Personenzentrierte Therapieform mit Jugendlichen zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung in der Adoleszenz


Diplomarbeit, 2007

135 Seiten, Note: 2,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1 Der personenzentrierte Therapieansatz
1.1 Historische Entwicklung
1.1.1 Entwicklung des personenzentrierten Therapieansatzes durch Carl R. Rogers
1.1.2 Verbreitung in Deutschland
1.1.3 Aktuelle Entwicklung
1.2 Personenzentrierter Therapieansatz im Bezugsrahmen der Humanistischer Psychologie
1.2.1 Das Menschenbild der Humanistischen Psychologie
1.2.2 Die humanistische Sicht des Menschen im personenzentrierten Therapieansatz
1.3 Die Persönlichkeitstheorie von Carl R. Rogers
1.3.1 Grundbegriffe
Organismus
Aktualisierungstendenz
Erfahrung
Symbolisierung
Selbst, Selbstkonzept, Selbststruktur
Selbstaktualisierungstendenz
1.3.2 Die Entwicklungstheorie von Carl R. Rogers
Entwicklungsrelevante Bedürfnisse des Individuums
Entwicklung des Selbstkonzepts
Exkurs: Bindungstheoretische Aspekte im personenzentrierten Therapieansatz
Theorie der Fully Function Person
1.4 Das Konzept der Störung im personenzentrierten Therapieansatz
1.4.1 Theorie der Inkongruenz
Einfluss frühen Inkongruenzerlebens
Folgen des Inkongruenzerlebens
1.4.2 Funktion des Störungskonzepts
1.5 Therapietheoretische Aspekte des personenzentrierten Ansatzes
1.5.1 Therapieprozess
Prozesskontinuum
1.5.2 Therapeutisches Beziehungsangebot – Therapeutenvariablen
Empathie – Einfühlendes Verstehen
Akzeptanz – Bedingungsfreie positive Beachtung
Kongruenz – Echtheit
1.5.3 Klient
Selbstexploration
Selbstverantwortlichkeit des Klienten
1.5.4 Therapieziele

2 Entwicklung im Jugendalter
2.1 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
2.2 Pubertäre Entwicklung und ihre Folgen
2.2.1 Körperwachstum
2.2.2 Sexuelle Reifung
2.2.3 Folgen pubertärer Entwicklung
Körperselbstbild
Geschlechtsidentität, Geschlechtsrolle, sexuelle Orientierung und Sexualverhalten
2.3 Kognitive Entwicklung und ihre Folgen
Moralische Entwicklung
2.4 Lebenssituation Jugendlicher im sozialen Kontext
2.4.1 Sozialisationsinstanz Familie
2.4.2 Beziehung zu Gleichaltrigen
2.4.3 Schul- und Ausbildungsinstitutionen
Sozialisationsinstanz Schule
Ausbildungszeit – Berufliche Qualifizierung
2.5 Entwicklung der Identität und des Selbstkonzepts im Jugendalter
Identitätsentwicklung
Veränderung des Selbstkonzepts
2.6 Bedürfnisse Jugendlicher
2.7 Persönlichkeitsentwicklung in der Adoleszenz
2.8 Bewältigungsstrategien im Jugendalter
2.9 Psychopathologische Erscheinungsbilder im Jugendalter

3 Personenzentrierte Therapie mit Jugendlichen
3.1 Abgrenzung zur Kinder- und Erwachsenentherapie
3.2 Kennzeichen personenzentrierter Jugendlichenpsychotherapie
3.3 Probleme in der Therapie mit Jugendlichen
3.4 Personenzentrierte Arbeitsweise in der Therapie mit Jugendlichen
3.5 Ziele personenzentrierter Therapie mit Jugendlichen
3.6 Indikationskriterien personenzentrierter Therapie mit Jugendlichen
3.7 Verlauf personenzentrierter Therapie mit Jugendlichen
3.8 Bedürfnisse Jugendlicher im Bezugsrahmen des personenzentrierten Therapieansatzes
3.9 Exemplarische Betrachtung: Depression im Jugendalter und Behandlungsmöglichkeiten nach dem personenzentrierten Therapieansatz
3.9.1 Depression im Jugendalter
3.9.2 Beziehungsgefüge, Inkongruenzkonstellation und Selbstkonzept Jugendlicher mit depressiver Störung
3.9.3 Behandlungsmöglichkeiten für Jugendliche mit depressiver Störung nach dem personenzentrierten Therapieansatz

Schluss

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

„Elisa ist 15 Jahre alt. Sie lebt seit einigen Jahren mit ihrem Vater und ihrer Halbschwester allein. Als sie elf Jahre alt war, verschwand ihre Mutter an Weihnachten und kam nicht wieder zurück. Heute hat Elisa ab und zu Kontakt mit ihrer Mutter, die die Verabredungen mit ihrer Tochter oft vergisst. Nach den Treffen mit ihrer Mutter weiß Elisa nichts mit sich anzufangen. Sie nörgelt herum, ist gereizt und bricht in Tränen aus. Sie fühlt sich allein gelassen, wertlos und ungeliebt. Vom Vater, der schon das Rentenalter erreicht hat, fühlt sie sich unverstanden und ständig mit ihrer Schwester verglichen. Heftige und laute Streitereien zwischen Elisa und ihrem Vater häufen sich. Elisa besucht die neunte Klasse einer Hauptschule. Seit einigen Wochen fallen ihre Leistungen stark ab und sie bleibt der Schule oft unentschuldigt fern. Ihren Abschluss wird sie nicht erreichen. In ihrer Klasse fühlt sich Elisa nicht wohl. Oft wird sie wegen ihrer Figur gehänselt, beschimpft und manchmal verprügelt. Elisa hat keine Freunde. Sie verbringt ihre Freizeit zu Hause vor dem Fernseher und verzehrt mit großem Appetit diverse Süßigkeiten. Sie fühlt sich innerlich leer, ausgebrannt und hat keine Lust irgendetwas zu tun. Seit Elisa die Schule schwänzt, ist sie manchmal am Bahnhof bei den „Älteren“, die dort rumhängen. Elisa kifft jetzt regelmäßig und probiert auch andere Drogen, weil sie dazu gehören möchte und ein gutes Gefühl dabei hat. Ihre Unter- und Oberarme zeigen in wachsendem Maß „Ritz-Wunden“, die sie sich selbst zufügt und die immer tiefer in ihr Fleisch einschneiden. Wenn sie das Blut sieht und das Ziehen beim Einschneiden spürt, geht es ihr besser, dann fühlt sie sich nicht mehr so leer. Oft denkt sie darüber nach, wie es wäre nicht mehr zu leben, gar nichts mehr zu spüren …“

Das Jugendalter stellt sich in modernen Gesellschaften als wichtige und zunehmend komplexe Entwicklungsphase des Menschen dar. Es bildet den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter. Vielfältige Entwicklungsprozesse sind dabei von Jugendlichen zu bewältigen und an die Entfaltung ihrer Persönlichkeit geknüpft. Eine konstruktive Persönlichkeitsentwicklung in der Adoleszenz wird von unterschied­lichen Faktoren beeinflusst und impliziert psychische Gesundheit und Wohlbefinden. Die meisten Jugendlichen durchlaufen die Adoleszenz ohne schwerwiegende Probleme. Einige sind jedoch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigt und leiden an psychischen Störungen, wie das Mädchen im oben konstruierten Fall­beispiel. Hilfe und Unterstützung bei der Bewältigung verschiedener Entwicklungs­anforderungen und Erkrankungen erhalten Jugendliche unter anderem durch psychotherapeutische Maßnahmen. Das Psychotherapieangebot ist heute von zahlrei­chen Verfahren und Methoden geprägt und bietet ein facettenreiches Bild.

Das Verfahren des personenzentrierten Therapieansatzes stellt ein mögliches Angebot dar und ist für die vorliegende Arbeit zur Betrachtung ausgewählt. Der Ansatz wurde ausgesucht, weil er neben den beiden großen psychoanalytisch sowie behavioral orientierten Schulen als humanistisch orientiertes Verfahren das Therapieangebot erweitert. Der personenzentrierte Therapieansatz stellt sich als „Dritte Kraft“ gegenüber den eben genannten Verfahren dar. Des Weiteren weckte die Begegnung mit der personenzentrierten Grundhaltung in verschiedenen pädagogischen Bereichen durch studienbegleitende Tätigkeiten mein persönliches Interesse. Der personen­zentrierte Therapieansatz wird in der Literatur auch als klientenzentrierte Therapie, Rogerstherapie, nichtdirektives Verfahren oder Gesprächstherapie bezeichnet. In der vorliegenden Arbeit wird durchgängig der Titelbegriff verwendet.

Das Thema Jugendalter ist neben dem personenzentrierten Therapieansatz zentraler Gegenstand der Arbeit und aufgrund persönlicher Erfahrungen in pädagogischer Arbeit mit Jugendlichen ausgesucht worden. Die Adoleszenz beschreibt eine umfangreiche und vielschichtige Phase im Lebenslauf, die sich unmittelbar auf die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen auswirkt. Im Zusammenhang mit den allgemeinen Entwicklungsprozessen der Adoleszenz sind Erkrankungen in Form psychischer Störungen als Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsentwicklung von Interesse.

Die vorliegende Diplomarbeit beschäftigt sich mit der Fragestellung, ob das psycho­therapeutische Verfahren des personenzentrierten Therapieansatzes den Entwicklungs­prozessen Jugendlicher und ihrer Bedürfnisse gerecht werden kann. Die Frage richtet sich damit auf die Möglichkeit der Förderung der Persönlichkeitsentwicklung in der Adoleszenz durch das Angebot der personenzentrierten Therapieform.

