Wettbewerbschancen von Finanzplätzen - Ein Vergleich anhand ausgewählter ost- und westeuropäischer Finanzplätze


Diplomarbeit, 2007
113 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Tabellenverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

III Abkürzungsverzeichnis

1 Einführung

2 Begriffsbestimmung: Was ist ein Finanzplatz?
2.1 Abgrenzung
2.1.1 Institutioneller Ansatz
2.1.2 Funktioneller Ansatz
2.1.3 Geographischer Ansatz
2.1.4 Regulatorischer Ansatz
2.2 Begriffsverwendung in dieser Arbeit

3 Finanzplatzakteure und ihre Funktionen
3.1 Banken
3.2 Börsen
3.2.1 Organisationsformen von Börsen
3.2.2 Funktionen von Börsen
3.2.3 Wertschöpfungskette und Börsenleitbilder
3.3 Weitere Akteure

4 Wettbewerbsfaktoren von Finanzplätzen
4.1 Allgemeine Wettbewerbsfaktoren
4.1.1 Wirtschaftskraft
4.1.2 Humankapital
4.1.3 Regulierung
4.1.4 Reputation
4.2 Spezifische Wettbewerbsfaktoren von Banken
4.2.1 Wettbewerber im Bankenmarkt
4.2.2 Konzentrationsgrad
4.2.3 Rentabilitätskennziffern
4.2.4 Einlagensicherungssystem
4.3 Spezifische Wettbewerbsfaktoren von Börsen
4.3.1 Marktkapitalisierung und Marktgröße
4.3.2 Marktliquidität
4.3.3 Börsenumsätze und Marktgröße

5 Wettbewerbsanalyse
5.1 Allgemeine Rahmenbedingungen für Finanzplätze
5.1.1 Deutschland
5.1.2 Österreich
5.1.3 Polen
5.1.4 Tschechien
5.1.5 Ungarn
5.1.6 Russland
5.1.7 Zusammenfassung der Rahmenbedingungen
5.2 Bankenmarkt
5.2.1 Deutschland
5.2.2 Österreich
5.2.3 Polen
5.2.4 Tschechien
5.2.5 Ungarn
5.2.6 Russland
5.2.7 Zusammenfassung des Bankenmarktes
5.3 Börsen und Kapitalmärkte
5.3.1 Deutschland – Frankfurt
5.3.2 Österreich – Wien
5.3.3 Polen – Warschau
5.3.4 Tschechien – Prag
5.3.5 Ungarn – Budapest
5.3.6 Russland – Moskau
5.3.7 Zusammenfassung des Abschnitts und Kapitalmarktvergleich

6 Wettbewerbschancen von Finanzplätzen
6.1 Wettbewerbsstrategien
6.2 Frankfurt
6.3 Wien
6.4 Warschau
6.5 Prag
6.6 Budapest
6.7 Moskau

7 Zusammenfassung und Ausblick

IV Anhang

V Literaturverzeichnis

I Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Ansätze zur Charakterisierung von Finanzplätzen

Tabelle 2: Analyseobjekte – Finanzplätze in der Übersicht

Tabelle 3: Büroflächenangebot als Element der Finanzplatzinfrastruktur

Tabelle 4: Makroökonomische Rahmenbedingungen

Tabelle 5: Übersicht über nationale Bankenmärkte

Tabelle 6: Handelsumsätze im Derivatehandel

Tabelle 7: SWOT-Analyse des Finanzplatzes Frankfurt

Tabelle 8: SWOT-Analyse des Finanzplatzes Wien

Tabelle 9: SWOT-Analyse des Finanzplatzes Warschau

Tabelle 10: SWOT-Analyse des Finanzplatzes Prag

Tabelle 11: SWOT-Analyse des Finanzplatzes Budapest

Tabelle 12: SWOT-Analyse des Finanzplatzes Moskau

II Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Systematisierung von Börsen

Abbildung 2: Wertschöpfungskette im Wertpapierhandel

Abbildung 3: Mögliche Segmentierung einer Universalbörse

Abbildung 4: Marktphasen des Immobilienmarkts osteuropäischer Finanzplätze

Abbildung 5: Profitabilitätsindikatoren des ungarischen Bankensektors

Abbildung 6: Zusammensetzung der Ertragsquellen und Gesamtkapitalrentabilität ungarischer Banken

Abbildung 7: Potential der nationalen Bankenmärkte

Abbildung 8: Eigenkapitalrentabilität der Banken

Abbildung 9: Anzahl der notierten Unternehmen an der Prager Börse

Abbildung 10: Börsenkooperationen

Abbildung 11: Aktienhandelsumsätze im Januar

Abbildung 12: Anleihehandelsumsätze im Januar

Abbildung 13: Marktkapitalisierung der Börsen

Abbildung 14: Übersicht über die Größe der Finanzplätze

III Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einführung

Die Banken- und Börsenlandschaft Europas hat sich in den vergangenen 10 Jahren erheblich verändert. Technologischer Wandel, die Harmonisierung des Rechtsrahmens innerhalb der EU und die Einführung des Euro haben zu einer Intensivierung des Wettbewerbs zwischen Banken aber auch Börsen beigetragen und eine Konsolidierung innerhalb des Finanzsektors eingeleitet. Es folgte eine Welle von feindlichen Übernahmen, Fusionen und Kooperationen zwischen Marktteilnehmern die bis heute anhält.[1] Gleichzeitig hat sich 2004 der Wirtschaftsraum der EU mit dem Beitritt zehn neuer, vor allem osteuropäischer Staaten enorm vergrößert. Dieser schlagartige Zuwachs des EU-Binnenmarktes erzeugt weitere Wettbewerbsimpulse, da durch die „Europapass-Regelung“ grenzüberschreitende Dienstleistungen im Finanzdienstleistungsbereich vereinfacht werden. Dadurch können z.B. westeuropäische Banken mit heimischer Bankenlizenz auch im osteuropäischen Markt ohne zusätzliche Lizenzbeantragung tätig werden. In der Folge entsteht ein noch größerer Wettbewerbsdruck, der sich insbesondere an Orten auswirkt, an denen eine Vielzahl von Finanzmarktteilnehmern vertreten sind. In diesem Zusammenhang wird oftmals auch von einem Wettbewerb der Finanzplätze gesprochen, wobei der Begriff des Finanzplatzes häufig in unterschiedlichem Kontext und zugleich nicht einheitlich in Publikums- und Fachmedien verwendet wird. Diesbezüglich soll diese Arbeit zunächst einen Beitrag zur Begriffbestimmung leisten, indem der Finanzplatz nach verschiedenen Kriterien abgegrenzt wird, um schließlich eine für diese Arbeit gültige Begriffsverwendung zu bestimmen. Ziel dieser Arbeit jedoch ist es, Chancen für ausgewählte Finanzplätze West- und Osteuropas zu identifizieren, um schließlich mögliche Strategien zu formulieren, mit denen diese Finanzplätze im europäischen Konsolidierungsprozess bestehen können.

