Darstellung von Suizid in Medienformaten. Über Suggestions- und Imitationseffekte am Beispiel der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht"


Hausarbeit, 2019

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Medien und Suizid
2.1 Forschungsstand und Werther-Effekt
2.2 Verantwortung und Papageno-Effekt

3 Tote Mädchen lügen nicht – Der Suizid der Hannah Baker
3.1 Hintergrund und Handlung
3.2 Kontroversen
3.2.1 Identifikation und Suggestion
3.2.2 Heroisierung und Romantisierung
3.2.3 Tod, Weiblichkeit und Ästhetik

4 Kritische Bewertung

Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Medienformate aus Print-, TV- und Onlinebranche sind seit ihrer Entstehung und Verbreitung im Interesse der verschiedensten Forschungsrichtungen. Durch ihre immense Reichweite und Allgegenwärtigkeit im gesellschaftlichen Alltag wird häufig darüber diskutiert und geforscht, inwiefern solche Formate dazu fähig sind, unser eigenes Denken und Handeln zu beeinflussen oder gar zu manipulieren. Sie stehen daher besonders dann in der Kritik, wenn sie über kontroverse Themen berichten oder explizite Gewaltszenen enthalten. Ein besonders sensibles und gesellschaftlich tabuisiertes Thema ist der Suizid. In der Medienentwicklung und -forschung herrscht Uneinigkeit, wie damit ethisch am besten umgegangen werden soll und ob eine suizidale Handlung überhaupt gezeigt oder über sie berichtet werden sollte. Der Hauptgrund für die Streitbarkeit dieses Themas liegt vor allem in den möglichen Suggestions- und Imitationseffekten. Hier wird davon ausgegangen, dass die öffentliche Darstellung suizidaler Handlungen labile Menschen dazu verleiten kann, sich auf ähnliche Weise selbst das Leben zu nehmen. Am verbreitetsten für dieses Phänomen ist der von dem Soziologen David P. Phillips geprägte Begriff des „Werther-Effekts“ (Phillips 1974), welcher sich auf die suizidale Hauptfigur in Johann Wolfgang von Goethes 1774 erschienenen Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ bezieht. Infolge dessen Erscheinung wurde im Verbreitungsgebiet Europa ein signifikanter Anstieg an Selbstmorden festgestellt, wobei sogar oft direkte Imitation der Romanfigur erkannt wurde. Die Forschung ist sich bis heute uneins über die tatsächliche Wirkmacht eines Werther-Effekts sowie dessen entscheidende Faktoren. Jedoch ist er in den Köpfen von Medienschaffenden seither stets präsent, was die Berichterstattung über Selbsttötungen sowie Darstellungen einer solchen zu einer heiklen Angelegenheit macht. Im Jahr 2017 erregte die Drama-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ der Streaming-Plattform Netflix mit diesem Tabu-Thema großes Aufsehen, indem sie zum einen den Suizid der Protagonistin detailliert darstellte und sich zum anderen durch die ganze Handlung der Serie hinweg mit den Auslösern für diesen auseinandersetzt. Diese Arbeit soll zunächst den Werther-Effekt erläutern sowie die wichtigsten Forschungen und Erkenntnisse dazu darlegen. In Bezug darauf soll auf das viel diskutierte Thema der korrekten Darstellung suizidaler Handlungen in Medien eingegangen werden. Danach wird der in der Serie dargestellte Suizid erläutert und diskutiert sowie abschließend eigenständig anhand der zuvor dargelegten Handlungsempfehlungen kritisch bewertet.

