Großereignisse als Ausweg aus der Krise städtischer Politik? Eine Untersuchung am Beispiel der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Hamburg


Examensarbeit, 2007

117 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Stadtentwicklung durch Großereignisse
2.1 Die Theorie der Stadtentwicklung
2.2 Die Theorie der Festivalisierung
2.2.1 Merkmale von Großereignissen
2.3 Die Rolle von Großereignissen in der Stadtpolitik
2.3.1 Vorteile der Festivalisierung
2.3.2 Nachteile der Festivalisierung

3. Die Geschichte der Fußballweltmeisterschaft als Großereignis
3.1 Die Fußballweltmeisterschaft in Italien im Jahre 1990
3.2 Die Olympischen Spiele in Barcelona im Jahre 1992

4. Auswirkungen der Fußballweltmeisterschaft 2006 auf die Stadtentwicklung der Freien und Hansestadt Hamburg
4.1 Die Geschichte und Entwicklung der Stadt Hamburg bis zur Fußballweltmeisterschaft 2006
4.2 Die Untersuchungsmethode
4.3 Die Hypothesenformulierung
4.4 Die Untersuchung der Hypothesen
4.4.1 Hypothese 1: Infrastruktur
4.4.2 Hypothese 2: Finanzierung
4.4.3 Hypothese 3: Nachhaltige Stadtentwicklung
4.4.4 Hypothese 4: Image und Tourismus
4.4.5 Hypothese 5: Ökonomische Entwicklung
4.5 Evaluation

5. Schlussbetrachtung

II. Quellenverzeichnis

A. Literatur

B. Internetquellen

C. Interviewpartner

III. Inhaltsverzeichnis des Anhangs

IV. Anhang

1. Einleitung

„And the winner is - Deutschland“.

Mit diesen Worten verkündete der FIFA-Präsident Joseph Blatter am 6. Juni 2000 die Entscheidung über die Vergabe des Austragungslandes der Fußballweltmeisterschaft 2006.

Durch Bewerbungen für Großereignisse, wie einer Fußball-WM, wird vorzugsweise das Ziel verfolgt, die Stadtentwicklung des jeweiligen Austragungsortes zu beschleunigen. Vor allem der hohe Zeitdruck bis zu dem Event ermöglicht die Beschaffung finanzieller Mittel, um Projekte, die lange in Planung waren, zu finanzieren. Beeinflusst wird dieser Beschleunigungseffekt durch das erhöhte Medienaufkommen während des Ereignisses, welches der Stadt ermöglicht, sich weltweit zu zeigen.

Events, wie z. B. Olympische Spiele, Fußballweltmeisterschaften oder Weltausstellungen, werden daher vermehrt als Mittel der Stadtpolitik verwendet. Die Bewerbungen für solche Großereignisse sind seit den 1980er Jahren angestiegen. Hamburgs und Leipzigs Bewerbungen für die Olympischen Spiele 2012, Münsters Bewerbung zur Weltkulturhauptstadt 2010, Hannovers Austragung der Weltausstellung 2000, die Bewerbung für die Frauen-Fußballweltmeisterschaft 2011 oder die Fußball-WM 2006 der Herren sind Anzeichen dafür, dass auch in Deutschland der Versuch unternommen wird, Events in die Städte zu bekommen. Ein Grund dafür ist das Problem vieler Kommunen oder Städte, dass die nötigen finanziellen Mittel für die Umsetzung vieler Projekte nicht vorhanden sind. Diese sollen dann aufgrund des Großereignisses zeitlich beschleunigt werden.

Die Olympischen Spiele aus dem Jahr 1992 in Barcelona gelten als Vorbild für eine erfolgreiche Stadtentwicklung durch ein Großereignis. Die Olympischen Spiele brachten der Stadt Barcelona enorme Impulse in diesem Bereich, die noch bis heute anhalten.

Die Bemühungen um eine Ausrichtung solcher Großereignisse verfolgt, außer der Möglichkeit die Stadtentwicklung zu beschleunigen, noch das Ziel, sich der Welt aufgrund des erhöhten medialen Interesses zu präsentieren. Infolge dessen soll der Bekanntheitsgrad der Stadt erhöht werden.

In den vergangenen 20 Jahren wurden vermehrt Untersuchungen veröffentlich, die sich mit dem Thema 'Stadtentwicklung durch Großereignisse’ beschäftigten. Die Grundlage dieser Untersuchungen bildete dabei, die von HÄUßERMANN und SIEBEL aufgestellte Theorie der 'Festivalisierung der Stadtpolitik’, welche Anfang der 1990er Jahre erarbeitet wurde und dieser Arbeit als theoretische Grundlage dient.

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 stellt das aktuellste Großereignis dieser Art. Durch die Ausrichtung dieses Events rückte Deutschland und somit auch die Stadt Hamburg als Austragungsort in das weltweite Interesse der Medien, Investoren und Stadtplaner. In der vorliegenden Arbeit steht in diesem Zusammenhang die Frage im Vordergrund, inwieweit sich die Stadtpolitik Hamburgs die Ausrichtung von 5 WMSpielen als 'Katalysator’ zum Nutzen gemacht hat, um Stadtentwicklungsprojekte zu realisieren, die ohne das Event noch Jahre für ihre Durchführung benötigt hätten.

Hierfür wird zunächst im Kapitel 2 auf die Begriffe Stadtentwicklung, Festivalisierung und Großereignis eingegangen. Im dritten Kapitel wird dann die Entstehung der Fußballweltmeisterschaft erörtert. Daneben werden 2 Beispiele vergangener Großereignisse geschildert und in Zusammenhang mit Beschleunigungseffekten der Stadtentwicklung gebracht. In Kapitel 4 wird schließlich auf die Veränderungen der Stadt Hamburg eingegangen, die im Zuge der Fußball-WM 2006 entstanden sind. Der Fokus der vorliegenden Arbeit wird dabei auf die Veränderungsmaßnahmen innerhalb der Verkehrsinfrastruktur, der nachhaltigen Projekte und der Wirtschaft gelegt. Zudem soll die Finanzierung der jeweiligen Projekte analysiert werden.

2. Stadtentwicklung durch Großereignisse

2.1 Die Theorie der Stadtentwicklung

Das Thema Stadtentwicklung wird in der allgemeinen Geographie umfangreich diskutiert. Aus diesem Grund soll an dieser Stelle ein kurzer Überblick über den Inhalt des Themenkomplexes 'Stadtentwicklung' folgen.

Der Begriff 'Stadtentwicklung' wird sowohl aus geographischer als auch aus soziologischer Sicht betrachtet. Eine allgemeine Theorie der Stadtentwicklung findet sich aber weder im Bereich der Geographie noch in dem der Soziologie (vgl. NUTZ 1998, S. 23). Laut dem Stadtsoziologen FRIEDRICHS ist die Stadtentwicklung „ein komplexer Prozeß, der sich nicht als ganzes erklären lässt; erklären lassen sich nur einzelne Sachverhalte des Prozesses“ (zit. n. NUTZ 1998, S. 23).

Aus geographischer Sicht impliziert Stadtentwicklung die zeitliche Entwicklung einer Stadt von der Entstehung über die Gegenwart bis zur Zukunft beziehungsweise bis zu einem bestimmten Zeitpunkt (vgl. NUTZ 1998, S. 23). Stadtentwicklung ist der „ständige Wandel der sozialen und wirtschaftlichen sowie der baulichen und räumlichen Struktur der Städte“ (Nutz 1998, S. 23). Sie beschreibt die historische Entwicklung einer Stadt bis hin zu einem bestimmten Stadttypus (vgl. LESER 1997, S. 810).