Zur Erschließung dieser Fragestellung wird die Arbeit in drei Kapitel gegliedert. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem personenzentrierten Therapieansatz und soll einen grundlegenden Überblick zur Therapieform geben. Im zweiten Kapitel wird die Entwicklung im Jugendalter thematisiert und soll ein umfassendes Verständnis von den zahlreichen Veränderungen der Adoleszenz widerspiegeln. Zentral sind hier die, sich aus den Entwicklungsprozessen abzuleitenden, Bedürfnisse Jugendlicher. Ausgehend von den erfolgten Betrachtungen zum Therapieangebot und Jugendalter, werden im dritten Kapitel die Darstellungen miteinander verknüpft. Bedeutsame Aspekte sind die konkrete Arbeitsweise mit Jugendlichen im personenzentrierten Therapieansatz sowie die Betrachtung adoleszenter Bedürfnisse im Bezugsrahmen dieses Therapieangebots.

Für die Bearbeitung des Themas „Personenzentrierte Therapie mit Jugendlichen – Personenzentrierte Therapieform zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung in der Adoleszenz“ liegt wenig explizit zugehörige Literatur vor. Die meisten Arbeiten beschäftigen sich mit der Therapie von Kindern. Allerdings finden sich zu den beiden ersten Kapiteln zahlreiche Schriften. An dieser Stelle wird darauf hingewiesen, dass einige Passagen der vorliegenden Arbeit aufgrund mangelnder Daten, Untersuchungen und Literatur hypothetisch dargestellt oder mit anderen Aspekten verknüpft werden. Jeweilige Hinweise dazu erfolgen im Text. Diese Diplomarbeit erhebt nicht den Anspruch an Vollständigkeit. Verschiedene Themen können durch den begrenzten Rahmen nicht detailliert ausgeführt werden.

Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit für die Bezeichnung weiblicher und männlicher Personen die männliche Form verwendet.

1 Der personenzentrierte Therapieansatz

Das erste Kapitel wird sich grundlegend mit dem personenzentrierten Therapieansatz beschäftigen. Um ein genaues Bild dieser Therapieform zu erhalten, wird dieser Teil wir folgt gegliedert. Zunächst werden Aspekte der Entstehung der Therapieform dargestellt. Dann sind zentrale Bezüge zur Humanistischen Psychologie erklärt. Diese spiegeln das humanistische Menschenbild wider, welches für die Einstellungen, Grundhaltungen des Therapeuten entscheidend ist. Ebenso sind die Betrachtungen zur Persönlichkeitstheorie und Störungskonzept ausführlich erläutert, da sie für das Gesamtverständnis des personenzentrierten Therapieansatzes wichtig sind. Schließlich sind konkrete therapietheoretische Aspekte des personenzentrierten Therapieansatzes dargelegt.

1.1 Historische Entwicklung

Die folgenden Erläuterungen zur historischen Entstehung beinhalten die Entwicklung des personenzentrierten Ansatzes durch Carl R. Rogers, in der verschiedene Einflüsse und Entwicklungsphasen zusammengefasst werden. Zudem wird die Verbreitung des Ansatzes in Deutschland sowie eine knappe Skizze zur Aktuellen Entwicklung gegeben. Diese Beschreibungen dienen der kurzen Einführung und Standortbe­stimmung des Themas.

1.1.1 Entwicklung des personenzentrierten Therapieansatzes durch Carl R. Rogers

Der amerikanische Psychologe Carl R. Rogers (1902-1987)[1] wird als Gründungsvater des personenzentrierten Therapieansatzes bezeichnet. In seinen Arbeiten finden sich verschiedene Einflüsse, die sein Therapiekonzept prägten (vgl. Quitmann 1996, S. 174ff.). Die wichtigsten dieser Einflüsse sind nachfolgend kurz skizziert.

Rogers selbst betont, dass seine eigene Biographie insbesondere der familiäre Einfluss hinsichtlich seiner Erziehung, aber auch Studium und praktische Tätigkeiten in der Erziehungsberatungsstelle die Entwicklung des personenzentrierten Therapiekonzepts beeinflussten (vgl. Rogers 1991a, S. 11ff.). Außerdem wurde Rogers Konzept entscheidend durch den Freud Schüler Otto Rank beeinflusst. Dieser postuliert, dass man dem Menschen nur gerecht wird, wenn man ihn als ein willentlich in aktiver Auseinandersetzung mit der Umwelt stehendes Wesen begreift (vgl. Quitmann 1996, S. 157). Zudem sind Ranks Leitgedanken zur Psychotherapie, insbesondere dessen Gedanken zur Methodik wegweisend für Rogers Ansatz[2] (vgl. Pfeiffer 1990, S. 11ff.). Als US-Bürger wird Rogers und seine Gedanken zum personenzentrierten Ansatz auch von der amerikanischen Lebenseinstellung, dem Individualismus, Subjektivis­mus und Themen der Selbstreflexivität, des Selbstbewusstseins und der Selbstverwirklichung geformt (vgl. Wuttig 1990, S. 32ff.). Zugleich finden sich Parallelen zu verschiedenen Philosophischen Strömungen. Hier ist zu erwähnen, dass Rogers seine Ideen nicht daraus ableitet, sondern eigene Erkenntnisse darin wieder entdeckt und bestätigt sieht (vgl. ebd., S. 22f.). Dem personenzentrierten Ansatz liegt eine optimistische Auffassung des Menschen zugrunde. In diesem Menschenbild spiegeln sich Rogers Erfahrungen. Er betrachtet den Menschen als grundsätzlich gut, aber durch Sozialisationsprozesse geprägt (vgl. Korunka 1992, S. 78). In dieser Auffassung zeigt sich eine geistige Nähe zu Rousseaus radikal anthropologischen Optimismus[3] (vgl. Wuttig 1990, S. 27f.). Zudem lassen sich Parallelen zu Dilthey und dem amerikanischen Pragmatismus sowie zum Taoismus bezüglich der Annahme des Lebens als ständig, fließender Prozess herstellen. Gleichzeitig entsprechen Rogers Gedanken in einigen Ansätzen der europäischen Existenzphilosophie, wobei besonders die Gedanken Kierkegaards und Bubers hervorzuheben sind (vgl. ebd., S. 26ff.).

Die Entstehung des personenzentrierten Ansatzes lässt sich in drei Phasen untergliedern. In jeder Phase verändert sich die Bezeichnung der Therapieform, je nachdem welchen Schwerpunkt Rogers betont. In der ersten Phase (1940-1950) trägt das Verfahren den Namen „Nicht-Direktive Psychotherapie“ und das nicht-direktive Verhalten des Therapeuten sowie die empathische Reflexion von Gefühlen des Klienten durch den Therapeuten wird hervorgehoben. In der zweiten Phase (1950-1957) bezeichnet Rogers sein Konzept als „Klientenzentrierte Psychotherapie“ und betont eine kongruente Haltung des Therapeuten durch die Empathie wirksam und effektiv werden soll. Die dritte Phase (ab 1957) verleiht dem Konzept seinen bislang endgültigen Namen „Personenzentrierte Psychotherapie“ und akzentuiert eine menschliche Begegnung von Person zu Person in der Therapie (vgl. Quitmann 1996, S. 147ff./ Eckert 2001, S.232).

1.1.2 Verbreitung in Deutschland

In Deutschland verbreiteten sich Forschung und Lehre der personenzentrierten Psychotherapie in den 1970ger Jahren enorm. Dabei wurde Rogers Therapiekonzept wesentlich durch Reinhard Tausch[4] etabliert (vgl. Eckert 2001, S. 232ff.). Zunächst nannte Tausch das Verfahren Gesprächstherapie, da ein Ausüben von Psychotherapie damals für Psychologen nicht gestattet war (vgl. Geuter 2007, S. 65). Später wird der Begriff Gesprächspsychotherapie verwendet, der ein allgemeines Verständnis von Therapie betont (vgl. Pörtner 1994, S. 15ff.). Die empirische Überprüfung des Verfahrens ist Tausch von Beginn an sehr wichtig, daher liegen viele empirische Untersuchungen zu Verhaltensmerkmalen von Therapeuten und Klienten sowie zu Wirksamkeitsfaktoren des Verfahrens unter Tausch vor. Zudem leistete Tausch einen wesentlichen Beitrag zur Öffnung der therapeutischen Tätigkeit für Psychologen (vgl. Höger 2006a, S. 34).

1.1.3 Aktuelle Entwicklung

Der personenzentrierte Ansatz war ursprünglich auf die therapeutische Arbeit zugeschnitten. Heute werden dessen Annahmen und Haltungen auch in verschiedenen anderen Bereichen wie z. B. Beratungsarbeit, Erziehung oder Organisationsent­wicklung angewandt (vgl. Eckert 2001, S. 233f./ Weinberger 2006). Im deutschen Sprachraum lassen sich verschiedene Strömungen in der therapeutischen Arbeit des personenzentrierten Ansatzes erkennen. Diese brachten unterschiedliche Psycho­therapieformen hervor, allerdings sind ihnen grundlegende Annahmen wie z. B. ein humanistisches Menschenbild gemeinsam (vgl. Eckert 2001, S. 238ff./ Sachse 1999, S. 11f.). Die Strömungen legen verschiedene Schwerpunkte und charakterisieren sich z. B. als die klassische Gesprächspsychotherapie, die Störungs- und Prozessorientierte Ansätzen, die Zielorientierte Ansätze und die Prozess-Erlebnisorientierte Konzepte (vgl. Sachse 1999, S. 11f.).

Die nachfolgenden Darstellungen beziehen sich auf den personenzentrierten Ansatz als humanistisches Verfahren innerhalb der Humanistischen Psychologie. Darin sollen zuerst eine Erläuterung zur Entstehung der Humanistischen Psychologie und an­schließend wesentliche Charakteristiken sowie das Menschenbild dieser Bewegung herausgearbeitet werden. Diese Merkmale sind für die humanistische Sichtweise des Menschen im Rahmen des personenzentrierten Therapieansatzes grundlegend. Sie prägen die Haltung und Einstellung des Therapeuten und demnach dessen Verhalten gegenüber dem Klienten. An dieser Stelle kann betont werden, dass diese Eigenschaft ein zentrales Merkmal des personenzentrierten Ansatzes ist.

