In der ökonomischen Diskussion hat sich hinsichtlich des optimalen vertikalen Integrationsgrades eines Unternehmens im Laufe des letzten Jahrhunderts ein fundamentaler Paradigmenwechsel vollzogen.
Für den Beginn des 20. Jahrhunderts berichtet der Wirtschaftshistoriker Chandler von einer großen Zahl von Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen, welche einen möglichst hohen vertikalen Integrationsgrad anstreben. Bekannt geworden ist dabei vor allem das Beispiel der Ford Motor Company, die in dieser Zeit nahezu alle Inputs ihres legendären „Model T“ selbst herstellte. Scheinbar diametral hat sich diese Beurteilung der optimalen Leistungstiefe zum Ausgang des 20. Jahrhunderts umgekehrt. Strategische Allianzen, virtuelle Unternehmen, (strategisches) Outsourcing oder die vielbeschworene Konzentration auf die Kernkompetenzen des Unternehmens sind nur einige der Schlagworte, die heute in diesem Zusammenhang propagiert werden und gleichzeitig von der wieder auflebenden Brisanz dieser prinzipiell zeitlosen Entscheidungsaufgabe zeugen. Seit einiger Zeit bestimmt offensichtlich die Desintegration und der Fremdbezug von Leistungserstellungsaktivitäten das unternehmerische Handeln.
Nach einigen grundsätzlichen Ausführungen zur Positionierung auf der Wertschöpfungskette als strategisches Entscheidungsproblem der Unternehmung wird das empirische Entwicklungsmuster des vertikalen Integrationsgrades im Zeitablauf analysiert. Im Anschluss betrachtet der Autor anhand von verschiedenen ökonomischen Theorien, welche Faktoren zu der zu beobachtenden Bewegung der Verringerung der Leistungstiefe geführt haben bzw. wie die veränderte Einschätzung in Wissenschaft und Praxis zu begründen ist.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung
1.3 Vorgehensweise
2. POSITIONIERUNG AUF DER WERTSCHÖPFUNGSKETTE ALS STRATEGISCHES ENTSCHEIDUNGSPROBLEM DER UNTERNEHMUNG
2.1 Zum Begriff der Leistungstiefe
2.2 Die Optimierung der Leistungstiefe und Optionen zur Konfiguration der Wertschöpfung
3. DER DECONSTRUCTION-ANSATZ DER BOSTON CONSULTING GROUP ALS BASISKONZEPT DER UNTERSUCHUNG
3.1 Die These der Dekonstruktion von Wertschöpfungsketten
3.2 Veränderungen der Wettbewerbsbedingungen und weitere Konsequenzen
3.3 Implikationen für die strategische Unternehmensführung
4. EMPIRISCHE ENTWICKLUNGSMUSTER DES VERTIKALEN INTEGRA TIONSGRADES IM ZEITABLAUF
4.1 Die Tendenz zur Internalisierung von Wertschöpfungsstufen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts
4.2 Die zunehmende Tendenz zur Externalisierung von Wertschöpfungsstufen im Laufe des 20. Jahrhunderts
4.2.1 Phase I – Entwicklung seit den 40er Jahren
4.2.2 Phase II – Entwicklung seit den 80er Jahren
4.3 Zwischenfazit
5. ÖKONOMISCHE THEORIEANSÄTZE UND IHRE BEITRÄGE ZUR ERKLÄRUNG DER DECONSTRUCTION-ENTWICKLUNG
5.1 Produktionskostentheoretische Ansätze der Betriebswirtschaftslehre
5.1.1 Der Einfluss von Veränderungen des Kostenniveaus
5.1.1.1 Größen- und Verbundeffekte der Leistungserstellung
5.1.1.2 Arbeitsteilung und Faktorpreisunterschiede
5.1.2 Der Einfluss von Veränderungen der Kostenstruktur
5.1.2.1 Die zunehmende Fixkostenbelastung der Unternehmen
5.1.2.2 Zum Zusammenhang zwischen Kostenstrukturveränderungen und Deconstruction
5.1.3 Kritik
5.2 Die Transaktionskostentheorie
5.2.1 Grundzüge der Transaktionskostentheorie
5.2.2 Transaktionskosten und Unternehmensgrenzen
5.2.3 Erklärungsbeitrag zur Deconstruction-Entwicklung
5.2.4 Kritik
5.3 Ein marktorientierter Ansatz
5.3.1 Die strategische Grundsatzentscheidung des vertikalen Integrationsgrades vor dem Hintergrund unterschiedlicher Marktkonstellationen
5.3.2 Erklärungsbeitrag zur Deconstruction-Entwicklung
5.3.3 Kritik
5.4 Konzepte der ressourcenorientierten Strategielehre
5.4.1 Grundzüge des Resource Based View
