Literaturpädagogik und Märchen im 19. und 20. Jahrhundert

Untersuchungen am Beispiel der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm


Examensarbeit, 2007

96 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was sind Märchen?
2.1 Definition von Märchen aus literaturwissenschaftlicher Sicht
2.1.1 Volksmärchen - Kunstmärchen
2.1.2 Volksmärchen
2.1.3 Kurze Abgrenzung des Märchens gegen benachbarte Gattungen
2.2 Definition von Märchen aus literaturpädagogischer Sicht

3. Entstehung, Entwicklung und Rezeption der „Kinder- und Hausmärchen“
3.1 Altertum
3.2 Mittelalter
3.3 Neuzeit

4. Entstehung der Märchen, Sammeltätigkeit der Brüder Grimm und Herausstellung der Helfer und Gewährspersonen

5. Die Kinder- und Hausmärchen in der literaturpädagogischen und literaturdidaktischen Diskussion des 19. und 20 Jahrhunderts
5.1 Märchenpädagogik im Deutschen Kaiserreich von 1871 bis 1918
5.2 Märchen in der Schule der Weimarer Republik
5.3 Pädagogik des Märchens im Dritten Reich
5.4 Rezeption von (illustrierten) Märchen nach 1945
5.5 Grimms Märchen in der literaturpädagogischen Diskussion der DDR
5.6 Die Kinder- und Hausmärchen in der Literaturpädagogik der BRD

6. Schluss

Literatur

1. Einleitung

"Es war einmal...", wer kennt sie nicht, die alten Märchen nach den Brüdern Grimm: "Hänsel und Gretel", "Rotkäppchen", "Dornröschen", "Frau Holle", "Rapunzel", "Aschenputtel", "Schneeweißchen und Rosenrot" etc. Von Generation zu Generation weitererzählt oder vorgelesen, inzwischen in 160 Sprachen übersetzt, weltweit beliebt und bekannt bei Groß und Klein. In der Vergangenheit avancierten die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm zum meist verkauften Buch nach der Bibel.

Heutzutage sind die Grimmschen Märchen vielseitig verwendbar: Eltern oder andere Familienmitglieder lesen Kindern zu Hause Märchen vor, in so genannten "Märchenhäusern" bieten erfahrene Märchenerzähler/innen unterschiedliche phantastische Erzählungen kinder- und erwachsenengerecht an. Andere, oft ausgebildete Märchenerzähler und Pädagogen, bringen sowohl Kindern innerhalb einer Märchenstunde im Unterricht, als auch Erwachsenen, insbesondere älteren Menschen, in gesellschaftlichen Räumen, Krankenhäusern sowie in Altenheimen, die Bedeutung der Märchen von Jakob und Wilhelm Grimm nahe.

Bereits im Altertum finden sich märchenähnliche Motive, zum Beispiel in Erzählungen aus Ägypten, die als Hinweise auf die Existenz von Volksmärchen gesehen werden können. Während des Mittelalters und der Neuzeit nehmen märchenhafte Motive in verschiedenen Geschichten stetig zu, bis von der Gattung "Märchen" gesprochen wird. Während im 16. Jahrhundert vor allem die Märchen Straparolas, im 17. Basiles, Perraults und im 18. Jahrhundert Gallands, Wielands und Musäus ihre Bedeutung finden, ist das 19. Jahrhundert in Deutschland besonders durch die Märchensammlung der Brüder Grimm geprägt.[1]

Jakob und Wilhelm Grimm konnten sich mit ihrer gemeinsam erarbeiteten und veröffentlichten Märchensammlung sowohl im 19. als auch im 20. Jahrhundert großer Popularität erfreuen. Nachdem Volksmärchen zunächst lediglich in Erzählkreisen zur Unterhaltung Erwachsener verwendet wurden, wurden sie durch die Verschriftlichung der "Kinder- und Hausmärchen" auch Kindern zugänglich gemacht.

Dies geschah jedoch in einem längeren Prozess. Von Auflage zu Auflage bearbeiteten die Brüder Grimm ihre Märchensammlung. Dabei gingen sie auf die Auffassungen und Wünsche ihrer Zeitgenossen ein, sodass die Veränderungen in eine kindgerechte Richtung verliefen.

Trotz der Bearbeitungen, Umgestaltungen und Erweiterungen der "Kinder- und Hausmärchen" stößt man im 19. und auch im 20. Jahrhundert immer wieder auf Skeptiker und Märchengegner. Dagegen sind in dieser Zeitspanne aber auch viele Pädagogen der Auffassung, dass die Märchen der Brüder Grimm eine Bereicherung für Kinder darstellen.

Nach der Erstveröffentlichung der beiden Bände der “Kinder- und Hausmärchen” 1812 bzw. 1815 ernteten Jacob und Wilhelm Grimm jedoch außer begeisterter Zustimmung auch deutliche Kritik. Letzteres gab es vor allem für die zunächst für unkünstlerisch gehaltenen Stil- und Präsentationsform, welche als pädagogisch und moralisch bedenklich galt. Die Inhalte erachtete man als anstößig, obwohl der so anheimelnde Titel auf scheinbar anspruchslose volkstümliche Erzählungen hindeutet.

Ihren Aufstieg als “Gattung Grimm”[2] zum Inbegriff von Märchen schlechthin verdanken die Kinder- und Hausmärchen bekanntlich Wilhelm Grimms unermüdlichem Bemühen, die verschiedenen Rezeptionsvorbehalte und -hindernisse durch eingreifende Umarbeitung und Neuordnung der Texte zu beseitigen.