Der Begriff Stadtentwicklung wird auch im Zusammenhang mit Raumplanung verwendet. Dort wird Stadtentwicklung als Aufgabe verstanden, zukunftsorientierte Konzepte zur weiteren Entwicklung einer Stadt zu erarbeiten (vgl. LESER 1997, S. 810).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Thema Stadtentwicklung erstmals von amerikanischen Stadtsoziologen der von Universität Chicago diskutiert. Sie legten den Grundstein für die ersten Theorien der Stadtentwicklung1.

Die Stadtentwicklung steht durch Veränderungen gesellschaftlicher Tendenzen, wie zum Beispiel dem demographischen Wandel, der Globalisierung sowie wirtschaftlichen Problemen oder Ressourcenknappheiten, vor neuen Herausforderungen.

„Die Geschichte Stadtentwicklung zeigt sich im historischen Rückblick nicht als ein Prozess unaufhörlichen Wachstums, sondern als eine komplexe Abfolge von Expansion, Stagnation, Krisen und erfolgreichen oder gescheiterten Anpassungen an neue politische, soziale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen“ (BENKE 2004, S. 7).

Derzeit richten sich die Raumplaner nach dem Leitbild der nachhaltigen Stadtentwicklung, das unter anderem in der Charta von Aalborg2 festgeschrieben ist:

„Wir haben die Vision integrativer, prosperierender, kreativer und zukunftsfähiger Städte und Gemeinden, die allen Einwohnerinnen und Einwohnern hohe Lebensqualität bieten und ihnen die Möglichkeit verschaffen, aktiv an allen Aspekten urbanen Lebens teilzunehmen“ (Aalborgplus10.dk 2004, S. 4).

Anfang der 1970er Jahre begann die Diskussion über die ökologische Bedeutung der Stadtplanung und Stadtentwicklung. Aufgrund starker negativer Veränderungen der Umwelt wurde von den Vereinten Nationen Mitte der 1980er Jahre die Weltkommission für Umwelt gegründet, die in ihrem ersten Bericht das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung definierte (vgl. FÜRST et al. 1999, S. 7).

„Der Begriff 'Nachhaltigkeit' wird in diesem Bericht als Nutzung eines natürlichen Systems unter der Bedingung einer langfristigen Bewahrung seiner Charakteristika eingeführt. Das Prinzip […] zielt auf Strategien zur Erreichung eines dauerhaften Gleichgewichts- zustandes zwischen ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Belangen ab“ (FÜRST et al. 1999, S. 7).

Im Rahmen dieser Diskussion wurde das Leitbild der nachhaltigen Stadt entwickelt. Dieses Leitbild fordert, dass sich die Entwicklung der Stadt durch einen geringeren Ressourcenverbrauch und verminderter Abfallproduktion auszeichnet. Ein weiterer Unterschied zu den vorigen Stadtentwicklungsmodellen3 ist, dass „die nachhaltige Stadt kein festgeschriebenes räumlich-strukturelles Konzept“ besitzt (FÜRST et al. 1999, S. 7).

Laut NUTZ ist die Stadt ein Produkt aus Raum und Zeit, das zwar individuell ist, aber in seinen Grundzügen austauschbar bleibt. Dieses Produkt kann unter erheblichen Druck geraten, wenn einer dieser beiden Faktoren Veränderungen ausgesetzt wird (vgl. NUTZ 1998, S. 25). „Vor allem wenn keine Zeit für die Entwicklung bleibt, entsteht eine Situation, die einer Streßsituation gleichkommt und sich im Raum massiv auswirken wird“(NUTZ 1998, S. 25).

Solche Stresssituationen können auf der einen Seite durch anthropologische Katastrophen (Kriege) oder durch naturbedingte Katastrophen, wie Brände, Überschwemmungen oder Erdbeben entstehen (vgl. NUTZ 1998, S. 25). Auf der anderen Seite können Stresssituationen aber auch durch die Austragung von Großereignissen (Olympische Spiele, Fußballweltmeisterschaft) künstlich geschaffen werden. In diesem Fall erfährt die Stadt schnellstmögliche Entwicklungen, die ohne ein Großereignis einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmen würden. Dieses Phänomen der bewussten Stadtentwicklung findet weltweit immer mehr Interesse. Infolge dessen ist die Theorie der Festivalisierung entstanden.

2.2 Die Theorie der Festivalisierung

Bevor näher auf die Theorie der Festivalisierung eingegangen wird, muss näher erörtert werden, auf welche Art und Weise es zur Entstehung dieser Theorie kam.

Die Stadtentwicklung der Bundesrepublik Deutschland durchlief seit dem Zweiten Weltkrieg drei Phasen der Urbanisierung. Die Nachkriegszeit kann als Phase der extensiven Urbanisierung beschrieben werden, die vor allem durch den Wiederaufbau der Städte, die daraus folgende Expansion der Städte sowie ihrer Agglomerationen geprägt wurde. Diese erste Phase endete in den 1960er Jahren.

Von diesem Zeitpunkt an begann die Phase der intensiven Urbanisierung, die das Ziel hatte, das Wachstum der Städte zu steuern oder zu bremsen. Dieses Ziel wurde nicht erreicht, da die Arbeitsplätze in den Städten durch das Wachstum von Gewerbe und Verkehr stetig stiegen.

Die dritte Phase der Stadtentwicklung, die Desurbansierung, setzte Mitte der 1970er Jahre ein. Sie zeichnet sich durch einen radikalen Wandel der Bedingungen innerhalb der Städte aus. Die Einwohnerzahlen und Arbeitsplätze gehen in den meisten Städten stark zurück. Die Gründe dafür sind sowohl die schlechte wirtschaftliche Situation, die durch geringe Neuinvestitionen verstärkt werden, als auch soziale Gründe, wie z. B. ein hoher Zuwachs von Flüchtlingen und Einwanderern. Dieser Zuwachs hat zur Folge, dass die Wohnungsnot und die schlechte Situation des Arbeitsmarktes den Städten zunehmen (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 10f).

„Heute dagegen müssen die Städte versuchen, unter finanziell restriktiveren Bedingungen neue Entwicklungen anzuschieben, Innovationen zu stimulieren und Wachstum zu erzeugen. Sich international bemerkbar zu machen, sich weithin sichtbar als zukunftsträchtigen Standort anzubieten und damit externe Investitionen anlocken zu wollen, ist eine der herausragenden Strategien“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 13).

In diesem Sinne sprechen HÄUßERMANN und SIEBEL vom Begriff des City-Marketings, in den sich auch die Theorie der Festivalisierung einordnen lässt (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 13). Der Begriff 'Festivalisierung' wurde durch SIEBEL geprägt und umschreibt einen Typus der Stadtentwicklung durch große Ereignisse (vgl. SIEBEL 1992a, S. 62). In diesem Zusammenhang wird angeführt, dass die Festivalisierung oder die Planung durch Projekte „ein Kind von ökonomischer Stagnation, öffentlicher Finanzkrise und Deregulierung“ sei (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 14). Bei der zwei unterschiedliche Formen von Planungsstrategien angeführt werden. Die erste Planungsstrategie ist die 'Politik der großen Ereignisse'. Hierbei soll versucht werden, die Veranstaltung eines Großereignisses, wie z. B. Olympische Spiele, Weltmeisterschaften oder Weltausstellungen, als 'Anstoßeffekt’ für die Entwicklung einer Stadt oder einer ganzen Region zu nutzen (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 14).