2 Medien und Suizid

2.1 Forschungsstand und Werther-Effekt

Der Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ verschaffte Johann Wolfgang von Goethe einen seiner ersten großen Erfolge. Er handelt vom jungen Rechtspraktikanten Werther, welcher seine unglückliche Verbindung und unerwiderte Liebe zu der mit einem anderen Mann verlobten Lotte in Briefen verarbeitet. Der Roman endet mit dem Selbstmord Werthers (vgl. Goethe 2009). Nach dem Erscheinen und enormen Erfolg des Romans ließ sich ein signifikanter Anstieg an Selbsttötungen im Einflussbereich Goethes in Europa beobachten. Dabei wurde bei einigen der Täter ein direkter Bezug zu Goethes Werther festgestellt. Zum einen durch Übereinstimmung was Alter, Geschlecht gesellschaftlicher Stand sowie Methode der Selbsttötung anging oder darin, dass besagtes Buch in unmittelbarer Nähe zum Leichnam gefunden wurde. Es wurde sogar festgestellt, dass die Suizidanten sich, teilweise sehr detailgetreu, ebenso kleideten wie Werther im Roman zum Zeitpunkt seiner Tat (vgl. Lukesch 1996: 65). Aufgrund jener besorgniserregenden Beobachtungen wurde der Roman vielerorts sogar verboten (vgl. ebd.). Jene Nachahmungstaten infolge der Romanveröffentlichung lösten eine Debatte über die Wirkmacht von Medien aus, die bis heute geführt wird.

Einer der bekanntesten Soziologen, die sich schon früh mit dem Thema Suizid befassten, war Émile Durkheim. Er widmete jenem Randthema der Soziologie ein ganzes Buch. In „Der Suizid“ von 1897 diskutiert er verschiedenste Aspekte der Selbsttötung sowie Ursachen, Folgen und gesellschaftliche Zusammenhänge. Einen möglichen Nachahmungseffekt infolge eines einzelnen Suizids, der unhinterfragt von anderen kopiert wird und die Selbstmordrate einer ganzen gesellschaftlichen Gruppe steigern könne, sieht er nicht gegeben (vgl. Durkheim 1983: 134). Er bestritt nicht, dass Selbstmord durch Nachahmung existiert, betonte aber, dass ein solcher doch hauptsächlich von einer Reihe anderer sozialer Faktoren bestimmt werde und nicht nur durch reine Kopie. Vermeintliche Nachahmungstäter hätten sich demnach sowieso früher oder später das Leben genommen (vgl. ebd.: 132 ff.). Individualfälle, vor allem solche in unmittelbarer Nähe zur ursprünglichen Suizidtat, können durchaus auf Übertragung zurückgeführt werden, jedoch nicht eine gesamtgesellschaftliche Neigung (vgl. ebd.). Zudem sei für ihn eine direkte Nachahmung schwer nachweisbar in der Statistik (vgl. ebd.: 146). Die Wirkung eines Berichts über einen einzelnen Selbstmord könne laut ihm nicht den „Kern der Gesellschaft“ (ebd.: 149) erreichen. Der „moralische Zustand eines Kollektivs“ (ebd.: 146) ist für Durkheim der entscheidende Faktor bei der Wirkmächtigkeit einer Selbstmordberichterstattung. Für ihn bedeutet das, dass es auf den Grundzustand einer Gesellschaft ankommt, der auch darüber entscheidet, wie über einen Suizid berichtet wird (vgl. ebd.: 148 f.). Herrscht in einer Gruppe eine allgemeine Abscheu gegenüber suizidalen Handlungen, so fließe das in die Berichterstattung mit ein und eine Meldung über solche könne das Kollektiv auch nicht erschüttern, verunsichern oder gar zu Nachahmungen veranlassen. Wenn aber eine Gesellschaft, etwa durch eine Phase der Krise durch schlechte Wirtschaft, bereits im Kern „moralisch erschüttert“ (ebd.: 148) ist und eine „Unsicherheit gegenüber unmoralischen Handlungen“ (ebd.) herrscht, so sei hier bei öffentlicher Berichterstattung die Gefahr größer, dass das Kollektiv gegenüber solchen Handlungen wie einem Suizid nachsichtiger und weniger abgeneigt sei (vgl. ebd.).

