„Sprache ist kein Produkt, kein fixierbares System, sondern ein Prozess: die geistige Tätigkeit von Menschen in einer Sprachgemeinschaft.“ (Weisgerber 1998: 68).
Sprache ändert sich also, ist Wandlungen unterworfen und kommt in verschiedenen Variationen vor, so gibt es unter anderem die große Gruppe der Dialekte.
In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich aber mit der Erforschung einer anderen Sprachvarietät auseinandersetzen, der Sprache Jugendlicher.
Jugendliche sind das Objekt vieler Forschungsbereiche (u.a. auch der Pädagogik), aber „ihre“ Sprache ist dabei von besonderem Interesse, da sie als ein markantes Merkmal ihrer Sprecher hervortritt.
Ich möchte in meiner Arbeit unter anderem dieser Frage nachgehen, was genau ist „Jugendsprache“? Ist es überhaupt eine eigenständige Sprache oder vielmehr ein Ensemble verschiedener Sprechstile? Spricht nicht jeder Jugendliche eine andere Sprache bzw. spricht jeder Jugendliche auch gleichzeitig Jugendsprache?
Von besonderem Interesse war für mich dabei die Frage nach der Erforschung von Jugendsprache, d.h. seit wann wird überhaupt auf diesem Gebiet geforscht, welche Forschungsinteressen verbinden die Linguisten mit diesem Gebiet?
Doch werden die Antworten auf diese Fragen noch bedeutsamer in einem direkten Vergleich mit einem anderen europäischen Land, nämlich Großbritannien (bzw. hier vor allem England). So hat in Birmingham das Centre for Contemporary Cultural Studies seinen Sitz, das sich bereits Ende der 70er Jahre mit dem Jugendphänomen auseinander gesetzt hat, so erschien es mir sehr interessant zu erfahren, in wieweit sich das Forschungsinteresse auch auf die jugendlichen Sprechweisen ausweitet.
In der folgenden Arbeit zeige ich also die Forschungslage in der Jugendspracheforschung in Deutschland und Großbritannien ebenso wie grundsätzliche didaktische Überlegungen bei der Behandlung des Themas im Unterricht, bevor ich zwei Sprachbücher und das in ihnen präsentierte Material zum Thema „Jugendsprache“ analysiere und abschließend eigene Unterrichtsvorschläge präsentiere.
Die Kapitel 3 und 4 befassen sich jeweils mit der Erforschung von Jugendsprache in Deutschland. Doch hier tritt bereits das erste Problem auf: Was ist genau ist eigentlich „Jugendsprache“? So konstatiert Androutsopoulos: „Eine gewisse Uneinheitlichkeit herrscht über den terminologischen wie auch den begrifflichen Status des Forschungsgegenstandes.“ (Androutsopoulos 1998: 32).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Verortung der Jugendsprache im Bereich der Linguistik
2.1 Jugend in soziologischer Perspektive
2.1.1 Jugendliche Subkulturen
2. 2 Soziolinguistik und Sprachvarietäten
2.2.1 Varietätenlinguistik
2.2.1.1 Varietätenanalyse
2.2.1.2 Jugendsprache und Standardsprache
3 Jugendspracheforschung in Deutschland bis etwa 1993
3.1 Historischer Überblick
3.2 Methodik der Erforschung von Jugendsprache
3.2.1 Der lexikalische Ansatz
3.2.2 Der ethnografische Ansatz
4 Jugendspracheforschung in Deutschland heute
4.1 Aktueller Forschungsstand
4.2 Interessengebiete
4.2.1 Strukturen der deutschen Jugendsprache
4.2.1.1 Peer-group-Kommunikation
4.2.1.2 Systemlinguistische Untersuchungen
4.2.1.2.1 Jugendtypische Wortbildung
4.2.1.2.2 Jugendtypische Syntax
4.2.1.2.3 Jugendtypischer Wortschatz
4.2.1.2.4 Entlehnungen
4.2.2 Funktionen von Jugendsprache
4.2.2.1 Die Abgrenzungsfunktion
4.2.2.2 Die Identifikationsfunktion
5 Jugendspracheforschung in Großbritannien
5.1 Der Begriff des „slang“
5.2 Ausgewählte Forschungsprojekte
5.3 Ursprünge des alternativen Vokabulars britischer Jugendlicher
6 Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien
7 Grundlegende didaktische Überlegungen
7.1 Unterschiede zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit
7.2 Einordnung des Themas „Jugendsprache“ in Lernbereiche inner- halb des Deutschunterrichts
7.2.1 Analyse des Bildungsplans für die Hauptschule des Landes Baden-Württemberg