Die zweite Strategie ist die 'Strategie der tausend Blumen’. Dabei handelt es sich um die Initiierung verschiedener Projekte in einer Region, in denen versucht werden soll, Lösungen für die Probleme der jeweiligen Region zu entwickeln (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 14). Ein Beispiel für ein solches Projekt ist die Internationale Bauausstellung Emscher - Park im Ruhrgebiet (vgl. SIEBEL 1992).

Großereignisse werden immer von Medien begleitet, die den Mechanismus der Festivalisierung verstärken können (vgl. SIEBEL 1992a, S. 62).

„Jeden Tag das ganze Jahr über ein anderer Jongleur in der Stadt wird Kinder begeistern, aber sonst nicht weiter auffallen. 365 Jongleure an einem Nachmittag auf dem Marktplatz sind ein Medienereignis und damit überhaupt erst ein Ereignis“ (SIEBEL 1992a, S.62; HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 15).

Die Festivalisierung gilt als Motor der Stadtpolitik und soll den Umbau der Stadt, den Ausbau der Infrastruktur und die regionale Wirtschaft vorantreiben. Es können allerdings auch negative Konsequenzen aus dieser Form der Stadtpolitik resultieren, da durch die Konzentration auf das Großereignis anderen Aufgabenbereichen die knappen Mittel entzogen werden (vgl. SIEBEL 1992a, S. 62).

Im Folgenden wird sich zeigen, aus welchem Grund die Festivalisierung seit Mitte der 1970er Jahre ein so populäres Thema der Stadtpolitik ist. Anfangs soll untersucht werden, welche Merkmale ein Großereignis hat. Im Anschluss soll dann geklärt werden wie die Rolle der Festivalisierung in der Stadtpolitik zu verstehen ist.

2.2.1 Merkmale von Großereignissen

Großereignisse umfassen unterschiedliche Merkmale, besonders gekennzeichnet sind sie „durch die räumliche, zeitliche und thematische Konzentration der Stadtpolitik auf einen Punkt, eben das Projekt“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 9).

„Ein neuer Typus von Politik wird sichtbar: Die Politik der großen Ereignisse. Dabei werden kampagneartig Gelder, Menschen und Medien auf ein möglichst klar umrissenes Ziel hin mobilisiert“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 8).

Diese Projekte finden in regelmäßigen Abständen in Städten oder Regionen statt, die stets durch ein aufwendiges Auswahlverfahren ermittelt werden (vgl. Kapitel 4.1, S. 34).

Großereignisse werden auf unterschiedlichen Ebenen differenziert. Austragungen von Weltmeisterschaften, Weltausstellungen oder Olympischen Spielen zählen zur internationalen Ebene, die Ernennung der Kulturhauptstadt zur europäischen Ebene und die Veranstaltung von Bundesgartenschauen zur nationalen Ebene (vgl. HUNING und PETERS 2003).

Neben dieser Differenzierung gibt es noch weitere Kriterien, die wichtig für die Charakterisierung eines Großereignisses sind. Die Größe des Ereignisses ist bedeutend für das mediale Interesse und richtet sich nach der Investitionssumme, dem Bauvolumen, der Besucherzahl oder der Beschäftigungszahl des Projekts (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 9). Für die Weltausstellung 1992 in Sevilla wurde beispielsweise auf der Isla de Cartuja, die in direkter Anbindung zum alten Stadtkern Sevillas liegt, ein Areal von einer Gesamtfläche von 215 Hektar für die Ausrichtung der EXPO ´92 völlig neu gestaltet und bebaut (vgl. MEYER-KÜNZEL 2001, S. 384-389).

Als ein weiteres Merkmal für ein Großereignis nennen HÄUßERMANN und SIEBEL das Vorhandensein von Industriebrachen, die im Zuge der Deindustrialisierung entstanden sind. Als Brachflächen gelten z. B. stillgelegte Güterbahnhöfe, Hafenanlagen, ehemalige Industrieflächen oder stillgelegte Flughäfen, die durch die Austragung von großen Projekten eine neue Funktion erhalten sollen (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 9).

Für die Planung und Durchführung eines Großprojektes werden in der Regel neue Projektgruppen, Träger und Entwicklungsgesellschaften gegründet. Diese sogenannten Task Forces werden nur für das Großereignis eingerichtet und haben die Aufgabe, die bereits vorhandene Administrative zu unterstützen (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 9). Das 'Organisationskomitee FIFA Weltmeisterschaft 2006’, unter der Leitung von Franz Beckenbauer, ist ein Beispiel für eine solche Task Force, die für die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland gegründet wurde.

Eine ebenso wichtige Rolle spielen die sogenannten Public Private Partnerships, die seit den späten 1980er Jahren einen festen Platz in der bundesdeutschen Diskuss ion über Stadterneuerung und Stadtentwicklung eingenommen haben (vgl. HEINZ 1993, S. 33).

„Unter privaten Partnern 'offizieller' Erneuerungs- oder Entwicklungspartnerschaften werden insbesondere Developer, Investoren und Anleger verstanden, nicht aber städtische Bewohner(gruppen) oder kleinere Gewerbetreibende“ (HEINZ 1993, S. 33).

Zur Gründung dieser Public Private Partnerships kommt es immer dann, wenn Städte oder Regionen bei der Ausrichtung von Großereignissen, mit finanziellen Engpässen oder Problemen auf planerischer Ebene zu kämpfen haben. Die Gebietskörperschaften dienen dann „nur noch als Partner unter anderen“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 9). Als Beispiel für eine solche öffentlich-private Partnerschaft gilt die 1986 gegründete kommunale Aktiengesellschaft Vila Olimpicia S.A., die für die Finanzierung des Olympischen Dorfes der Olympischen Spiele 1992 in Barcelona verantwortlich war. Anteilseigner waren die Stadt Barcelona, mehrere Banken sowie verschiedene privatwirtschaftliche Gesellschaften. Aus dieser Kooperation ging die Grundstücksgesellschaft NISA hervor, die für die Organisation des Bauablaufs zuständig war. Nach den Olympischen Spielen standen 1976 Wohnungen sowie Dienstleistungs- und Gemeinschaftseinrichtungen zum Verkauf zur Verfügung. Mit dem Verkauf der Wohnungen sollte vor allem die obere Mittelschicht als Käufer angesprochen werden. Im Sommer 1993 wurden dann über die Hälfte der Wohnungen bezogen (vgl. MEYER-KÜNZEL 2001, S. 354f).

Bei der Ausrichtung eines Großereignisses treten aber auch noch weitere Träger zur finanziellen Unterstützung auf. Bei der Weltausstellung 2000 in Hannover wurden Kosten in Höhe von 100 Millionen DM veranschlagt. 70 Millionen DM wurden von Land und Bund übernommen, 20 Millionen von der Wirtschaft und nur 10 Millionen von der Stadt Hannover selbst (vgl. SELLE 1993, S. 182).

Eine projektförmige Organisation beinhaltet laut HÄUßERMANN und SIEBEL neben einer horizontalen Integration, die sich aus öffentlichen und privaten Tätigkeiten zusammensetzt, auch eine vertikale Integration. Mit diesem Aspekt, der als 'Umsetzungsorientierung’ bezeichnet wird, soll deutlich gemacht werden, dass die Organisation des Großprojektes von einer Einrichtung geplant durchgeführt werden soll (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 10). „Von der Ideenformulierung über die Planung, Finanzierung bis zu Bau, Marketing und Management wird das Projekt möglichst in einer Hand organisiert“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 10).