Nicht zuletzt trägt die Literaturpädagogik zur Wertschätzung der Kinder- und Hausmärchen als einem der essentiellsten, unverzichtbarsten Bestandteile literarischer Erziehung im Grundschulbereich bei. Nach bescheidenen Anfängen bereits in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts erreicht solche Wertschätzung einen ihrer Höhepunkte in den Bestrebungen der reformpädagogischen “Kunsterziehungsbewegung” um 1900, deren Wortführer Heinrich Wolgast räumt den Kinder- und Hausmärchen unter den entsprechenden Lesestoffen allererste Priorität ein. Er fordert – “jedes deutsche Kind, das lesen gelernt hat, sollte in diesem wundervollen Buche, das in die Weltliteratur übergegangen ist, dem Urquell deutscher Dichtung, der dichtenden Volksseele lauschen lernen. Das muß sozusagen obligatorische Lektüre sein.”[3]

Doch was bedeutet Literaturpädagogik überhaupt? Und warum haben besonders die Märchen in der Literaturpädagogik eine so große Bedeutung? Die Literaturpädagogik ist eine Disziplin der Literaturwissenschaft und beschäftigt sich mit der pädagogischen Umsetzung von Literatur in Kindergarten und Schule.

Da es im Laufe der Jahrhunderte sowohl positive als auch negative Sichtweisen auf die Grimmschen Märchen gab, werde ich diese in meiner folgenden Arbeit „Literaturpädagogik und Märchen im 19. und 20. Jahrhundert. Untersuchungen am Beispiel der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ aufgreifen und an verschiedenen Zeitepochen erläutern. Da sich aber in den mehr als 100 Jahren viele Märchenforscher, Psychologen sowie auch Pädagogen mit den Grimmschen Märchen beschäftigten, und somit meine fortführende Bearbeitung ein viel umfassendes und kontroverses Thema darstellt, ist eine Erläuterung aller literaturpädagogischer und literaturdidaktischer Aspekte, Ansichten, Erkenntnisse sowie Ergebnisse in dieser Arbeit nicht möglich.

Beginnen möchte ich aber zunächst mit den Definitionen von Märchen, die ich in eine Definition aus literaturwissenschaftlicher Sicht und eine Definition aus literaturpädagogischer Sicht einteilen werden. Damit möchte ich die unterschiedlichen Bedeutungen von Märchen für diese beiden Arbeitsbereiche herausfiltern und verdeutlichen. Während der literaturwissenschaftlichen Definition gehe ich außerdem auf die Abgrenzung von Kunst- und Volksmärchen ein, da diese im Allgemeinen die Obergattung Märchen einteilen. Weiterhin werde ich das Märchen von anderen bekannten Gattungen wie Legende oder Sage abgrenzen und mit ihnen vergleichen um herauszufinden, woher bestimmte Züge des Märchens stammen könnten.

Auch die Entstehung und Entwicklung der Kinder- und Hausmärchen wird ein Kapitel meiner Arbeit umfassen, da sich die Unterschiede in der späteren literaturdidaktischen Untersuchung der Zeitepochen auch durch den Prozess der Umgestaltungen und Erweiterungen der Märchen durch die Gebrüder Grimm belegen lassen.

Um noch einmal die Bedeutung der Gattung „Märchen“ hervorzuheben werde ich vor der Betrachtung der einzelnen Epochen auf die Frage eingehen, warum gerade diese Textgattung in der Literaturpädagogik einen so hohen Rang besitzt.

Eine Zusammenfassung meiner Untersuchungen bildet den Schluss meiner Arbeit.

2. Was sind Märchen?

2.1 Definition von Märchen aus literaturwissenschaftlicher Sicht

Der Begriff "Märchen" ist eine Diminutivform (Verkleinerungsform) zu dem heute veralteten Substantiv "Mär" oder Märe". Das seit dem 15. Jahrhundert bezeugte Wort "Mär(e)" bedeutet ursprünglich kurze Erzählung, Bericht, Kunde, Überlieferung, Nachricht, war aber auch im Sinne von Gerücht gebräuchlich und wurde deshalb auch auf erfundene und unwahre Geschichten angewendet.[4] Die Verkleinerungsform weist auf den geringen Umfang und auf die erzählerische Schlichtheit hin.[5]

Die Grundbedeutung von "Märchen" verankert sich in dem althochdeutschen "mari" sowie dem gotischen "mers“, "bekannt, berühmt".[6] Außerdem wird der Begriff von dem mittelhochdeutschen Verb "maere(n)" beziehungsweise dem althochdeutschen Verb "maren", was soviel wie "verkünden, rühmen" bedeutet, abgeleitet.[7]

Die anfangs überwiegend gebrauchte oberdeutsche Form "Märli" wird seit dem 18. Jahrhundert stetig mehr durch die mitteldeutsche Form "Märchen" ersetzt.[8]

Das Wort "Märchen" wurde als bestimmte literarische Form eigentlich erst mit den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm bedeutend. Allerdings war der Begriff für ähnliche Erzählungen bereits lange Zeit zuvor gebräuchlich. Im 18. Jahrhundert wurden Feenmärchen, Märchen und Erzählungen für Kinder und Nichtkinder, Zauber- und Geistermärchen, Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht", Sagen, Märchen und Anekdoten verfasst.[9]

Trotz Musäus "Volksmärchen der Deutschen" und der Benutzung des Wortes "Märchen" der Frühromantiker Wieland, Tieck und Novalis, haben der Philosoph und Dichter Johan Gottfried Herder (1744-1803), dessen Gedanken bereits über "Natur"- beziehungsweise Volkspoesie kreisten, sowie vor allem Jakob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859) Grimm durch ihre Sammlungen der Kinder- und Hausmärchen den vorhergehenden Bezeichnungen zu einem einheitlichen Begriff verholfen.[10]

"Man könnte beinahe sagen, allerdings auf die Gefahr hin, eine Kreisdefinition zu geben: ein Märchen ist eine Erzählung oder eine Geschichte in der Art, wie sie die Gebrüder Grimm in ihren Kinder- und Hausmärchen zusammengestellt haben."[11]

Somit sind die Märchen von Jakob und Wilhelm Grimm zum Maßstab bei der Anerkennung literarischer Formen als Märchen geworden. Die berühmten Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm erschienen 1812 und wurden von Clemens Brentanos und Achim von Arnims Tätigkeit Volkslieder und Märchen zu sammeln, geprägt.[12]