7.3 Kompetenzbereiche
7.4 Perspektivenvielfalt der Thematik
8 Analyse von Sprachbuchmaterial zum Thema „Jugendsprache“
8.1 Das Thema „Jugendsprache“ im Schulbuch
8.2 Zu Grunde liegende grammatikdidaktische Positionen
8.3 Umsetzung in zwei Sprachbüchern für die Hauptschule
8.3.1 „Sprachbuch Deutsch 9“
8.3.2 „Mit eigenen Worten 2“
8.3.3 Resumée
9 Eigene Vorschläge zur didaktischen Umsetzung
9.1 Modalpartikeln (Partikeln der Abtönung)
9.1.1 Die Partikel „ey“
9.2 Unterrichtskonzeption
10 Bilanzierende Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Jugendsprache durch einen vergleichenden Blick auf Deutschland und Großbritannien sowie durch die Analyse der didaktischen Umsetzung in Schulbüchern. Zentral ist dabei die Forschungsfrage, wie Jugendsprache linguistisch verortet und im schulischen Kontext sinnvoll behandelt werden kann, ohne in defizitäre Stereotypisierungen zu verfallen.
- Historische Entwicklung und linguistische Einordnung von Jugendsprache
- Methoden der Jugendspracheforschung (lexikalischer vs. ethnografischer Ansatz)
- Funktionen der Jugendsprache (Abgrenzung und Identitätsbildung)
- Didaktische Perspektiven und Analyse von Sprachbuchmaterial
- Konkrete Unterrichtsvorschläge zur Behandlung jugendsprachlicher Phänomene
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Der lexikalische Ansatz
Pape forderte bereits 1970 der Form der reinen Lexikographierung, also dem Sammeln und Sichten einzelner lexikalischer Belege, des jugendlichen Wortschatzes keine Chance zu geben, sondern vielmehr auch die emotionale Seite dieses Wortschatzes zu berücksichtigen und eine soziale und regionale Eingrenzung vorzunehmen (Henne 1986: 224).
„Wo die sozio- und pragmalinguistische Perspektive fehlt, kommt es zu Fehlurteilen über Sprache und Sprecher“ (Pape 1970, zitiert nach: Schlobinski/Kohl/Ludewigt 1993: 38). Doch gerade Anfang der 70er Jahre erlebte die Jugendspracheforschung an sich (in Folge der Studentenrevolten) und auch die lexikalische Methode einen Höhepunkt.
1972 erschien z.B. das Wörterbuch „Schülerdeutsch“ von Marianne und Heinz Küpper mit einem Aufruf an alle, die „der besonderen Welt- und Lebensauffassung der Schüler das Daseinsrecht“ zuerkennen (Küpper & Küpper 1972, zitiert nach: Henne 1986: 225) den Wortschatz zu ergänzen „damit auf sprachlichem Weg das Verständnis für die heutige Jugend vertieft wird“. (Küpper & Küpper 1972, zitiert nach: Henne 1986: 225).
Dieser Aufruf verdeutlicht in besonderer Weise die Auffassung, die hinter diesem Ansatz steht, nämlich, dass die Kenntnis über (vermeintliche) jugendsprachliche Ausdrücke dazu führt, die Jugend (als ein Gesamt ) verstehen zu können.
Die aktuellere linguistische Jugendspracheforschung wird vor allem mit der Preisfrage der Akademie für Sprache und Dichtung im Jahr 1980 eingeleitet: „Spricht die Jugend eine andere Sprache?“ (Neuland 2003b: 131).
Bis zum Anfang der 80er Jahre war die Jugendspracheforschung ein noch nicht „legitimierter Forschungsgegenstand“ (Henne 1981, zitiert nach: Androutsopoulos 1998: 1).
Doch bis in die 80er Jahre bestanden die sprachwissenschaftlichen Konzepte darin, sprachliche Einzelphänomene vor allem mit Hilfe von Befragungen und Fragebögen zu ermitteln und zu dokumentieren. Es gab zwar erste Versuche einer systematischeren Erfassung von Jugendsprache (u.a. die Erfassung pragmatischer Aspekte wie der Verwendung von Begrüßungsformeln oder Intensivierungen), diese waren aber noch recht unsystematisch (Henne 1986: 225).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung legt das Ziel der Arbeit dar, das Phänomen Jugendsprache im Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien zu erforschen und didaktische Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
2 Verortung der Jugendsprache im Bereich der Linguistik: Dieses Kapitel bettet Jugendsprache in die Soziolinguistik ein, indem es den Jugendbegriff sowie das Konzept von Sprachvarietäten und Sprechstilen erläutert.
