Überlegungen zur spanischen Geschichtskonstruktion am Beispiel der Chronik Alfons´ III


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die historische Überlieferung und die Chronik im Vergleich
2.1 Zur Crónica de Alfonso III
2.2 Die letzten Westgotenkönige und die Lehre von der hispanidad
2.3 Die Begründung der Niederlage von 711
2.4 Covadonga und der Beginn der Reconquista
2.5 Die asturischen Könige
2.6 Die Darstellung der Araber
2.7. Die Wahrheitslegitimation

3. Schlussbemerkung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Traditionslinie des historischen Nationalgefühls Spaniens begann nicht mit der Auseinandersetzung mit einem autochthonen Volk der iberischen Halbinsel, sondern mit den Westgoten, die die Iberische Halbinsel im 5. Jahrhundert besiedelt hatten und auf die während des gesamten Mittelalters verherrlichend Bezug genommen wurde. Sie dienten den spanischen Königreichen als ein wichtiger Identifikations- und Legitimationsfaktor. So liegt der Schwerpunkt der Crónica de Alfonso III einerseits auf der Begründung des westgotischen Zerfalls und andererseits auf einer Prophezeiung des asturischen Nationalhelden Pelayo, durch welche er die Rückkehr des Westgotenreiches und die Rückeroberung des gesamten spanisch-christlichen Territoriums ankündigt. Ebenso wie die erste (erhaltene) Chronik, die zur Zeit Alfons´ III verfasst wurde, die Crónica Albeldense (beendet zwischen 831 und 833), beruft sich die Crónica de Alfonso III auf die bis dahin entstandene Überlieferung der westgotischen Kontinuität. Pelayo, ein adeliger Gote, soll durch seinen erfolgreichen Widerstand gegen die Mauren in der Schlacht von Covadonga die Reconquista eingeleitet haben und daher am Anfang der asturischen Monarchie stehen, die sich als Erbin der gotisch-christlichen Tradition verstand.

In der vorliegenden Arbeit soll die historisch überlieferte Konstruktion der spanischen Vergangenheit am Beispiel einiger markanter Ereignisse des beginnenden 8. Jahrhunderts mit der Crónica de Alfonso III in Beziehung gesetzt werden. Dabei soll der Versuch unternommen werden, herauszustellen, inwiefern die einzigen historischen Dokumente aus der Zeit der überlieferten islamischen Invasion, nämlich die frühen Chroniken, der späteren Geschichtsschreibung Spaniens als Grundlage gedient haben, um einer christlich-nationalen Ideologie zu entsprechen.

2. Die historische Überlieferung und die Chronik im Vergleich

2.1 Zur Crónica de Alfonso III

Der asturische König Alfons III (866-912), auch Alfonso El Magno genannt, beherrschte auch León und Kastilien und war der letzte König Asturiens, bevor sich dieses nach seinem Tod auflöste und durch León fortgesetzt wurde. Von der nach ihm benannten Chronik gibt es zwei Versionen: die Version Rotense, auf welche in der folgenden Untersuchung Bezug genommen wird, ist die ältere der beiden Fassungen und wurde in einem literarischen und klerikalen Stil verfasst. Daneben gibt es die Version Ad Sebastianum, deren Autor vermutlich ein Bischof namens Sebastián ist und deren Stil als einfacher, „casi bárbaro“[1] gilt. In der Crónica de Alfonso III beschreibt der Chronist die Ereignisse im Westgotenreich und im asturischen Reich, seit der Machtübernahme durch den Westgotenkönig Wamba im Jahre 672 bis zum Ende der Herrschaft Ordoños I im Jahr 866. Ob der Verfasser der Chronik Alfons III oder ein Mönch ist, der zu seiner Zeit lebte, lässt sich nicht eindeutig festlegen. Im Folgenden soll am Beispiel der für unsere Untersuchung relevanten Ereignisse die heutige historische Überlieferung mit den Inhalten der Chronik verglichen werden. Dazu soll zunächst auf das gotisch-christliche Selbstverständnis Spaniens eingegangen werden.