Ausgehend von der Begriffsbestimmung im zweiten Kapitel werden in Kapitel drei zunächst die wichtigsten Akteure eines Finanzplatzes bestimmt, um ihre Funktionen und ihre Bedeutung für den Finanzplatz zu erörtern. Dabei bildet die Betrachtung der Börsen einen besonderen Schwerpunkt dieses Kapitels, da Börsen das „Drehkreuz des Kapitals“[2] darstellen. An ihnen konzentriert sich der Handel mit Finanzkontrakten, so dass sie für die Existenz eines Finanzplatzes unerlässlich sind.

Im vierten Kapitel wird der Frage nachgegangen, welche Faktoren den Erfolg von Finanzplätzen determinieren. Dazu werden allgemeine und spezifische Wettbewerbsfaktoren von Finanzplätzen und ihren Marktteilnehmern erläutert, um schließlich im fünften Kapitel eine Wettbewerbsanalyse anhand ausgewählter Finanzplätze durchführen zu können. Dabei soll kein vollständiger Vergleich versucht werden, da dies mit der gegebenen Bearbeitungszeit nicht vereinbar ist. Vielmehr erfolgt bei der Wettbewerbsanalyse eine Konzentration auf wesentliche Merkmale der jeweiligen Finanzplätze. Die Auswahl der analysierten Finanzplätze erfolgte anhand von Größenkriterien und ihrer regionalen Bedeutung. Es werden die vier größten Finanzplätze Osteuropas betrachtet. Zudem werden zwei westeuropäische Finanzplätze in die Analyse aufgenommen, um nicht nur ihre Wettbewerbschancen zu bestimmen. Sie dienen gleichzeitig auch als Referenzobjekte für die noch recht jungen und wenig entwickelten Finanzplätze Osteuropas und zeigen in einem Vergleich eventuelle Defizite auf.

Aber wie können sich kleine, scheinbar unbedeutende Finanzplätze Osteuropas gegen etabliert Finanzplätze Westeuropas durchsetzen oder zumindest behaupten? Welche Strategien sind denkbar und welche konkreten Chancen existieren im länderübergreifenden Finanzplatzwettbewerb? Der Beantwortung dieser Fragen wird im fünften Kapitel nachgegangen. Dabei werden mit Hilfe der SWOT-Analyse[3] insbesondere die Stärken und daraus erwachsene Chancen herausgestellt, um schließlich auch Wettbewerbsstrategien für die einzelnen Finanzplätze zu benennen.

Abschließend werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und es wird ein Ausblick auf die zukünftige Landschaft von Finanzplätzen gewagt. Aufgrund der aktuellen Thematik und der damit verbundenen empirische Analysen wurden insbesondere Internquellen für die Gewinnung von Datenmaterial genutzt. Die Geschäftsberichte der Börsen und Zentralbanken lieferten einen Großteil der in dieser Arbeit verwendeten Zahlen.

2 Begriffsbestimmung: Was ist ein Finanzplatz?

2.1 Abgrenzung

Der Begriff „Finanzplatz“ existiert in keinem gebräuchlichen Lexikon und in der Literatur findet der Begriff unterschiedlichste Ausprägungen. Diese Vielfalt an Definitionen ist sicherlich auch die Konsequenz aus der „Komplexität des Gebildes Finanzplatz“[4]. Oftmals werden daher lediglich Teilaspekte betrachtet, was sich sowohl in den Forschungsgebieten als auch in den Definitionen widerspiegelt. Die meisten Definitionen haben einen ähnlichen Kern, der schließlich den Finanzplatz als einen Ort beschreibt, an dem sich der Handel mit Finanzdienstleistungen konzentriert. Allerdings unterscheiden sich die Begriffsbestimmungen in der Ausrichtung der als wesentlich wahrgenommenen Elemente eines Finanzplatzes. Diesbezüglich kann man den Finanzplatz nach verschiedenen Kriterien abgrenzen und definieren. Einen ersten Überblick über die unterschiedliche Begriffsverwendung gibt die folgende Darstellung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Ansätze zur Charakterisierung von Finanzplätzen.

Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Harrschar-Ehrnborg (2002), S. 22.

2.1.1 Institutioneller Ansatz

Welche Institutionen befinden sich an einem Finanzplatz? Wer sind die Marktteilnehmer? Diese Fragen werden mit Hilfe des institutionellen Ansatzes beschrieben. Nach Dufey/ Giddy ist ein Finanzplatz „a metropolitan area that has a high concentration of financial institutions and where the financial transactions of a given country or region are centralized“[5]. Entscheidend für die Klassifizierung eines Finanzplatzes ist die räumliche Konzentration von Finanzinstitutionen. Solche Institutionen können z.B. Banken, Kapitalanlagegesellschaften, Versicherungen und Börsen sein. Aber auch Dienstleister, die indirekt an Finanztransaktionen beteiligt sind können bei weiter Definition zu einem Finanzplatz gezählt werden. Ohne finanzplatzorientierte Dienstleister, wie z.B. Ratingagenturen, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Anwaltskanzleien wird auf Dauer kein Finanzplatz bestehen können oder zumindest an Bedeutung verlieren. Auch finanzbezogene Institutionen wie Aufsichtsbehörden und Zentralbanken können zu einem Finanzplatz gehören, sind aber nicht zwingend für die Existenz eines Finanzplatzes erforderlich. Am Finanzplatz Frankfurt sind bspw. die Bundesbank und die Europäische Zentralbank beheimatet. Auch die nationale Aufsichtsbehörde BaFin hat neben ihrem Hauptsitz in Bonn einen weiteren Dienstsitz in Frankfurt. Alle relevanten Institutionen eines Finanzplatzes werden in Kapitel 3 näher erläutert.