Das Märchen ist eine Form, die in unterschiedlichen Sprachen sehr verschiedene Namen trägt, jedoch allgemeine Anerkennung in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm findet.[13] Dies sagt auch Lüthi:

"Während der deutsche Ausdruck "Märchen" sich auf eine besondere Art Erzählung spezialisiert hat, behalten die in anderen Sprachen angewandten Bezeichnungen oft eine allgemeinere Bedeutung bei (engl. tale, franz. conte, ital. conto, niederl. sprookje, vertellinge u.a.) oder gelten auch für benachbarte Gattungen (engl. folktale, legend, frz. légende, ital. fiaba, favola u.a.), oder sie erfassen nur einen Teil des Märchenguts (engl. fairy tale, nursery tale, household tale, französisch conte de fées u.a.). So haben manche Forscher begonnen, auch in anderssprachigem Kontext das "Märchen" zu verwenden, als ein Fremdwort, das durch die weltweite Verbreitung der Grimmschen Märchen legitimiert ist und das Gemeinte verhältnismäßig bezeichnet."[14]

Auch wenn der deutsche Begriff "Märchen" sich auf eine Art Erzählung konzentriert hat, ist das Wort heutzutage in gewissem Maße als ein vieldeutiger Begriff anzusehen.

Zum einen tritt er in der Umgangssprache der Erwachsenen oftmals auf, wenn diese eine Lüge voraussetzen ("Erzähl mir doch keine Märchen"), wird jedoch häufig auch mit etwas Prachtvollem, Wunderbarem oder persönlich Erwünschtem, wie zum Beispiel den ersehnten Märchenprinzen zu treffen, verbunden.[15]

Zum anderen ist der Ausdruck "Märchen" rein wissenschaftlich gesehen als eine besondere Art der Erzählung nicht zu eng zu verstehen. Deshalb hat die Volksmärchenforschung die Verlegenheitsbegriffe "Märchen im eigentlichen Sinn" und "eigentliche Zaubermärchen" geprägt.[16]

Die Märchenforschung verfügt über ein Typensystem von Antti Aarne. Nach den "Tiermärchen", in denen dankbare und hilfreiche Tiere auftreten, gehören die eigentlichen Märchen der zweiten Hauptgruppe an. Darauf folgt die dritte Gruppe, die so genannten Schwänke, welche das Komisch-Scherzhafte in den Vordergrund stellen. Die "eigentlichen Märchen" lassen sich noch einmal in "Zauber- oder Wundermärchen", bei denen das phantastische, wunderbare Geschehen im Mittelpunkt steht, legendenartige Märchen, novellenartige Märchen und Märchen vom dummen Teufel oder Riesen untergliedern.

Den Schwerpunkt in dieser zweiten Hauptgruppe bilden die "Zauber- und Wundermärchen". Viele Autoren nennen das eigentliche Märchen auch "Wunder- oder Zaubermärchen". Somit ist es nicht ungewöhnlich, dass die literarische Form des Märchens mit den Begriffen Wunder, Zauber und Übernatürliches verbunden wird.[17]

Dies bezeugen auch verschiedene Definitionsbegriffe, die gemeinsam haben, Märchen als eine über die Realität hinausgehende und übernatürliche Elemente enthaltende Erzählung anzusehen.

Bolte fasst die Bestimmung des Märchens folgendermaßen zusammen:

"Unter einem Märchen verstehen wir seit Herder und den Brüdern Grimm eine mit dichterischer Phantasie entworfene Erzählung besonders aus der Zauberwelt, eine nicht an die Bedingungen des wirklichen Lebens geknüpfte Geschichte, die hoch und niedrig mit Vergnügen anhören, auch wenn sie diese unglaublich finden."[18]

Die Auffassung Boltes, dass Märchen eine nicht an die Wirklichkeit geknüpfte Erzählung darstellen, vertreten viele Märchenforscher seiner Zeit, unter anderem auch Friedrich Panzer, der ebenfalls in den Märchen einen Widerspruch zur Realität sieht.[19]

Entgegen dieser Ansichten kommt jedoch die Frage auf, ob Märchen tatsächlich nicht an die Bedingungen des wirklichen Lebens geknüpft sind oder ob sich in ihnen sogar Realität widerspiegelt. Märchenforscher, die nicht der Meinung sind, dass Märchen wunderbare Erzählungen, die von den Bedingungen der Wirklichkeit unabhängig zu betrachten sind, darstellen, belegen die These, dass in Märchen Auseinandersetzungen mit gegebenen Realitäten zu finden sind.

"Das Märchen bezieht seine Bedeutung nicht daraus, dass es abseits der Wirklichkeit angesiedelt ist, sondern daraus, dass es in verdichtender, symbolischer Weise etwas von dieser Wirklichkeit vermittelt, von den Spannungen in Familie und Gruppen, von den Problemen und den Gefahren des Größerwerdens, vom Umgang mit Vertrautem und Fremden."[20]

Die unterschiedliche Meinung in Bezug auf Phantasie und Realität im Märchen trat also schon in frühen Definitionsversuchen auf, ist aber ebenfalls in der heutigen Diskussion um die Gattung Märchen vorzufinden.[21]

Neben den genannten Definitionsentwürfen erklärte der berühmte Märchenforscher und Autor Max Lüthi den Begriff des Märchens auf eine ganz andere Art und Weise, die aber zugegebenermaßen keine plastische Klarheit über die Bedeutung des Wortes liefert: "Das Märchen ist eine welthaltige Abenteuererzählung von raffender, sublimierender Stilgestalt“.[22]