1.2 Personenzentrierter Therapieansatz im Bezugsrahmen der Humanistischer Psychologie

Die Humanistische Psychologie ist eine Bewegung der 1950er Jahre und entstand in den USA. Sie wird als eine intellektuelle Bewegung innerhalb der Psychologie definiert und sollte das psychologische Denken im Sinne einer humanistischen Sichtweise verändern. Erstmals trat die Bewegung 1961 mit dem „Journal of Humanistic Psychology“ öffentlich auf und gründete im folgenden Jahr mit Wissenschaftlern wie z. B. Maslow, Bühler und Rogers die „American Association of Humanistic Psychology“. Die Bewegung wird auch als „Dritte Kraft“ innerhalb der Psychologie bezeichnet und präsentiert sich als Gegenbewegung zur Psychoanalyse und zum Behaviorismus (vgl. Völker 1980, S. 13f.). Die Humanistische Psychologie ist von vielfältigen Strömungen geprägt, die unterschiedliche Ansätze entwickelten. Zu diesen gehören z. B. der personenzentrierte Therapieansatz von Rogers, die Gestalttherapie von Perls oder die Themenzentrierte Interaktion von Cohn[5]. Den verschiedenen Konzepten liegen dennoch bestimmte humanistische Prinzipien insbesondere ein spezifisches Menschenbild zugrunde (vgl. Quitmann 1996, S. 12ff.). Nachfolgend werden diese Aspekte erarbeitet und folgend auf die Sichtweise des Menschen im personenzentrierten Therapieansatz bezogen.

1.2.1 Das Menschenbild der Humanistischen Psychologie

Zur Erfassung der Charakteristiken und des Menschenbilds in der Humanistischen Psychologie ist es hilfreich, den Zeitgeist der Entstehung dieser Bewegung zu betrachten. Die Humanistische Psychologie entspringt der „wachsenden, sozialen und kulturellen Krise und dem Gefühl der Entmenschlichung und der Vermassung des Individuums“ (Bühler, Allen 1973, S. 6). Ursachen hierfür sind z. B. die Industrialisierung und Technologisierung menschlicher Lebenswelt, gesellschaftliche Veränderungen mit dem Verlust traditioneller Werte und folgendem Wertewandel, die Entfremdung des Menschen von sich selbst sowie die Identitätsgefährdung durch pluralisierte Lebensläufe (vgl. Bühler, Allen 1973, S. 6ff./ Völker 1980 S. 14). Infolge der Modernisierungsprozesse treten die Bedeutungen der Aspekte Individualität, Subjektivität und zugleich wachsende Abhängigkeit des Einzelnen von der Technik hervor (vgl. Quitmann 1996, S. 12ff.). Die Humanistische Psychologie bezieht sich auf die damit verbunden Fragen und Bedürfnisse des Menschen und stellt Themen der Werteorientierung, der Ziel- und Sinnhaftigkeit, der Würde und Freiheit des Menschen in den Mittelpunkt (vgl. Völker 1980, S. 19f./ Karmann 1987, S. 19). Zudem ist die Bewegung auf der Suche nach einem alternativen Menschenbild in der Psychologie und betont die Komplexität menschlichen Verhaltens (vgl. Bühler, Allen 1973, S. 19f./ von Scheidt 1998, S. 103f.). Einerseits wird das deterministische Menschenbild der psychoanalytischen Schule, andererseits das mechanistische Menschenbild des Behaviorismus abgelehnt (vgl. Völker 1980, S. 15f.).

Das Menschenbild der Humanistischen Psychologie ist an fundamentalen Axiomen orientiert, die sich aus philosophischen Annahmen über den Menschen ergeben. Darin werden z. B. auf dem Hintergrund existenzialistischer und phänomenologischer Philosophie die Aspekte Wahl, Entscheidung, Verantwortlichkeit, Gegenwärtigkeit des Erlebens und Erfahrens, grundlegende Sinn- und Werteintentionalität, Selbstver­antwortlichkeit, Selbstverwirklichung und Ganzheitlichkeit des Individuums diskutiert (vgl. Quitmann 1996, S. 85ff., S. 280ff.).

Zur Bestimmung des Menschenbildes werden vier Postulate angenommen. Das Erste beschreibt Autonomie und soziale Interdependenz und steht im Bezug zu einem sich aktiv mit der Umwelt auseinandersetzenden Individuum. Das autonome Selbst des Menschen bildet sich danach durch soziale Interdependenz heraus und beeinflusst zugleich seine Umwelt (vgl. Völker 1980, S. 16ff./ Karmann 1987, S. 63). Das zweite Postulat entspricht dem Streben nach Selbstverwirklichung, als angeborenes und motivierendes Verhalten des Subjekts. Hier ist das Streben nach Ausdifferenzierung gegebener Anlagen, Selbstverwirklichung und Entfaltung auf psychischer, sozialer und kognitiver Ebene gemeint (vgl. Völker 1980, S. 18). Das dritte Postulat bedeutet Ziel- und Sinnorientierung des Individuums. Darin wird ein bewusstes und zielge­richtetes Verhalten des Menschen angenommen, der nach einem sinnerfüllten Leben strebt. Schließlich betont das vierte Postulat die Ganzheit des Menschen als handelndes Subjekt unter Einbezug biopsychosozialer Prozesse (vgl. ebd., S. 18ff.).

1.2.2 Die humanistische Sicht des Menschen im personenzentrierten Therapieansatz

Menschlichkeit - humanitas (Humanität) - ist ein alter philosophischer Begriff“ (Strombach 1992, S. 203) und Humanismus bedeutet „die Hinwendung zum Menschen selbst“ (Karmann 1987, S. 54). Der Begriff bezieht sich auf jeweilige Idealvorstellungen von Menschlichkeit und Menschenbildung und meint heute unter anderem eine mitmenschliche Haltung und Handlungsweise, wobei die Würde des Menschen besonders hervorgehoben wird. Ebenso wird die Möglichkeit des Menschen, sich durch Selbstreflexion seiner eigenen Existenz bewusst zu werden, betont (vgl. Wiersing 2001, S. 15ff.). Weiter entsprechen humanistische Leitgedanken einer ganzheitlich individuellen Betrachtung des Menschen und einem grundlegenden Prinzip von Gerechtigkeit, Lebensfreundlichkeit und Selbstentfaltung des Menschen (vgl. Strombach 1992, S. 204f.). Danach steht neben dem Bezug zur Menschlichkeit die Frage nach dem Sinn und der Daseins­erfüllung des menschlichen Lebens im Mittelpunkt (vgl. Völker 1980, S. 14ff.). In diesen Merkmalen verdeutlichen sich nochmals zentrale Prinzipien der Humanisti­schen Psychologie und des entsprechenden Verständnises vom Menschen. Da der personenzentrierte Therapieansatz der Humanistischen Psychologie zugeordnet ist, kennzeichnen diese spezifischen Themen und das Menschenverständnis den Ansatz.

Bezüglich dieser Arbeit interessiert im Folgenden, dass für den personenzentrierten Therapieansatz zentrale Menschenbild. Das spezifische Verständnis des Menschen nimmt darin eine zentrale Stellung ein, denn es erklärt die grundlegende Einstellung des Therapeuten gegenüber dem Klienten sowie seine Arbeitsweise. Zudem bestimmen sie die therapeutische Beziehung und den Therapieerfolg mit. Hervorzu­heben ist, dass der Therapeut diese Werte und das Menschenbild nicht nach einer Technik erlernt, sondern im Laufe seiner eigenen Entwicklung, Ausbildung und Erfahrung erlangt. In seinem Handeln und in seiner Grundhaltung bringt er dies zum Ausdruck. Im personenzentrierten Therapieansatz ist das Menschenbild optimistisch und die Person wird als zutiefst positives, konstruktives und soziales Wesen betrachtet (vgl. Korunka 1992, S. 72ff.). Eine Orientierung an der Ganzheitlichkeit, Autonomie und Individualität des Menschen ist zentral. Der Therapeut ist nicht an bestimmten Verhaltensweisen des Klienten, sondern an der gesamten individuellen Person interes­siert und orientiert. Zudem wird dem Individuum eine angeborene Entwicklungs­tendenz unterstellt, die in Richtung zunehmender Autonomie, Differenzierung, Selbstverantwortung, Selbstverwirklichung, Komplexität und Konstruktivität strebt. Dabei besteht eine grundsätzliche Haltung des Vertrauens darin, dass der Mensch ein Entwicklungs- und Erhaltungspotenzial in sich trägt[6] (vgl. ebd., S. 71ff.). Für die personenzentrierte Therapie bedeutet dies eine allgemeine Ausrichtung auf Ent­wicklung insbesondere Persönlichkeitsentwicklung. Die therapeutische Beziehung stellt sich darin als zentrales Erfahrungsmoment und Entwicklungsbasis dar (vgl. Bender 1979, S. 89f.). Zugleich wird die Selbstverantwortlichkeit des Klienten betont und auf dessen Entwicklungspotenzial, Selbstverwirklichungs- und Selbstentfaltungs­kräfte vertraut. Der personenzentrierte Ansatz geht zudem davon aus, dass der Klient ein Experte für sich selbst ist. Der Therapeut übernimmt eine Unterstützungsfunktion in der Selbsthilfe des Klienten und betont dessen Ressourcen (vgl. Sachse 1999, S. 12f.). Dabei werden dem Menschen Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten als innere Freiheiten zugesprochen (vgl. Karmann 1987, S. 57ff.). Der Mensch hat zudem eine grundlegende Ziel- und Sinnintentionalität bezüglich seines Handelns und Daseins. Darin wird er von einem verinnerlichten organismischen Wertesystem beeinflusst. Dieses ist einerseits primär, an der angeborenen Entwicklungstendenz orientiert, andererseits sekundär durch soziale Einflüsse geprägt (vgl. Bender 1979, S. 89f.). Im personenzentrierten Therapieansatz wird ausgehend von diesen Eigenschaf­ten des Menschen weiter angenommen, dass der Klient sich durch Selbstreflexion seiner eigenen Existenz und Gegenwärtigkeit seines Erfahrens bewusst werden kann (vgl. Jaeggi 1980, S. 286f.). Dies erfolgt insbesondere durch soziale Interaktion mit anderen, die ein Grundbedürfnis des Individuums darstellt. Demnach bildet die Inter­aktion im Rahmen einer therapeutischen Beziehung die Voraussetzung für das Bewusstwerden, Erfüllung grundlegender Bedürfnisse und Veränderungen (vgl. Höger 2006a, S. 27f.).