2.2 Die letzten Westgotenkönige und die Lehre von der hispanidad

Die heutige Historiographie geht von einer inneren Krise des Westgotenreiches aus, welche sich im königlichen Streit um Macht- und Erbfolgefragen, in klimabedingten wirtschaftlichen sowie in demographischen Problemen und in einer anfänglich tiefen ideologischen Spaltung widerspiegelte. Diese bestand darin, dass die gotischen Könige vor dem 6. Jahrhundert dem Arianismus angehörten, demzufolge es nur einen einzigen Gott gäbe, die einheimischen Völker sich hingegen mit einer in die Richtung der Dreifaltigkeit ausgerichteten frühen Art des Katholizismus identifizierten. Menéndez Pidal legt großen Wert auf die Auffassung der Goten als ein allmählich romanisiertes Volk: „la romanización del estado godo progresaba siempre, entre vaivienes periódicos“[2]. Dadurch lenkt er die historische Betrachtungsweise des Lesers in die Richtung einer römisch-christlichen Traditionslinie der Westgoten. Zwar wurde der religiöse Konflikt im 6. Jahrhundert durch König Reccared (586-601) teilweise aufgehoben, als dieser die westgotischen Arianer zum Katholizismus bekehrte und den Katholizismus zur Staatsreligion der gotischen Königreiche erhob, dennoch zogen sich religiöse und soziale Konflikte auch durch die weiteren Westgotenreiche[3]. Domínguez Ortiz spricht in diesem Zusammenhang von einer crisis moral innerhalb des Westgotenreiches[4], in welchem der höhere Klerus und der Adel konstant gegen die Monarchen rebelliert hätten. In der Crónica de Alfonso III spiegeln sich die inneren Auseinandersetzungen beispielsweise durch zahlreiche und immer wiederkehrende Aufstände der Asturier, der Basken und der Galicier wider, welche sowohl durch die westgotischen als auch durch die asturischen Könige regelmäßig niedergeschlagen worden seien. Zusätzlich ist von erbfolge- und machtbedingten Verschwörungen der Monarchen sowie des Adels die Rede: die Chronik besagt beispielsweise, dass König Ervig (680-687), ein Angehöriger der gegen Wamba konkurrierenden Königsfamilie des Chindasvinth (642-653) zum neuen Westgotenkönig geworden sei, indem er sich mit Hilfe eines, vorübergehenden Gedächtnisverlust bewirkenden, Zaubertrankes gegen Wamba verschwörte habe. Dennoch habe er seine Untertanen gut behandelt und generelle Synoden[5] abgehalten, womit der Chronist die grundlegend christliche Ideologie des Regenten hervorhebt.

Die Ausstattung der westgotischen Könige mit positiven Charaktereigenschaften und einer christlich-ideologischen Gesinnung zieht sich in den Schilderungen der Chronik durch alle Königreiche: Bei der Schilderung Wambas´ Ernennung zum König (672-680) bedient sich der Chronist eines Topos´, indem er von einer Biene berichtet, welche von Wambas Kopf in die Lüfte aufstieg. Die Biene sei ein göttliches Vorzeichen für den späteren Ruhm König Wambas gewesen, der später erfolgreiche Feldzüge gegen aufständische Vaskonen und Asturier führen und die römische Provinz Gallia Narbonensis im heutigen Südfrankreich erobern sollte. König Egica (687-702) werden in der Chronik ebenfalls positive Charaktereigenschaften zugeteilt, indem er als ein weiser und geduldiger Herrscher beschrieben wird, der wie sein Vorgänger generelle Synoden abgehalten und während seiner Regierungszeit viele oft aufständische Bevölkerungsgruppen gebändigt habe.

