Laut der Global Economic Crime Survey 2007 von PricewaterhouseCoopers sind im Zeitraum zwischen Frühjahr 2005 und Frühjahr 2007 knapp die Hälfte aller Unternehmen in Deutschland durch Unterschlagung, Korruption oder andere Formen der Wirtschaftskriminalität geschädigt worden. Der wirtschaftliche Schaden der betroffenen Unternehmen belief sich dabei, allein für die aufgedeckten Delikte, auf insgesamt sechs Milliarden Euro pro Jahr. Zu dem wirtschaftlichen Schaden kommt oft noch ein erheblicher Reputationsverlust, der die Geschäftsbeziehungen der betroffenen Unternehmen erheblich beeinträchtigt. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften haben die Wirtschaftskriminalität inzwischen als einen Markt für sich entdeckt und mit dem Aufbau von Spezialabteilungen reagiert, welche sich ausschließlich mit der Aufdeckung und Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität beschäftigen. Diese Spezialabteilungen, häufig als Forensic Services, Dispute Consulting oder Integrity Services“ bezeichnet, bieten Dienstleistungen an, die sich in vielen Bereichen grundlegend von der gesetzlichen Jahresabschlussprüfung unterscheiden. Das Angebotsspektrum dieser Spezialabteilungen umfasst dabei neben der Durchführung von Sonderprüfungen zur Aufdeckung von Wirtschaftskriminalität auch Beratungsdienstleistungen zur Prävention. Diese Untersuchung wird sich jedoch auf die Sonderprüfungen, im Folgenden forensische Prüfungen genannt, beschränken. Häufig wird im Zusammenhang mit forensischen Prüfungen auch von Unterschlagungsprüfungen gesprochen. Der Begriff Unterschlagungsprüfung ist dabei insofern irreführend, als dass forensische Prüfungen neben dem Tatbestand der Unterschlagung (§ 246 StGB) sämtliche Ausprägungen der Wirtschaftskriminalität umfassen. Ziel dieser Untersuchung ist es dem Leser einen Überblick über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der gesetzlichen Jahresabschlussprüfung und den forensischen Prüfungen zu liefern. Nur wenn sich Nachfrager und Anbieter über die Unterschiede zwischen forensischen Prüfungen und Jahresabschlussprüfungen im Klaren sind, können die Ergebnisse der jeweiligen Prüfungen optimal interpretiert werden. Zu Beginn der Untersuchung wird der Begriff der Wirtschaftskriminalität konkretisiert. Im Rahmen dieses Abschnitts werden die für diese Untersuchung relevanten Facetten der Wirtschaftskriminalität dargestellt und die für das weitere Verständnis notwendigen Begrifflichkeiten definiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Wirtschaftskriminalität ein Markt für Prüfungsdienstleistungen
1.2 Gang der Untersuchung
2. Wirtschaftskriminalität, Fraud und dolose Handlungen
3. Jahresabschlussprüfung und forensische Prüfungen im Vergleich
3.1 Veranlassung und Auftrag
3.2 Gegenstand und Erkenntnisziel
3.3 Träger
3.4 Planung
3.5 Durchführung und Methoden
3.6 Ergebnis der Prüfung
4. Kritische Würdigung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der gesetzlichen Jahresabschlussprüfung und forensischen Prüfungen systematisch aufzuarbeiten. Dabei wird untersucht, inwiefern beide Prüfungsarten trotz unterschiedlicher Zielsetzungen, Rahmenbedingungen und Methoden als komplementäre Instrumente zur Prüfungssicherheit in Unternehmen fungieren können.
- Grundlagen der Wirtschaftskriminalität, Fraud und doloser Handlungen
- Vergleichende Analyse der Veranlassung und Auftragsgestaltung
- Gegenüberstellung von Prüfungsgegenständen und Erkenntniszielen
- Methodik und Durchführung: Systemprüfung vs. forensische Untersuchung
- Anforderungen an die Berichterstattung und Ergebnisse
Auszug aus dem Buch
3.2 Gegenstand und Erkenntnisziel
Gegenstand der Jahresabschlussprüfung ist der Jahresabschluss eines Unternehmens. Abhängig von der einschlägigen Gesetzesnorm kann der Umfang der Jahresabschluss-prüfung unterschiedlich weit ausfallen. Beispielsweise sind bei börsennotierten Kapitalgesellschaften neben dem Jahresabschluss auch der Lagebericht sowie das Vorhandensein und die Effektivität des gesetzlich vorgeschriebenen Risikomanagement Systems Gegenstand der Prüfung. Genau wie Gegenstand und Veranlassung der Jahresabschlussprüfung ist auch das Erkenntnisziel der Jahresabschlussprüfung gesetzlich determiniert. Nach § 317 HGB ist im Rahmen der Jahresabschlussprüfung festzustellen, ob der Jahresabschluss einschließlich der Buchführung den gesetzlichen Bestimmungen genügt. Dabei hat sich die Prüfung darauf zu erstrecken, ob die für die Rechnungslegung geltenden gesetzlichen Vorschriften einschließlich der Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung sowie ergänzende Bestimmungen des Gesellschafter-vertrages und der Satzung beachtet worden sind. Daneben ist zu beurteilen, ob die Buchführung nachvollziehbar, unveränderlich, vollständig, richtig, zeitgerecht und geordnet vorgenommen wurde und der Jahresabschluss klar, übersichtlich und vollständig in der vorgeschriebenen Form mit den vorgeschriebenen Angaben aufgestellt wurde. Weiterhin gilt es zu prüfen, ob alle Positionen zutreffend ausgewiesen und bewertet wurden und ggf. die ergänzenden Vorschriften für Kapitalgesellschaften eingehalten wurden.
