Geschlecht im Prozess der Sozialisation


Hausarbeit, 2018

10 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Zum Begriff von Sozialisation und Geschlecht

2. Ansätze zur Fragebeantwortung aus verschiedenen Werken mit dem Schwerpunkt auf Haushalt, Erziehung und Kinderspielwaren

3. Pädagogischer Lösungsansatz des „Gender mainstreaming“

4. Schluss und Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Zum Begriff von Sozialisation und Geschlecht

Im Folgenden soll es um das Thema „Geschlecht im Prozess der Sozialisation“ gehen und um die Fragestellung inwieweit Geschlecht konstruiert und durch Sozialisation übernommen ist. Heutzutage gibt es eine Vielzahl von Wissenschaftler_innen, die sich der Geschlechterforschung widmen und (Un)gleichheiten zwischen den Geschlechtern aufgreifen und in ihrer Komplexität behandeln. Doch ebenso wie sich die wissenschaftlichen Schwerpunkte und die Gesellschaft an sich in den vergangenen Jahrzehnten veränderte, änderten sich auch die Begrifflichkeiten und die Forschungsbezeichnung rund um das Thema „Geschlecht“. Den Ursprung der heutigen Geschlechterforschung bildete die damalige Frauenforschung in den 1970er Jahren (Aulenbacher et al. 2010, S. 16). Die erste darauf aufbauende Frauenbewegung begann Ende des 19. Jahrhunderts und war zunächst hauptsächlich politisch motiviert mit dem Ziel der Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Bezug auf das öffentliche Recht (Wahlrecht), den Zugang zu Bildung (Universitäten) und dem Entscheidungsrecht sowohl in der freien Berufswahl als auch im privaten Haushaltsbereich (bei Erziehungsentscheidungen etc.) (Aulenbacher et al. 2010, S. 20). Um sich der Frage nach der Konstruktion von Geschlecht im Zuge der Sozialisation annähern zu können, werden im Folgenden relevante Begrifflichkeiten näher eingegrenzt und in ihrer oberflächlichen Bedeutung erläutert. Wenn von Sozialisation die Rede ist, meint dies zeitlich vor allem einen Prozess, der innerhalb der Kindheit stattfindet (Abels und König 2010, S. 241). Sozialisation meint das durch Normen und Richtlinien bewusst oder unbewusst entwickelte Verhalten im Zuge der Identitätsbildung jeden Individuums. Dazu zählen auch die Geschlechterzuordnung und Wahrnehmung als männlich oder weiblich. Bei dem Geschlechterbegriff wird folglich zwischen dem biologischen Geschlecht (aus dem us-amerikanischem abgeleitet: „sex“) und dem sozialen Geschlecht („gender“) unterschieden (Aulenbacher et al. 2010, S. 24). Das biologische Geschlecht orientiert sich an den primären Geschlechtsorganen und wird nach der Geburt erfasst (Penis – männlich; Vagina – weiblich). Das soziale Geschlecht beschreibt ein weitaus komplexeres Konstrukt und beinhaltet u.a. welchem Geschlecht sich das Individuum zugehörig fühlt sowie die damit einhergehenden Verhaltens- und Denkmuster, die im Zuge der Sozialisation geprägt werden. Diese begriffliche Differenzierung ermöglicht es den Wissenschaftler_innen eine Trennung von dem biologischen Geschlecht (ausgehend von den primären Geschlechtsorganen) und dem sozialen Geschlecht (also das normativ geprägte Verhalten als Mann oder Frau) vorzunehmen. Mit der Frage wie wir Menschen zu dem werden, was wir sind, insbesondere wie sich das Individuum in einer Gesellschaft entwickelt, beschäftigten sich schon viele Soziologen und Soziologinnen. Schon bei dem zu den soziologischen Klassikern zählenden Emile Durkheim lässt sich bereits ein erster Ansatz ableiten, dass Kinder erst durch die sie umgebende Gesellschaft lernen, was von ihnen erwartet wird und dazu zählt auch die in unserer Gesellschaft existierende Zweigeschlechtlichkeit und welches Verhalten als männlich oder als weiblich akzeptiert gilt. Denn laut Durkheim bringt ein Kind „bei seiner Geburt nichts mit außer seiner Natur als Individuum“ (Durkheim 1903. In Abels und König 2010, S. 242). Doch inwieweit ist diese Identifizierung als männlich oder weiblich und unser damit einhergehendes Bewusstsein konstruiert und im Zuge der Sozialisation übernommen?