Es wird deutlich, dass der Therapeut aufgrund humanistischer Grundannahmen eine spezifische Haltung gegenüber seinem Klienten einnimmt. Er betrachtet ausgehend vom Postulat der Ganzheit den gesamten Menschen. Weiter schreibt er dem Klienten Autonomie und Eigenverantwortlichkeit zu. Er vertraut auf dessen Entwicklungspo­tenzial und Ressourcen zur Selbstheilung und Persönlichkeitsentwicklung. Eine partnerschaftliche Haltung wird zudem in der therapeutischen Beziehung betont. Autoritäts- bzw. Machtgefälle zwischen Therapeut und Klient werden vermieden und vielmehr eine Begegnung von Person zu Person ermöglicht. Der Therapeut beachtet die Würde des Menschen und berücksichtigt eine mitmenschliche Haltung und Handlungsweise. Die therapeutische Beziehung ist die Basis für Entwicklung- und Entfaltungsprozesse der Klientenpersönlichkeit.

Wie in der erfolgten Darstellung anklingt, sind neben der Orientierung an einem bestimmten Menschenbild verschiedene Annahmen über die Entwicklung und Funktionsweise des Individuums im Rahmen einer Therapietheorie und -orientierung wichtig. Diese werden im folgenden Kapitel im Rahmen der Persönlichkeitstheorie von Carl R. Rogers vermittelt.

1.3 Die Persönlichkeitstheorie von Carl R. Rogers

Der Persönlichkeitstheorie von Rogers liegen die oben genannten Annahmen zum Verständnis des Menschen zugrunde. Ursachen dafür sind, dass die Erkenntnisse und Postulate zur Persönlichkeitstheorie aus der therapeutischen Erfahrung von Rogers und Mitarbeitern abgeleitet wurden. Demnach fließen die zentralen Haltungen des Menschenbildes, die sich im Zuge der Entwicklung des Therapieansatzes differen­zierten, mit in die Konzeption der Persönlichkeitstheorie von Rogers ein. Gleichzeitig ist die Persönlichkeitstheorie von Rogers für die Arbeits- und Verstehensweise des Therapeuten in der Beziehung zum Klienten bedeutend. Im Folgenden werden zentrale Begriffe, Konstrukte und Annahmen wie Organismus, Aktualisierungs­tendenz, Erfahrung, Symbolisierung, Selbst, Selbstaktualisierungs- und Selbster­haltungstendenz als Grundbegriffe der Persönlichkeitstheorie von Carl R. Rogers definiert (vgl. Höger 2006b, S. 37f.). Dann sind Annahmen zur Entwicklung des Individuums zu betrachten, welche als Entwicklung des Selbst verstanden wird. Die Theorie des Selbstkonzeptes und die Selbstkonzeptentwicklung sind zentrale Punkte dieser Entwicklungslehre (vgl. Quitmann 1996, S. 143).

1.3.1 Grundbegriffe

Die nachfolgenden Grundbegriffe sind für das Verständnis der Entwicklungslehre und der gesamten Persönlichkeitstheorie im personenzentrierten Ansatz wichtig. Diese theoretischen Aspekte ergänzen die Grundhaltung des Therapeuten und stellen rele­vante Themen seiner Arbeitsweise und seiner therapeutischen Auffassung dar. Das Verständnis für entwicklungstheoretische Annahmen ist insbesondere für die therapeutische Arbeit mit Jugendlichen aufgrund der vielfältigen Entwicklungs­prozesse in der Adoleszenz wichtig.

Organismus

Im personenzentrierten Konzept wird der Organismus als eine integrierte Gesamtheit jeglicher physischer und psychischer Prozesse und Funktionen des Individuums verstanden. Im Organismus spiegelt sich zudem die lebendige Existenz des Indivi­duums, die sich in aktiver Auseinandersetzung und Interaktion mit seiner sozialen Umwelt entwickelt. Dabei nehmen alle zugehörigen Organe, Merkmale und Funk­tionsweisen des Organismus am Ausdruck seiner Existenz teil und bestimmen diese mit (Höger 2006b, S. 38). Weiter bleibt der Organismus als funktionale Einheit trotz ständiger Veränderungsprozesse als Ganzes bestehen. Der Organismus ist in den Veränderungsprozessen durch eine Erhaltungs- und Entfaltungstendenz beeinflusst (vgl. Korunka 1992, S. 74). Diese werden im Folgenden verdeutlicht.

Aktualisierungstendenz

Nach Rogers bezeichnet der Begriff Aktualisierungstendenz eine dem Organismus zugehörige Tendenz zur Entwicklung aller ihm immanenten Möglichkeiten. Diese berücksichtigen einerseits den Erhalt des Organismus, andererseits seine Weiterent­wicklung. Die Aktualisierungstendenz strebt bezüglich der Entwicklung des Orga­nismus, nach zunehmender Differenzierung seiner selbst und seiner Funktionen. Zugleich beinhaltet sie die Erweiterung des Organismus im Sinne von Wachstum, Verbesserung und Steigerung der Effektivität. Grundsätzlich richtet sich diese Ent­wicklung auf Autonomie und innere Freiheit des Individuums. Die Aktualisierungs­tendenz wird als universelles und grundlegendes Prinzip betrachtet, die jedem Orga­nismus im Sinne seiner Ganzheit zugrunde liegt (vgl. Rogers 1991a, S. 21f.). Zudem ist sie die verhaltensmotivierende und -organisierende Quelle des Organismus (vgl. Höger 2006b, S. 55). Weiterhin wird der Aktualisierungstendenz die Eigenschaft zugeschrieben, Maßstab des Organismus zu sein, der Erfahrungen und Erlebnisse bewertet. Demzufolge bewertet ein Organismus der Aktualisierungstendenz entspre­chende Ereignisse positiv und widersprechende Erfahrungen negativ (vgl. Quitmann 1996, S. 143).

Das Konstrukt der Aktualisierungstendenz enthält wie oben angesprochen Aspekte der Erhaltung und Entfaltung. Die Erhaltung bezieht sich auf die Bewahrung der physischen und psychischen Existenz des Organismus durch die Aktivierung gemäß seiner Möglichkeiten. Diese Funktion kann anlässlich einer Bedrohung oder infolge von Lernprozessen auftreten. Die Entfaltung des Organismus tritt in nicht bedroh­lichen Situationen ein und vollzieht sich in Auseinandersetzung mit der Umwelt. Im therapeutischen Bezug können psychische Störungen als Produkte der Erhaltungs­tendenz und deren Überwindung als Ergebnis der Entfaltungsdynamik betrachtet werden (vgl. Höger 2006b, S. 42).

Die Aktualisierungstendenz wird vor allem in der mehr oder minder erfolgreichen Bewältigung von Entwicklungsaufgaben im Lebenslauf des Individuums zum Thema (vgl. ebd., S. 55f.). Dieser Zusammenhang ist insbesondere für die personenzentrierte Therapie mit Jugendlichen aufgrund der vielfältigen Entwicklungsaufgaben in der Adoleszenz interessant. Konstruktive Bewältigungen einhergehender Anforderungen wirken positiv auf die Persönlichkeitsentwicklung des Individuums. Dagegen lösen unangemessene Bewältigungen die Dynamik der Erhaltung des Organismus aus. Infolge können psychische Störungen auftreten. Der Zusammenhang zwischen ange­messenen Bewältigungsstrategien und der Entwicklung psychischer Störungen wird hierin deutlich. Mit fehlerhafter Bewältigung von Anforderungen steigt die Wahr­scheinlichkeit psychischer Störungen. Allerdings können im therapeutischen Rahmen diese korrigiert und überwunden werden (vgl. ebd., S. 55f.).

Es wurde deutlich, dass die Aktualisierungstendenz ein leitendes Prinzip des perso­nenzentrierten Therapieansatzes darstellt. Darin spiegeln sich zugleich die grundle­gende Annahme und das Vertrauen in den Organismus zur konstruktiven Entwicklung und Überwindung gestörter Entwicklung. Die Entfaltung von Potenzialen, die auto­nomen Entwicklungsprozesse und die Selbstverantwortlichkeit des Klienten stehen dabei im Mittelpunkt. Der Therapeut ist in diesem Sinne nicht für die Veränderung des Klienten verantwortlich, er schafft jedoch die Basis für Veränderung durch seine therapeutische Haltung (vgl. ebd., S. 56f.).