Allerdings besteht in der Literatur keine Einigkeit darüber, welche Marktteilnehmer zwingend zu einem Finanzplatz zu zählen sind.[6] Büschgen beschreibt den Finanzplatz im engeren Sinne als die Agglomeration von Börsen und Finanzintermediären.[7] Dagegen heben Mattern et al. bei der Betrachtung von Finanzplätzen neben Börsen auch die Rolle der Kapitalmärkte besonders hervor.[8] Die Landeszentralbank Hessen dagegen definiert Finanzplätze nicht nur als die „Addition von Banken, Börsen und anderen Finanzdienstleistern“[9], sondern erweitert diese Sichtweise um die „formale und informelle Organisation der Teilnehmer am Markt und die dafür notwendige technische und regulatorische Infrastruktur“[10].

Nachteil der institutionellen Begriffsverwendung von Finanzplätzen ist die statische Betrachtung. Institutionen wandeln sich im Zeitablauf ausgelöst durch Revolutionen in der Informations- und Kommunikationstechnologie und den sich dadurch veränderten Wettbewerb.[11] Institutionell betrachtet bleiben Banken Banken und Börsen bleiben Börsen. Allerdings wandeln sich ihre Funktionen im Zeitablauf, so dass sich der Wettbewerb nicht nur zwischen Banken und Börsen vollzieht sondern neue Wettbewerber in den Markt eintreten und mit den etablierten Akteuren konkurrieren. Die Wettbewerbsdynamik, die vom institutionellen Wandel ausgelöst wird, kann mit der institutionellen Perspektive nicht ausreichend erfasst werden.[12]

2.1.2 Funktioneller Ansatz

Um Missverständnissen vorzubeugen ist es wichtig, zwischen den Begriffen Finanzmarkt und Finanzplatz zu unterscheiden. Ein Finanzmarkt beinhaltet alle Beziehungen, die einen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage nach Finanzdienstleistungen schaffen.[13] Er erfüllt eine Intermediationsfunktion. Das heißt, dass der Finanzmarkt zwischen Kapitalgebern und Kapitalnehmern vermittelt und so Angebot und Nachfrage zusammenführt. Allerdings ist der Finanzmarkt wenig spezifisch auf einen Ort fixierbar bzw. räumlich eingrenzbar, da insbesondere in der heutigen globalisierten Wirtschaft Finanztransaktionen nationale Grenzen überschreiten. Anbieter und Nachfrage auf dem Finanzmarkt können tausende von Kilometern entfernt voneinander sitzen und trotzdem Geschäfte abschließen. Folglich ist die Intermediationsfunktion von Finanzmärkten räumlich nicht eingegrenzt. Der Finanzplatz erfüllt ebenso diese Intermediationsfunktion, allerdings beschränkt er sich auf einen räumlich abgegrenzten Bereich, in welchem Anbieter und Nachfrager domizilieren.[14] Der Finanzplatz erfüllt also Funktionen eines Finanzmarktes, allerdings konzentriert an einem Ort.

Nun stellt sich die Frage: Welche konkreten Funktionen erfüllt ein Finanzplatz? Anhand welcher Funktionen lässt sich ein Finanzplatz charakterisieren? Der Beantwortung dieser Fragen geht der funktionelle Ansatz zur Definition von Finanzplätzen nach. Dabei vermeidet die funktionale Sichtweise die Nachteile der institutionellen Betrachtungsweise, indem nicht die Institutionen im Mittelpunkt der Betrachtung von Finanzplätzen stehen, sondern die von diesen Institutionen zu erfüllenden Funktionen zum Ausgangspunkt der Überlegungen werden.[15] Die Funktionen, welche von Finanzinstituten erfüllt werden, bleiben im Vergleich zu den Finanzinstitutionen selbst relativ konstant. Finanzinstitutionen wandeln sich tendenziell häufiger als die von ihnen erbrachten Funktionen.[16]

Die Bundesbank betrachtet einen Finanzplatz „als Basis für die kostengünstige Bewältigung vielfältiger Finanzierungsaufgaben“[17]. Dagegen heben Dietl/ Pauli/ Royer die Intermediationsfunktion von Akteuren eines Finanzplatzes hervor. Die Intermediationsfunktion der Finanzplatz-Marktteilnehmer besteht darin Kapitalgeber und Kapitalnehmer zusammenzuführen. Auf die Funktionen wichtiger Marktteilnehmer wird in Kapitel 3 ausführlicher eingegangen. Eine spezielle Form der funktionellen Definition bildet der funktionell-ressourcenorientierte Ansatz, wie er von Dietl/ Pauli/ Royer verwendet wird.[18] Dieser bezieht sich bei der Abgrenzung des Finanzplatzes nicht nur auf seine Funktionen sondern auch auf die Ressourcen, welche ein Finanzplatz benötigt um schließlich seine Funktionen zu erfüllen.

Letztlich kann der funktionale Ansatz auch die Grundlage für normative Überlegungen sein. Welche Funktionen sollten an einem Ort erfüllt sein, damit dieser als Finanzplatz gilt? Diese Fragestellung wird jedoch in dieser Arbeit nicht verfolgt.