2. Ansätze zur Fragebeantwortung aus verschiedenen Werken mit dem Schwerpunkt auf Haushalt, Erziehung und Kinderspielwaren

Zur Beantwortung dieser Frage sind mehrere Aspekte von Relevanz. In dieser Arbeit werden hauptsächlich die Einflussfaktoren Haushaltstätigkeiten, Erziehung (im privaten als auch im öffentlichen Bereich von Kindergärten und Schulen) sowie das Thema Kinderspielwaren in frühen Jahren näher thematisiert. Bei der Frage inwieweit Geschlecht konstruiert ist, wird zugrunde gelegt, dass eine Unterscheidung zwischen Männern und Frauen bzw. weiblich und männlich aufgrund des sogenannten zweigeschlechtlichen Systems existiert. Die Begriffe „weiblich“ und „männlich“ sind demzufolge soziale Konstruktionen, die in den Traditionen verankert sind und zu einer verbalen und symbolischen Trennung zwischen beiden Geschlechtern führt, die nach wie vor vorhanden ist und stetig reproduziert wird (Dräger 2008, S. 37). Im Fokus des Sozialisationsprozesses von Kindern steht in erster Linie die Familienkonstellation, in der ein Kind aufwächst, sowie die damit verbundene Eltern-Kind-Beziehung (Rieker 2013, S. 44). Die Erziehung und vorgelebten Geschlechterrollen wirken sich also schon ab der Geburt auf Mädchen und Jungen aus, allerdings kann kein eindeutiger Zusammenhang zwischen den elterlichen Erziehungsmethoden und den geschlechtlichen Identitäten der Kinder festgestellt werden (Rieker 2013, S. 44), da dies eine zu einseitige Betrachtungsweise auf ein hoch komplexes Thema wäre. Im Folgenden wird zunächst auf das Thema Haushaltstätigkeit eingegangen. Denn auch nach Jahrzehnten der Frauen- und Geschlechterforschung ist es heutzutage immer noch Tatsache, dass Frauen im Gegensatz zu Männern den größten Anteil an anfallenden häuslichen Tätigkeiten erledigen (Aulenbacher et al. 2010, S. 33). Diese Tätigkeiten umfassen vor allem die Bereiche Ordnung und Sauberkeit der Kleidung und der Wohnung sowie das Zubereiten von Nahrung (Bührmann et al. 2007, S. 24). Kinder nehmen also schon in frühen Jahren (bewusst oder unbewusst) wahr, dass die Mutter hauptsächlich für das Verrichten der Haushaltstätigkeiten zuständig ist bzw. sich für diese zuständig fühlt. Dies ist unabhängig davon, ob die Frau einen Beruf neben den haushaltsbezogenen Tätigkeiten ausübt oder nicht (Bührmann et al. 2007, S. 20). Mädchen werden außerdem öfter als Jungen mit in die haushaltsbezogenen Tätigkeiten involviert und lernen somit schon früh, was normativ von ihnen bzw. vom Rollenbild der Frau erwartet wird (Dräger 2008, S. 35).