Die folgenden Begriffe (Erfahrung, Symbolisierung und Selbst) erklären die Gestalt, die Handlungsfähigkeit und die Orientierung des Organismus in der Welt. Der Orga­nismus wird durch verschiedene Systeme unterstützt, wie dem System der Sensoren, welches Informationen der inneren und äußeren Welt aufnimmt und vermittelt. Be­stimmte Erfahrungen werden durch die Fähigkeit der Verknüpfung bestimmter Infor­mationen mit Erlebnissen widerspiegelt. Darin fließt die Bewertung aktueller Informa­tionen bezüglich der Bedürfnisse des Organismus ein. Aufgrund dieser Merkmale hat das Individuum die Fähigkeit der bewussten Repräsentation sowie die Möglichkeit zum inneren Problemhandeln (vgl. ebd., S. 58).

Erfahrung

Erfahrung beinhaltet alles, was sich innerhalb des Organismus in einem Augenblick vollzieht und potentiell bewusst werden kann. Der Begriff schließt nicht bewusste sowie bewusste Ereignisse ein (vgl. Rogers 1991a, S. 33). Der Erfahrung werden alle bewusst oder unbewusst wahrgenommenen Reaktionen des sensorischen Systems zugeschrieben. Zum sensorischen System gehören alle Arten der Wahrnehmung von körperlicher oder umweltbedingter Realität. Allerdings stellen körperliche Vorgänge, die dem Bewusstsein prinzipiell ausgeschlossen sind wie z. B. die Zellteilung, keine Erfahrung dar. Erfahrung zeichnet eine jeweils subjektive Realität des Individuums ab und ist in dieser Form nur diesem zugänglich (vgl. ebd., S. 23). Sie ist auf den gegenwärtigen Prozess bezogen und befindet sich in ständiger Veränderung. Außerdem bildet sie die fortwährende Verbindung des Individuums zu seiner Umwelt. Erinnerungen sind dabei insofern relevant, wie sie in der aktuellen Situation aktiv werden. Verhalten und repräsentierte Art des Erlebens bilden Reaktionen des Individuums zur Erfahrung und sind von der lebensgeschichtlichen Entwicklung sowie früherer Bewertungen beeinflusst (vgl. Höger 2006b, S. 58ff.).

Der Bewertungsprozess von Erfahrungen wird als organismische Bewertung bezeichnet und erfolgt in Abhängigkeit des Zustands vom Organismus, aber unab­hängig vom Grad des Bewusstseins. Grundlage dessen ist die Aktualisierungstendenz, die auf Erhaltung bzw. Entfaltung des Organismus gerichtet ist. Organismische Bewertungen vollziehen sich meist unbewusst und in Verbindung zu Affekten. Dies ist für die Auffassung von Symptombildung in Form psychischer Störungen und Erleben der Störung für die Therapiearbeit wichtig (vgl. ebd., S. 58ff.).

Symbolisierung

Rogers verwendet die Begriffe Gewahrwerdung, Symbolisierung und Bewusstsein synonym. Die Symbolisierung wird als Teil der Erfahrung des Individuums begriffen und schließt verbale, nonverbale, kognitive und affektive sowie physische und psychische Erfahrungen ein. Dabei ergeben sich unterschiedliche Stufen der be­wussten Wahrnehmung. Diese reichen von einem unklar erspürten Gewahrwerden bis hin zu einem klaren Bewusstsein[7] (vgl. Rogers 1991a, S. 24). Zudem liegen unter­schiedliche inhaltliche Vollständigkeiten und Qualitäten von Symbolisierungen vor. Diese beziehen sich auf die Übereinstimmung aktueller Erfahrungen und der Symbo­lisierung beim Individuum (vgl. Höger 2006b, S. 61). Gegenwärtiges Erleben der Person ist durch Interaktionserfahrungen mit den Bezugspersonen beeinflusst und kann exakt symbolisiert, unvollständig symbolisiert, verzerrt symbolisiert oder von der Symbolisierung ausgeschlossen sein (vgl. Rogers 1991a, S.24ff.).

Selbst, Selbstkonzept, Selbststruktur

Für Rogers ist das Selbst ein komplexes, in sich geschlossenes, dennoch flexibles und organisiertes Gebilde. Das Selbst ist dem Bewusstsein zugänglich, aber nicht stets gegenwärtig. Weiterhin betont Rogers, dass die Begriffe Selbst oder Selbstkonzept verwendet werden, wenn die Sichtweise der Person von sich selbst gemeint ist. Dage­gen bezieht sich die Selbststruktur auf äußere Betrachtung des Selbst (vgl. Rogers 1991a, S. 26).

Das Selbst ist eine in sich gegliederte Einheit, deren einzelnen Inhalte in besonderer Beziehung zueinanderstehen und ihre Bedeutung aus deren Gesamtkontext erhalten. Die inhaltliche Zusammensetzung des Selbst besteht aus der Wahrnehmung des Individuums von seinen Eigenschaften, seinen Beziehungen zu anderen, seiner An­sichten des Lebens und den mit seiner Wahrnehmung verbundenen Bewertungen von Erfahrungen. Diesbezügliche Wahrnehmungen können sich auf relativ überdauernde Persönlichkeitseigenschaften oder aktuelle Situationen beziehen (vgl. Höger 2006b, S. 65f.). Das Selbst ist ein theoretisches Konstrukt, das einen Bestandteil des Organismus einer Person darstellt. Das Selbst ist durch die Erfahrung des Individuums geprägt und hat trotz der Veränderungsprozesse eine integrierte und geordnete Struktur (vgl. Quitmann 1996, S. 145). Weiterhin besteht aufgrund dieser Einheit des Selbstkonzepts ein Identitäts- und Kontinuitätsgefühl beim Individuum (vgl. Biermann-Ratjen 2007, S. 58).

Dem Selbst liegen eine strukturierende Funktion, eine emotionale Funktion und eine handlungssteuernde Funktion zugrunde. Die strukturierende Funktion bezieht sich auf Kognitionen des Individuums und meint mentale Strukturen der Person, mit deren Hilfe Wissen über die Umwelt thematisiert und kategorisiert wird. Ferner ist dies Voraussetzung für Verknüpfungen und Interpretationen von Informationen der inner­en und äußeren Welt mit den Erinnerungen des Individuums. Daraus folgt, dass Informationen um die Denkweisen des Individuums herum organisiert sind. Die emotionale Funktion beschreibt die aus den Bewertungen des Individuums resultie­renden affektiven Reaktionen. Bewertungen ergeben sich aus den Vergleichen der Person zwischen ihrem aktuellen, ihrem idealen oder ihrem erwarteten Selbst. Schließlich erklärt die handlungssteuernde Funktion das Verhalten des Individuums. Inhalte des Selbst und die Art und Weise des Verhaltens beeinflussen den Typ der Verhaltensentscheidung, die Verhaltenserklärung und -bewertung sowie zukünftiges Verhalten (vgl. Höger 2006b, S. 67ff.).

Neben den Funktionen werden drei Ebenen des Selbst unterschieden. Erstens das aktuelle Selbst, welches scheinbar vorhandene Merkmale einer Person beinhaltet. Zweitens das ideale Selbst der Person, mit den Merkmalen, die sie gern besitzen möchte. Drittens das erwartete Selbst, das aus antizipierten Merkmalen besteht von denen die Person meint sie besitzen zu sollen (vgl. Rogers 1991a, S. 26/ ebd. S. 67).

Selbstaktualisierungstendenz

Mit Selbstaktualisierungstendenz wird die speziell auf das Selbst gerichtete allgemeine Aktualisierungstendenz bezeichnet (vgl. Rogers 1991a, S. 22). Darin spiegelt sich einerseits die Tendenz des Organismus sein Selbst zu erhalten und andererseits sein Selbst zu entfalten. Die Erhaltungstendenz gewährleistet Kontinuität der Orientierung des Individuums. Im Kontext der sich verändernden Umweltbe­dingungen und inneren Welt des Individuums stellt die Entfaltungstendenz die Anpassung von Repräsentations- und Orientierungssystemen sicher und trägt zur Entwicklung des Selbstkonzepts bei. Die Selbstaktualisierungstendenz sichert dem­nach die Entwicklung, effiziente Erhaltung und Anpassung sowie Orientierungs- und Handlungsfähigkeit des Individuums (vgl. Höger 2006b, S. 69).

Die Erhaltung des Selbstkonzepts entspricht der Selbsterhaltungstendenz, die nach Entwicklung eines ersten Selbstkonzepts erkennbar wird. Ihre Funktion ist, bestimmte Erfahrungen des Organismus hinsichtlich der Übereinstimmung mit dem Selbst­konzept zu bewerten. Übereinstimmung in diesem Sinne bedeutet Kongruenz von Erfahrung und Selbstkonzept, Nicht-Übereinstimmung ist eine Bedrohung für das Selbstkonzept und verursacht Inkongruenz. In gleicher Weise, wie es der Aktualisier­ungstendenz entspricht, werden Erfahrungen bezüglich des Organismus als förderlich oder hinderlich bewertet. Die Funktion der Selbsterhaltungstendenz steht im Zusam­menhang mit dem zentralen Bedürfnis nach positiver Selbstbeachtung und dem Inkongruenzerleben des Individuums (vgl. Biermann-Ratjen 2006a, S. 86f.).

In den Grundbegriffen spiegelt sich eine grundlegend optimistische und auf Entwicklung ausgerichtete Auffassung des Menschen wieder. Ein personenzentrierter Therapeut internalisiert diese Haltung und vertraut zugleich auf die konstruktiven Selbstheilungskräfte des Klienten. Er versteht sich zudem als Entwicklungshelfer des Klienten. Dies entspricht der Auffassung, dass der Klient Experte für sich selbst ist und eigene Lösungswege finden kann, die seinem Entwicklungspotenzial angemessen sind. Neben der Aktualisierungstendenz als motivierendes Moment steht die Persön­lichkeitsentwicklung der Person durch den aktiven Auseinandersetzungsprozess des Individuums mit seiner Umwelt im Vordergrund. Danach sind vor allem Beziehungs­erfahrungen nach dem personenzentrierten Ansatz für die Entwicklung der Person entscheidend. Diese prägen vor allem die Entwicklung des Selbstkonzepts, wie im Folgenden zu sehen ist.