Anhand der genannten Beispiele der Definitionen zum Begriff des Märchens zeigt sich, dass die Forschung über keine einheitliche Definition des Märchens verfügt, stattdessen nur verschiedene Definitionsversuche einzelner Autoren nennen kann. Nach den Meinungen der Märchenforscher bedarf es also einer Vielzahl von Kriterien um das Wort "Märchen" darstellen zu können. Lüthi beschränkt sich auf folgende Hauptmerkmale des "eigentlichen Zaubermärchens":

klarer Aufbau, Ausgliederung in mehrere Episoden, die das Märchen bloßen Kurzphantasien voraushat, Miteinander von Realität und Phantasie, Charakter des Künstlich-Fiktiven, der das Märchen von Berichten über Geschehenes, Gehörtes, Erlebtes und Geglaubtes trennt, Leichtigkeit, das Spielerische, im Gegensatz zu den verwandten Gattungen Sage, Legende und Mythos sowie die im Vergleich mit Fabeln und Exempeln unbedeutende Rolle des belehrenden Elements.[23]

Im Märchen findet eine Steigerung ins Übernatürliche statt. Das wird einmal durch die Art und das Handeln der Menschen deutlich, aber auch durch sprechende Tiere oder Pflanzen. Außerdem kommen im Märchen den Gegenständen wunderbare Fähigkeiten zu, zum Beispiel bei Tischlein-deck-dich. Zudem treten in Märchen übernatürliche beziehungsweise mythische Wesen wie Zauberer, Hexen, Riesen, Zwerge und Gespenster auf.[24]

"Im Märchen fehlt das Gefühl für das Numinose, die jenseitigen Gestalten haben nichts Gespenstisches an sich, Zauber und Wunder werden erzählt, als ob sie sich von selber verstünden, sie verlieren an spezifischem Gewicht."[25]

In der behandelten Gattung wird also das Wunderbare nicht als sonderbar und ungewöhnlich angesehen, sondern als eine Selbstverständlichkeit aufgefasst. Die Realität wird mit der Phantasie so vermischt, als ob dies völlig selbstverständlich wäre.

André Jolles beschreibt das Wunderbare als die einzig mögliche Sicherheit, und sieht die Begreiflichkeit des Märchens erst im Wunderbaren:

"Es ist nicht wunderbar, dass die ärmlich gekleidete Aschenbrödel die schönsten Kleider bekommt oder dass die sieben Geißlein wieder aus dem Bauche des Wolfes hervorgehen, es ist das, was wir erwarten, was wir in der Form beanspruchen; es wäre wunderbar, das heißt in der Form sinnlos, wenn es nicht geschähe und damit das Märchen und seine Welt ihre Gültigkeit verlören."[26]

Außerdem wird die Selbstverständlichkeit des Wunderbaren, die zur Wirklichkeitsferne führt, durch die Unbestimmtheit von Ort und Zeit noch gesteigert. Das Märchen wird nie in eine bestimmte Zeit gesetzt, Jahreszahlen finden in diesen phantastischen Erzählungen keinerlei Platz. Stattdessen gebrauchen Märchenautoren Angaben wie "es war einmal" oder "vor langen Zeiten". Genauso wie mit der Zeitlichkeit geht es auch mit der Örtlichkeit vonstatten, oft liegt diese "in einem fernen Land, weit, weit von hier".[27]

Weiterhin bleiben auch die Personen im Märchen, der Held, sein Gegenspieler sowie die Statisten, ohne Namen. Zwar wird dieser Grundsatz besonders bei der Heldenfigur häufig gebrochen, jedoch durch Allerweltsnamen, die ohne eigentliche Bestimmtheit und Individualisierung auftreten (zum Beispiel Hans, Hänsel, Johann, Seppl, Gretel, Else, Maria). Andererseits können die auftretenden Personen auch "redende Namen" besitzen, das heißt, sie drücken besondere Eigenschaften und Erlebnisse der mit ihnen benannten Gestalten aus (zum Beispiel Hans Stark oder Starkhans, der riesenhaft Starke, Schneewittchen, die so weiß war wie Schnee, Aschenbrödel, Aschenpössel, Aschenputtel, die in der Küchenasche aufgewachsenen Helden und Heldinnen usw.)[28].

Zum Handlungsverlauf in der Gattung Märchen ist festzuhalten, dass dieses nur eine Handlungslinie verfolgt, die hauptsächlich auf den Märchenhelden ausgerichtet ist. Das Märchen, das unter anderem auch von Werner Spanner als erzählende Prosadichtung bezeichnet wird, folgt dem Helden von der Jugend bis zum Höhepunkt seines Lebens. Der Held ist die Hauptfigur, wird sogar als einziger Mensch im Märchen bezeichnet, da die anderen Nebenpersonen nur die Funktion haben, den Ablauf der Handlung zu gewährleisten.[29]

Die auftretenden Nebenfiguren, einschließlich Tiergestalten, Pflanzen oder Gegenstände, haben einen eindeutig festgelegten Charakter, der bis zum Ende des Märchens unverändert bleibt. Erst am Schluss, und dann auch nur durch Leistung und Veränderung des Märchenhelden, können diese Gestalten eine Wandlung erfahren. Lediglich die Hauptperson zeigt eine Entwicklung ihres Charakters auf, in Ausnahmefällen können es auch zwei Hauptfiguren sein. Das Schicksal und die Entwicklung des Helden stehen also an erster Stelle, alle Beschreibungen, die die Handlung nicht unmittelbar weiterführen, fallen weg. Da es das Ziel der meisten Märchen ist, einen erfolgreichen Weg der Hauptfigur zu schildern, endet die Mehrzahl dieser Erzählungen mit einem "Happy End".[30]

Bevor hier im Weiteren noch auf Eigenschaften in Märchen eingegangen werden kann, ist zunächst eine Unterscheidung zwischen Kunstmärchen und Volksmärchen, die ich in einem gesonderten Kapitel kurz erläutern möchte, vorzunehmen.

