Romane sind stets Fiktion und können praktisch nicht als Quelle für die Geschichtswissenschaft dienen. Wohl aber kann man solche Literatur als Vergleichsmaterial heranziehen, wenn zuvor die historischen Hintergründe wissenschaftlich aufgearbeitet wurden. Der Forschende kann überprüfen, inwieweit bekannte Sachverhalte – in der betreffenden Zeit zum Beispiel die Militarisierung der Gesellschaft – aus den entsprechenden Werken herauszulesen sind, inwieweit Realität verarbeitet wurde. Genau dies soll in dieser Seminararbeit getan werden, wobei die Aufarbeitung der entsprechenden historischen Hintergründe knapp gehalten werden kann, da diese bereits sehr umfassend erforscht wurden und in der Geschichtswissenschaft als bekannt vorausgesetzt werden können. Der Vergleich mit den historischen Gegebenheiten wird dabei, was die Romane betrifft, oberflächlich textimmanent sein und keine literaturwissenschaftlich interpretatorischen Ansätze bieten. Nur was wortwörtlich auf dem Papier steht, soll Grundlage des Vergleiches mit der überlieferten Realität sein.
Es wird auf eine längere Inhaltsangabe der benutzten Primärwerke verzichtet, nichtsdestotrotz werden sie nach der knappen Darstellung der geschichtlichen Hintergründe der Vollständigkeit halber inhaltlich in wenigen Worten zusammengefaßt, um eine Erinnerungsstütze für den Leser zu geben.
Als Primärliteratur hat der Verfasser zwei Romane, Heinrich Mann, Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen, erschienen 1905, und Hermann Hesse, Unterm Rad, erschienen 1906, ausgewählt. Beide liegen mit ihrem Erscheinungsjahr in der zu behandelnden Zeit, zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1914, und beschäftigen sich thematisch mit der höheren Bildung im Kaiserreich. Zudem liegen mit Heinrich Mann und Hermann Hesse zwei Autoren vor, die zwei unterschiedliche Positionen bezüglich der Betrachtung des Individuums in der Gesellschaft hatten.
Inhaltsverzeichnis
Zum Geleit
1. Kurzer Abriss über die historischen Hintergründe
1.1. Innen- und außenpolitische Hintergründe
1.2. Zur Situation der höheren Schulen ab 1885
2. Historische Fakten in Heinrich Manns "Professor Unrat"
2.1. Zum Inhalt
2.2. Historische Fakten im Roman
2.3. Kurzzusammenfassung
3. Historische Fakten in Hermann Hesses "Unterm Rad"
3.1. Zum Inhalt
3.2. Historisch Verwertbares im Roman
3.3. Kurzzusammenfassung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das höhere Schulwesen im Deutschen Kaiserreich anhand der Romane "Professor Unrat" von Heinrich Mann und "Unterm Rad" von Hermann Hesse, um die Übereinstimmungen zwischen literarischer Fiktion und historischer Realität aufzuzeigen.
- Historische Rahmenbedingungen des Kaiserreichs (1871-1914)
- Militarisierung der Gesellschaft und des Schulwesens
- Die Rolle und das Selbstverständnis des Gymnasiallehrers
- Soziologische und psychologische Aspekte der Schülererziehung
Auszug aus dem Buch
Historische Fakten in Heinrich Manns "Professor Unrat"
Das Reifezeugnis einer höheren Schule verschaffte dem Inhaber das Privileg, seine Militärzeit als sogenannten "Einjährig-Freiwilligen-Dienst" zu absolvieren, die Dienstzeit war damit kürzer, als die der Schulabgänger ohne Reifezeugnis, und zudem weniger "hart". Außerdem hatte der erfolgreiche Absolvent einer höheren Schule die Möglichkeit, Offizier zu werden, ohne sich langsam vom Gemeinen über die Unteroffizierslaufbahn hochdienen zu müssen, was so gut wie unmöglich war, dafür sorgten schon die elitären Mitglieder des Offizierscorps, fast ausnahmslos Adelige bzw. Söhne reicherer Bürger. Die Unterschichten sollten vom Offizierscorps ferngehalten werden.