In den 1970er-Jahren wurde die Diskussion im großen Stil entfacht, als der amerikanische Soziologie David P. Phillips eine neue Debatte um die Suggestionsmacht von Suiziden anstieß. Dabei führte er den heute auch außerhalb der Soziologie weit verbreiteten Begriff des Werther-Effekts ein (vgl. Phillips 1974). Er fand dabei mithilfe einer Studie heraus, dass in den Vereinigten Staaten und Großbritannien in den Jahren 1947 bis 1968 die Suizidrate der Gesellschaft unmittelbar dann einen signifikanten Anstieg erlebte, wenn über den Selbstmord einer bekannten Persönlichkeit, wie etwa Marilyn Monroe, berichtet wurde. Die imitierten Suizide fanden häufig mit ähnlichen Methoden und an ähnlichen Orten wie ein Modell-Suizid statt (vgl. ebd.) Besonders groß war der Effekt, wenn lange und mit möglichst viel „Publicity“ über einen solchen Selbstmord informiert wurde (vgl. ebd.). Phillips begründete dieses Phänomen mit der Suggestionsmacht eines Suizids, die besonders dann gefördert wird, wenn ausgiebig über ihn Bericht erstattet wird und so mehr Menschen über einen längeren Zeitraum erreicht und damit beeinflusst (vgl. ebd.). Im Gegensatz zu Durkheim sieht Phillips also durchaus eine Suggestionsmacht gegeben, welche sich von einem einzelnen Suizid durch intensive Berichterstattung auf die Selbstmordrate einer ganzen Gesellschaft signifikant und statistisch nicht erwartbar auswirken kann. Das bedeutet, dass es auch die Personen betreffe, welche nicht als prädisponiert galten, also sich ohnehin früher oder später mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben genommen hätten (vgl. ebd., Zillien/Lenz 2008: 435).