2.1.1 Volksmärchen - Kunstmärchen

Der Hauptunterschicht zwischen dem Volksmärchen und dem Kunstmärchen liegt zunächst darin, dass das Kunstmärchen im Gegensatz zum Volksmärchen nicht in mündlicher Überlieferung tradiert ist. Während das Volksmärchen längere Zeit in mündlicher Tradition gelebt hat und durch diese mitgeformt wurde, spiegelt das Kunstmärchen nicht die Lebenserfahrungen eines Volkes, sondern die Lebenserfahrung eines einzelnen Menschen wider, womit es zur Individualliteratur zu zählen ist.[31]

In der Enzyklopädie des Märchens wird das mündlich überlieferte Volksmärchen weiterhin als eine Erzählung, die zur Unterhaltung und Belehrung der Erwachsenen diente, geschildert. Beim Volksmärchen sind die Erzählsituationen kulturell und sozial unterschiedlich anzusetzen, hingegen wird die literarische Form des Kunstmärchens in der Schicht der Gebildeten angesiedelt sowie der Hochdichtung zugeordnet.

Kunstmärchen werden also von einzelnen Dichtern sowie Autoren entworfen und heute meist schriftlich, in früheren Kulturen auch durch Auswendiglernen, überliefert. Da zu diesen Erzählungen völlig frei erfundene Geschichten, aber auch solche mit enger Übereinstimmung mit einem vom Volksmärchen vertrautem Schema zu rechnen sind, sind auch Differenzen in den Kunstmärchen vorzufinden.[32]

Für den Autor Volker Klotz können Kunstmärchen, im Gegensatz zur Annahme Lüthis, keine völlig frei erzählten Wundergeschichten sein, vielmehr lehnen sich alle diese Märchen an ein Orientierungsmuster des Volksmärchens.

"Das Gemeinsame des Kunstmärchens liegt im Volksmärchen, auf das sie sich durchweg beziehen, allerdings von Fall zu Fall auf unterschiedlichste Weise und in unterschiedlichstem Maß."[33]

Klotz ist der Meinung, anonyme, mündlich erzählte Volksmärchen werden von den Autoren der Kunstmärchen vorausgesetzt und durch Ausdeutungen, Umgewichtungen oder planvolle Verkehrungen entweder in Teilen oder sogar im Ganzen verarbeitet. Bei seinen Ausführungen erwähnt er mit keinem Wort, dass Kunstmärchen auch eigenständige, nicht an das Volksmärchen angelehnte Erzählungen darstellen können.[34]

Mit der Auffassung von Klotz stimmen auch andere Autoren nicht überein, unter anderem betont Hans-Heino Ewers

"die Selbstständigkeit des Kunstmärchens als einer modernen Erzählgattung, die sich des Volksmärchens allenfalls noch als eines Stoffreservoirs bediene. Die Orientierung am Volksmärchen ist dann Anzeichen einer bestimmten, nicht einer allgemeingültigen Definition des Kunstmärchens."[35]

Speziell auf Kunstmärchen bezogen ergibt sich wiederum das Problem einer einheitlich hinreichend umfassenden, befriedigenden Definition.

Da Kunstmärchen literarisch konzipiert sind, erscheinen sie in den meisten Fällen umfangreicher und im Vergleich zum Volksmärchen, welches leicht verständlich mit einfachen Strukturen sowie einem bildhaft anschaulichem Stil verfasst wird, in einer komplizierteren Schreibweise. Auch wenn sie oft Elemente, Themen oder den Stil eines Volksmärchens übernehmen, sind weiterhin Unterschiede anzumerken: Kunstmärchen verwenden häufiger Metaphern als Volksmärchen, beschreiben Figuren sowie Ereignisse detaillierter und erzielen auch nicht immer ein glückliches Ende der Erzählung.

Eine Gemeinsamkeit zwischen Kunst- und Volksmärchen besteht vor allem in der Verwendung übernatürlicher, wunderbarer Elemente. Sowohl beim Volksmärchen als auch beim Kunstmärchen ist selten ein Bezug zu dem Ort oder der Zeit der Handlung vorzufinden. Ebenso werden Märchenfiguren nicht notwendigerweise mit Namen, sondern eher durch ihre Eigenschaft, zum Beispiel als Prinzessin oder Ritter, benannt.

Die Erzählform der Märchen, die literarisch konzipiert wurden, ist wiederum eindimensional. Außerdem findet man sowohl in Volks- als auch in Kunstmärchen eine Moral in den Erzählungen.[36]

Weiterhin besteht ein Unterschied zwischen Volksmärchen und Kunstmärchen hinsichtlich der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesen. Während bei den Volksmärchen eine volkskundliche Erzählforschung stattfindet, sind die von einem individuellen Autor verfassten Kunstmärchen Gegenstand der Literatur- und Sprachwissenschaft.

Da sich meine weitere Ausarbeitung vor allem auf Volksmärchen, insbesondere auf die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm, beziehen wird, möchte ich nun auf die mündlich tradierten Märchen etwas genauer eingehen.

2.1.2 Volksmärchen

Die mündlich überlieferten Volksmärchen sind Sammlungen von Volksweisheiten, in denen Erfahrungen von Generationen zum Ausdruck kommen, die auch für die Menschen heutzutage eine Rolle spielen können.

"Weil die Art und Weise des Umgangs mit den menschlichen Erfahrungen und Beziehungen auch heute noch auf die gleichen Gefühlsregungen aufbaut und die gleichen Reaktionen in uns auslöst wie seit je, können wir trotz allem Fortschritt, aller Moderne und allem unserem Wissen und Können auch heute noch auf die Überlieferungen zurückgreifen, die wir in den Märchen finden. Aus ihnen können wir für uns selbst und damit für die Menschen in unserer Umgebung Nutzen ziehen, indem wir die dort gegebenen Denkanstöße aufnehmen und verarbeiten."[37]

Volksmärchen, insbesondere "das eigentliche Zaubermärchen", liefern überzeugende Möglichkeiten zu einer tiefenpsychologischen Interpretation, wodurch wir aus diesen Erzählungen persönliche Hilfen schöpfen sowie Probleme bearbeiten können. Zudem sind die aus mündlicher Tradition stammenden Märchen besonders wertvoll für uns Menschen, da sie zu den wenigen Überlieferungen von mythologischem Ideengut unserer Vorfahren zählen, wobei sie in Deutschland auch noch fast die Einzigen sind.[38]

Max Lüthi spricht von einem Grundtyp des europäischen Volksmärchens, das im Wesentlichen durch die Neigung zu einem bestimmten Handlungsverlauf, Personal und Requisitenbestand sowie einer bestimmten Darstellungsart (Stil) gekennzeichnet ist.