Auch Menéndez Pidal, der berühmteste Historiker der spanischen Nationalgeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts, schildert die Aufstände im Norden, die Erbfolgestreitigkeiten und die militärischen Erfolge Wambas´[6]. Sogar die Erzählung der Biene bei der Ernennung Wambas´ zum König findet Eingang in seine Geschichtsschreibung, ohne explizit als ein Topos dargestellt zu werden[7]. Ebenso wie in der Chronik preist er den König Wamba - „Wamba llevaba el reino godo a un máximo de prosperidad“[8] - und dessen ruhmreichen Siege gegen Aufständische, gegen den römischen General Paul und auch solche gegen erste arabische Invasoren an der Südküste der Halbinsel[9], ein Ereignis, das ausschließlich in der Crónica de Alfonso III berichtet wurde. Somit schreibt er den von Legenden geprägten frühen christlichen Chroniken einen hohen Wert als historisches Zeugnis zu. Menéndez Pidal, legt großen Wert auf die Betonung der römisch-christlichen Ideologie der Westgotenkönige. Er preist die christlichen Eigenschaften des Vorgängers Reccared, König Sisebut (612-621), „un rey del todo adicto a la romanidad y que por ella trabaja no sólo dentro de su reino, sino fuera“[10], und betrachtet die zu Beginn des 7. Jahrhunderts verfasste Historia Gothorum des heiligen Isidors als eine bis dahin unübertroffene Leistung, die der Verherrlichung der gotisch-christlichen Wurzeln der spanischen Nation in besonderem Maße zugute komme: „[Isidoro] participa del mismo entusiasmo goticista [que el monje Biclarense], pues ya para unos como para los otros los destinos de España estaban indisolublemente ligados a los del pueblo que había hecho de la Península una monarquía poderosa[11]. Der berühmte Historiker widmet Isidor, dem Begründer des national-christlichen Denkens, dessen Verherrlichung des gotischen Spaniens sowie seiner göttlich legitimierten königlichen Macht, einen langen Abschnitt innerhalb seiner historischen Ausführungen zu und setzt, in Isidors Sinne, patria dem Terminus godos gleich[12]. Die harten Gesetzestexte der Westgotenzeit, die Judenverfolgung sowie dass es sich bei den Westgoten um eine Sklavenhaltergesellschaft handelte, welche Isidor mit dem göttlichem Schicksal[13] legitimierte, erwähnt Menéndez Pidal in dem Zusammenhang hingegen nicht.

Américo Castro, der neben Sánchez-Albornoz aus der Schule Menéndez Pidals stammte, begründete den Begriff der hispanidad in dem Ende der mittelalterlichen sog. convivencia[14] der drei Religionen („los españoles como resultado del entrecruce de tres castas diferentes“[15]), in deren Evolution die christlich-katholische Religion sich aus für ihn plausiblen Gründen gegenüber den anderen durchsetzte: „un pueblo se constituye al singularizarse y afirmarse frente a otros y el que adquiera luego dimensión histórica depende de su justificada pretensión de `ser más´“[16]. Ein solches Verständnis der Geschichte Spaniens lässt keinen Raum für gleichberechtigte kulturelle und ethnische Vielfalt zu[17], unterstützt die Auffassung einer im Gotenmythos begründeten nationalen Identität Spaniens und legitimiert im Nachhinein die seit dem 15. Jahrhundert in Spanien praktizierte limpieza de sangre.

Maravall greift Ortegas Formulierung des Überlebens des homo antiquus auf und geht ebenfalls von einer während des Westgotenreiches ungebrochenen Traditionslinie der römisch-christlichen hispanidad aus, welche infolge der arabischen Invasion lediglich vorübergehend gelähmt worden sei und sich im 11. Jahrhundert auf natürliche Weise fortgesetzt habe:

el complejo cultural hispano-romano-visigodo se detendrá en su evolución, paralizado por la presión de los invasores, que, sin embargo, no pueden eliminarlo.[…] se conservará ese estrato hispano-romano-visigodo, que quedará incrustado en la vida española. […] quedará siempre la fuerte impronta del legado hispano-romano-visigodo, conservado en los siglos de la cultura mozárabe[18].

Im Folgenden sollen die in der Chronik sowie in der späteren Historiografie dargelegten Begründungen für den Untergang des Westgotenreiches aufgeführt werden.