2.1.3 Geographischer Ansatz

Um Finanzplätze zu beschreiben kann man sie auch nach geographischen Kriterien abgrenzen. Dieser Ansatz befasst sich mit der räumlichen Komponente des Finanzplatzes, welche sich in zwei Aspekten untergliedern lässt.[19]

Zum einen kann der Finanzplatz nach seiner räumlichen Ausdehnung klassifiziert werden. So haben sich z.B. am Finanzplatz New York die meisten Finanzinstitute an der Wall Street im Financial District in Manhattan angesiedelt. In Bezug auf Frankfurt ist die Frage nach der räumlichen Ausdehnung des Finanzplatzes nicht so einfach zu beantworten, da ein Teil der Finanzinstitutionen ihren Sitz in die Vororte Frankfurts verlagert hat.[20] Die Konzentration von Finanzinstitutionen ist in Frankfurt bei weitem nicht so hoch wie in der Squaremile der Londoner City, dem Finanzplatz Londons. Der Finanzplatz Frankfurt kann bezüglich seiner räumlichen Ausdehnung auf seine Stadtgrenzen eingeschränkt werden, so dass Finanzinstitute in benachbarten Orten nicht mehr zum Finanzplatzgebilde zählen.

Der zweite Aspekt des geographischen Ansatzes beleuchtet die räumliche Reichweite der an einem Finanzplatz erbrachten Finanzdienstleistungen. Daher werden Finanzplätze oftmals um die Attribute „regional“, „national“, „europäisch“ oder „international“ ergänzt. Diese Attribute betonen dabei nicht nur die Lokalität, sondern auch den Status und die Größe eines Finanzplatzes. Regionale Finanzplätze sind lediglich kleine Finanzplätze, die im Vergleich zur Bedeutung internationalen Finanzplätzen keine, allenfalls eine kleine Rolle spielen. Ein internationaler Finanzplatz wie London konkurriert mit den größten Finanzplätzen der Welt, nämlich mit New York und Tokio. Regionale Finanzplätze, wie Berlin und München konkurrieren eher auf nationaler Ebene mit anderen regionalen Finanzplätzen, wie Stuttgart und Düsseldorf.[21]

Auch eine Erweiterung des Finanzplatzbegriffs um eine Landesbezeichnung findet oft Anwendung. So ist in Zeitungen häufig die Rede vom „Finanzplatz Deutschland“ oder vom „deutschen Finanzplatz“. Allerdings wird dabei fälschlicherweise mit der Bezeichnung „Finanzplatz Deutschland“ der „Finanzplatz Frankfurt“ assoziiert.[22] Der Begriff „Finanzplatz Deutschland“ umfasst sinnvollerweise den gesamten Finanzsektor inklusive seiner Regulierung, Steuergesetzgebung und anderen Einflüssen sowie Rahmenbedingungen, die unmittelbare Wirkungen auf alle Finanzinstitute haben. Der Finanzplatz Deutschland wird somit als die „Gesamtheit des Finanzsektors als das monetäre Element der Infrastruktur der Volkswirtschaft“ verstanden.[23]

2.1.4 Regulatorischer Ansatz

Eine Finanzplatzabgrenzung ausschließlich nach regulatorischen Merkmalen ist in der wissenschaftlichen Literatur rar. Es existiert faktisch kein Autor, der einen Finanzplatz allein auf der Grundlage der herrschenden Regulierung definiert.[24] Daher ist der regulatorische Ansatz eigentlich kein eigener Ansatz. Es wird jedoch in vielen Finanzplatz-Publikationen die Bedeutung der (De-)Regulierung für einen funktionierenden und attraktiven Finanzplatz hervorgehoben.[25]

Regulierung verursacht einen bedeutenden Teil der Transaktionskosten. Tendenziell sinken die Transaktionskosten, sobald weniger reguliert wird. Daher gibt es Finanzplätze welche sich durch die Abstinenz von Regulierung oder zumindest sich durch sehr beschränkte Regulierung auszeichnen. Oftmals ist auch die Rede von sogenannten Offshore Finanzzentren. Dies sind politisch autonome Gebiete, die wie der Name suggeriert, oftmals vor der Küste liegen (off shore), also Inseln sind.[26] Bekannte Offshore-Finanzplätze sind die Cayman Inseln, Hong Kong, Singapur und die Bahamas. Offshore-Finanzlätze sind Zentren mit zahlreichen, aber dort nicht niedergelassenen Kunden. Solche Finanzzentren sind für Anleger von Vorteil, da sie durch eine niedrige bzw. gar keine Steuerbelastung und eine fehlende Notenbankregulierung gekennzeichnet sind.[27] Nur so können sie sich ihre Existenz gegenüber traditionellen Finanzplätzen sichern, da fehlende Regulierung ohne Zweifel einen Wettbewerbsvorteil gegen die etablierten Finanzplätze der Welt darstellt. Auf die Regulierung als Wettbewerbsfaktor von Finanzplätzen wird in Kapitel 4 ausführlicher eingegangen. Eine ökonomische oder politische Diskussion über die Auswirkungen von Offshore-Finanzplätzen auf andere Volkswirtschaften und Finanzmärkte findet hier nicht statt.[28]

Aber auch bei den klassischen Finanzplätzen, wie London und New York, werden der regulatorische Aspekt und seine Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit von Finanzplätzen diskutiert. Insbesondere New York gilt seit dem Sarbanes-Oxley Act (SOA) dem Finanzplatz London unterlegen, da der SOA den in den USA börsennotierten Unternehmen kostspielige bilanzielle Hürden aufbürdet. Er überreguliert die Kapitalmärkte in den USA, so dass bereits gelistete ausländische Unternehmen über ein Delisting, also einem Zurückziehen ihrer Notierung an amerikanischen Börsen nachdenken. Weiterhin können höhere Regulierungsstandards dazu führen, dass weniger Unternehmen sich in den USA listen lassen und einen anderen Börsenstandort aufgrund liberalerer Regulierung favorisieren. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die Londoner Börse LSE im Jahr 2006 die meisten Neuemissionen sicherte und damit die NYSE und NASDAQ überholte.[29] Ein Zusammenhang zwischen höheren Regulierungsstandards und Abwanderung ist durchaus zu erkennen. Der regulatorische Aspekt ist folglich wichtig, wird jedoch alleinig zur Abgrenzung von Finanzplätzen in der Literatur nicht verwendet.