Der Handlungsverlauf des europäischen Volksmärchens besitzt ein allgemeines Schema. Kernvorgänge der Märchenerzählung beinhalten Schwierigkeiten, die bewältigt, Kämpfe, die geführt und Aufgaben, die gelöst werden müssen. Allen diesen Gegebenheiten wird ein gutes Ende zugeschrieben.

Die Ausgangslage im Märchen ist durch eine Notlage (zum Beispiel: arme Eltern setzen ihre Kinder aus), eine Aufgabe (zum Beispiel: ein verwunschener Mensch muss erlöst werden), ein Bedürfnis (zum Beispiel: Abenteuerlust) oder andere Schwierigkeiten, deren Bewältigung im Laufe der Handlung geschildert wird, gekennzeichnet.

Die Hauptperson im Märchen stellt der Held beziehungsweise die Heldin dar, die im Allgemeinen der menschlich-diesseitigen Welt zugehören. Neben dem Helden oder der Heldin kommt dem Gegner als weiterem wichtigem Handlungsträger eine nicht unbedeutende Rolle zu. Zudem erscheinen für das Volksmärchen charakteristische Figuren, wie Auftraggeber, Helfer des Helden oder der Heldin, Kontrastgestalten (zum Beispiel erfolglose Geschwister, neidische Personen) und von der Hauptperson durch Rettung, Befreiung oder dergleichen gewonnene Menschen (Braut oder Bräutigam und Nebenfiguren). Die meisten Märchenfiguren sind folglich als Helfer, Partner, Schädiger oder als Kontrastfigur auf den Helden bezogen.

Auch Tieren oder bestimmten Dingen ist es möglich etwas zur Handlung beizutragen, zum Beispiel drei Hunden mit übernatürlichen Kräften, die helfen den Drachen zu besiegen, oder einem goldenen Spinnrad. Weiterhin werden die Helden durch Ratschläge oder Hilfen gelenkt. Hauptrequisit ist jedoch die Gabe, welche dem Helden die Lösung seiner Aufgabe ermöglicht.

Im Weiteren unterscheiden sich die Figuren im Volksmärchen in ihren Gegensätzlichkeiten: Es treten unter anderem Gute und Böse, Reiche und Arme, Schöne und Hässliche sowie Große und Kleine auf. Die Helden stammen aus zwei gesellschaftlich entgegengesetzten Schichten. In einigen Märchen stellt der Held zum Beispiel einen Königssohn dar, oft gehört er aber auch der Unterschicht an und lebt somit in ärmlichen Verhältnissen, was besonders in Zauber- und Schwankmärchen der Fall ist. Beispiele eines Helden niederster Gesellschaftsschicht sind ein Bauerssohn, Besenbinder, Müller oder auch Schuster oder Schneider. Der Held kann auch zuerst als hässlich und im Laufe der Handlung beziehungsweise in der Regel meist am Schluss eines Märchens als schön oder zu Beginn als arm, dann als reich erscheinen, wie bei Aschenputtel, die am Ende als strahlende Tänzerin in den Vordergrund tritt.

In der Märchenwelt sind also vom König, Grafen oder reichen Kaufmann bis zum Bettler, zur Gänsemagd, von der tugendhaften Dulderin bis hin zum schlimmsten Bösewicht die wesentlichen Erscheinungen der menschlichen Welt aufgegriffen worden. Zu den der Realität entnommenen Figuren gesellen sich Geschöpfe des Jenseits. Dazu gehören Hexen, Feen, Zauberer, Riesen, Zwerge, Trolle oder Drachen. Auch Tiere, die plötzlich zu sprechen beginnen und somit übernatürliche Fähigkeiten zeigen, oder nicht näher charakterisierte alte Frauen beziehungsweise Männchen gehören zu diesen Wesen.

Genauso unterscheiden sich auch die verwendeten Gegenstände in solche, die der Wunder- und Zauberwelt angehören, und in solche, die dem Alltag entnommen sind, wie dem Tisch, Kleid, Haus, Schwert etc. Außerdem treten auch Pflanzen im europäischen Volksmärchen auf, als Beispiel kann hier namentlich ein Baum genannt werden.[39]

Um die Darstellungsart, den Stil des Volksmärchens zu schildern, greife ich wiederum auf Max Lüthi, genauer auf sein Buch "Das europäische Volksmärchen" zurück, in dem er versucht die Wesenzüge des europäischen Volkmärchens darzustellen und dazu die Begriffe "Eindimensionalität", "Flächenhaftigkeit", "Abstrakter Stil", "Isolation und Allverbundenheit" sowie "Sublimation und Welthaltigkeit" aufführt.

Das in mündlicher Tradition gelebte Märchen verfügt über bestimmte stilistische Eigenschaften, die ich im Folgenden kurz beschreiben möchte.

Eindimensionalität:

Diesseits und Jenseits werden im Volksmärchen so miteinander verbunden, als ob sie keine zwei unterschiedlichen Dimensionen wären. Für den Helden und auch für die anderen Märchenfiguren stellt das Jenseits keine andere Dimension dar, vielmehr gehen sie mit jenseitigen Wesen, Feen, Zwergen etc. so um, als ob sie ihresgleichen wären. "Ihnen fehlt das Erlebnis des Abstandes zwischen sich und jenen anderen Wesen. Sie sind ihnen wichtig als Helfer und Schädiger, aber nicht interessant als Erscheinung."[40] Der Märchenheld macht im Laufe der Handlung sehr phantastische und wunderbare Begegnungen, die ihm aber keineswegs als solche vorkommen. Anstatt diese als Staunender wahrzunehmen, tritt die Hauptfigur des Volksmärchens vielmehr als Handelnder auf, indem sie zum Beispiel einen Drachen überwältigt und nicht untätig, voller Erstaunen in Schrecken gerät.