Diese Praxis wird auch im "Professor Unrat" angesprochen: "Sie wollen Offizier werden, nicht wahr, von Erztum? Das wollte Ihr Onkel auch! Weil er jedoch das Ziel der Klasse nie erreichte und das Reifezeugnis für den Einjährig-Freiwilligen-Dienst – aufgemerkt nun also – ihm dauernd versagt werden mußte, kam er auf eine sogenannte Presse, wo er jedoch ebenfalls gescheitert sein mag, so daß er endlich nur infolge eines besonderen Gnadenaktes seines Landesherrn – doch nun immerhin – den Zutritt zur Offizierskarriere erlangte, [...]." (S.12)
Zusammenfassung der Kapitel
Zum Geleit: Der Autor erläutert die methodische Herangehensweise, Literatur als historisches Vergleichsmaterial für die gesellschaftlichen Zustände der Kaiserzeit zu nutzen.
1. Kurzer Abriss über die historischen Hintergründe: Dieses Kapitel skizziert die politisch-gesellschaftliche Stimmung der Ära sowie die privilegierte, aber disziplinierende Rolle des höheren Schulwesens.
2. Historische Fakten in Heinrich Manns "Professor Unrat": Die Analyse zeigt, wie Heinrich Mann die autoritären Strukturen und den gesellschaftlichen Druck des wilhelminischen Gymnasiallebens in seinem Roman verarbeitet.
3. Historische Fakten in Hermann Hesses "Unterm Rad": Hier wird Hesses psychologischer Roman hinsichtlich der staatlichen Erziehungspraxis und des immensen Leistungsdrucks auf begabte Schüler untersucht.
4. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass beide Romane trotz ihrer künstlerischen Überspitzung ein valides, historisch fundiertes Bild der wilhelminischen Bildungslandschaft zeichnen.
Schlüsselwörter
Zweites Deutsches Kaiserreich, Höhere Bildung, Gymnasium, Militarisierung, Heinrich Mann, Hermann Hesse, Professor Unrat, Unterm Rad, Sozialgeschichte, Wilhelminismus, Lehrerstand, Landexamen, Einjährig-Freiwilliger Dienst, Gesellschaftskritik, Erziehungswesen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Bildungssystem des Deutschen Kaiserreiches und dessen Auswirkungen auf das Individuum, basierend auf literarischen Quellen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die gesellschaftspolitischen Hintergründe des Kaiserreichs, insbesondere Militarismus, Obrigkeitsdenken und die Disziplinierung an höheren Schulen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Abgleich zwischen historischer Realität und deren literarischer Darstellung in zwei zeitgenössischen Romanen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine vergleichende Analyse, die Literatur als historisches Vergleichsmaterial verwendet, um bekannte Sachverhalte der Wilhelminischen Ära zu validieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert Heinrich Manns "Professor Unrat" und Hermann Hesses "Unterm Rad" im Kontext ihrer zeitgeschichtlichen Korrektheit bezüglich des Schul- und Gesellschaftssystems.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Wilhelminismus, Disziplinierung, Bildungsbürgertum und die gesellschaftliche Funktion des Gymnasiums.
Warum wählte der Autor gerade diese beiden Romane?
Die Werke bieten unterschiedliche, aber ergänzende Perspektiven: Mann liefert eine soziologisch-kritische Analyse, während Hesse den psychologischen Druck auf das Individuum im Schulalltag fokussiert.
Welche Rolle spielt die Militarisierung im Roman "Professor Unrat"?
Der Roman illustriert, wie das Bildungssystem darauf ausgerichtet war, disziplinierte Untertanen zu erziehen und den militärischen Vorrang durch soziale Hierarchien zu sichern.
Was verdeutlicht das Schicksal von Hans Giebenrath in "Unterm Rad"?
Es zeigt die zerstörerischen Folgen des staatlich gelenkten Leistungszwangs und die Unbarmherzigkeit gegenüber dem Individuum innerhalb des wilhelminischen Schulsystems.
- Quote paper
- M.A. Claus Carl Jakob (Author), 1999, Die höhere Bildung in der Literatur des Zweiten Deutschen Kaiserreiches - Fiktion und Realität anhand von zwei zeitgenössischen Romanen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89853