5.4.2 Das Konzept der Kernkompetenzen als spezifische Ausprägung des Resource Based View
5.4.3 Festlegung der vertikalen Unternehmensgrenzen und Formen des Aufbaus von Kernkompetenzen
5.4.4 Erklärungsbeitrag zur Deconstruction-Entwicklung
5.4.5 Kritik
5.5 Ein kapitalmarktorientierter Ansatz
5.5.1 Zum Zusammenhang zwischen Fokussierung der Geschäftstätigkeit und Unternehmensbewertung durch den Kapitalmarkt
5.5.2 Die zunehmende Bedeutung des Kapitalmarktes für die strategische Unternehmensführung
5.5.3 Erklärungsbeitrag zur Deconstruction-Entwicklung
5.5.4 Kritik
5.6 Transaktionsschnittstellen, Produktbeschaffenheit und Kundenbedürfnisse im Branchenzyklus – Ein dynamischer Erklärungsansatz
5.6.1 Die Stigler-Hypothese als Ausgangspunkt
5.6.2 Das Modell von Christensen, Verlinden und Westerman
5.6.2.1 Die Beschaffenheit von Austauschschnittstellen als grundsätzliche Einflussdeterminante der Wertschöpfungskonfiguration
5.6.2.2 Elemente des Erklärungsmodells
5.6.2.3 Die Entwicklung des vertikalen Integrationsgrades im Ablauf der Marktphasen
5.6.2.4 Erklärungsbeitrag zur Deconstruction-Entwicklung
5.6.2.3 Kritik
6. ZUSAMMENFASSUNG
7. ABSCHLIEßENDE BEMERKUNGEN UND AUSBLICK
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht theoretisch das Phänomen der Dekonstruktion von Wertschöpfungsketten, also die Tendenz zur Verringerung der Fertigungstiefe von Unternehmen im Zeitablauf, und prüft die Erklärungskraft verschiedener ökonomischer Theorieansätze für diese Entwicklung.
- Paradigmenwandel von vertikaler Integration zur Desintegration
- Einfluss von Transaktionskosten und Informations- und Kommunikationstechnologie
- Bedeutung von Ressourcenorientierung und Kernkompetenzen
- Einfluss der Kapitalmarktbewertung auf strategische Entscheidungen
- Dynamische Erklärungsmodelle basierend auf Produkt- und Marktphasen
Auszug aus dem Buch
1.1 Problemstellung
„[.] Old Economy or New, vertical empires don’t work. For the likes of General Motors, Ford, and Lockheed Martin, it’s a case of been there, done that. They spent decades combining suppliers and manufacturing operations to cut costs. It turned out to be an expensive failure. Big manufacturers are now shedding everything but their core businesses, replacing the old model of vertical integration with a lean, mean approach based on outsourcing.”
Der obenstehende Ausschnitt aus einem Zeitschriftenartikel fasst prägnant den fundamentalen Paradigmenwandel zusammen, der sich in der ökonomischen Diskussion hinsichtlich des optimalen vertikalen Integrationsgrades der Unternehmung im Laufe des letzten Jahrhunderts vollzogen hat.
Für den Beginn des 20. Jahrhunderts berichtet der Wirtschaftshistoriker CHANDLER von einer großen Zahl von Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen, welche einen möglichst hohen vertikalen Integrationsgrad anstreben. Bekannt geworden ist dabei vor allem das Beispiel der Ford Motor Company, die in dieser Zeit nahezu alle Inputs ihres legendären „Model T“ selbst herstellte. Scheinbar diametral hat sich diese Beurteilung der optimalen Leistungstiefe zum Ausgang des 20. Jahrhunderts umgekehrt. Strategische Allianzen, virtuelle Unternehmen, (strategisches) Outsourcing oder die vielbeschworene Konzentration auf die Kernkompetenzen des Unternehmens sind nur einige der Schlagworte, die heute in diesem Zusammenhang propagiert werden und gleichzeitig von der wieder auflebenden Brisanz dieser prinzipiell zeitlosen Entscheidungsaufgabe zeugen. Seit einiger Zeit bestimmt offensichtlich die Desintegration und der Fremdbezug von Leistungserstellungsaktivitäten das unternehmerische Handeln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Darstellung des Paradigmenwechsels von vertikaler Integration hin zur Desintegration und Formulierung der Forschungsfrage.
