (vgl. Elias 1986, S.16). Damit wird bereits deutlich, dass die Entwicklung des modernen Sports in irgendeiner Weise mit der Entwicklung der Gesamtgesellschaft verbunden ist. Im von Elias untersuchten Zeitraum waren die säkularen Oberschichten, sprich Kriegeradel, Hofaristokratie und Bourgeoisie die „modellschaffenden Gruppen“, d.h. die von ihnen geschaffenen Standards breiteten sich in der sozialen Stufenleiter nach unten aus (vgl. Dunning 1981, S.136). Auch der moderne Sport, der sich zunächst dadurch abzeichnete, dass ein differenziertes Regelwerk bzw. verfeinerte Normen und Standards im Vergleich zu früheren Zeiten eingeführt wurden, entstand in den oberen Schichten und breitete sich erst nach und nach in alle soziale Schichten aus. Der dieser Entwicklung zugrunde liegende Zivilisationsprozess geht, laut Elias, einher mit einer wachsenden politischen und administrativen Zentralisierung, sowie der Pazifizierung unter Staatskontrolle; außerdem mit einer wachsenden Arbeitsteilung, die wiederum zunehmende Abhängigkeitsverhältnisse bedingt, sowie einer Tendenz zum Machtausgleich zwischen Gruppen (Dunning 1981, S.136). Die genannten Punkte bestehen nicht unabhängig voneinander. In Gesellschaften mit einem relativ stabilen und effektiven Zentralstaat und staatlichem Gewaltmonopol kann sich eine verstärkte Arbeitsteilung herausbilden. Eine verstärkte Arbeitsteilung bedeutet eine stärkere Abhängigkeit zwischen den Elementen der Sozialstruktur, welche Elias als Zunahme der Interdependenzketten bezeichnet. Das staatliche Gewaltmonopol und die Verlängerung der Interdependenzketten üben eine zivilisierende Wirkung aus. Der Staat tut dies in direkter Weise, da er aufgrund des Gewaltmonopols in der Lage ist, Sanktionen gegen Formen von illegitim angesehener Gewalt auszusprechen. Die bestehenden Interdependenzen üben auf eine indirekte Weise eine zivilisierende Wirkung aus, da sie wechselseitige Kontrollen erzeugen. Diese wiederum fördern eine große Zurückhaltung in sozialen Beziehungen. Ohne ein hohes Maß an Selbstzwang bzw. Affektkontrollen, die von Seiten der Mitglieder moderner Gesellschaften ausgeführt und erwartet werden, wäre ein solch komplexes System erheblichen Belastungen ausgesetzt. Der Selbstzwang ist eine „wesentliche Voraussetzung für die Aufrechterhaltung und die Entwicklung der Funktionsdifferenzierung“ (Dunning 2003 (2), S.422). Für die Mitglieder moderner Industriestaaten bedeutet dies, dass sie ein hohes Maß an emotionaler Kontrolle in der Öffentlichkeit ausüben müssen, was wiederum dazu führt, dass unmittelbare Bedürfnisbefriedigungen aufzuschieben sind.

[...]


[1] Tatsächlich sollte Sport ursprünglich als Selbstzweck zum reinen Vergnügen betrieben werden. Wie man jedoch bei genauer Betrachtung des Profisports erkennen kann, scheint das reine Vergnügen zunehmend anderen Aspekten zu weichen.

[2] Eine ausführliche Darstellung von spezifischen Merkmalen des modernen Sports, durch die sich dieser von seinen „Vorgängern“ unterscheidet liegt vor in: Allen Guttmann (1979): Vom Ritual zum Rekord. Das Wesen des modernen Sports.

[3] Analog zur Industrialisierung bezeichnet Elias den Prozess der Entstehung und Ausbreitung des modernen Sports als Versportlichung

[4] Elias betrachtet den Zeitraum vom Mittelalter zur Moderne und bezieht sich dabei auf Entwicklungen, die sich während dieser Zeit in Kontinentaleuropa vollzogen

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Sport und Gewalt. Sozialwissenschaftliche Ansätze zur Erklärung eines prekären Phänomens
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Soziologie)
Note
15 Punkte
Autor
Jahr
2007
Seiten
48
Katalognummer
V89354
ISBN (eBook)
9783638030816
ISBN (Buch)
9783640886029
Dateigröße
702 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Gewalt, Ansätze, Erklärung, Phänomens
Arbeit zitieren
Julia Huber (Autor), 2007, Sport und Gewalt. Sozialwissenschaftliche Ansätze zur Erklärung eines prekären Phänomens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89354

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