2.2 Begriffsverwendung in dieser Arbeit

Die vorangegangene Definitionsabgrenzung hat gezeigt, dass es eine Reihe von Finanzplatzdefinitionen und -abgrenzungen in der Literatur gibt. Diese Vielfältigkeiten in der Begriffsverwendung sind Resultat der heterogenen Forschungsansätze mit ihren verschiedenen Untersuchungsgegenständen und -zielen. Je nach Untersuchungsziel haben sich in der Literatur folgende charakteristische Merkmale für einen Finanzplatz herausbildet:

- Agglomeration von Akteuren, welche finanzspezifische Aktivitäten durchführen (institutioneller Aspekt)
- hohe Konzentration finanzspezifischer Aktivitäten, welche mit der Erstellung, dem Verkauf und dem Handel von Finanzprodukten verbunden sind (funktionaler Aspekt)
- räumlich abgestecktes Gebiet in dem eine Vielzahl an Finanztransaktionen durchgeführt werden: Finanzdienstleistungen in einer metropolähnlichen Stadt/ einem begrenzten Territorium (räumlicher Aspekt)

Diese Merkmale sind zugleich auch Kriterien, um in dieser Arbeit von Finanzplätzen zu sprechen. Zusammengefasst gelten als Finanzplätze in dieser Arbeit Städte, welche sich durch eine hohe Dichte von Banken auszeichnen und in denen bedeutende Finanzmarkttransaktionen stattfinden. Zudem ist die Anwesenheit mindestens einer Börse Voraussetzung, um von einem Finanzplatz zu sprechen. Der Finanzplatz -Begriff wird in dieser Arbeit mit dem Begriff des Finanzzentrums synonym verwendet, da im angelsächsischen Raum der Begriff des „ Financial Centre “ eine Bezeichnung für Finanzplatz ist.

In dieser Arbeit werden west- und osteuropäische Finanzplätze bezüglich ihrer Größe, Funktionen und hinsichtlich angesiedelter Institutionen und Marktteilnehmer untersucht, um Wettbewerbschancen zu identifizieren. Es erfolgt also eine deskriptive Analyse ausgewählter Finanzplätze aufgrund geographischer, institutioneller und funktionaler Merkmale von Finanzplätzen. Dabei findet der funktionell-ressourcen orientierte Ansatz besondere Beachtung, da Wettbewerbschancen von Finanzplätzen insbesondere von ihren Ressourcen abhängen.

3 Finanzplatzakteure und ihre Funktionen

Um Wettbewerbschancen von Finanzplätzen zu untersuchen, ist es zunächst notwendig die relevanten Marktteilnehmer eines Finanzplatzes als Untersuchungsobjekte zu bestimmen. Darum werden in diesem Kapitel die Akteure eines Finanzplatzes mit ihrer Bedeutung für den Finanzplatz und ihren Funktionen dargestellt.

3.1 Banken

Banken sind lt. institutioneller Finanzplatz-Abgrenzung notwendige Bedingung für die Herausbildung von Finanzzentren. Sie sind zweifelsohne eine der wichtigsten Institutionen an Finanzplätzen. Sie zählen zu den bedeutendsten Akteuren am Kapitalmarkt, da sie große Handelsvolumina umsetzen.

Verschiedene Bankensysteme der Welt sind verantwortlich für die Herausbildung und Unterscheidung von Banken nach ihren Funktionen im Finanzsystem. In kontinentaleuropäischen Ländern ist das sogenannte Universalbankensystem verbreitet. Es beinhaltet das Recht jeder Bank sowohl das Einlagen und Kreditgeschäft, als auch das Investmentgeschäft zu betreiben. Eine organisatorische Trennung des Kredit- vom Investmentgeschäft ist nicht notwendig. Dadurch ist oftmals die Rede von Universalbanken, da es ihnen gestattet ist die komplette Produktpalette anzubieten, angefangen von Girokonten und Sparbüchern über Kredite bis hin zu Fonds-, Aktien- und sonstigen Kapitalmarktinvestments. Dies ermöglicht Verbundvorteile durch den Abschluss so genannter Cross-Selling-Geschäfte, d.h. Beratung und Verkauf unterschiedlichster Produkte durch eine (Universal-) Bank. Unternehmen, die eine Hausbankbeziehung zu einer Universalbank besitzen, können nicht nur Kredite sondern auch M&A-Beratungsleistungen oder Eigenkapitalfinanzierungen aus einer Hand erhalten. Dagegen gilt in anderen Ländern das sogenannte Trennbankensystem.

Damit verbunden ist die strikte Trennung von Banken welche entweder das Einlagengeschäft oder das Investmentgeschäft betreiben, so z.B. in abgeschwächter Form in den USA und Großbritannien.[30] Commercialbanks bzw. Geschäftsbanken nehmen Einlagen der Kunden an, verleihen dieses Geld in Form von Krediten und wickeln den Zahlungsverkehr ab. Investmentbanks bzw. Investitionsbanken dagegen sind lediglich im Bereich der Unternehmensfinanzierung und im Wertpapiergeschäft tätig. Es bilden sich sogenannte Spezialbanken in diesen Trennbankensystemen heraus, welche lediglich einen Teil der Intermediationsfunktion wahrnehmen dürfen. Dies hat historische Gründe, da es 1929 in den USA innerhalb kürzester Zeit zu einem enormen Niedergang der Aktienkurse kam. Dabei spielte das Bankensystem insofern eine Rolle, als dass viele Anleger den Kauf der Wertpapiere per Kredit bei Banken finanzierten. Diese Banken durften damals sowohl das Kredit- als auch das Investmentgeschäft betreiben. Als es nun innerhalb weniger Tage zu einem enormen Niedergang der Kurse kam, waren die Kredite zur Finanzierung der Aktien nicht mehr durch den Wert der Aktien besichert, so dass die Banken den Verkauf der Aktien forderten. Dies förderte den weiteren Verfall der Aktienkurse, so dass es zu einem Crash am US-amerikanischen Aktienmarkt kam. Dieser Crash ist allgemein bekannt als „ Black Thursday “ bzw. „ schwarzer Donnerstag “ und gilt als Auslöser der Weltwirtschaftskrise.[31] Daraufhin wurde die US-Börsenaufsichtsbehörde SEC gegründet, die im Jahre 1933 neue Gesetze erließ, welche unter dem Namen Glass-Steagall Act bekannt sind.[32] Darin wurde die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken festgeschrieben, um insbesondere die Kreditfinanzierung von Aktienkäufen zu verhindern. Geschäftsbanken dürfen demnach das Effektengeschäft nicht betreiben und Investmentbanken wurde das Kreditgeschäft untersagt.[33]