Als ein entscheidendes Merkmal für ein Großereignis führen HÄUßERMANN und SIEBEL die Wettbewerbsorientierung an. Das Großereignis gilt als Instrument der Städtekonkurrenz und soll eine Stadt möglichst auf internationaler Ebene bekannt machen, um Investoren und Finanzzuschüsse von außerhalb in die Stadt zu lenken (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 10). Dabei soll das Ereignis im Sinne der Nachhaltigkeit auch über den Veranstaltungszeitraum hinaus fühlbar bleiben (vgl. HUNING und PETERS 2003).

Neben diesen ganzen Kriterien benötigt eine Großveranstaltung eine jahrelange Vorlaufzeit für die Planung und Durchführung. Angefangen von der Bewerbung bis hin zur Durchführung des Ereignisses vergehen einige Jahre, um die bestmöglichsten Voraussetzungen für die Realisierung des großen Projektes zu schaffen. Die Idee zu einer erneuten Ausrichtung einer Weltausstellung in der Stadt Sevilla im Jahre 1992 wurde erstmals 1976 formuliert. Nach den Phasen der Bewerbung und der Zuschusserklärung durch das Internationale Olympische Komitee wurde allerdings erst 1987 ein Stadtentwicklungsplan der Stadt Sevilla vorgelegt. In diesem Plan, der bis Entwicklung der Stadt bis ins Jahr 1994 beschreibt, wurde festgehalten, was mit der weiteren Nutzung des Expo-Geländes geschehen soll (vgl. MEYER-KÜNZEL 2001, S. 379f).

Die ersten Überlegungen über die Austragung der Olympischen Sommerspiele von München im Jahre 1972 gab es bereits nach den Winterspielen 1964 in Innsbruck, den eigentlichen Anstoß für eine Bewerbung allerdings erst ein Jahr später. Nachdem sich München 1966 im zweiten Wahlgang gegenüber seinen Mitbewerbern Detroit, Montreal und Madrid durchgesetzt hatte, begannen noch im gleichen Jahr die Planung des Großereignisses (vgl. MEYER-KÜNZEL 2001, S. 411f).

Großereignisse finden schon seit langer Zeit statt. Jedoch haben die Beweggründe für die Ausrichtung großer Ereignisse seit Mitte der 1970er Jahre stark geändert. Die Festivalisierung ist „weder neu noch ein Phänomen nur der Stadtpolitik“ (SIEBEL 1992a, S. 62). HÄUßERMANN, SIEBEL und MEYER-KÜNZEL machen den Unterschied zu den früheren Großereignissen deutlich, indem sie diese als 'ephemer' bezeichnen. Diese Bezeichnung weißt darauf hin, dass Großprojekte früher einerseits von geringerer Dauer waren und andererseits nicht mit dem Hintergrund der nachhaltigen Stadtentwicklung ausgetragen wurden (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 16; MEYER-KÜNZEL 2001, S. 33- 35). Früher dienten Großereignisse ausschließlich dafür, „die Wunder der Technik und die Größe der eigenen Nation“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 16) zu repräsentieren.

Temporäre Bauten waren entweder Leihgaben anderer Städte oder wurden nach ihrer Erbauung und der anschließenden Austragung des Projektes wieder aus dem Stadtbild entfernt (vgl. MEYER-KÜNZEL 2001, S. 33).

Heute sollen die großen Ereignisse als Motor der Stadtentwicklung dienen. Durch sie wird versucht, den Umbau der Stadt, den Ausbau der Infrastruktur und die regionale Wirtschaft anzutreiben (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 17). „Festivals werfen ökonomische Erträge ab. Sie ziehen Investitionen und Touristen in die Stadt, schaffen Arbeitsplätze, Gewinne und Steuereinnahmen“ (SIEBEL 1992a, S. 62).

Im Nachfolgenden soll genauer dargestellt werden, aus welchem Grund sich die Stadtpolitik das Instrument der Großereignisse zu Nutzen macht.

2.3 Die Rolle von Großereignissen in der Stadtpolitik

Die Konkurrenz der Städte um neue Investoren ist zwar ein bekanntes Phänomen, allerdings haben sich die Bedingungen dafür erheblich geändert.

„Nun tritt Stuttgart mit Mailand, Hannover mit Barcelona, Hamburg mit Rotterdam und Köln mit Lyon unmittelbar in Konkurrenz um deutsche, japanische, amerikanische und andere internationale Investoren“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 13).

Für Betriebe spielen die klassischen Standortfaktoren, wie Verkehrsnetze, Rohstoffe und Arbeitskräfte, für ihre Standortwahl keine entscheidende Rolle mehr, da sie in den meisten Städten schon vorhanden sind. Daher müssen die Städte versuchen, sich international immer wirksamer anzubieten (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 13).

Wie zuvor schon erwähnt, ist der Beginn der Festivalisierung Mitte der 1970er Jahre anzusiedeln. Seit dem Ende des industriellen Wachstums sind Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und generelle Finanzkrisen zu festen Größen der Stadtentwicklung geworden (vgl. SIEBEL 1992a, S. 62). Auf der anderen Seite „zwingen expandierende Dienstleistungen, steigender Wohlstand und gewandelte Lebensweisen der Mittelschicht zu einem teuren Umbau der Städte“ (SIEBEL 1992a, S. 62). Zudem verfallen die Städte immer mehr in Konurbanität und werden zunehmend unsichtbar. Sowohl in den Regionen Rhein-Ruhr, Rhein- Main oder dem Siedlungsband an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika sind einzelne Städte kaum noch sichtbar (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 15). Bei diesem Dilemma scheinen Großereignisse eine Art Patentlösung für den Beginn der Umstrukturierung zu sein.

„Sie helfen, Gelder zu mobilisieren und den Stadtumbau durchzusetzen. Die Stadt ist gleichsam der Vogel im Nest, der am weitesten den Hals aufsperren kann, wenn sich irgendwo eine öffentliche Hand mit Geld darin zeigt“ (SIEBEL 1992a, S. 62).

Intensivieren kann dieses Vorhaben die Präsenz von Medien, die bei jedem Großereignis immer größer wird. „Die Fifa-Fußball-WM 2006 in Deutschland, das größte Sport- und Medienspektakel der Nachkriegszeit, ist auch ein politisches Großereignis“ (LEINEMANN 2006, S. 64).

Damit eine Stadt für internationale Investoren überhaupt sichtbar wird, muss sie sich medial bemerkbar machen. Um dieses Ziel zu erreichen sind, anders als sie gewöhnlich von Städten produziert werden, größere Bauwerke notwendig. Großstädte wie London, Rom, Paris oder New York sind aufgrund ihrer Größe, ihrer Geschichte und der traditionellen nationalen Überlegenheit von Beginn ihrer Entstehung an international sichtbar und konkurrenzfähig (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 15). Deswegen müssen Kleinstädte wie Hannover, Sevilla oder Duisburg all ihre Kräfte bündeln, „um für die Dauer einer Messe so hoch zu springen, daß der japanische Investor sie wenigstens einmal zu Gesicht bekommt“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 15).

Nachdem nun die Beweggründe, die Großereignisse als Instrument der Stadtpolitik ausmachen, dargelegt wurden, sollen im Folgenden die Vor- und Nachteile der Festivalisierung näher erörtert werden.

2.3.1 Vorteile der Festivalisierung

HÄUßERMANN und SIEBEL nennen als zentrale These für die Festivalisierung der Politik „die Inszenierung von Gemeinsinn und Identifikation mit politischen Institutionen“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 23). Für das Gros der Gesellschaft findet das Alltagsleben nicht mehr in konservativ zentralisierten Bereichen der Stadt statt, sondern sind häufig über mehrere Gemeinden verteilt (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 23). Durch diese Interessenverteilung und Individualisierung „nimmt die generalisierte Identifikation der Bürger mit der spezifischen Stadt ab“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 23). Die divergierenden Wünsche und Meinungen der Bürger machen es den jeweiligen Administrativen immer schwieriger, eine übereinstimmende Politik zu betreiben. Angesichts dieser Tatsache wird versucht, mit Hilfe der Inszenierung von Großereignissen, die Identifikation der Bevölkerung mit der Stadt zu stärken (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 23). „Das große Ereignis schafft einen Kristallisationspunkt, auf den hin divergierende Interessen jenseits eingefahrener Konflikte gebündelt werden können“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 23). Als Beispiel für eine solche politisch befristete Kooperation dienen die Olympischen Sommerspiele in München aus dem Jahre 1972 (vgl. GEIPEL et al. 1993, S. 283f). Die SPD, unter der Führung des damaligen Bürgermeisters Jochen Vogel, regierte die Stadt München und arbeitete mit der vom Land Bayern regierten CSU eng zusammen, um die „Olympischen Spiele als Chance für ein Joint Venture für München und das Bundesland Bayern zu sehen“ (GEIPEL et al. 1993, S. 284). Eine solche Koalition wäre bis zu der letzten Bundestagswahl undenkbar gewesen. Die Attraktivität der Festivalisierung der Politik liegt darin, dass das Großprojekt die Handlungsfähigkeit der Politik beweisen soll (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 27). Dabei muss die Politik versuchen, die Mehrheit der Bevölkerung für das Großereignis zu begeistern, ohne ihr dabei ein Mitspracherecht bei der Planung und Durchführung einzuräumen (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 30).

„Eine Weltausstellung als Lösung städtischer Probleme hat Konsequenzen. […] Wenn eine Stadt, der eine Weltausstellung zugesprochen wurde, zögert und die Auswirkungen abzuwägen beginnt, sich für demokratische Planung einsetzt, die Umwelt-effekte einbezieht oder danach fragt, wer denn die Arbeitsplätze erhält, dann läuft sie Gefahr, die Ausstellung an die nächste Stadt in der Warteschlange der Bewerber zu verlieren“ (GILOTH und SHLAY 1993, S. 36).

Als Beispiel für eine gescheiterte Bewerbung für ein Großereignis zählt die Weltausstellung von Chicago im Jahre 1992. Nachdem die Stadt 1983 den Zuschlag für die Ausrichtung erhalten hatte und ihr Planungsvorhaben öffentlich darlegte, wurden kritische Stimmen immer lauter, so dass dies schließlich 1985 zur Absage der EXPO führte (vgl. GILOTH und SHLAY 1993, S. 35).

Im Vorfeld eines Großereignisses werden hohe Investitionen in dieses Projekt getätigt. Hierzu zählen laut BIRKELHUBER der Bau von Veranstaltungsstätten, Unterkünften für Besucher und Akteure des Großereignisses sowie der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Durch diese Maßnahmen erwarten sich die Städte bewegende Effekte für die Bauwirtschaft, die Arbeitsmarktsituation, den Groß- und Einzelhandel und den Wohnungsmarkt (vgl. BIRKELHUBER 1993, S. 96f). SIEBEL sieht darin ebenfalls ein wichtiges Argument für die Festivalisierung, denn Großereignisse „hinterlassen Parks, Kongreßzentren, Opernhäuser, Straßen und Stadien“ (SIEBEL 1992a, S. 62).

Eine erhöhte Medienpräsenz während des Großereignisses dient der Stadtentwicklung ebenfalls als Chance der internationalen Sichtbarkeit. HÄUßERMANN und SIEBEL betonen, dass das Großprojekt „Anstoß- und Ausstrahlungseffekte […] auf Standortqualität und Image“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 14) der Städte haben soll.

Eine Untersuchung von BIRKELHUBER zeigt Veränderungen in der Tourismusbranche, die die EXPO 1986 von Vancouver verursachte. Das Forschungsergebnis zeigt, dass die kanadische Provinz im selben Jahr eine stärkere Nachfrage als Urlaubs- und Reiseziel erfuhr, was sich am Passagieraufkommen des Vancouver Flughafens widerspiegelte. Dieses nahm für Flüge nach Montreal oder Ottawa um 25% zu, Flüge nach Seattle oder New York sogar um 50% (vgl. BIRKELHUBER 1993, S. 102).

Laut HÄUßERMANN und SIEBEL ermöglichen große Ereignisse eine nach innen gerichtete „Mobilisierung des politisch-administrativen Systems“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 21). Die Festivalsierung der Politik schafft eine 'Aufbruchstimmung' und „ist zunächst eine auf sich selbst gerichtete Innovationsstrategie der politischen Administration“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 22). Man spricht in diesem Zusammenhang vom politischen Eigendoping. Sollten zum Höhepunkt des Ereignisses Wiederwahlen arrangiert werden können, stünden die Chancen für einen positiven Ausgang der Wahl gut, da die Bevölkerung während des Events positiv beeinflusst werde kann (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 22).

Für GEIPEL et al. wirken große Ereignisse wie 'Zeitmaschinen', die die üblichen Planungszeiten für Stadtentwicklungsmaßnahmen erheblich verkürzen (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 22; GEIPEL et al. 1993, S. 296). Großereignisse gelten in diesem Zusammenhang als sekundäre, stadtpolitische Ziele, die von der Politik in den Vordergrund gestellt werden, „als Motor, um den Umbau der Stadt, den Ausbau der (Verkehrs-)Infrastruktur und die regionale Wirtschaft anzutreiben“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 17).

Die Olympischen Spiele von München und Barcelona waren auch im direkten Sinne politische Erfolge (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 20).

„In beiden Fällen diente das Ereignis auch dazu, eine Stadt und das durch sie vertretene Land wieder im Kreis der demokratischen Nationen zu etablieren. Deutschland und Spanien hatten eine faschistische Vergangenheit vergessen zu machen, und die gelungene Rolle als Gastgeber für die 'Jugend der Welt' zeigte, dass die Rehabilitationsanstrengungen anerkannt wurden“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 20).

Wie bereits erwähnt, werden die meisten Stadtentwicklungs- maßnahmen, die im Zuge der Großereignisse entstehen, nicht komplett durch die Stadt oder die Region finanziert, sondern häufig durch die Zusammenlegung verschiedener Finanzpartner aus Stadt und Land. Die Städte, die sich für ein solches Großprojekt bewerben, gehören laut MEYER-KÜNZEL häufig nicht zu den bedeutenden Hauptstädten und Metropolen der Welt. Es sind überwiegend aufstrebende Provinzhauptstädte, die sich aber eine Ausrichtung von Groß- ereignissen aus eigener Hand nicht leisten können (vgl. MEYER-KÜNZEL 2001, S. 312). Bei der Planung und Finanzierung solcher Projekte wird gegenwärtig besonders auf die Revitalisierung von Brachflächen wert gelegt. Diese sollen, so wie in München oder Barcelona, als Freiflächen oder als Austragungsort genutzt werden (vgl. ZEHNER 2001, S. 163f; MEYER-KÜNZEL 2001, S. 312).

Die Bedingungen für eine erfolgreiche Austragung von großen Ereignissen sind mit einem erheblichen Risiko konotiert. Da aber die Zahlen der Bewerbungen für Weltausstellungen, Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften seit Anfang der 1990er Jahre angestiegen sind, scheinen die Gründe für eine Festivalisierung der Politik überwältigend zu sein (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 21).

2.3.2 Nachteile der Festivalisierung

„Den einen ist die EXPO ein Dukatenesel, den man nur zu reiten wissen muß, den anderen ein Elefant, der alles platt tritt“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 17). HÄUßERMANN und SIEBEL stellen fest, dass Großereignisse nicht nur positive Effekte ausstrahlen, sondern auch negative Folgen nach sich ziehen können.

Eine vollständige Prognose über Kosten und Nutzen eines Events ist, laut HÄUßERMANN und SIEBEL im Vorfeld unmöglich zu berechnen und wurde nachher auch selten durchgeführt. Großereignisse hinterlassen häufig hohe Schulden, so dass die Betreibergesellschaften oft Konkurs anmelden mussten (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 17). „Die EXPO ´86 erzielte einen direkten Verlust von mindestens 550 Mio. $ […]“ (BIRKELHUBER 1993, S. 106).

Der nächste Kritikpunkt an der Festivalisierung, den HÄUßERMANN und SIEBEL herausstellen, ist die 'Verteilungswirkung’ der Großinvestitionen. Immobilien und Mieten der zurückbleibenden Gebäude sind teilweise so hoch, dass dies vor allem zu Lasten der ökonomisch Schwächer gestellten geht. Das Olympische Dorf in Barcelona wurde, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen der Stadtverwaltung, in teure Eigentumswohnungen umgewandelt (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 18).

„Die neugeschaffenen Arbeitsplätze sind selten qualifiziert und häufig befristet. Parkplatzwächter, Kartenverkäufer, Kellner, Taxifahrer etc. Die direkten Wirkungen sind also zum großen Teil befristet, und die damit verbundenen stadträumlichen und sozialen Wirkungen sind selektiv, wenn nicht gar polarisierend“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 18).

Ein weiterer Nachteil sind die zu berücksichtigten 'Opportunitätskosten’, die nach HÄUßERMANN und SIEBEL nicht unmittelbar entstehen, sondern zugunsten des Events umgelenkt werden. Diese Umlenkung führt dazu, dass die notwendigen Gelder, die aus anderen Bereichen entnommen werden, dann über einen längeren Zeitraum hinweg fehlen (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 18; EHRENBERG und KRUSE 2000, S. 314). Festivalisierung ist für HÄUßERMANN und SIEBEL deswegen auch „das organisierte Wegsehen von sozialen, schwer lösbaren und wenig spektakuläre Erfolge versprechenden Problemen“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 28). Die hohen Kosten für ein Großereignis legitimieren sich laut HUNING und PETERS nur dann, wenn das Projekt im Vorfeld als Erfolg versprechend betitelt wird (vgl. HUNING und PETERS 2003). Das Projekt muss so geschehen, wie geplant, sonst war die ganze Arbeit umsonst (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 29).

„Großprojekte entwickeln aus verschiedenen Gründen eine unaufhaltbare Eigendynamik, die Gegenstimmen überrollt, Gegenargumente gar nicht erst zulässt und auch bei absehbarem Scheitern eines Projektes keine Ansatzpunkte für einen geordneten Rückzug bietet, wenn das Projekt erst einmal angelaufen ist. Dies gilt um so stärker, je höher der finanzielle Aufwand ist“ (HUNING und PETERS 2003).

Da die meisten Kosten, wie bereits angesprochen, aber von privaten Investoren getragen werden, stellt sich damit für HUNING und PETERS das nächste Problem dar. Großereignissen fehlt es ihrer Meinung nach an Legitimität und Transparenz. Die Wünsche der privaten Investoren werden gegebenenfalls ohne Berücksichtigung der lokalen oder regionalen Administrative umgesetzt (vgl. HUNING und PETERS 2003).

Den nächsten Punkt den HÄUßERMANN und SIEBEL kritisieren, ist die 'Langfristigkeit’ der Wirkungen des Großprojekts. Durch die Vorbereitung auf ein großes Ereignis entstehen erhebliche Eingriffe in die Stadtstruktur, durch die Prozesse in Gang gesetzt werden, von denen niemand im Vorfeld sagen kann, wie sie sich auswirken. Somit können sich positiv angestrebte Effekte langfristig negativ auswirken (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 18). GEIPEL et al. nennen als Beispiel dafür die extreme Zentralisierung des S-Bahn-Systems der Stadt München, das durch die Hilfe der Olympia-Mittel sehr schnell realisiert wurde. Seit der Phase der Desurbanisierung muss die Stadt versuchen mit dieser kontraproduktiven Stadtentwicklungsmaßnahme umzugehen und hat wenig Mittel und Möglichkeiten, dieses Problem zu beheben (vgl. GEIPEL et al. 1993, S. 296f).

Olympische Spiele, Weltausstellungen, Weltmeisterschaften oder Kulturfestivals sind für HÄUßERMANN und SIEBEL 'footloose industries’, die prinzipiell überall und immer mit dem gleichen Muster stattfinden können. Fast alle großen Sportarenen und Kongresszentren werden von den gleichen Architekten oder Immobilienkonzernen erbaut. Dadurch wird für jede Stadt zwar das Tor zum Tourismus geöffnet und das Image aufpoliert, aber es geht dadurch auch die lokale Identität der Stadt verloren (vgl. HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 28-29).

Seit den Olympischen Spielen von München 1972, aber spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zählen die Kosten für Sicherheitsmaßnahmen zu festen Größen bei der Kalkulation einer Großveranstaltung.

„Je explosiver die Spannungen in verschiedenen Teilen der Welt sind, desto höher wird das 'Sicherheitsrisiko' bei solchen Spektakeln, und desto intensiver müssen die Gast-Stars oder Aussteller durch räumliche Abgrenzung und bauliche Sicherheitsmaßnamen geschützt werden“ (HÄUßERMANN und SIEBEL 1993, S. 29).

Die Kosten für die Errichtung von Sicherheitsmaßnahmen muss der Ausrichter, also die Stadt oder das Land zahlen. Während der Zeit der Veranstaltung wollen Stadt und Land ein positives Bild abgeben und ihr Image verbessern. Ein negatives Ereignis würde stets mit der Stadt in Verbindung gebracht werden. Je größer und interessanter das Großereignis ist, desto höher müssen die Kosten im Bereich der Sicherheitsmaßnahmen ausfallen.

Es gibt also viele Gründe für die Nutzung von Großereignissen als Instrument der Stadtentwicklungspolitik. Durch die Festivalisierung der Politik erfährt die Stadt eine Beschleunigung in ihrer Entwicklung. Investitionen werden schneller getätigt und das regionale und überregionale Kapital kann effektiver mobilisiert werden. Zudem haben Stadt und Land während der Veranstaltung die Möglichkeit, sich der Welt von ihrer positiven Seite zu zeigen, um damit ihr Image weltweit zu verbessern. Es gibt jedoch auch viele Risiken und Kritikpunkte an dieser Art von Politik, die vor der Ausrichtung des Großereignisses beseitigt werden müssen. Die vorliegende Arbeit soll aber nicht dazu dienen, eine Abwägung zwischen positiven und negativen Eigenschaften zu treffen, da dies den Rahmen der Untersuchung überschreiten würde. Ziel dieser Arbeit soll vielmehr sein herauszufinden, ob die Fußballweltmeisterschaft 2006 der Stadt Hamburg positive Effekte gebracht hat und auch nachhaltig für positive Entwicklungen sorgen kann.

3. Die Geschichte der Fußballweltmeisterschaft als Großereignis

Im folgenden Kapitel soll die Entstehung der Fußballweltmeisterschaft bis hin zum Status eines Großereignisses näher erörtert werden. Anschließend werden anhand zweier vergangener Großereignisse mögliche Erfolge der Stadtentwicklung genauer herausgestellt. Als Beispiele sollen hierfür die Fußballweltmeisterschaft 1990 in Italien und die Olympischen Sommerspiele von Barcelona aus dem Jahr 1992 dienen.

Die Wurzeln des modernen Fußballspiels liegen in England und gehen auf das 19. Jahrhundert zurück. Hier kam es zur Entwicklung des ersten Regelwerkes, zur Gründung des ersten nationalen Verbandes im Jahre 1863 und zur Austragung des ersten Länderspieles zwischen Schottland und England im Jahr 1872, das als ältester internationale Wettkampf in der Geschichte des Sports zählt (vgl. DAHLKAMP und SCHULZE-MARMELING 2002, S. 11-13). Die weltweite Verbreitung des Fußballspiels wurde ebenfalls von den Engländern beeinflusst, die im 19. Jahrhundert zu den weltweit führenden Kolonialmächten zählten. Binnen einer Generation verbreitete sich der Fußballsport auf etwa einem Drittel Welt (vgl. DAHLKAMP und SCHULZE-MARMELING 2002, S. 12). Zur Gründung des ersten Weltverbandes, der Fédéracion Internationale de Football Association (FIFA), kam es allerdings durch Frankreich im Jahre 1904. Robert Guérin, der zum ersten FIFA- Präsidenten im Jahre 1904 gewählt wurde und Carl Anton Willem Hesselmann gelten als 'Gründungsväter’ der FIFA. Zu den ersten Gründungsnationen des Weltverbandes zählen Frankreich, Belgien, Dänemark, Niederlande, die Schweiz, Spanien und Schweden (vgl. DAHLKAMP und SCHULZE-MARMELING 2002, S. 14).

Bei den Olympischen Spielen 1908 in London wurde Fußball zum ersten Mal in das Programm der Olympischen Spiele aufgenommen, wodurch es das erste große internationale Turnier ausgetragen wurde (vgl. DAHLKAMP und SCHULZE-MARMELING 2002, S. 19). Trotz erfolgreicher Folgeturniere bei Olympischen Spielen entstanden für die Fußballfunktionäre immer mehr Probleme mit den Verantwortlichen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Zum einen fühlten die Fußballer sich benachteiligt, weil das olympische Fußballturnier einige Monate vor den eigentlichen Spielen ausgetragen wurde. Das zweite Problem war die fortschreitende Professionalisierung des Fußballsports, die mit dem olympischen Amateurideal kollidierte. Das dritte Problem war das immer größer werdende Zuschauerinteresse der Fußballspiele bei den Olympischen Spielen. Aus diesem Grund beschlossen die Verantwortlichen der FIFA auf einem Kongress in Amsterdam im Jahre 1928, ab 1930 alle 4 Jahre ein Fußballweltturnier auszutragen. Die ersten Bewerber für die Ausrichtung des Turniers waren Spanien, Niederlande, Schweden, Ungarn, Italien und Uruguay. Da die europäischen Bewerbungen aber eher halbherzig ausfielen und Uruguay zum Zeitpunkt des ersten Weltturniers seine Hundertjahrfeier hatte, bekam Uruguay den Vorzug als erster Austragungsort (vgl. DAHLKAMP und SCHULZE-MARMELING 2002, S. 26-27).

Seither wurde die Fußballweltmeisterschaft 18 Mal ausgetragen und setzte nur durch den 2. Weltkrieg für zwölf Jahre (1938-1950) aus ihrem Vier-Jahres-Zyklus aus.

Die Entwicklung der Fußballweltmeisterschaft zu einem Großereignis wird deutlich, wenn verschiedene Faktoren der ersten und letzten Austragung miteinander verglichen werden. Die Fußball-WM 1930 stellte mit Montevideo einen Austragungsort, der drei Stadien beinhaltete. 13 gemeldete Nationen spielten innerhalb von 2 Wochen den Weltmeistertitel untereinander aus. Bei der Fußballwelt- meisterschaft 2006 stellte Deutschland insgesamt 12 Stadien in 12 unterschiedlichen Austragungsstädten. Über 200 Nationen hatten sich für die Qualifikation der Endrunde beworben. In einer fast zweijährigen Qualifikationsrunde wurden die 32 Endrundenteilnehmer ermittelt, die dann am einmonatigen Turnier teilnehmen durften.

Für DAHLKAMP und SCHULZE-MARMELING gibt keinen anderen Sport, der während des 20. Jahrhunderts eine so große Erfolgsstory zu verzeichnen hat (vgl. DAHLKAMP und SCHULZE-MARMELING 2002, S. 10). „Kein anderes sportliches und kulturelles Ereignis kann global ein so großes Publikum mobilisieren wie der World Cup“ (DAHLKAMP und SCHULZE-MARMELING 2002, S. 10). Dieses weltweite Interesse führt immer mehr Städte und Länder dazu, sich für ein solches Großereignis zu bewerben.

„Die enormen Anstrengungen der Regierungen Frankreichs, Deutschlands und Englands um die Austragung der Turniere 1998 bzw. 2006 dokumentieren, dass auch im heutigen Europa das globale Fußballfest als politisches Instrument gesehen wird: als nationaler Kitt, zur Imagepflege auf internationaler Bühne […] darüber hinaus zur Definition eines neuen Selbstverständnisses“ (DAHLKAMP und SCHULZE- MARMELING 2002, S. 10).

Die folgenden Beispiele vergangener Großereignisse sollen zeigen, welche positiven und negativen Effekte die Ausrichtung eines Großereignisses für Stadt oder Land haben können.

3.1 Die Fußballweltmeisterschaft in Italien im Jahre 1990

Christine OBERMAIR stellt in ihrer Untersuchung zur Fußballweltmeisterschaft 1990 in Italien die Frage, ob die Austragung dieser Veranstaltung eine verpasste Chance für die Stadtpolitik der jeweiligen Spielorte war (vgl. OBERMAIR 1993). Die Entscheidung der FIFA zugunsten Italiens als Austragungsort der Fußball- weltmeisterschaft 1990 fiel im Jahre 1984, knapp 7 Jahre nachdem Italien seine Bewerbung eingereicht hatte. Erst 3 Jahre nach dem Zuschlag kam es zu einer konkreten Planung für den Bau oder die Modernisierung der Fußballstadien in den 12 Austragungsorten und zur Gründung eines Organisationskomitees. Als Austragungsorte für die insgesamt 53 Spiele wurden Städte berücksichtigt, die nicht nur über die nötigen Sportstätten verfügten, sondern auch den nötigen politischen Stellenwert im Land hatten (vgl. OBERMAIR 1993, S. 208- 209). Der Staat stellte drei Jahre vor dem Weltturnier über 200 Milliarden Euro an Zuschüssen für die zwölf Kommunen zur Verfügung, die in den Stadienbau fließen sollten. Für den Ausbau und die Verbesserung der verkehrs- und stadttechnischen Infrastruktur wurden indes lediglich 32 Millionen Euro an Zuschüssen eingeplant (vgl. OBERMAIR 1993, S. 209).

„Keine der zwölf Städte hat ernsthaft erwogen, die Herausforderung der Fußballweltmeisterschaft nicht anzunehmen […] Zu verlockend war die Aussicht auf eine Fülle von öffentlichen Geldern, die es ermöglicht hätten, über das unmittelbare Ereignis hinaus über anspruchsvolle Stadien zu verfügen und das eine oder andere langersehnte Projekt zu realisieren. Darüber hinaus erwartete man sich, daß die Tourismusbranche angekurbelt und das Image der Stadt im Ausland verbessert würden“ (OBERMAIR 1993, S. 209).

Die Planungen auf staatlicher Ebene für die Finanzierung der Stadien wurden erst Ende 1987 geklärt, was zur Folge hatte, dass die Entwürfe der städtischen Verkehrs- und Transportmittel sowie der Tourismuseinrichtungen vernachlässigt wurden.

Die finanziellen und planerischen Rahmenbedingungen wurden in den folgenden eineinhalb Jahren geschaffen. Gestört wurden die Konzeptionen in den einzelnen Kommunen durch ständig wechselnde Parteikoalitionen zwischen 1986 und 1989 (vgl. OBERMAIR 1993, S. 210). Am 29. Mai 1989, 5 Jahre nach der Nominierung Italiens als Gastgeberland der Fußballballweltmeisterschaft und 14 Monate vor Beginn des Turniers, wurden die endgültigen Richtlinien für den Ausbau der Infrastrukturen in den 12 Städten anhand eines Staatsgesetzes verabschiedet. Darin fixiert waren 153 Bauvorhaben unterschiedlichster Größenordnung, deren vorab veranschlagte Kosten bei etwa 1,55 Milliarden Euro lagen und ebenfalls vom Staat getragen wurden. Viele der Bauprojekte wurden im Vorfeld kritisiert, da allein durch den hohen Zeitdruck die Fertigstellung der Projekte utopisch erschien (vgl. OBERMAIR 1993, S. 211). Die Vorbereitungen auf lokaler Ebene entwickelten sich zum Chaos. In den Austragungsorten Turin und Bari entschied man sich dazu, komplett neue Stadien zu errichten, während die restlichen 10 Stadien kostenintensiv modernisiert wurden. Durch ständige Neuauflagen im Bereich der Stadionsicherheit, aber auch durch die zeitlich knapp kalkulierte Planungsphase entstanden in vielen Fällen Veränderungen der Bauvorhaben, die wiederum erneute Kosten verursachten. In den meisten Städten wurde die rechtzeitige Fertigstellungen der Stadien zu einem Wettlauf mit der Zeit. Die Baukosten der Arenen erhöhten sich durchschnittlich um 80% auf insgesamt 615 Millionen Euro. Für die meisten Städte bedeutete dies eine erhebliche Belastung ihrer Haushalte, da sie die zusätzlichen Kosten selber tragen mussten (vgl. OBERMAIR 1993, S. 212). Durch den hohen Zeitdruck wurden die Genehmigungsverfahren und Regeln für die Vergabe öffentlicher Bauvorhaben, die durch das Staatsgesetz festegelegt wurden, zeitweilig vereinfacht und geändert. Zusätzlich wurde in jeder Austragungsstadt eine Konferenz gegründet, die so genannte 'Conferenza dei servizi’, durch die weitere Bauprojekte genehmigt werden konnten. Die Genehmigung musste allerdings durch eine einstimmige Abstimmung erfolgen. Durch diese vereinfachten Genehmigungsverfahren wuchs die Anzahl der Bauvorhaben von ehemals 153 auf insgesamt 353. Zudem stiegen die Gesamtkosten der Projekte auf über 3 Milliarden Euro an. Der größte Anteil der zusätzlichen geplanten Projekten und Zusatzinvestitionen sollten in die Staatstraßenverwaltung ANAS fließen, die alleine für ihre 34 genehmigten Projekte etwa 1,34 Millionen Euro benötigten (vgl. OBERMAIR 1993, S. 214-215).

„Dabei handelte es sich im Wesentlichen um den längst geplanten Ausbau von Autobahnen in den Großräumen von Turin, Mailand und Verona. Direkt mit der Weltmeisterschaft hatten diese Projekte wirklich nichts zu tun; auch hätte wohl nur ein Wunder ihre rechtzeitige Fertigstellung bewirken können“ (OBERMAIR 1993, S. 215).

Für OBERMAIR ist liegt es auf der Hand, dass die Fußballweltmeisterschaft für Italien 'ein Mittel zum Zweck’ war, um langjährige Bauvorhaben einfacher realisieren zu können, da „die notwendige Finanzierung bislang nicht aufgebracht werden konnte“ (OBERMAIR 1993, S. 216).

Die Bauvorhaben der Mailänder Stadtregierung konzentrierten sich zunächst auf die Modernisierung des öffentlichen Verkehrsnetzes. Geplant war der Neubau von zwei neuen U-Bahn-Linien, bei der die erste Linie das Fußballstadion mit dem ursprünglichen U-Bahnnetz verbinden sollte. Die zweite Bahnstrecke sollte in Anbindung mit dem Stadtautobahnring errichtet werden, damit der Individualverkehr vom Stadion und den zusätzlich geplanten Sportanlagen ferngehalten werden konnte.

[...]


1 Das Ringmodell von BURGESS, das Sektorenmodell von HOYT oder das Mehrkernemodell von HARRIS und ULLMAN sind Beispiele für Stadtstrukturmodelle der 'Chicagoer Schule', die sich im Wesentlichen mit der geordneten Stadtentwicklung auseinandersetzen (vgl. HEINEBERG 2001, S. 101f).

2 Die Charta von Aalborg entstand auf der Konferenz der Europäischen Kommunalbehörden in Aalborg im Jahre 2004. Die Europäischen Kommunalbehörden sind vereint in der 'Europäische Kampagne zukunftsbeständiger Städte und Gemeinden' (vgl. AALBORGPLUS10.DK 2004).

3 Im Zuge der Agenda 21, die auf der Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio beschlossen wurde, sind zahlreiche Konzepte zur nachhaltigen Stadtentwicklung entstanden. Um den Rahmen der vorliegenden Untersuchung nicht zu sprengen, soll an dieser Stelle nicht näher auf das Thema eingegangen werden. Ausführliche Informationen sind zu finden in der Broschüre des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit aus dem Jahre 2002 (Lokale Agenda 21 und nachhaltige Entwicklung in Deutschen Kommunen).

Ende der Leseprobe aus 117 Seiten

Details

Titel
Großereignisse als Ausweg aus der Krise städtischer Politik? Eine Untersuchung am Beispiel der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Hamburg
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
117
Katalognummer
V89663
ISBN (eBook)
9783640139828
ISBN (Buch)
9783640204502
Dateigröße
20485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Großereignisse, Ausweg, Krise, Politik, Eine, Untersuchung, Beispiel, Fußballweltmeisterschaft, Hamburg
Arbeit zitieren
Alexander Kreth (Autor), 2007, Großereignisse als Ausweg aus der Krise städtischer Politik? Eine Untersuchung am Beispiel der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Hamburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89663

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