2. POSITIONIERUNG AUF DER WERTSCHÖPFUNGSKETTE ALS STRATEGISCHES ENTSCHEIDUNGSPROBLEM DER UNTERNEHMUNG: Klärung des Begriffs der Leistungstiefe und Einordnung der Entscheidung als strategisches Optimierungsproblem.
3. DER DECONSTRUCTION-ANSATZ DER BOSTON CONSULTING GROUP ALS BASISKONZEPT DER UNTERSUCHUNG: Vorstellung des BCG-Konzepts als zentraler Ausgangspunkt für die Untersuchung der Dekonstruktion von Wertschöpfungsketten.
4. EMPIRISCHE ENTWICKLUNGSMUSTER DES VERTIKALEN INTEGRA TIONSGRADES IM ZEITABLAUF: Analyse historischer Daten zur Entwicklung des vertikalen Integrationsgrades von Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.
5. ÖKONOMISCHE THEORIEANSÄTZE UND IHRE BEITRÄGE ZUR ERKLÄRUNG DER DECONSTRUCTION-ENTWICKLUNG: Detaillierte theoretische Fundierung und kritische Prüfung verschiedener ökonomischer Ansätze zur Erklärung der beobachteten Desintegrationstendenzen.
6. ZUSAMMENFASSUNG: Integration der verschiedenen theoretischen Teilergebnisse zu einem Gesamtbild der Dekonstruktions-Entwicklung.
7. ABSCHLIEßENDE BEMERKUNGEN UND AUSBLICK: Kritische Würdigung der Arbeit und Diskussion potenzieller zukünftiger Entwicklungsrichtungen.
Schlüsselwörter
Dekonstruktion, Wertschöpfungskette, Leistungstiefe, vertikale Integration, Desintegration, Outsourcing, Transaktionskostentheorie, Kernkompetenzen, Resource Based View, Kapitalmarkt, Strategische Unternehmensführung, Wettbewerbsintensität, Informationstechnologie, Marktkonstellationen, Unternehmensgrenzen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Wandel der Unternehmensstrategien im Hinblick auf die vertikale Integration, insbesondere der Tendenz von großen Unternehmen, vormals selbst erbrachte Wertschöpfungsstufen auszulagern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die theoretische Fundierung des Phänomens der Dekonstruktion, die Analyse historischer Entwicklungsmuster und die ökonomische Begründung für die Verschiebung von Unternehmensgrenzen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die theoretische Erklärung des empirisch beobachtbaren Trends zur Verringerung der Leistungstiefe durch Rückgriff auf verschiedene ökonomische Strategietheorien.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine deduktive Herangehensweise, bei der das Dekonstruktions-Konzept der Boston Consulting Group mit verschiedenen betriebswirtschaftlichen und ökonomischen Theorieansätzen (u.a. Transaktionskostentheorie, ressourcenorientierte Strategielehre) theoretisch untermauert und kritisch geprüft wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine empirische Analyse der Entwicklungsmuster sowie eine tiefgehende Diskussion ökonomischer Erklärungsansätze, die von produktionskostentheoretischen Modellen über Transaktionskosten bis hin zur ressourcenorientierten Strategielehre und kapitalmarktorientierten Aspekten reichen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist insbesondere durch Begriffe wie Dekonstruktion, Leistungstiefe, Outsourcing, Transaktionskostentheorie, Kernkompetenzen und vertikale Desintegration charakterisiert.
Welche Rolle spielt das Internet im Kontext der Dekonstruktion?
Das Internet wird als ein fundamentaler Enabler identifiziert, da es durch die Senkung von Informations- und Kommunikationskosten die Koordination überbetrieblicher Prozesse erleichtert und somit die Auslagerung von Wertschöpfungsstufen ökonomisch erst sinnvoll macht.
Wie unterscheidet sich der ressourcenorientierte Ansatz vom marktorientierten Ansatz?
Während der marktorientierte Ansatz primär auf externe Faktoren wie Wettbewerbsdruck und Marktphasen fokussiert, betont der ressourcenorientierte Ansatz die Bedeutung unternehmensinterner, einzigartiger Kompetenzen und Ressourcen für nachhaltige Wettbewerbsvorteile.
Warum spielt der Kapitalmarkt eine Rolle bei Outsourcing-Entscheidungen?
Der Kapitalmarkt bestraft oftmals eine unzureichende Fokussierung („diversification discount“), was den Druck auf Management erhöht, sich von nicht zum Kern gehörenden Aktivitäten zu trennen, um die eigene Bewertung am Aktienmarkt zu optimieren.
- Quote paper
- Michael Staudinger (Author), 2002, Deconstruction - Eine strategietheoretische Analyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8953