Bis heute wird die Debatte um die tatsächliche Existenz eines Werther-Effekts sowie dessen tiefere Ursachen und Zusammenhänge breit diskutiert. Die Erkenntnisse Phillips wurden zwar mehrfach bestätigt, allerdings auch von anderen Forschungen zum Teil wiederlegt oder relativiert (vgl. Tomandl et al. 2014: 3 f., Till 2009: 77 f.). So wurde etwa auf Fehler in seiner Forschung hingewiesen, da er andere entscheidende Faktoren, wie Arbeitslosigkeit oder die ökonomische Lage einer Nation außer Acht gelassen und eher selektiv geforscht habe (vgl. Wasserman 1984: 427 f., Lindner-Braun 1990: 264 f.). Zudem hätten andere Forschungen zu jenem Thema gegenteilige Ergebnisse hervorgebracht und keinen direkten Zusammenhang zwischen Modell-Suizid einer bekannten Persönlichkeit und einer daraufhin gestiegenen Selbstmordrate feststellen können (vgl. Lindner-Braun 1990: 264 f.). Bei späteren Forschungen wurde herausgefunden, dass, wie bereits Philipps hervorhob, besonders oder ausschließlich dann ein negativer Imitationseffekt entstand, wenn über einen Selbstmord besonders sensationsträchtig berichtet wurde (vgl. Tomandl et al. 2014: 3 f.). Weitere Forschungen und Studien kommen zu keinem eindeutigen Ergebnis, da über die Methoden gestritten wird, wie man einen auf Suggestion und Imitation basierten Suizid in der Statistik eindeutig nachweisen und von durch andere Faktoren ausgelösten Suiziden unterscheiden kann (vgl. Haenel 1989: 109, 113). Die Imitationswirkung bei fiktiven Suiziden, also etwa einen in einem Film oder einer Fernsehserie dargestellten, wurde erneut untersucht, als im Jahr 1981 die Fernsehserie „Tod eines Schülers“ im ZDF ausgestrahlt wurde. Auch hier ließ sich ein signifikanter Anstieg der Selbstmordrate im deutschsprachigen Raum, also dem Einflussbereich der Serie, kurze Zeit nach der Ausstrahlung erkennen (vgl. ebd.: 113). Die Forscher nannten als Beweis für die Suggestionswirkung die in großem Maße übereinstimmenden Merkmale von Modelltäter in der Serie und den Nachahmenden im echten Leben. Dies betraf etwa das Alter, das Geschlecht oder die Methode bei der Selbsttötung. Hierbei betonten die Forscher, dass diese Vielzahl von Selbstmorden statistisch nicht erwartbar und somit rein aus dem Suggestionseffekt heraus stattfanden und somit nicht nur jene betraf, die ohnehin prädisponiert gewesen seien (vgl. ebd.: 113 f., Tomandl et al. 2014: 10 f.). Um die Faktoren zu ermitteln, die eine so starke Suggestionsmacht überhaupt ermöglicht, ist es wichtig, die Umstände und Bedingungen auf Seite der Rezipienten zu ermitteln. So wurde herausgefunden, dass vor allem Jugendliche eine Risikogruppe darstellen, vor allem was fiktive Suizide angeht, also solche aus Filmen und Fernsehserien (vgl. Abrutyn/Mueller 2014: 215). Dies lässt sich damit erklären, dass in dem Alter während der Pubertät der eigene Charakter erst noch gebildet werden muss und nach Vorbildern gesucht wird (vgl. ebd.). Zudem machten die Forscherinnen und Forscher bei einer Studie die Entdeckung, dass Suizidentinnen eher im Gedächtnis bleiben als männliche Suizidenten und sich ferner weibliche Rezipienten dabei generell besser an eine solche Tat erinnern als männliche Zuschauer (vgl. Scherr/Markiewitz 2018: 235). Empathie mit dem Selbstmordtäter oder der -täterin ist hierbei ein maßgeblicher Faktor (vgl. ebd.: 231). Diese wirkt dann besonders stark, wenn die suizidale Protagonistin allzu positiv dargestellt und ihr Verhalten als verständlich suggeriert wird (vgl. ebd.: 236 f.). Zudem sorgen solche vermeintlichen Erklärungen für die Tat dafür, dass diese beim Rezipienten besser im Gedächtnis bleibt. Das Erinnern an den Suizidenten oder die Suizidentin erzeugt erst Empathie (vgl. ebd.). Dieses Ergebnis lässt sich jedoch auch umgekehrt anwenden. Das heißt, wird der suizidale Protagonist nicht zu positiv und romantisch aufgeladen dargestellt, erfährt er auch für seine Handlung wenig Verständnis und das Mitgefühl bei den Rezipienten sinkt (vgl. ebd.). Bei der weiteren Forschung darüber, welche Faktoren entscheidend sind einen Suggestionseffekt auszulösen, wurde ermittelt, dass ein hohes Maß an persönlicher Übereinstimmung zwischen Modell-Suizidanten, also dem Kommunikator, und seinem Rezipienten, dem vermeintlichen Nachahmer, vorzuliegen hat. Dies bezieht sich etwa auf Alter, Geschlecht, soziales Umfeld, die allgemeine Lebenslage oder auch andere körperliche Merkmale. So geht man davon aus, je höher die Ähnlichkeit zwischen Kommunikator und Rezipient desto wirkungsvoller die mögliche Suggestionskraft (vgl. Brosius/Ziegler 2001: 19 ff.). Dies ergibt sich daraus, dass bestehende Gemeinsamkeiten Glaubwürdigkeit aufbauen. Somit wird beim Rezipienten Vertrauen erweckt, was später zu Zuneigung und letztlich Verständnis führt. Allerdings, so stellten Forscher ferner fest, reiche der Faktor der Ähnlichkeit als Anreiz zur Imitation allein nicht aus. Vielmehr spiele das Wahrnehmen des Modell-Suizidanten als Vorbild eine gewichtige Rolle. So lässt sich das Ähnlichkeitspostulat nicht auf alle Gruppen gleichermaßen anwenden, da viele Menschen bevorzugt solche Personen nachahmen, die einen höheren sozialen Status aufweisen als man selbst. Kinder etwa orientieren sich eher an Erwachsenen als an Gleichaltrigen. Die Einflusschancen der Kommunikatoren erhöhen sich also, wenn dieser beim Rezipienten eine Vorbildfunktion einnimmt, also eine Figur darstellt, zu der man aufschaut, was noch wirkmächtigere Anreize zur Nachahmung schaffe als Gemeinsamkeiten. Dieses Modell-Lernen werde unter anderem in der Werbebranche längst gezielt eingesetzt, um den Einfluss bei den Zuschauern zu erhöhen und Anreize zu schaffen (vgl. Lindner-Braun 1990: 273 f.). „Die größere Suggestionskraft statushöherer Modelle“ aufgrund der damit verbundenen „attraktiven Anreizkontingente[…]“ (ebd.: 278) lässt sich vor allem bei Prominenten beobachten, die durch ihren durch Wohlstand und Glamour gekennzeichneten Lebensstil oft eine Vorbildfunktion in der breiten Masse annehmen. Daher lässt sich nach dem Suizid einer berühmten Persönlichkeit, wie eben Marilyn Monroe, häufiger ein nationales Ansteigen der Selbstmordrate beobachten als bei unbekannten Suizidanten (vgl. ebd.). Weiterhin betont die Forschung aber die unterschiedliche Rezeption der Menschen sowie den Zusammenhang mit anderen wichtigen Faktoren, wie der Familie oder dem Freundeskreis (vgl. ebd.: 279). Es sei zudem nach wie vor schwierig, einen tatsächlichen Werther-Effekt statistisch einwandfrei nachzuweisen. Jeder Rezipient nimmt Medieninhalte anders auf und die Erforschung wahrhaftiger Korrelationen zwischen Suiziden ist schwer nachzuweisen. Dabei wird oft von einem „Werther-Defekt“ (Scherr 2013: 103) gesprochen.