Angst und Neugier behandelt das Märchen nur in profaner, wirklichkeitsnaher, nicht aber in numinöser Weise. Die Märchenfiguren fürchten sich zum Beispiel nicht, wenn plötzlich ein Tier zu sprechen beginnt, stattdessen macht sich ihre Angst eher im Hinblick auf Gefahren bemerkbar. Jedoch flößen unheimliche Wesen, wie Drachen oder Hexen, ihnen auch nicht mehr Furcht ein als menschliche Bösewichte und Räuber.

Zusammengefasst ausgedrückt ist das Übernatürliche, Wunderbare dem Märchen nicht fragwürdiger als das Alltägliche.

Flächenhaftigkeit:

Lüthi schildert das europäische Volksmärchen als ohne jegliche Tiefengliederung. "Seine Gestalten sind Figuren ohne Körperlichkeit, ohne Innenwelt, ohne Umwelt; ihnen fehlt die Beziehung zur Vorwelt und zur Nachwelt, zur Zeit überhaupt."[41] Den Märchenfiguren fehlt es also sowohl an körperlicher als auch an seelischer Tiefe. Gefühle und Eigenschaften werden nur erwähnt, wenn sie die Handlung beeinflussen und nicht um ihrer selbst willen. So wird von einem weinenden Helden, der sich nicht mehr zu helfen weiß, nicht berichtet, damit die Rezipienten seine Gefühlswelt sehen können, sondern vielmehr um den Kontakt mit dem jenseitigen Helfer herbeizuführen. Die auftretenden Figuren handeln kühl, ohne jegliche Leidenschaft oder dergleichen, sie haben keine Tiefe, nur Oberfläche. Das Märchen zeigt keine inneren Gefühle, kein Empfinden, stattdessen flächenhafte Figuren ohne lebendige Innenwelt.

Genauso wenig wird im Märchen von der Umwelt der Personen gesprochen, kein Ort wird genannt, in dem der Held aufgewachsen ist, keine Familie beschrieben, zumindest soweit sie nicht die Handlung beeinflussen.

Neben den Menschen treten weitere flächenhafte, schon fast lineare Figuren im europäischen Volksmärchen auf: Stäbe, Ringe, Schlüssel, Schwerter, Tierhaare, Federn. Diese Dinge sind unbeweglich, bleiben metallisch starr und unverändert. Außerdem werden sie nicht alltäglich benutzt, im Gegenteil nämlich meist nur in einer ganz speziellen abenteuerlichen Handlungssituation, wie beim Gebrauch des goldenen Spinnrads zur Rückgewinnung des verlorenen Gemahls.

Abstrakter Stil:

Die Flächenhaftigkeit verhilft dem Volksmärchen zur Wirklichkeits- ferne. Die flächenhaften Märchenfiguren heben sich durch scharfe Konturen und reine Farben äußerlich voneinander ab. Bereits durch die Tatsache, dass das Märchen einzelne Dinge nicht genau beschreibt, sondern nur nennt, ergibt sich eine scharfe Kontur. Durch die handlungsfreudige Art der Erzählung neigt das Märchen zu einem schnellen Fortschreiten der Handlung ohne Schilderung der Figuren, ihrer Umwelt und ihrer Innenwelt. Nur handlungswichtige Ereignisse haben eine Bedeutung. Somit finden individualisierende Charakterbeschreibungen vollends keinen Platz im Volksmärchen.

Zudem zeigt das Märchen oftmals scharfe, feste Umrissformen, wie Ringe, Schwerter, Kästchen, Häuser, Schlösser, Eier oder Haare. Die jenseitigen Figuren wohnen nicht im sich verlierenden Dickicht des Waldes (wie in der Sage), in "Hänsel und Gretel" zum Beispiel bewohnt die Waldhexe ein Häuschen, das sich scharf von der Umgebung abhebt.

Im Weiteren hat das Märchen eine Vorliebe dafür, Dinge, Pflanzen, Tiere und Personen zu metallisieren und zu mineralisieren, womit unveränderliche Festigkeit ausgedrückt wird.[42]

"Nicht nur Städte, Brücken und Schuhe sind steinern, eisern oder gläsern, nicht nur Häuser und Schlösser sind golden oder diamanten, auch Wälder, Pferde, Enten, Menschen können golden, silbern, eisern, kupfern oder plötzlich zu Stein werden."[43]

Isolation und Allverbundenheit:

Neben den genannten Merkmalen ist das wohl beherrschende Merkmal des Märchenstils jedoch die Isolierung. Die Märchenfiguren, sowohl die Jenseitigen als auch die Diesseitigen, stehen isoliert nebeneinander, sie begegnen sich zwar, bauen aber keine dauerhafte Beziehung zueinander auf. Sie treten wiederum nur der Handlung willen in Kontakt und nicht aus dauerhaftem Interesse. Die bereits geschilderte flächenhafte Darstellung im Märchen ist auch eine isolierende, da die Figuren keine Innenwelt und Umwelt, keine Art von Beziehung besitzen.