2.3 Die Begründung der Niederlage von 711

Der Crónica de Alfonso III zufolge ernannte König Egica nach zehn Jahren Regierungszeit seinen Sohn Witiza zu seinem Mitregenten und regierte gemeinsam mit ihm fünf weitere Jahre bis zu seinem Tod. Egica habe in Toledo über die Goten und sein Sohn Witiza in der Stadt Tuy über den germanischen Stamm der Schwaben geherrscht, der zu Beginn des 5. Jahrhunderts den Nordwesten der Iberischen Halbinsel besiedelt hatte, nachdem sich die im Jahre 409 in die Iberische Halbinsel eingedrungenen Westgoten in verschiedene Gruppen aufgeteilt hatten[19]. Nach Egicas Tod sei Witiza nach Toledo zurückgekehrt, um der neue König der Westgoten zu werden (702-710). Seine den christlichen Vorstellungen entgegen gesetzte Regierungsweise sollte, der Chronik zufolge, tiefgehende Folgen für das Schicksal des Westgotenreiches haben. Die Beschreibung seiner Regierungszeit ist stark vom christlichem Gedankengut des Chronisten geprägt: König Witiza wird als ein sehr schlechter König beschrieben, der wilde Ehen führte und die Bischöfe, Priester und Diakone beauftragte, ebenfalls Frauen zu haben, damit sich kein kirchlicher Rat gegen ihn versammelte. Der Chronik zufolge forderte König Witiza durch seinen Lebensstil und seine Regierungsweise den Zorn Gottes heraus und war dadurch für alle Niederlagen der westgotischen Armeen und die Siege der Araber verantwortlich.

[...]


[1] Menéndez Pidal, Ramón, Historia de España. España cristiana. Comienzo de la Reconquista

(711- 1038), Bd. 6, Madrid : Espasa-Calpe, S. A. 1988, 5.

[2] Menéndez Pidal, Ramón, Historia de España. España visigoda (414-711 de J. C.), Bd. 3, Madrid : Espasa-
Calpe, S. A. 1985, XXXII.

[3] Vgl. Zu diesem Aspekt auch Domínguez Ortiz, Antonio (Hg.), Historia de España. Al-Andalus :
musulmanes y cristianos (siglos VIII-XIII),
Barcelona : Editorial Planeta 1989, 14.

[4] S. ebd.

[5] Eine Synode ist dasselbe wie ein Konzil, d. h. eine Versammlung in kirchlichen Angelegenheiten.

[6] Vgl. Menéndez Pidal, Ramón, Historia de España. España visigoda (414-711 de J. C.) (1985), XLVI ff. u.
123 ff.

[7] A.a.O., XLVL.

[8] A.a.O., XLVIII.

[9] Vgl. ebd. u. 125.

[10] Menéndez Pidal, Ramón, Historia de España. España visigoda (414-711 de J. C.) (1995) , XXXIII.

[11] A.a.O., XXXIV.

[12] Vgl. a.a.O., XXXIV.

[13] Vgl. Hottinger, Arnold, Die Mauren. Arabische Kultur in Spanien (1995), 43 u. 44.

[14] Vgl. Hierzu Kap. 4.

[15] Castro, Américo, La realidad histórica de España. Edición renovada. Séptima edición, México: Editorial
Porrua S. A. 1980, 28.

[16] Ebd..

[17] Vgl. Hierzu auch die kritischen Ausführungen in Rehrmann, Norbert/Koechert, Andreas (Hgg), Spanien
und die Sepharden
, Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1999, 127.

[18] Maravall, José Antonio, Estudios de historia del pensamiento español. Serie primera – Edad media,
Madrid : Ediciones Cultura Hispánica del Instituto de Cooperación Iberoamericana 1983, 40 u. 41.

[19] Vgl. Khadra Jayyusi, Salma, The legacy of muslim Spain, Leiden/New York/Köln: E. J. Brill 1992, 5.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Überlegungen zur spanischen Geschichtskonstruktion am Beispiel der Chronik Alfons´ III
Hochschule
Universität Paderborn  (Romanistik)
Veranstaltung
Zur Geschichte Andalusiens
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V89434
ISBN (eBook)
9783638028967
ISBN (Buch)
9783638926775
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichtskonstruktion, Beispiel, Chronik, Alfons´, Geschichte, Andalusiens
Arbeit zitieren
Isabel Weinrich (Autor), 2007, Überlegungen zur spanischen Geschichtskonstruktion am Beispiel der Chronik Alfons´ III, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89434

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Überlegungen zur spanischen Geschichtskonstruktion am Beispiel der Chronik Alfons´ III



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden