Wahlen sind heute eine grundlegende Voraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie. Durch sie können die Bürger eines Landes oder einer untergeordneten Gebietskörperschaft ihre Repräsentanten für verschiedene Arten von Volksvertretungen bestimmen.
Der konkrete Ablauf einer Wahl und die für die Verrechnung von Wählerstimmen in Mandate gebräuchlichen Methoden hängen von gesetzlichen Vorgaben ab, über die ein bestimmtes Wahlsystem definiert werden kann. Ein Wahlsystem regelt, „…wie der Wähler seine polit. Präferenz in Stimmen ausdrücken kann und wie dieses Votum in Entscheidungen über die (personelle) Besetzung von Ämtern/Mandaten und die (parteipolit.) Zusammensetzung von Repräsentativversammlungen übertragen wird.“ (Nohlen, 2003: S. 717)
Verschiedene Wahlsysteme mit ihren technischen Elementen haben unterschiedliche Eigenschaften und können zu Unterschieden in der Besetzung der Gremien führen. Generell geht man davon aus, dass mit steigendem Proportionalitätsgrad eine geringere Bevorzugung von Parteien stattfindet. Ob eine hohe Proportionalität gut oder schlecht, gerecht oder ungerecht ist, kann nur politisch oder normativ beurteilt werden.
Das Hauptanliegen dieser Arbeit besteht nun darin, Unterschiede zwischen den Wahlsystemen der deutschen Bundesländer in ihrer Proportionalität mithilfe von technischen Elementen der Wahlsysteme zu erklären. Es soll also untersucht werden, in wieweit die technischen Wahlelemente als Erklärungsfaktoren und Prädiktoren für die Proportionalität herangezogen werden können. Die in den Ländern existierenden technischen Elemente werden im Laufe der Studie zusammen mit den gängigen, in der internationalen Wahlsystemforschung gebräuchlichen Arbeitshypothesen präsentiert.
Mit dieser empirisch-quantitativen Untersuchung wird einerseits versucht, empirisch gesicherte Hypothesen zu überprüfen, andererseits mögliche Besonderheiten der Wahlsysteme der Bundesländer zu entdecken und zu erklären. Eine systematische Überprüfung der Proportionalität und ihrer Bestimmungsgründe in den Ländern wurde bisher nicht durchgeführt. Da Wahlsysteme keine unveränderbaren Gegebenheiten sind und durch Parlamentsbeschlüsse abgeändert werden können, kann aus dieser Untersuchung zudem abgeleitet werden, welche Konsequenzen sich hinsichtlich einer Veränderung der Proportionalität durch eine Abänderung technischer Wahlsystemelemente in den Bundesländern ergeben könnten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Literaturrahmen
3. Disproportionalität und der politisch-institutionelle Ansatz
4. Die Wahlsysteme der deutschen Bundesländer
5. Technische Elemente von Wahlsystemen
5.1 Sperrklausel
5.2 Wahlkreisgröße
5.3 Größe der Parlamentskammer
5.4 Sitzzuteilungsverfahren
5.5 Regelungen zu Überhang- und Ausgleichsmandaten
6. Untersuchungsdesign, Daten und Methode
7. Operationalisierung
8. Bivariate Analyse
8.1 Prozenthürde und Disproportionalität
8.2 Wahlkreisgröße und Disproportionalität
8.3 Größe der Parlamentskammer und Disproportionalität
8.4 Sitzzuteilungsverfahren und Disproportionalität
8.5 Regelungen zu Überhang- und Ausgleichsmandaten
9. Multivariate Analyse
10. Zusammenfassung
11. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen technischen Wahlsystemelementen und der Disproportionalität in den Wahlsystemen der deutschen Bundesländer. Ziel ist es, durch eine empirisch-quantitative Analyse Faktoren zu identifizieren, die zur Entstehung von Diskrepanzen zwischen Stimmen- und Sitzanteilen beitragen, wobei der Einfluss der Fünfprozenthürde auf die Erklärungskraft anderer Variablen besonders beleuchtet wird.
- Analyse der Disproportionalität als zentrales Maß der Wahlsystemforschung
- Untersuchung technischer Faktoren wie Wahlkreisgröße, Parlamentskammergröße und Sitzzuteilungsverfahren
- Methodische Differenzierung zwischen Wahlsystemen mit und ohne Fünfprozenthürde
- Explorative Untersuchung der Wirkung von Überhang- und Ausgleichsmandaten
- Identifikation der Wahlkreisgröße als maßgeblicher Prädiktor unter kontrollierten Bedingungen
Auszug aus dem Buch
5. Technische Elemente von Wahlsystemen
Nach Nohlen (2000: 310) sind Wahlhürden eines der effektivsten Instrumente zur Beeinflussung politischer Repräsentation und zur Strukturierung des Parteiensystems. Auf zwei Arten wirken sie der Parteienfragmentierung entgegen, einerseits durch den Ausschluss kleiner Parteien von der Vergabe der Parlamentssitze, andererseits durch die Beeinflussung Wählerentscheidungen.
„Sperrklauseln machen die Teilnahme der Parteien an der Mandatsvergabe von der Auflage abhängig, eine bestimmte Anzahl von Stimmen (in Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen) oder Direktmandaten zu erreichen.“ (Nohlen, 2004: 102) Solche Wahlhürden sind „künstliche“ Wahlhürden, die im Gegensatz zu „natürlichen“ Wahlhürden gesetzlich festgesetzt sind (vgl. Nohlen, 2000: 310). Eine natürliche Wahlhürde ist „… the theoretical minimum share of votes a party needs to win its first seat under optimal conditions …“ (Taagepera/Shugart, 1989: 116).