Das Trennbankensystem und Universalbankensystem führen zu unterschiedlichen Ergebnissen auf den Kredit- und Kapitalmärkten. Zu beobachten ist, dass Finanzplätze in Ländern mit Universalbankensystemen einen tendenziell schwächer ausgeprägten Kapitalmarkt besitzen. Umgekehrt kann ein Trennbankensystem tendenziell zu einer Stärkung des Kapitalmarktes führen. Diese Beobachtung kann durch die unterschiedlichen Funktionen und Ziele der Banken erklärt werden. Universalbanken erzielen im Kreditgeschäft laufende Renditen. Im Investmentgeschäft dagegen erwirtschaften sie nur einmalige Gewinne. So ist es verständlich, dass Universalbanken tendenziell das Kreditgeschäft dem Investmentgeschäft vorziehen um eine Verstetigung ihrer Gewinne zu erzielen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass in Universalbankensystemen der Kreditmarkt stärker ausgeprägt sein wird als der Kapitalmarkt. Eine durchschnittlich höhere Fremdkapitalquote insbesondere in mittelständischen Unternehmen ist die Folge der Kreditmarktfokussierung in Universalbankensystemen.

Sowohl Trennbanken- als auch Universalbankensysteme sind in der Welt verbreitet. Beide haben Vor- und Nachteile, welche hier nicht Gegenstand der Arbeit sein werden. Allerdings bleibt festzuhalten, dass bedeutende Finanzplätze sowohl in angelsächsischen Ländern mit ihren Trennbankensystemen existieren, als auch in Ländern mit Universalbankensystemen, wobei weltweit ein Trend zum Universalbankensystem zu beobachten ist. Jeder Finanzplatz besteht aus einer Konzentration von Banken, egal ob Universal- oder Spezialbank, so dass man auch von Bankplätzen sprechen kann. Jeder Finanzplatz ist auch ein Bankplatz, jedoch ist nicht jeder Bankplatz zwangsweise ein Finanzplatz, da Banken nur ein Teil der Finanzintermediäre sind.[34] Auch Börsen gehören auch zu der Gruppe der Finanzintermediäre, welche eine wichtige Intermediationsfunktion, am Finanzplatz wahrnehmen. Deshalb werden diese im Folgenden erläutert.

3.2 Börsen

Häufig wird die Börse bei Diskussionen um den Finanzplatz besonders hervorgehoben. Dies hat seine Berechtigung, da in der Vergangenheit Börsen bei der Bildung und Entwicklung von Finanzplätzen eine wichtige Rolle gespielt haben.[35]

Börsen sind deshalb so wichtig für jeden Finanzplatz, weil sie die technische Infrastruktur für Finanztransaktionen bereitstellen. Sie fungieren als „Marktplätze“ für Börsentransaktionen indem sie Käufer und Verkäufer bereits emittierter Finanztitel zusammenbringen.[36] Zudem kommt ihnen bei der Emission von schuld- und eigentumsrechtlichen Wertpapieren durch Dritten eine wichtige Rolle bei der Finanzierung volkswirtschaftlichen Wachstums zu. Im Zuge zunehmender Innovationen im Informations- und Kommunikationssektor haben sich verschiedenartige Börsen mit unterschiedlichen Produkten und verschiedenartiger Spezialisierung herausgebildet.[37] Eine Systematisierung der Börsen bezüglich der Art der Handelsobjekte, Geschäftsart und Organisationsform veranschaulicht die folgende Graphik:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Systematisierung von Börsen.

Quelle: Eigene Darstellung.

3.2.1 Organisationsformen von Börsen

Auf den Finanzplätzen der Welt existieren Börsen, deren Organisationsformen sich fundamental voneinander unterscheiden. Zu unterscheiden sind Parkett- bzw. Präsenzbörsen von Computerbörsen.[38] Der Parketthandel im ursprünglichen Sinne existiert nur noch bei wenigen Börsen.[39] Computerbörsen dominieren die Börsenlandschaft, insbesondere wegen ihrer effizienten und schnellen Orderausführung und der Möglichkeiten zur Ausgestaltung der Transparenz. Bei Parkettbörsen ist es nur beschränkt möglich die Transparenz des Handels zu variieren.[40] Computerbörsen ermöglichen prinzipiell eine freie Gestaltung der Transparenz, da mit Hilfe der heutigen Informations- und Kommunikationstechnik nahezu keine Restriktionen existieren und alle gewünschten Daten in Echtzeit transportiert werden können. Das bedeutet aber nicht, dass eine Computerbörse auch tatsächlich transparenter als eine Parkettbörse ist. Eine Computerbörse kann natürlich auch intransparent gestaltet werden, so dass Orders von Marktteilnehmer nicht immer zum besten Preis ausgeführt werden. Weiterhin existieren auch Mischformen aus Parkett- und Computerbörse, wie z.B. die NYSE. Dabei kommen die Vorzüge der direkten Face-to-Face Kommunikation mit den Vorzügen der schnellen Orderausführung über elektronische Netze zum tragen. Jedoch ist ein deutlicher Trend hin zu reinen Computerbörsen zu beobachten.[41] Sie können Wertpapiergeschäfte schneller und günstiger abwickeln. Dagegen sind Präsenzbörsen für die Marktteilnehmer tendenziell kostenintensiver. Zudem führt rein elektronischer Handel eher zu höheren Handelsvolumina und kann so zu einer Umsatz- und Gewinnsteigerung bei Börsengesellschaften beitragen.[42]

Eine ausführliche Diskussion der Vor- und Nachteile unterschiedlicher Organisationsformen des Börsenhandels soll hier jedoch nicht Gegenstand der Betrachtung sein. Ebensowenig werden die OTC-Märkte[43] hier beobachtet, die für Außenstehende intransparent gestaltet sind. In dieser Arbeit werden insbesondere Börsen betrachtet, da sie den Wertpapiermarkt in der Öffentlichkeit leichter nachvollziehbar machen als OTC-Märkte.[44]

3.2.2 Funktionen von Börsen

Börsen sind zweifelsohne bedeutende Finanzintermediäre, die die Emission und den Handel fungibler Wertpapiere zwischen Marktteilnehmern ermöglichen. Mit ihrer Intermediationsfunktion, nämlich der Zusammenführung von Anbietern von Wertpapieren und Nachfragern nach Wertpapieren und der für beide Parteien fairen Preisermittlung spielen sie eine Schlüsselrolle bei Finanzmarkttransaktionen. Bei der Intermediationsfunktion der Börsen ist zu unterscheiden zwischen Funktionen auf dem Primärmarkt und dem Sekundärmarkt.