Auch über das Thema Erziehung und die damit einhergehende Beeinflussung bzw. Konstruktion von weiblichen oder männlichen Verhaltens- und Denkmustern gibt es zahlreiche Forschungen und Theorien, beispielsweise von der Soziologin und Professorin für Erziehungswissenschaft Ulrike Prokop. Sie schreibt, dass Mädchen im Prozess der Sozialisation anders als Jungen wahrgenommen und erzogen werden. Während Jungen eher zur Selbstständigkeit im alltäglichen Tun herangeführt werden, werden Mädchen oft als schutzbedürftiger wahrgenommen und mit einer größeren Fürsorge von beiden Elternteilen erzogen (Bührmann et al. 2007, S. 19). Ulrike Prokop prägte den Begriff des „weiblichen Lebenszusammenhangs“, den sie bei der Erklärung, wieso Mütter bei der Erziehung zwischen weiblichen und männlichen Rollen unterscheiden und diese in unterschiedlicher Herangehensweise erziehen, verwendet. Zum einen liegt diese Differenzierung beider Geschlechterrollen gewissermaßen in der Tradition und zum anderen ist das Verhalten geprägt von den eigenen Erfahrungswerten der erziehenden Mutter. (Bührmann et al. 2007, S. 20). Dass das Geschlecht bzw. das Verhalten von männlichen bzw. weiblichen Kindern somit stark beeinflusst und sozialisiert wird, sehen viele Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in den Sozialwissenschaften ähnlich. Die Diplom-Sozialpädagogin Tanja Dräger beschreibt ebenfalls, dass Frauen sich eher für die Kindererziehung und -betreuung einsetzen als Männer und fügt hinzu, dass dies oft Entscheidungen sind, die aufgrund der vorherrschenden Strukturen und anhaltenden Traditionen gefällt werden, also nur mehr oder weniger freiwillig getroffen werden (Dräger 2008, S. 37). Bei dem Thema Erziehung sollten die Einflüsse von (Bildungs)einrichtungen wie Kindergärten oder Schulen jedoch nicht außer Acht gelassen werden, denn auch dort werden Kinder zu bestimmten Verhaltensmustern im Zuge der Sozialisation beeinflusst. Neben den schon genannten Einflussfaktoren werden Unterschiede zwischen weiblich und männlich auch beim Blick auf vorhandenes und meist geschlechtsspezifisches Kinderspielzeug sehr deutlich (Dräger 2008, S. 79). Das Spielzeug, was eindeutig den Jungen zugeordnet werden kann, fördert in den meisten Fällen die Abenteuerlust sowie die Selbstständigkeit mit Einbezug der Umgebung, währenddessen das sogenannte mädchentypische Spielzeug oft sehr nah an hauswirtschaftlichen Tätigkeiten orientiert ist und weniger Selbstständigkeit sondern eher Einfühlvermögen fördert (Dräger 2008, S. 79). Um konkrete Beispiele aufzuzeigen, beschreibt Dräger (2008) ihre Suche nach einem fordernden Lego-Spielzeug als Geschenk für ihre Tochter und stellte fest, dass es hauptsächlich Modelle gab, die für Jungen von Interesse waren (Fahrzeuge, Autos und größere Legomodelle, die zum bauen und tüfteln anregen). Von der Firma Lego existieren zwar ebenfalls Spielzeuge für Mädchen, allerdings ohne dass die Fähigkeit von Bauen und Zusammensetzen gegeben ist, denn es handelt sich oft um Spielwaren wie Schlösser oder Tierparks, die nur aus wenigen großen Teilen bestehen und somit eher für einfühlsames und kreatives Spielen gedacht sind. An dem Beispiel Lego wird also deutlich, dass es starke Differenzen zwischen den Spielmöglichkeiten für Jungen und Mädchen gibt und zwar zum Nachteil der Mädchen (Dräger 2008, S. 79). Schaut man sich das für Mädchen auf den Markt gebrachte Spielzeug in den Regalen einmal genauer an, lassen sich schnell Muster erkennen, nämlich, dass die meisten Spielzeuge sich um Aktivitäten rund um Kleidung, Frisuren, Aussehen oder haushaltsbezogene Alltagstätigkeiten (wie Puppen oder Spielküchen) drehen. Es gibt wenige Spielzeuge, die motorische oder technische Fähigkeiten, wie das Zusammenbauen und Variieren von Modellen, fördern. Schaut man sich die Regale der für Jungen entworfenen Spielzeuge an, findet man ein deutlich anderes Bild vor, denn die Spielzeuge sind oft eher alltagsfern und nicht auf den Haushalt bezogen (wie zum Beispiel Lichtschwerter, Superhelden-Equipment) oder eben Modelle, die komplexe Anleitungen beinhalten und somit die motorischen Fähigkeiten und technisches Verständnis fördern. Unter anderem über das Spielzeug von Kindern lernen diese also, was weiblich und was männlich konnotiert ist und bilden dementsprechend ihre Interessen aus. Ein weiteres Beispiel für die Konstruktion von Geschlecht im Zuge der Sozialisation sind unter anderem Kleidungsstücke. Obwohl Kinder sich in frühen Jahren in der Regel noch kaum Gedanken über ihre Kleidungsstücke machen, wissen sie sehr wohl, welche Kleidung für Frauen bzw. welche für Männer bestimmt ist. Um auch hier ein konkretes Beispiel zu nennen beschreibt Dräger (2008), dass ihre Tochter zwar selten Röcke trägt, doch auf den Bildern, die sie malt, haben die weiblichen Individuen fast immer Röcke an und die männlichen Hosen (Dräger 2008, S. 83). Kinder lernen also schon früh, welches Aussehen und welche Kleidungsstücke eher den Frauen oder den Männern zugeordnet werden und entwickeln darauf aufbauend Stück für Stück ihre eigene Identität.
Die Geschlechterforschung umfasst jedoch nicht nur die Beschreibung und Analyse des Ist-Zustandes der vorherrschenden und von Traditionen geprägten Geschlechterverhältnisse, sondern thematisiert ebenso vielversprechende Lösungsansätze, wie mit dem Thema der Zwei-geschlechtlichkeit im Zuge der Sozialisation umgegangen werden kann. Ein interessanter pädagogischer Lösungsansatz, der sich schon seit den 90er Jahren auch in der Politik etabliert hat, ist das sogenannte Konzept des „Gender Mainstreaming“, welches für mehr Chancengleichheit beider Geschlechter sorgen soll. Um was es sich beim Konzept des „Gender Mainstreaming“ genau handelt, wird im Folgenden näher thematisiert und erläutert.

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Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Geschlecht im Prozess der Sozialisation
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,7
Jahr
2018
Seiten
10
Katalognummer
V899451
ISBN (eBook)
9783346183309
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialisation, Geschlecht, männlich, weiblich, Gender, Gender mainstreaming, Geschlechterforschung, sex, Mann, Frau, Mädchen, Junge, Haushalt, Erziehung, Kinder, Kinderspielwaren, Einflussfaktoren, Sozialisationsprozess, Geschlecht im Sozialisationsprozess, Gleichstellung, Chancengleichheit, Gleichberechtigung, Konstruktion, Konstruktion von Geschlecht, Kindergarten, Schule, Politik, Wirtschaft, Beruf, Typisch Mann, Typisch Frau, mädchentypisch, jungentypisch
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Anonym, 2018, Geschlecht im Prozess der Sozialisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/899451

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