1.3.2 Die Entwicklungstheorie von Carl R. Rogers

Die personenzentrierte Entwicklungstheorie ist eine Theorie der Entwicklung des Selbstkonzepts. Dieses Konzept der Entwicklung des Selbst ist in Rogers Theorie die Basis für alle Bereiche psychischer Entwicklung. Gleichzeitig leitet sich aus dieser Betrachtung eine Erklärungen für die Entstehung psychischer Krankheit ab, wobei der Inkongruenzbegriff eine zentrale Stellung hat (vgl. Biermann-Ratjen 2006a, S. 74f.). Das Thema zur Inkongruenz wird im Kapitel 1.4.1 behandelt.

In Rogers Entwicklungstheorie werden in Anlehnung an Maslow grundlegende Bedürfnisse des Individuums angenommen, die Voraussetzung für ein stabiles Selbst­konzept und eine konstruktive Persönlichkeitsentwicklung sind. Diese stehen im Zu­sammenhang mit der Genese psychischer Störungen. Die Entwicklungstheorie ist für die Therapie mit Jugendlichen aufgrund ihrer zentralen Annahmen einer konstruktiven Entwicklung im Zusammenhang eines stabilen Selbstkonzepts relevant. Insgesamt ist die therapeutische Arbeit der Entwicklung des Selbstkonzepts und Entfaltung der Per­sönlichkeit orientiert. Die nachfolgend dargestellten Bedürfnisse werden als besonders prägend für die Entwicklung betrachtet. Weiterhin werden adoleszente Bedürfnisse im Kapitel 3.8 im Bezugsrahmen des personenzentrierten Therapiekonzepts aufgegriffen. Die in Rogers Konzept angenommenen entwicklungsrelevanten Bedürfnisse werden nun vorgestellt. Anschließend erfolgt die Darstellung der Selbstkonzeptentwicklung, ein Exkurs zu bindungstheoretischen Aspekten im personenzentrierten Therapieansatz sowie Rogers Konstrukt zur Fully Function Person.

Entwicklungsrelevante Bedürfnisse des Individuums

Der Entwicklungsprozess des Individuums wird von Maslow mit verschiedenen Be­dürfnissen antizipiert. Dabei stehen Grundbedürfnisse, die als Mangelbedürfnisse bezeichnet werden, neben Meta- bzw. Wachstumsbedürfnissen. Mangelbedürfnisse sind neben physiologischen Notwendigkeiten, Bedürfnisse nach Sicherheit, Liebe, Zuneigung, Zugehörigkeit und Achtung bzw. Beachtung. Diesen übergeordnet stehen Wachstumsbedürfnisse wie z. B. Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung als höchstes Ziel des Menschen. Diese treten erst auf, wenn die Mangelbedürfnisse des Indivi­duums befriedigt sind (vgl. Maslow 1988, 1999).

In Anlehnung an Maslow nimmt Rogers die Bedürfnisse nach unbedingter positiver Beachtung sowie Selbstbeachtung, nach bedingungsfreier Wertschätzung und empa­thischem Verständnis durch relevante Bezugspersonen und das Bedürfnis nach Bin­dung als grundlegend für einen konstruktiven Entwicklungsprozess des Individuums an (vgl. Rogers 1991a, 49ff.). Das Bedürfnis nach Bindung wird auch von anderen Wissenschaftlern als zentral betrachtet und weiter unten bezüglich personenzentrierter Aspekte detaillierter aufgegriffen. An dieser Stelle kann jedoch betont werden, dass das Bindungsbedürfnis das Selbstkonzept des Individuums und infolge auch dessen Verhalten, Handeln und Erfahrungen prägt (vgl. Hauser, Endres 2000, S. 160ff.). Weiterhin stellt sich das Bedürfnis nach unbedingter positiver Beachtung als theore­tische Grundlage für die Selbstkonzeptentwicklung dar (vgl. Rogers 1991a, S. 34f.). Darin sind Erfahrungen der aktiven Auseinandersetzung mit Bezugspersonen des Indi­viduums enthalten, die einerseits organismisch und andererseits sozial bewertet wurden, wie oben dargestellt. Erfahrungen sollten hinsichtlich einer stabilen Selbst­konzeptentwicklung und ihrer Integrierbarkeit ins Selbstkonzept, auf der Basis einer wertschätzenden, empathisch verstehenden und dabei kongruenten Interaktion mit relevanten Bezugspersonen erfolgen (vgl. Biermann-Ratjen 2007, S. 53). In diesem Zusammenhang entsteht zudem das Bedürfnis nach positiver Selbstbeachtung. Es ist ein universales und dauerhaftes Bedürfnis nach Anerkennung im persönlichen Erleben des Individuums. Das Bedürfnis ist von dem Wunsch nach Anerkennung durch andere geprägt und kann der organismischen Bewertung übergeordnet sein (vgl. Sander 1999, S. 49f.). Diesbezüglich internalisieren sich externale Bewertungen und Erwartungen wichtiger Bezugspersonen aufgrund der emotionalen Abhängigkeit des Kindes und werden als eigene Werte in das Selbstkonzept aufgenommen. Entspre­chend der internalisierten Bewertungen werden zukünftige Erfahrungen selektiv beur­teilt. Dementsprechend wird positive Selbstbeachtung als ein sekundäres und erlerntes Bedürfnis betrachtet (vgl. Rogers 1991a, S. 36). Im Bedürfnis nach positiver Selbstbe­achtung ist unter anderem die Ursache von Inkongruenz begründet. Inkongruenzen entstehen, wenn bewertete Erfahrungen das aktuelle Selbstkonzept nicht bestätigen und nicht integriert werden können. Infolge dieser Inkongruenz werden Erfahrungen der Symbolisierung vorenthalten oder ausgeschlossen und ein unbewusster Konflikt entsteht (vgl. Biermann-Ratjen 2006a, S. 86f.).

Auf die Theorie der Inkongruenz als zugrunde liegendes Störungskonzept im perso­nenzentrierten Ansatz wird im Kapitel 1.4.1 näher eingegangen. Zuvor ist die Ent­wicklung des Selbstkonzepts dargestellt. Das Selbstkonzept ist, wie oben beschrieben, ein zentrales Konstrukt im personenzentrierten Ansatz und wichtig für eine konstruk­tive Persönlichkeitsentwicklung des Individuums. Zugleich bestimmt das Selbst­konzept aufgrund der Inkongruenztheorie eine gesunde und gestörte Entwicklung und ist demnach für personenzentrierte Therapie besonders wichtig.

Entwicklung des Selbstkonzepts

Das Selbstkonzept wird als die Vorstellung von verschiedenen Charakteristiken des Selbst sowie der Beziehungen zur sozialen Umwelt betrachtet. Es ist, wie oben be­schrieben nicht immer voll bewusst, kann aber in den Mittelpunkt der Aufmerk­samkeit rücken. Zudem ist das Selbstkonzept ein Gebilde einer aus unterschiedlichen Teilen integrierter Einheit. Infolge erlebt das Individuum die Infragestellung einzelner Aspekte des Selbstkonzepts als Gesamtbedrohung des Selbst (vgl. Biermann-Ratjen 2006a, S. 75). Das Selbstkonzept ist danach ein mehr oder weniger fest organisiertes Konstrukt, aber es befindet sich in einem steten Entwicklungsprozess und gilt danach als veränderbar (vgl. Sander 1999, S. 48).

Das Selbstkonzept der Person entwickelt sich aus der Integration verschiedener Selbsterfahrungen, d. h. aus den Wahrnehmungen des Individuums von sich selbst in Beziehung und Interaktion mit relevanten Bezugspersonen. Dabei definiert die gegenwärtige Erfahrungsrepräsentation des Selbst, unter Berücksichtigung der Symbolisierungsfähigkeit, den Begriff Selbsterfahrung (vgl. Biermann-Ratjen 2006a, S. 75). In der personenzentrierten Therapie ist Selbsterfahrung in Form der Selbst­exploration grundlegend für den Veränderungs- und Entwicklungsprozess des Selbst­konzepts bzw. des Klienten (vgl. Kapitel 1.5.3).

Die Selbstkonzeptentwicklung ist ein durch verschiedene Interaktionsbedingungen beeinflusster, sich selbst organisierender Prozess (vgl. ebd., S. 77). In seiner therapeu­tischen Tätigkeit analysierte Rogers drei Bedingungen, die als zentrale Interaktions­bedingungen wesentlichen Einfluss auf eine konstruktive Selbstkonzeptentwicklung nehmen und Veränderungen während des Therapieprozesses bewirken. Sie sind daher für die Persönlichkeitsentwicklung zentral. Aufgrund dieser Merkmale leitet Rogers ausgehend von diesen Interaktionsbedingungen seine Annahmen über eine heilungs­fördernde Therapeutenhaltung und Therapietheorie sowie sein Konzept zur Persön­lichkeitstheorie ab. Die drei Bedingungen sind empathisches Einfühlen und Verste­hen, bedingungsfreies Akzeptieren und Wertschätzen sowie die Kongruenz der rele­vanten Bezugspersonen im Interaktionsprozess (vgl. ebd., S. 52f.). Die Bedingungen stellen zentrale Wirkfaktoren im personenzentrierten Therapieansatz dar und werden im Kapitel 1.5.2 detaillierter ausgeführt.