Auf dem Primärmarkt werden Wertpapiere emittiert, die der Finanzierung von Investitionen dienen. Dementsprechend kommt den Börsen auf den Kapitalmärkten eine bedeutende volkswirtschaftliche Verantwortung zu. Sie ermöglichen die Finanzierung des jeweiligen nationalen Wirtschaftswachstums, indem sie die Emission von Aktien und Anleihen gewährleisten und das zu möglichst niedrigen Kosten. Sowohl Eigenkapitalfinanzierung durch Aktienemission als auch Fremdkapitalfinanzierung durch Anleihenemission werden durch eine Börse ermöglicht. Aber auch Mischformen sind denkbar, wie z.B. Wandelobligationen und Optionsanleihen.

Börsen ermöglichen aber nicht nur die Emission von Wertpapieren, sondern sind auch für die Möglichkeit des Handels von bereits emittierten Wertpapieren auf dem sogenannten Sekundärmarkt verantwortlich. Eine Differenzierung hinsichtlich schuldrechtlicher und beteiligungsrechtlicher Wertpapiere führt zu einer Einteilung der Wertpapiermärkte in Renten- bzw. Anleihemärkte und Aktienmärkte.[45] Auf dem Sekundärmarkt sind verschiedene Investoren aktiv. Zum einen handeln institutionelle Investoren, wie z.B. Banken, Versicherungen, Pensionsfonds, Fondsgesellschaften, etc. mit Wertpapieren aller Art. Aber auch private Investoren kaufen und verkaufen Wertpapiere direkt über die Börse. Jedoch wird der Großteil des Umsatzes von den institutionellen Investoren erzielt, die sowohl auf eigene als auch auf fremde Rechnung handeln.[46]

Sowohl institutionelle als auch private Investoren sehen sich beim Handel von Wertpapieren Transaktionskosten ausgesetzt, die ihre Investitionsentscheidungen beeinflussen. Diese Transaktionskosten beinhalten alle Abwicklungskosten, die mit der Durchführung einer Transaktion zusammenhängen, insbesondere Vermittlungsgebühren und Steuern.[47] Transaktionskosten beeinflussen die Rendite eines Wertpapiers. Die Rendite ist umso niedriger, je höher die Transaktionskosten sind. Umgekehrt schmälern geringe Transaktionskosten die Rendite eines Wertpapiers kaum.[48] Dementsprechend ist es auch eine Aufgabe der Börse, ihre von ihr direktbeeinflussbaren Transaktionskosten möglichst niedrig zu halten, um die Nachfrage nach Wertpapieren an der Börse zu erhöhen. Börsen verfolgen somit auch immer das Ziel Wertpapiertransaktionen zu standardisieren, um dadurch Transaktionskosten für Anbieter und Nachfrager zu reduzieren. Gleichzeitig wird es Emittenten durch die Verringerung der Transaktionskosten ermöglicht, die von ihnen benötigten Finanzierungsmittel in nahezu voller Höhe zu erhalten, da ihre Kapitalkosten mit den Transaktionskosten sinken.[49]

Bezüglich der zeitlichen Erfüllung der Verträge an Kapitalmärkten kann zwischen Kassa- und Terminmärkten unterschieden werden. Kontrakte, bei denen die Erfüllung des Vertrages erst nach Geschäftsabschluss zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt, werden an Terminbörsen auf dem Terminmarkt gehandelt. Die Abnahme und Lieferung der Wertpapiere erfolgt erst zu einem späteren Termin, aber zu einem bei Geschäftsabschluss festgelegten Preis. Termingeschäfte dienen der Absicherung gegen Risiken aus Zinsänderungen, Wechselkursschwankungen, etc. Beim Handel von Wertpapieren auf dem Kassamarkt erfolgt die Erfüllung des Vertrages unverzüglich bei Abschluss des Geschäftes, wie z.B. beim Handel von Aktien wobei die Eigentumsrechte unmittelbar nach Kauf bzw. Verkauf des Geschäftes übertragen werden. Insbesondere Aktien und Anleihen werden am Kassamarkt gehandelt. An Terminbörsen dagegen werden Derivate, wie z.B. Optionen und Futures gehandelt, deren Preise von den zugrunde liegenden Basiswerten abhängen. Diesbezüglich werden Optionen und Futures auf Schweinebäuche, Gold, Weizen und andere Waren und Rohstoffe sowie Devisen an Terminbörsen gehandelt. Aber auch Optionen und Futures auf die gängigen Wertpapiere wie Aktien und Anleihen sind Gegenstand des Handels an Terminbörsen.

3.2.3 Wertschöpfungskette und Börsenleitbilder

Börsensysteme unterscheiden sich grundsätzlich in ihrer Wertschöpfungstiefe. Diesbezüglich wird mit Hilfe der folgenden Graphik zunächst die Wertschöpfungskette des Wertpapierhandels dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Wertschöpfungskette im Wertpapierhandel.

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Porter (1999), S. 78; Hartmuth (2004), S. 100.