Die durch Gesetz vorgegebenen Wahlhürden lassen sich weiter unterscheiden. Während es in allen Bundesländern eine Fünfprozenthürde gibt, existieren in vier Bundesländern zusätzlich sog. Grundmandatsklauseln. Diese ermöglichen es Parteien, die Fünfprozenthürde durch den Gewinn von Direktmandaten zu umgehen. Da die Grundmandatsklauseln im Untersuchungszeitraum aus praktischer Sicht keine Rolle spielen, wird im weiteren Verlauf nicht näher auf sie eingegangen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Forschungsanliegen, den Zusammenhang zwischen technischen Wahlsystemmerkmalen und Disproportionalität in den deutschen Bundesländern empirisch zu untersuchen.
2. Literaturrahmen: Hier erfolgt ein Überblick über die für die Studie relevante internationale Forschung zur Disproportionalität, insbesondere die Arbeiten von Rae, Lijphart sowie Taagepera und Shugart.
3. Disproportionalität und der politisch-institutionelle Ansatz: Dieses Kapitel führt das Konzept der Disproportionalität als Diskrepanz zwischen Stimm- und Sitzanteilen ein und bettet es in den politisch-institutionellen Ansatz ein.
4. Die Wahlsysteme der deutschen Bundesländer: Es wird der Fokus auf den Intragruppenvergleich der personalisierten Verhältniswahlsysteme der Länder und deren Klassifizierung gelegt.
5. Technische Elemente von Wahlsystemen: Das Kapitel detailliert die unabhängigen Variablen: Sperrklausel, Wahlkreisgröße, Parlamentskammergröße, Sitzzuteilungsverfahren sowie Regelungen zu Überhang- und Ausgleichsmandaten.
6. Untersuchungsdesign, Daten und Methode: Die Arbeit beschreibt das Vorgehen einer subnationalen vergleichenden Analyse von 69 Landtagswahlen im Zeitraum 1990 bis 2007.
7. Operationalisierung: Hier wird die Messmethode (Least-Square-Index von Gallagher) erläutert und die quasi-experimentelle Anlage zur Untersuchung der Prozenthürde begründet.
8. Bivariate Analyse: Dieses Kapitel präsentiert die Ergebnisse zu den Zusammenhängen zwischen den einzelnen technischen Variablen und der Disproportionalität mit und ohne Fünfprozenthürde.
9. Multivariate Analyse: Hier werden mittels multipler Regressionen die Erklärungskraft der unabhängigen Variablen geprüft und die Ergebnisse durch eine Ausreißeranalyse validiert.
10. Zusammenfassung: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen, insbesondere die überragende Rolle der Fünfprozenthürde für die Disproportionalität.
Schlüsselwörter
Disproportionalität, Wahlsysteme, Fünfprozenthürde, Wahlkreisgröße, Verhältniswahl, Sitzzuteilungsverfahren, Überhangmandate, Ausgleichsmandate, Parlamentskammergröße, Parteiensystem, empirische Analyse, Legislative, Repräsentation, Regressionsanalyse, Wahlsystemforschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, inwieweit technische Merkmale von Wahlsystemen die Disproportionalität bei Landtagswahlen in deutschen Bundesländern erklären können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Im Zentrum stehen der Einfluss von Prozenthürden, der Wahlkreisgröße, der Sitzzuteilungsverfahren sowie von Überhang- und Ausgleichsmandaten auf das Wahlergebnis.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist die Identifikation der Hauptfaktoren für Disproportionalitäten und die Überprüfung, ob die Fünfprozenthürde die Wirkung anderer technischer Faktoren maskiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Studie nutzt eine empirisch-quantitative Analyse von 69 Landtagswahlen unter Anwendung bivariater und multivariater Regressionsmodelle sowie eine quasi-experimentelle Kontrolle der Fünfprozenthürde.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretische Fundierung, die detaillierte Beschreibung der Wahlsystemmerkmale, das Untersuchungsdesign, die Operationalisierung sowie die statistische Analyse der Daten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Disproportionalität, Wahlsysteme, Fünfprozenthürde, Wahlkreisgröße, Sitzzuteilungsverfahren und Überhangmandate.
Warum wird die Fünfprozenthürde als Konstante in der Analyse behandelt?
Da in allen deutschen Bundesländern eine Fünfprozenthürde existiert, ist sie keine Variable, sondern eine Konstante; daher wird sie zur Analyse in einer "Kontrollgruppe" rechnerisch entfernt.
Welche Rolle spielt die Wahlkreisgröße für die Disproportionalität?
Die Wahlkreisgröße erweist sich als der maßgebliche Faktor für die Disproportionalität, sofern die Fünfprozenthürde als Einflussfaktor kontrolliert wird.
Was ist das Ergebnis bezüglich der Parlamentskammergröße?
Die Analyse zeigt, dass die Parlamentskammergröße statistisch keinen signifikanten Einfluss auf die Disproportionalität ausübt und somit als Prädiktor weniger relevant ist.
- Quote paper
- Christoph Emanuel Müller (Author), 2007, Disproportionalität in den Wahlsystemen der Bundesländer, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89711