Die Entwicklung des Selbstkonzepts wird in drei Phasen eingeteilt. In der ersten Phase entwickelt sich ein erstes Selbstbild, in welches grundlegende Erfahrungen der Interaktion mit relevanten Bezugspersonen integriert werden. Relevant sind hierin die sich auf existenzielle und emotionale Aspekte der Interaktion beziehenden Erlebnisse. Erfahrungen werden nur dann repräsentiert, wenn das Bedürfnis nach unbedingter positiver Beachtung durch andere erfüllt ist (vgl. Biermann-Ratjen 1996, S. 19ff./ 2006a, S. 88f.). Die zweite Phase wird durch subjektive Selbstempfindung bzw. Selbsterfahrung des Individuums geprägt. Sie beinhaltet die Suche des Kindes nach Selbstbestätigung in verschiedenen Bereichen und unterschiedlichen Ausmaßes. Es zeigt sich, dass Gefühle, Absichten und Bewertungen in dieser Phase vom Kind erlebbar sind. Diese können in das bestehende Selbstkonzept integriert werden, wenn sie von den relevanten Bezugspersonen empathisch, akzeptierend und kongruent begleitet werden. Außerdem werden Selbsterfahrungen des Kindes entsprechend des bereits vorhandenen Selbstkonzepts bewertet. Daraus folgt, dass das Kind erste Erfahrungen der Inkongruenz erleben kann. Wichtig ist, dass auch erlebte Inkon­gruenz das Selbstkonzept integriert werden kann, insofern das Bedürfnis nach unbe­dingter positiver Beachtung befriedigt wird. Entsprechend integrierte Erfahrungen können in der Entwicklung vom Individuum verstanden und akzeptiert werden (vgl. ebd.). Nicht integrierte Erfahrungen, ausgelöst durch spezifische Situationen im Entwicklungsverlauf, werden wiederholt das Erleben von Angst hervorrufen. Hierauf reagiert das Individuum z. B. mit Wahrnehmungsverzerrung (vgl. Finke 2004b, S. 12ff.). Ferner repräsentiert sich in der zweiten Phase, durch die ersten eigenen Ziele des Kindes, die beginnende Wahrnehmung des Selbst und der Aktivität des Kindes, ein differenzierteres Selbstkonzept. Die dritte Phase der Selbstkonzeptentwicklung hat die Funktion der lebenslangen, kontinuierlichen Herstellung von Kongruenz zwischen dem Erleben und dem Selbstkonzept des Individuums. Weiterhin findet der Prozess der Integration von Selbsterfahrungen, die das Selbst des Individuums bestimmen, abgrenzen und erhalten sowie dem Individuum Selbstkonstanz aufzeigen, statt. Zugleich erkennt das Kind zunehmend seine eigenen Entwicklungsmöglich­keiten und -begrenzungen. Wenn Erfahrungen nicht immer unbedingt positiv beachtet werden, erlebt die Person selektive Bewertung durch andere und infolge Inkongruenz. Infolge werden fremde Werte als Maßstab der Bewertung von Erfahrung internalisiert, um Inkongruenzerleben zu vermeiden und Beachtung zu erhalten (vgl. Biermann-Ratjen 1996, S. 19ff./ 2006a, S. 90/ 2007, S. 59f.).

Exkurs: Bindungstheoretische Aspekte im personenzentrierten Therapieansatz

Nachfolgend werden in einem Exkurs die für die Selbstkonzeptentwicklung relevan­ten bindungstheoretischen Aspekte hinsichtlich des personenzentrierten Ansatzes skizziert. Das Bedürfnis nach Bindung wird im personenzentrierten Ansatz unter anderem als grundlegend und entwicklungsrelevant betrachtet. In der therapeutischen Arbeit erlebt der Klient sichere Bindung als neue Beziehungserfahrung. Diese Erfahrung stellt die Basis für eine konstruktive und stabile Selbstkonzeptentwicklung dar und ist für die Persönlichkeitsentwicklung des Individuums entscheidend. Zudem ist das Bindungsbedürfnis hinsichtlich der Entwicklungsprozesse im Jugendalter durch sich verändernde Bindungskonstellationen besonders relevant.

Zum genauen Verständnis der bindungstheoretischen Aspekte im personenzentrierten Ansatz erfolgt zunächst ein Abriss der Bindungstheorie nach John Bowlby.

Bowlby wird als Begründer der Bindungstheorie bezeichnet und betrachtet das Bindungsbedürfnis als ein angeborenes Verhaltensprogramm und eigenständiges Motivationssystem. Bindung ist ein aus der Evolution entstandenes Reaktionsmuster, das dem Überleben der Spezies dient und auf bestimmte fürsorgende Menschen, die Bindungspersonen, gerichtet ist (vgl. Dornes 2000, S. 23f./ Bowlby 1969). Bindungs­verhalten tritt auf, wenn das Bindungssystem des Kindes aktiviert ist, z. B. bei Tren­nung von der Bindungsperson. Es äußert sich in Verhaltensweisen des Aufsuchens von Schutz, Nähe und Sicherheit bei der vertrauten Bindungsperson (vgl. Höger 2007, S. 67/ vgl. Grossmann 2004, S. 28ff.). Dornes charakterisiert das Ziel dieses Verhal­tens auf räumlicher Ebene als Nähe und auf emotionaler Ebene als Sicherheit (vgl. Dornes 2000, S. 23). Das Bindungsverhalten ist von dem Temperament des Kindes, der augenblicklichen Situation sowie der Qualität und Häufigkeit der Interaktionen mit den Bindungspersonen beeinflusst. Durch unterschiedliche Erfahrungen des Kindes mit verschiedenen Bindungspartnern bildet sich eine personengebundene Ausprägung des Bindungsverhaltens, die im Entwicklungsverlauf hierarchisch orga­nisiert wird (vgl. Berk 2005, S. 252ff.). Bindung wird als starke emotionale Verbundenheit des Individuums mit anderen definiert, wobei in der Interaktion mit diesen, Wohlbefinden erlebt wird oder dieses nach Aufsuchen in Stresssituationen wieder hergestellt ist (vgl. ebd., S. 906).

Bindung entwickelt sich in vier Phasen und manifestiert sich im ersten Lebensjahr des Kindes[8] (vgl. ebd., S. 253f.). Die Intensität des Bindungsverhaltens nimmt nach dem zweiten Lebensjahr ab und erreicht im Jugendalter seinen Tiefpunkt. Zugleich richtet sich das Bindungsverhalten im Jugendalter auf andere Personen wie enge Freunde, Partner oder andere Erwachsene. Zu Beginn und Mitte der Adoleszenz kann von einem Bindungsloch gesprochen werden, da in diesem Zeitraum keine Bindungs­stabilität festzustellen ist. Gegen Ende des Jugendalters finden sich erneut Stabilitäten in den Bindungsmustern (vgl. Seiffge-Krenke 2004, S. 79).

Die Interaktions- und Bindungserfahrung des Kindes steht im Zusammenhang mit der Fähigkeit der Bindungsperson die Signale und Kommunikation des Kindes rechtzeitig und genau zu erkennen, zu interpretieren und angemessen darauf zu reagieren. Dieses Verhalten wird als Feinfühligkeit bezeichnet. Infolge ergeben sich Bindungsmuster beim Individuum (vgl. Berk 2005, S. 252ff./ Höger 2007, S. 68f.). Die Bindungsarten können durch den „Fremde Situation Test“ von Ainsworth in vier verschiedene Muster klassifiziert werden (vgl. Dornes 2000, S. 28ff./ Ainsworth 1978). Es unterscheiden sich der sichere, der unsicher vermeidende, der unsicher ambivalente und der unsicher desorganisierte Bindungsstil (vgl. Grossmann 2004, S. 30ff.). Anhand der Bindungserfahrung konstruieren Kinder eine innere Repräsentation. Diese besteht auch in Abwesenheit der Bezugspersonen und manifestiert sich als inneres Arbeitsmodell zu einem festen Teil der Persönlichkeit. Danach werden Verfügbarkeit und Unterstützung von Bindungspersonen in Stresssituationen antizipiert und alle zukünftigen Beziehungen beeinflusst. Entsprechend der Bindungsmuster lassen sich innere Arbeitsmodelle beim Erwachsenen identifizieren[9] (vgl. Grossmann 2000, S. 50/ vgl. Ahnert 2004, S. 71ff.).

Seiffge-Krenke erfasst im Jugendalter einen sicher gebundenen, unsicher distanziert gebundenen und unsicher verwickelt gebundenen Bindungsstil. Für sicher gebundene Jugendliche haben Bindungen eine zentrale Bedeutung und sie sind fähig, negative Erfahrungen mit den Bindungspersonen zu integrieren und Konflikte produktiv zu lösen. Unsicher distanziert Gebundene zeigen wenig Autonomie und Verbundenheit mit den Bindungspersonen trotz starker Idealisierung der Bindungspartner. Sie zeigen sich als besonders unabhängig und neigen zu starkem Rückzugsverhalten. Außerdem können sie negative Affekte und Schwierigkeiten bei sich selbst und anderen schwer wahrnehmen. Unsicher verwickelt gebundenen Jugendlichen neigen einerseits zu wenig Autonomie, andererseits zu überhöhter und unproduktiver Bindung. Hier ist das Bindungssystem scheinbar dauerhaft aktiviert (vgl. Seiffge-Krenke 2004, S. 78f.).

Die Interaktionserfahrung des Individuums ist im personenzentrierten Ansatz ein zentrales Moment und impliziert die Art der Bindungserfahrung der Person. Diese prägen die Erfahrungen, das Erleben, das Verhalten und Erwartungen des Indivi­duums, worin sich der Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung zeigt. Die Auffas­sung von angemessen feinfühligem Verhalten der Bindungsperson ist mit den drei Interaktionsbedingungen im personenzentrierten Ansatz vergleichbar. Sichere Bindung aufgrund angemessener Feinfühligkeit entspricht einer empathischen, akzeptierenden und kongruenten Interaktion. Hier zeigt sich gleichermaßen die Entwicklung eines sicheren inneren Arbeitsmodells und eines stabilen Selbstkonzepts (vgl. Biermann-Ratjen 2006a, S. 86). Außerdem finden sich Parallelen bezüglich des Konzepts zur Erhaltung und Entfaltung des Organismus und den Verhaltenssystemen Bindung und Exploration. Erhaltung und Bindung sind auf die Sicherheit des Individuums gerichtet, Erweiterung und Exploration hingegen auf Entwicklung, Erkundung und Erprobung der sozialen Umwelt (vgl. Höger 2007, S. 72f.).