Die Isolation im Volksmärchen wird auch durch die Vorliebe im Märchen zu Seltenem, Kostbarem und Extremen deutlich. Es handelt sich um Gold und Silber, Diamant und Perle, genauso aber auch um das einzige Kind, den jüngsten Sohn sowie den König, den Dummling, den Armen, die schöne Prinzessin oder Aschenputtel.[44]

"Die Handlungsträger des Märchens stehen in keiner lebendigen Beziehung zu Familie, Volk oder irgendeiner anderen Art von Gemeinschaft. Zwischen Kindern, Geschwistern und Eltern bestehen nur Handlungs- oder Kontrastbeziehungen."[45]

Die Märchenpersonen isolieren sich auch äußerlich, indem sie zum Beispiel von ihren Eltern in den Wald geschickt werden oder sich wie bei dem Märchen "Die zwei Brüder" selbst voneinander trennen, um in verschiedene Richtungen zu gehen. Es findet also eine Isolierung von vertrauten Menschen und Orten statt. Held beziehungsweise Heldin gehen ihren Weg eigenständig in die weite Welt.

Weiterhin ist auch die Darstellung der Handlung isolierend, da sie uns nur eine Handlungslinie, die sich auf den Weg des Helden spezialisiert, aber keinen Handlungsraum mit ausgeschmückten Schilderungen liefert.

Diese Isolation erlaubt es dem Helden zu einer Verbundenheit mit allen und allem fähig zu sein. Die Figuren des Märchens sind durch ihr isoliertes Handeln fähig, sich überall hin tragen zu lassen und immerwährend neue Verbindungen einzugehen, wo es von Nöten ist.

Sublimation und Welthaltigkeit:

Die Motive, die im europäischen Volksmärchen zu sehen sind, entstammen der Realität (Hochzeit, Kinderlosigkeit, Armut, Geschwistertreue usw.). Neben diesen profanen Motiven kommen aber auch magische und numinose Motive im Märchen vor (Begegnung mit Jenseitigen, Erlösung Verwünschter usw.). Sowohl phantastische als auch realitätsnahe Motive werden erst durch eine märchengemäße Gestalt zu Märchenmotiven.

Innerhalb der Märchenforschung zeigt sich, dass vielen Elementen des Märchens magischer Ursprung zuzusprechen ist. Neben Zauberversen, dem Spiegel und anderen magischen Elementen tritt die berühmte Dreizahl, in der ursprünglich magische Kraft liegt, häufig in den Erzählungen auf.

Lüthi schildert jedoch in seiner weiteren Ausführung, das eigentlich Magische sei verflüchtigt, da Magie mit Anspannung der Seele, Willensanstrengung verbunden ist, von der aber im Märchen nichts zu spüren ist. Die Märchengestalten haben keine Mühe beim Zaubern, das Zusammentreffen mit dem Jenseitigen kostet sie keinen Mut und erscheint auch in der Darstellung niemals als unheimlich oder gespenstisch.

Außerdem zeigt das Volksmärchen alte Sitten, Riten und Gebräuche, die aber im Grunde nur die Völkerkunde wahrnimmt. Auch wenn das Märchen Motive wie die Hochzeit nennt, kommen Dinge, die in der Wirklichkeit damit verbunden sind, Sexualität und Erotik, nicht zur Sprache.[46]

[...]


[1] vgl. LÜTHI, 2004, S. 40-51.

[2] Vgl. RICHTER, 1987, S.226.

[3] WOLGAST, 1900, S. 11f.

[4] vgl. LÜTHI, 2004, S. 1.

[5] vgl. KLOTZ, 2002, S. 10.

[6] vgl. JOLLES, 1999, S. 219.

[7] vgl. http://www.udoklinger.de/Deutsch/Grimm/Einfuehrung.htm.

[8] vgl. LÜTHI, 2004, S. 1.

[9] JOLLES, 1999, S. 218.

[10] vgl. JOLLES, 1999, S. 218, 219.

[11] ebenda, S. 219.

[12] vgl. ebenda, S. 219, 220.

[13] vgl. LÜTHI, 2004, S. 2.

[14] LÜTHI, 2004, S. 1, 2.

[15] vgl. ebenda, S. 1.

[16] vgl. ebenda, S. 2.

[17] vgl. LÜTHI, 2004, S. 1-3, S. 16,17.

[18] ebenda, S. 3.

[19] vgl. PANZER, in: Wege der Märchenforschung, 1973, S.85.

[20] Enzyklopädie des Märchens, 1999, S. 262.

[21] vgl. Enzyklopädie des Märchens, 1999, S. 254.

[22] LÜTHI, 1960, S. 77.

[23] vgl. LÜTHI, 2004, S. 3.

[24] vgl. PANZER, in: Wege der Märchenforschung, 1973, S. 86-88.

[25] LÜTHI, 2004, S. 7.

[26] JOLLES, 1986, S. 243-244.

[27] vgl. JOLLES, 1986, S. 244.

[28] vgl. PANZER, in: Wege der Märchenforschung, 1973, S. 90.

[29] vgl. SPANNER, in: Wege der Märchenforschung, 1973, S. 161.

[30] vgl. SZONN, 1993, S. 20-21.

[31] vgl. SCHIEDER, 1996, S. 11.

[32] vgl. LÜTHI, 2004, S. 5.

[33] KLOTZ, 2002, S. 8.

[34] vgl.ebenda, S. 9.

[35] vgl. MAYER/TISMAR, 1997, S. 3.

[36] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Kunstm%C3%A4rchen.

[37] SZONN, 1993, S. 23.

[38] vgl. ebenda, S. 23.

[39] vgl. LÜTHI, 2004, S. 25-28.

[40] LÜTHI, 1985, S. 9.

[41] ebenda, S. 13

[42] vgl. LÜTHI, 1985, S. 25-27.

[43] ebenda, S. 27.

[44] vgl. ebenda, S. 37-39.

[45] LÜTHI, 1985, S. 37.

[46] vgl. LÜTHI, 1985, S. 63-65.

Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Literaturpädagogik und Märchen im 19. und 20. Jahrhundert
Untertitel
Untersuchungen am Beispiel der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
Hochschule
Universität Kassel
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
96
Katalognummer
V89537
ISBN (eBook)
9783638035316
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literaturpädagogik, Märchen, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Annelie Thiele (Autor), 2007, Literaturpädagogik und Märchen im 19. und 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89537

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