Scheinbar nebensächliche Aussagen können Menschen in besonderen Fällen sehr hart treffen. Hat man sich für eine bestehende Handlungsalternative entschieden, schmerzt es, wenn sich eine andere, somit verschmähte Variante als die vermeintlich bessere herausstellt. Wie in diesem Beispiel aus der Unterhaltung zweier Damen:
„Die Schuhe hattest du jetzt gekauft, oder? Klar, freu dich doch, die sind doch wirklich schick. Obwohl ich gestern zufällig gesehen habe, dass die gleichen in dem Geschäft XY preisreduziert zu haben waren.“
Diese Situation steht stellvertretend für eine Reihe von vielen alltäglichen Begebenheiten, bei denen sich der Betroffene verunsichert fühlt und Strategien entwickelt, diesen Kontrollverlust wieder in einen stabilen kognitiven Zustand zu bringen. Treffen Menschen Entscheidungen oder vertreten bestimmte Positionen, drängen intrapsychische und interpersonelle Kräfte zu konsistentem Verhalten mit diesen Feststellungen. Vielfach kommt es zur Rechtfertigung der früheren Entscheidung. Haben Menschen sich selbst überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, fühlen sie sich wohler mit der Situation. Da Menschen im Allgemeinen bestrebt sind, ein gewisses inneres Gleichgewicht zu halten, initiieren sie Selbstheilungsprozesse, die diese Dissonanzen zu reduzieren versuchen. Theoretiker wie FESTINGER, HEIDER und NEWCOMB betrachten das Streben nach Konsistenz als zentrales psychologisches Motiv.
Die Theorie der kognitiven Dissonanz versucht dieses Phänomen zu erklären und hat in der Wissenschaft der Psychologie einen besonderen Stellenwert eingenommen:
„Kaum eine Theorie hat innerhalb der Psychologie und besonders innerhalb der Sozialpsychologie derart umfangreiche Forschungen angeregt und Kontroversen ausgelöst wie die Theorie der kognitiven Dissonanz, die 1957 von Leon Festinger vorgestellt wurde.“
Diese Arbeit legt einen Schwerpunkt auf die ursprüngliche Theorie Leon FESTINGERs und ermöglicht es somit, die Grundlage für ein Verständnis weiterer aufbauender Theorien und Anwendungsbereiche zu entwickeln. Eine ausführliche theoretische Herleitung eröffnet den Rahmen für einen Einblick in die Vielfältigkeit der Anwendung dieser Theorie. Somit wird eine theoretisch fundierte und zugleich sehr praxisorientierte Darstellung erreicht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Theoretische Betrachtung
2.1. Einstellung, Verhalten und Kognition
2.2. Konsonanz und Dissonanz
2.2.1. Konsonanz
2.2.2. Dissonanz
2.2.2.1. Ursachen kognitiver Dissonanz
2.2.2.2. Stärke der Dissonanz
2.2.2.3. Reduktion von Dissonanz
2.2.2.3.1. Änderung eines kognitiven Elements des Verhaltens
2.2.2.3.2. Änderung eines kognitiven Elements der Umwelt
2.2.2.3.3. Hinzufügen neuer kognitiver Elemente
2.2.2.4. Vermeidung von Dissonanz
3. Ausgewählte Anwendungen auf Basis der Theorie der kognitiven Dissonanz
3.1. Selbstverpflichtung (Commitment)
3.1.1. Commitments und der Einfluss auf das Selbstbild
3.1.2. Anwendungsbereiche
3.1.2.1. Allgemeine Anwendungen
3.1.2.2. Spezielle Anwendung: Foot-in-the-door Technik
3.2. Dissonanz nach Entscheidungen
3.2.1. Entscheidungen und unvermeidbare Dissonanz
3.2.2. Faktoren zur Bestimmung der Dissonanzstärke nach Entscheidungen
3.2.2.1. Wichtigkeit der Entscheidung
3.2.2.2. Relative Attraktivität der nichtgewählten Alternative
3.2.2.3. Grad der kognitiven Überlappung
4. Zusammenfassender Überblick
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, ein fundiertes Verständnis der Theorie der kognitiven Dissonanz nach Leon Festinger zu vermitteln und deren praktische Anwendbarkeit in alltäglichen sowie psychologischen Kontexten aufzuzeigen. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie Menschen mit widersprüchlichen Kognitionen umgehen und welche Mechanismen zur Wiederherstellung eines inneren Gleichgewichts initiiert werden.