Therapeutisch relevant sind die bindungstheoretischen Aspekte insofern, da zu Beginn einer Therapie das Bindungssystem des Klienten oft aktiviert ist. Folglich sucht der Klient Schutz, Sicherheit und Geborgenheit. Auf Grundlage eines angemessen fein­fühligen Intervenierens wird die Basis einer sicheren Bindungsbeziehung geschaffen. Dadurch wird eine zunehmend reflektierende und korrigierende Auseinandersetzung mit alten Bindungsmustern möglich. Zudem kann gemäß Exploration und Erweiterung eine konstruktive Persönlichkeitsentwicklung erfolgen (vgl. ebd., S. 74ff.). Vor diesem Hintergrund ist ebenso die Therapie mit Jugendlichen zu betrachten. Dabei sind vor allem die Aspekte der Ablösung von Bindungspartnern z. B. den Eltern und der Aufbau neuer Bindungen z. B. mit Gleichaltrigen bedeutend. Eine erfolgreiche Bewältigung dieser Anforderungen trägt zur Entwicklung der jugendlichen Persön­lichkeit bei (vgl. Seiffge-Krenke 2004, S. 79). Jugendliche nehmen unter anderem aufgrund dieser Entwicklungsprozesse in der Therapie eine distanzierte Haltung zum Therapeuten ein, was in der Intervention Berücksichtigung finden sollte. Zugleich befinden sich Jugendliche im Ausprobieren und Austesten verschiedener Bindungen vor dem Hintergrund des internalisierten Arbeitsmodells. Es ist zu betonen, dass sich innerer Arbeitsmodelle ändern können, dies aber konflikt- und krisenbehaftet ist (vgl. Biermann-Ratjen 2006, S. 84). Aufgrund der adoleszenten Veränderungsprozesse erleben Jugendliche scheinbar eine diesbezügliche Phase der Neustrukturierung und Neugestaltung. Es lässt sich vermuten, dass ambivalente Erfahrungen von Neugierde und Verunsicherung zugleich erlebt werden. Folgend zeigen sich vermutlich ambiva­lente Bedürfnisse. Diese sollten vor allem in der Therapie gleichermaßen berücksich­tigt werden. Scheinbar ist danach die Betonung autonomer Bindung Jugendlicher zu den bisherigen Bindungspersonen wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung ist.

Theorie der Fully Function Person

In Rogers Konzeption zur Persönlichkeitstheorie findet sich die Vorstellung einer Fully Function Person. Diese ist als ideal entwickelte Persönlichkeit definiert und veranschaulicht die angenommenen Strebungen und Ziele des Menschen. Zur Voll­ständigkeit der Darstellung zur Persönlichkeitstheorie wird dieses Konstrukt nachfol­gend skizziert.

Im Konzept zur Persönlichkeitsentwicklung stellt Rogers das Bild einer „Fully Function Person“ - der voll entwickelten Persönlichkeit vor[10]. Die Auffassung einer solchen Persönlichkeit ist als Ideal konzipiert und nicht reell existent (vgl. Rogers 1991a, S. 59f.). Die theoretisch konstruierte Persönlichkeit ist immer funktionsfähig und gilt als vollkommen psychisch gesund. Jegliche Erfahrung kann im Bewusstsein repräsentiert und alle Selbsterfahrungen ins Selbstkonzept integriert werden. Konflikte werden differenziert wahrgenommen, akzeptiert und integriert. Relevante Bezugs­personen verhielten sich stets kongruent, empathisch, akzeptierend und angemessen feinfühlig. Alle entwicklungsrelevanten Bedürfnisse wurden dadurch in der Selbst­konzeptentwicklung erfüllt. Die Fully Function Person ist stets kongruent oder fähig dies herzustellen (vgl. Biermann-Ratjen 2006b, S. 99f.).

[...]


[1] Biografische Aspekte zu Leben und Werk von Carl R. Rogers können im Rahmen dieser Arbeit nicht ausgeführt werden. Für eine detaillierte Übersicht zur Biografie wird auf die Arbeiten von Kirschenbaum verwiesen (vgl. Kirschenbaum 1979, 2007).

[2] Für Rank liegt das Therapieziel in der bewussten und selbstverantwortlichen Auseinandersetzung des Klienten mit sich selbst und der Realität sowie der Aktivierung selbstheilender Kräfte. Das Verstehen des Menschen ist dabei therapeutisch zentral und eng mit den Gefühlen und der Persönlichkeitsentwicklung des Klienten verknüpft. Das Verbalisieren von Gefühlen ist darin zentrales Mittel im Prozess des Bewusstwerdens (vgl. Quitmann 1996, S. 160ff.).

[3] Rogers kannte Rousseaus Schriften wahrscheinlich nicht persönlich, wurde aber am College durch seinen Lehrer Kilpatrick mit Rousseaus Gedanken bekannt (vgl. Wuttig 1990, S. 22f.).

[4] Für eine autobiografische Übersicht zu Leben und Werk wird auf Tausch verwiesen (vgl. Tausch 2001, S. 23ff.).

[5] Eine detaillierte Beschreibung humanistischer Verfahren liegt in Quitmann vor (vgl. Quitmann 1996).

[6] Für den Therapieprozess ist zu beachten dass sich Klienten in ihrem individuellen Tempo entwickeln (vgl. Korunka 1992, S.72).

[7] Das Unbewusste stellt im personenzentrierten Ansatz keine psychische Instanz dar, die vor allem abgewehrte Aspekte beinhaltet. Vielmehr ist es eine Qualität allgemein psychischer Prozesse, die für die Existenz des Organismus erforderlich sind (vgl. Höger 2006b, S. 59).

[8] Die erste Phase ist die Vorbindungsphase, in ihr ist das Kind noch nicht gebunden. Durch angeborene Signale (Bindungsverhalten) wie z. B. lächeln oder schreien, verschafft sich der Säugling die Nähe zu anderen Menschen. Reagieren die Bindungspersonen auf seine Signale, bestätigt und beruhigt dies den Säugling. Die zweite Phase, von ca. sechs Wochen bis zum achten Monat, kennzeichnet den Bindungsbeginn. Der Säugling antizipiert Erwartungen aufgrund seiner Signale. Es entwickelt sich eine Interaktion und ein vertrautes Gefühl beim Säugling. Dabei reagiert er auf bekannte Personen anders als auf fremde. Mit ca. acht Monaten bis zum dritten Lebensjahr beginn die Bindungsphase. Das Kind entwickelt eine klare und spezifische Bindung zur Bezugsperson. Die Bindungspersonen des Kindes entwickeln sich in dieser Phase zu einer sichere Basis für das Kind (vgl. Berk 2005, S. 253f.). Durch hinreichende Sicherheit wird dem Kind die Exploration seiner Umwelt ermöglicht und emotional sichere Basis (vgl. Höger 2007, S. 66). Die vierte Phase, die Differenzierungs- und Integrierungsphase, beginnt im Alter von ca. zwei Jahren. Dabei werden reziproke Beziehungen entwickelt, die sich durch wachsende Interaktionsmöglichkeiten des Kindes mit seinen Bezugspersonen ergeben und zunehmend bewusst vom Kind gesteuert sind (vgl. Berk 2005, S. 253f./ vgl. Rauh 1995, S. 240f.).

[9] Sicher gebundene Personen entwickeln eine primäre Strategie des Bindungsverhaltens. Sie sind offen und positiv gegenüber ihren früheren und aktuellen Bindungserfahrungen. Dem stehen sekundäre Strategien der unsicheren Muster gegenüber. Der unsicher vermeidende Stil geht in eine sekundär-deaktivierende Strategie über. Die Person zeigt sich darin ablehnend und distanziert sowie betont unabhängig von anderen. Unterstützungsangebote durch andere sowie eigene Bedürfnisse nach Unterstützung werden vermieden und unterdrückt. Der unsicher ambivalente Bindungsstil führt zu einem anklammernd verwickelnden Verhalten und wird als sekundär-hyperaktivierende Strategie bezeichnet. Darin sind frühe Beziehungskonflikte für den Betreffenden unverändert aktuell und nehmen eine zentrale Stellung ein. Das Verhalten ist auf die ständige Forderung nach Unterstützung gerichtet, welches sich bei Nichterfüllung verstärkt. Beim desorganisierten Bindungsstil entwickelt sich die Strategie des desorganisiert-desorientierten Bindungsverhaltens welches durch irrationale, inkohärente, und verworrene Bindungserfahrungen gekennzeichnet ist (vgl. Fremmer-Bombik 1997, S. 113ff./Höger 2007, S. 69ff.).

[10] Auf eine ausführliche Darstellung zur Fully Function Person wird in Rogers (1991a, S.59f.) verwiesen.

Ende der Leseprobe aus 135 Seiten

Details

Titel
Personenzentrierte Therapieform mit Jugendlichen zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung in der Adoleszenz
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Pädagogisches Institut)
Note
2,6
Autor
Jahr
2007
Seiten
135
Katalognummer
V89750
ISBN (eBook)
9783638036474
ISBN (Buch)
9783638935272
Dateigröße
877 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Personenzentrierte, Therapieform, Jugendlichen, Förderung, Persönlichkeitsentwicklung, Adoleszenz
Arbeit zitieren
Doris Lehmitz (Autor), 2007, Personenzentrierte Therapieform mit Jugendlichen zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung in der Adoleszenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89750

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