2.2 Verantwortung und Papageno-Effekt

Die Forschungsergebnisse über die Wahrscheinlichkeit einer medialen Suggestionsmacht in Bezug auf das Berichten über beziehungsweise das Darstellen von Suizidhandlungen erhielt auch Einzug in die Medienwissenschaft. Die Verbreitung und Beliebtheit von Massenmedien brachte ein neues Bewusstsein für die Wirkmacht jener hervor und führte zu einem vergrößerten Verantwortungsbewusstsein der Medienschaffenden in Bezug auf sensiblen Inhalt (vgl. Tomandl et al. 2014: 3f.).

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Suizid als weltweites Gesundheitsproblem anerkannt, dessen Prävention und Kontrollierbarkeit schwierig ist (vgl. WHO 2008: 1). Daher sei es besonders wichtig, darauf aufmerksam zu machen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Den Medien wird hierbei, trotz aller Gefahren, auch eine große Chance zuteil. Um allerdings die schwierige Balance zwischen aufklären und sensationalisieren zu halten, empfiehlt die WHO einige Maßnahmen als Leitfaden für Medienschaffende. Diese besagen unter anderem, dass besonderen Wert auf die Verwendung angemessener Sprache gelegt werden muss. Es soll möglichst neutral formuliert und der Suizid nicht als Sensation, trotzdem aber auch nicht als etwas völlig Normals beschrieben werden. Ferner sollte in jedem Fall darauf verzichtet werden, einen Suizid als ernsthafte Lösung für ein schwerwiegendes Problem darzustellen und damit den Suizidanten zu romantisieren oder heroisieren (vgl. Brosius/Ziegler 2001: 21). Auch die Platzierung in etwa der Zeitung oder den Nachrichten sollte nicht zu prominent sein, also keine große Schlagzeile darstellen, über welche wochenlang und ausgiebig berichtet wird. Weitergehend sollte eine Beschreibung der Methode oder die Nennung von Details vermieden werden. Gerade eine detaillierte Beschreibung eines Suizidanten kann die Suggestion durch Ähnlichkeit zum Rezipienten bei diesem hervorrufen (vgl. ebd.). Vor allem sollte hierbei auf Bild- und Videomaterial verzichtet werden. Zudem wird geraten, bei Berichten über Suizide stets auf Hilfe hinzuweisen, wie etwa eine Telefon-Hotline für Betroffene anzuzeigen (vgl. WHO 2008: 3). Die WHO betont die Ambivalenz der Medien, denn einerseits laufen Medienschaffende bei Nichtbeachtung der Richtlinien immer Gefahr, einen Suizid als Sensation darzustellen und damit den Rezipienten auf einer falschen Ebene zu erreichen. Damit sind vor allem leicht beeinflussbare Subgruppen wie junge, pubertierende oder mental labile Menschen gemeint, bei welchen durch die Darstellung von Suizid ein „Trigger“ (Till 2009: 78) ausgelöst werden kann. Ein solcher Auslöser für psychische Reaktionen tritt gerade bei prädisponierten Menschen auf, wenn ein Suizid zu sehr glorifiziert und romantisiert dargestellt wird (vgl. ebd.). Allerdings haben Medien andererseits die Chance, einen wichtigen Beitrag zur Suizidprävention zu leisten, indem sie sachlich und hilfestellend berichten und nicht ausgiebig oder gar verständnisvoll und positiv (vgl. WHO 2008: 5 f.). Im Großen und Ganzen hält sich aufgrund solcher Leitfäden der Konsens, dass die Presse möglichst zurückhaltend agieren solle, wenn es um die Berichterstattung von Suiziden geht (vgl. Brosius/Ziegler 2001: 21 f.). Doch der richtige mediale Umgang mit dem Thema ist ein schmaler Grat und vorgegebene Richtlinien neigen teilweise sogar dazu, sich selbst zu widersprechen (vgl.: ebd.: 22). Dies passiert etwa, wenn über einen Selbstmord so restriktiv und zurückhaltend berichtet wird, dass Rezipienten den Eindruck erhalten, man wolle ihnen etwas verheimlichen oder verbergen. Damit entsteht eine Art Mystifizierung um den betreffenden Suizid, was die Neugier der Rezipienten zur Wirkung haben könne und damit das Gegenteil von Prävention bewirkt (vgl. ebd., Tomandl et al. 2014: 10). So sind sich die meisten Forscherinnen und Forscher sowie Medienschaffende darin einig, dass eine völlige Tabuisierung des Themas Suizid nicht zielführend ist, sondern Medien viel eher zur Aufklärung und gegen Stigmatisierung von Betroffenen beitragen sollten. Es sollte sich daher nicht die Frage stellen, ob über Suizid berichtet werden sollte, sondern lediglich wie (vgl. Scherr 2013: 103). Bei einem solch sensiblen und gesellschaftlich stigmatisierten Thema ist jedoch zu bedenken, dass der mediale Beitrag zur gesundheitlichen Aufklärung in der Praxis schwierig lösbar ist. Das zeigte die ZDF-Serie „Tod eines Schülers“. Diese war ursprünglich aufklärerisch und präventiv gedacht, bewirkte aber durch den großen Anstieg der Selbstmordrate das Gegenteil (vgl. Brosius/Ziegler 2001: 20). Gerade bei der Darstellung fiktiver Suizide, etwa in Filmen, Dokumentationen oder TV-Serien, bemängeln einige Wissenschaftler eine Vermarktung und Skandalisierung von Suizid (vgl. ebd.: 25).