Ist die Gesellschaft verpflichtet einen Lagebericht zu erstellen, so ist gemäß § 317 Abs. 2 HGB zu prüfen, ob der Lagebericht insgesamt ein zutreffendes Bild der Unternehmung liefert und die Chancen und Risiken der zukünftigen Entwicklung zutreffend dargestellt werden. Dem Erkenntnisziel werden jedoch durch die Grundsätze der Wesentlichkeit und der Wirtschaftlichkeit Grenzen gesetzt, so ist die Jahresabschlussprüfung nach § 317 Abs. 1 S. 3 HGB so anzulegen, dass Unrichtigkeiten und Verstöße aufgedeckt werden, die sich wesentlich auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Unternehmens auswirken bei gewissenhafter Berufsausübung erkannt werden. Im Ergebnis führt dies zu einer Reduzierung des Erkenntnisziels auf ein mit hinreichender Sicherheit zu treffendes Urteil bezüglich der Verlässlichkeit und Ordnungsmäßigkeit der im Jahresabschluss enthaltenen Informationen. Daraus folgt, dass eine absolute Sicherheit der getroffenen Prüfungsaussagen nicht gewährleistet sein muss.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung thematisiert die Zunahme von Wirtschaftskriminalität und die Notwendigkeit von forensischen Sonderprüfungen neben der klassischen Jahresabschlussprüfung.
2. Wirtschaftskriminalität, Fraud und dolose Handlungen: Hier werden zentrale Begriffe wie Fraud, Manipulation der Rechnungslegung und Vermögensschädigung definiert und in den strafrechtlichen Kontext eingeordnet.
3. Jahresabschlussprüfung und forensische Prüfungen im Vergleich: Dieses Hauptkapitel analysiert systematisch die Unterschiede zwischen beiden Prüfungsarten anhand von Kriterien wie Veranlassung, Träger, Planung, Durchführung und Ergebnis.
4. Kritische Würdigung: Das Kapitel schließt mit einer Bewertung der komplementären Wirkung beider Prüfungsarten sowie einer Reflexion über die Grenzen bei der Aufdeckung von Top-Management Fraud.
Schlüsselwörter
Wirtschaftskriminalität, Jahresabschlussprüfung, forensische Prüfung, Fraud, dolose Handlungen, Unterschlagung, Risikomanagement, IDW, Prüfungsstandard, Rechnungslegung, Interne Revision, Datenanalyse, Data Mining, Benfordsches Gesetz, Berichterstattung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Unterschiede zwischen der gesetzlich verpflichtenden Jahresabschlussprüfung und freiwilligen forensischen Prüfungen in Unternehmen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der Definition von Fraud, der vergleichenden Gegenüberstellung von Prüfungsaufträgen, Planungsmethoden und der Berichterstattung beider Prüfungsformen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Untersuchung?
Ziel ist es, Nachfragern und Anbietern von Prüfungsleistungen einen Überblick über Gemeinsamkeiten und Differenzen zu verschaffen, um Prüfungsergebnisse optimal interpretieren zu können.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine analytische Gegenüberstellung, bei der beide Prüfungsarten anhand von neun konstitutiven Kriterien wissenschaftlich strukturiert verglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Gegenüberstellung zu Veranlassung, Gegenstand, Trägern, Planung, Durchführung und Ergebnissen der jeweiligen Prüfungsarten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wirtschaftskriminalität, Jahresabschlussprüfung, forensische Prüfung, Fraud und Rechnungslegung sind die prägenden Begriffe.
Warum wird die Jahresabschlussprüfung nicht als Allheilmittel gegen Fraud gesehen?
Die Prüfung erfolgt unter Berücksichtigung von Wesentlichkeit und Wirtschaftlichkeit, was stets ein Restrisiko lässt, dass durch Fraud verursachte Unregelmäßigkeiten unentdeckt bleiben.
Welche Rolle spielt die Dynamik in der forensischen Prüfung?
Forensische Prüfungen erfordern eine dynamische Planung, da sich der Konkretisierungsgrad der Verdachtsmomente während der Ermittlung unvorhersehbar verändern kann.
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- Benjamin Pompe (Author), 2007, Die Unterschiede „Forensischer Prüfungen“ im Vergleich zur „normalen“ Jahresabschlussprüfung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89612