- Grundlagen der Dissonanztheorie (Einstellung, Verhalten, Kognition)
- Ursachen und Reduktionsstrategien bei kognitiver Dissonanz
- Mechanismen der Selbstverpflichtung (Commitment) und deren Einfluss auf das Selbstbild
- Die Foot-in-the-door Technik als angewandte Methode
- Faktoren der Dissonanzstärke nach Entscheidungsprozessen
Auszug aus dem Buch
2.2.2.3.1. Änderung eines kognitiven Elements des Verhaltens
Zunächst kann dies über die Änderung eines kognitiven Elementes des Verhaltens geschehen. Es sei eine dissonante Relation zwischen einem kognitiven Element des Verhaltens und einem mit einer bestimmten Kenntnis über die Umwelt korrespondierenden Verhalten. Eine Reduktion kann hier geschehen, indem das Element des Verhaltens an das Element der Umwelt angepasst wird und die Beziehung somit Konsonanz erfährt. Man ändert die Handlung oder jenes Gefühl, das das Element des Verhaltens abbildet.35
Es ist Sonntag. Herr A und Frau B wollen den freien Tag nutzen, um hinaus in die Natur zu fahren und packen ihre Rucksäcke für eine gemeinsame Fahrradtour. Sie ziehen sich sportliche Kleidung an, ölen ihre Drahtesel und machen sich auf den Weg. Nach einigen Minuten Fahrt ziehen dunkle Wolken am Himmel auf. Die Vermutung liegt nahe, dass es sehr wahrscheinlich in nächster Zeit regnen wird. Die beiden entschließen sich, umzukehren. Ihr Verhalten, das Radfahren in freier Natur, stand in dissonanter Beziehung zur Erkenntnis, dass es bald regnen wird. Sie ändern das Element des Verhaltens.36
Selbstverständlich ist dies nicht in allen Fällen möglich, Änderungen des Verhaltens können weitere Dissonanzen erzeugen oder können eine zu große Hürde darstellen, was folglich die Realisierung behindern kann.37
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Es wird die Bedeutung der Theorie der kognitiven Dissonanz in der Psychologie erläutert und der Fokus auf die ursprüngliche Theorie Leon Festingers gelegt.
2. Theoretische Betrachtung: Dieses Kapitel definiert die zentralen Begriffe Einstellung, Verhalten und Kognition und erörtert die Zustände von Konsonanz sowie Dissonanz inklusive deren Ursachen und Reduktionsmöglichkeiten.
3. Ausgewählte Anwendungen auf Basis der Theorie der kognitiven Dissonanz: Hier werden die Anwendungsbereiche Selbstverpflichtung (Commitment) und Dissonanz nach Entscheidungen detailliert analysiert und durch praktische Beispiele sowie Taktiken wie die Foot-in-the-door Technik ergänzt.
4. Zusammenfassender Überblick: Eine Synthese der theoretischen Grundlagen und der untersuchten Anwendungsbereiche zur Veranschaulichung der Wirkungsweise der Dissonanztheorie.
5. Fazit und Ausblick: Abschließende Reflexion über den hohen Universalitätsgrad der Theorie sowie deren anhaltende wissenschaftliche Relevanz trotz einzelner theoretischer Schwachpunkte.
Schlüsselwörter
Kognitive Dissonanz, Konsonanz, Einstellung, Verhalten, Kognition, Selbstverpflichtung, Commitment, Dissonanzreduktion, Entscheidungsfindung, Foot-in-the-door Technik, Selbstbild, Konsistenzstreben, Leon Festinger, Sozialpsychologie, psychologisches Gleichgewicht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Theorie der kognitiven Dissonanz nach Leon Festinger, untersucht die theoretischen Grundlagen und zeigt auf, wie diese Theorie zur Erklärung von menschlichem Verhalten in Alltagssituationen und Anwendungsfeldern dient.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Entstehen und die Reduktion von Dissonanz, der Einfluss von Commitments auf das Selbstbild sowie die psychologischen Auswirkungen von Entscheidungsprozessen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis für das Streben nach kognitiver Konsistenz zu schaffen und Wege aufzuzeigen, wie Dissonanz im Alltag erkannt und reduziert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch fundierte Darstellung und stützt sich auf eine Literaturanalyse klassischer sowie weiterführender psychologischer Quellen zur Dissonanztheorie.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Dissonanz sowie eine detaillierte Analyse der Anwendungen in den Bereichen Selbstverpflichtung (Commitment) und Dissonanz nach Entscheidungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist charakterisiert durch Begriffe wie Kognitive Dissonanz, Konsonanz, Selbstverpflichtung, Entscheidungsfindung und Dissonanzreduktion.
Was unterscheidet ein echtes Commitment von bloßem äußeren Druck?
Ein echtes Commitment zeichnet sich dadurch aus, dass die Zustimmung aktiv, öffentlich, mit Anstrengung verbunden und vor allem freiwillig erfolgt, während bloße Belohnung nur äußeren Druck ausübt.
Warum ist die "Foot-in-the-door"-Technik so erfolgreich?
Sie ist erfolgreich, weil sie eine Person zunächst zu einer kleinen, trivialen Zustimmung bewegt, die das Selbstbild beeinflusst und die Hemmschwelle für spätere, größere Forderungen senkt.
Welche Faktoren bestimmen die Stärke der Dissonanz nach einer Entscheidung?
Die Stärke hängt maßgeblich von der Wichtigkeit der Entscheidung, der Attraktivität der nicht gewählten Alternative sowie dem Grad der kognitiven Überlappung zwischen den Optionen ab.
- Citar trabajo
- Bachelor of Arts in International Management (B.A.) Stephanie Rohac (Autor), 2008, Wie wir mit Widersprüchen umgehen oder die Theorie der kognitiven Dissonanz, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89831