Es wurde dennoch zunehmend kritisiert, dass in den meisten Fällen eine Medien-Suizid-Korrelation, aufbauend auf den Ergebnissen Phillips, einseitig und nur unter dem bekannten Werther-Effekt dargestellt werde (vgl. Niederkrotenthaler et al. 2010: 234). Dabei wird außer Acht gelassen, dass Medien durchaus einen positiven Beitrag zur Aufklärung und Suizidprävention leisten können, in Form des eher weniger bekannten Papageno-Effekts (vgl. ebd.). Der Begriff „Papageno“ ist zurückzuführen auf die gleichnamige Figur in Mozarts Oper „Die Zauberflöte“. Papageno erleidet darin eine suizidale Krise, welche er mithilfe seiner Freunde, die ihm Alternativen aufzeigen, letztlich bewältigt (vgl. Tomandl et al. 2014: 3). Übertragen betont er somit das Potenzial der Medien. Werden Berichte über die Bewältigung einer suizidalen Krise gezeigt, hat dies erwiesenermaßen einen rückläufigen Effekt auf die nationale Suizidrate (vgl. ebd.: 3 f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Darstellung von Suizid in Medienformaten. Über Suggestions- und Imitationseffekte am Beispiel der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht"
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Thanatosoziologie: Hetereotopien des Todes
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V899484
ISBN (eBook)
9783346185648
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Thanatosoziologie, Suizid, Medien, Werther, Werther-Effekt, Papageno, Papageno-Effekt, Tote Mädchen lügen nicht, Suggestion, Imitation, Suiziddarstellung, Netflix, Serie, Ästhetik, Tod, Identifikation, Heroisierung, Hannah Baker, Medienformat, Gesellschaft, Jugend, Kunst
Arbeit zitieren
Anna-Maria Lenz (Autor), 2019, Darstellung von Suizid in Medienformaten. Über Suggestions- und Imitationseffekte am Beispiel der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/899484

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