3 Jugendspracheforschung in Deutschland bis etwa 1993: Es erfolgt eine historische Aufarbeitung der Forschungsgeschichte, wobei die lexikalische Methode der frühen Jahre sowie deren Kritik beleuchtet werden.
4 Jugendspracheforschung in Deutschland heute: Dieser Teil widmet sich dem Paradigmenwechsel zum ethnografischen Ansatz und analysiert aktuelle Strukturen und Funktionen der Jugendsprache.
5 Jugendspracheforschung in Großbritannien: Hier wird die Forschungslage in Großbritannien dargestellt, insbesondere der Begriff "slang" und ausgewählte Projekte wie die des King's College London.
6 Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien: Ein systematischer Vergleich zeigt Gemeinsamkeiten in der Forschungsausrichtung, aber Unterschiede in der methodischen Tradition auf.
7 Grundlegende didaktische Überlegungen: Es werden didaktische Prinzipien erörtert, die die Relevanz von Sprachvariation und Kompetenzförderung im Deutschunterricht betonen.
8 Analyse von Sprachbuchmaterial zum Thema „Jugendsprache“: Die Analyse zweier Sprachbücher untersucht deren didaktische Konzeptionen hinsichtlich der Behandlung von Jugendsprache im Unterricht.
9 Eigene Vorschläge zur didaktischen Umsetzung: Aufbauend auf den Analysen werden konkrete Unterrichtskonzepte, insbesondere am Beispiel von Modalpartikeln, entwickelt.
10 Bilanzierende Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über die Bedeutung einer authentischen, linguistisch fundierten Behandlung von Jugendsprache in der Schule.
Schlüsselwörter
Jugendsprache, Linguistik, Soziolinguistik, Sprachvarietät, Sprachwandel, Didaktik, Deutschunterricht, Fremdsprache, Identitätsbildung, Peer-group, Lexikologie, Ethnografie, Anglizismen, Sprachbuchanalyse, Partikeln.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Hausarbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Erforschung von Jugendsprache in Deutschland und Großbritannien sowie der Frage, wie diese Thematik didaktisch sinnvoll in den Deutschunterricht der Hauptschule integriert werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung umfasst die linguistische Verortung, die historische Entwicklung der Forschung, den Vergleich der Forschungskultur in Deutschland und Großbritannien sowie eine kritische Analyse von Sprachbüchern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Jugendsprache kein "Verfall" der Standardsprache ist, sondern eine eigenständige, regelgeleitete Ausdrucksform, die in der Schule als Chance für Sprachreflexion genutzt werden sollte.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse zur aktuellen Forschungslage sowie eine didaktische Evaluation von Sprachbuchmaterial, um deren Konzeption und Umsetzung des Themas zu bewerten.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des theoretischen Rahmens, den empirischen Forschungsvergleich zwischen Deutschland und Großbritannien und eine detaillierte Analyse zweier spezifischer Sprachbücher für die Hauptschule.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Forschungsarbeit?
Wesentliche Begriffe sind Sprachvarietät, Identitätsbildung, Peer-group, ethnografischer Ansatz, Sprachwandel und didaktische Kompetenzförderung.
Warum ist die Analyse von Sprachbüchern ein wichtiger Bestandteil der Arbeit?
Die Autorin möchte aufzeigen, dass Sprachbücher oft noch einem veralteten, lexikalisch fixierten Bild von Jugendsprache anhängen, und plädiert stattdessen für eine handlungsorientierte und authentische Behandlung.
Inwiefern unterscheidet sich der Ansatz des Sprachbuchs von 2005 von dem des Jahres 1996?
Das modernere Werk "Mit eigenen Worten 2" (2005) integriert verstärkt induktive Ansätze und situative Kontexte, während das ältere "Sprachbuch Deutsch 9" (1996) stärker auf isolierte, lexikalische Zuordnungsaufgaben setzt.
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- Judith Kegel (Author), 2006, Erforschung von Jugendsprache in Deutschland und Großbritannien im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89648