Nun kann analog zu der Bankensystematisierung auch eine funktionsspezifische Einordnung der Börsen erfolgen. Demnach existieren Universalbörsen, welche die komplette Wertschöpfungskette des Wertpapierhandels mit ihren Dienstleistungen abdecken. Diese Dienstleistungen umfassen primäre Aktivitäten angefangen bei der Bereitstellung relevanter Informationen, über Ordererteilung und Orderweiterleitung bis hin zur Preisfindung und schließlich werden die Geschäfte noch abgewickelt. Die Abwicklung eines Wertpapierhandelsgeschäftes umfasst die Verrechnung gegenseitiger Verbindlichkeiten (Clearing) und schließlich die Eigentumsübertragung (Settlement) und somit die Erfüllung des Vertrages zwischen den Marktteilnehmern/ Kontrahenten. Somit kann Clearing und Settlement als die Phase bezeichnet werden, die nach der Transaktion aber noch vor der endgültigen Anpassung des Porfolios und der Erledigung der Zahlung stattfindet.[50] Vollständig vertikal integrierte Börsen bieten ihren Kunden zudem die Wertpapierverwahrung (Custody) an. Sekundäre Aktivitäten unterstützen mit der Bereitstellung adäquater Börseninfrastruktur die Erstellung der Dienstleistung. Weitere Merkmale von Universalbörsen sind neben ihrer vertikalen auch die horizontale Integration von Segmenten.[51] Diesbezüglich bieten Universalbörsen ihre Dienstleistungen auf verschiedenen Märkten an, wie aus Abbildung 3 zu entnehmen ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Mögliche Segmentierung einer Universalbörse.

Quelle: eigene Darstellung, Anlehnung an das Geschäftsmodell der Wiener Börse AG.

Universalbörsen vereinen sowohl den Termin- als auch den Kassahandel unter einem Dach. Zudem wird an Universalbörsen der Kassamarkt in unterschiedliche Marktsegmente mit verschiedenen Zulassungs-, Transparenz- und Publizitätsstandards eingeteilt. Insbesondere der Kassahandel von Aktien wird an vielen Börsen in Top-Segmente (Prime Market) für große etablierte Gesellschaften, Mittel-Segmente (Standard Market) für wachsende Unternehmen und Segmente für alle restlichen Gesellschaften untergliedert (Entry Market). An Universalbörsen wird neben dem Aktienhandel auch der Handel mit Anleihen, Derivaten und strukturierten Produkten, wie z.B. ABS organisiert.[52] Man spricht diesbezüglich bei Universalbörsen auch von Trading-mall-Börsen, in Analogie zur Shopping mall, da sie eine Fülle von Produkten anbieten bzw. deren Handel ermöglichen.[53]

Der Vorteil von Universalbörsen besteht analog zur Universalbank in der Produktvielfalt und entsprechender Kundenbetreuung. Sollte die Börse eine Gesellschaft als Emittent einmal gewinnen, so begleitet sie dieses Unternehmen beim Aufstieg bis in das Top-Segment, falls sich dieses Unternehmen zur großen Publikumsgesellschaft entwickelt. Sie muss den Kunden (das notierte Unternehmen) beim Aufstieg in höhere Segmente nicht an eine andere Börse abgeben.[54]

[...]


[1] Der bisherig Höhepunkt bei der Konsolidierung im Börsenwesen wurde durch die Akquisition der Euronext durch die NYSE erreicht.

[2] Kollar (1988), S. 23.

[3] SWOT bezeichnet die Analyse von Stärken, Schwächen sowie Chancen und Risiken eines Untersuchungsobjektes. Diese Analysemethode dient vor allem der strategischen Planung von Unternehmen.

[4] Harrschar-Ehrnborg (2002), S. 21.

[5] Dufey/Giddy (1978), S. 35.

[6] Vgl. Harrschar-Ehrnborg (2002), S. 22 f.

[7] Vgl. Büschgen (1999), S. 10. Finanzintermediäre umfassen Kredit- sowie Investmentbanken als auch Finanzdienstleistungsinstitute im Sinne des §1 Abs.1a KWG.

[8] Vgl. Mattern et al. (1997), S. ???

[9] Landeszentralbank Hessen (1997), S. 1.

[10] Harrschar-Ehrnborg (2002), S. 23.

[11] Institutioneller Wandel bezieht sich insbesondere auf die rasche Fortentwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie, wodurch sich Institutionen in ihrer Organisation und ihrer Bedeutung in der Wertschöpfungskette ändern. Häufige Folge sind Disintermediation, d.h. Eliminierung bestimmter Glieder in der Wertschöpfungskette. Zur Wettbewerbsdynamik und institutionellem Wandel in der Finanzintermediationsbranche vgl. Crane/ Bodie (1996), S. 109-117.

[12] Vgl. Dietl/ Pauli/ Royer (1999), S. 5.

[13] Finanzmarkt wird hier als Oberbegriff für alle Märkte auf denen Handel mit Finanztiteln erfolgt: Kapital-, Kredit-, Geld- und Devisenmarkt.

[14] Vgl. Kürten (2006), S. 28.

[15] Vgl. Dietl/ Pauli/ Royer (1999), S. 5.

[16] Vgl. Dietl/ Pauli/ Royer (1999), S. 5 f. So wandeln sich seit einiger Zeit die deutschen Hypothekenbanken im Zuge zunehmender Verbriefung ihrer Immobilienkredite (Securitization) von der klassischen Hypothekenbank zu einer Bank, die auch das Wertpapiergeschäft betreibt. Aber auch Geschäftsbanken unterliegen diesem Wandel, da durch zunehmenden Wettbewerb und gleichzeitiger Technologisierung Direktbanken entstehen und gegen etablierte Geschäftsbanken konkurrieren.

[17] Bundesbank (1992), S. 23.

[18] Vgl. Dietl/ Pauli/ Royer (1999), S. 5 ff.

[19] Vgl. Harrschar-Ehrnborg (2002), S. 24.

[20] Beispielsweise hat die Eurohypo ihren Hauptsitz in Eschborn und nicht direkt in der Frankfurter Innenstadt.

[21] Regionale Finanzplätze konkurrieren immer nur auf einem eng eingegrenzten Raum. So stehen die regionalen Finanzplätze Deutschlands auch im Wettbewerb zum Finanzplatz Frankfurt, aber nicht im Wettbewerb zum Finanzplatz Tokyo oder New York.

[22] Vgl. Unterberg/ Hellmann (1991), S. 480 ff.

[23] Vgl. Büschgen (1998), S. 10.

[24] Vgl. Harrschar-Ehrnborg (2002), S. 26.

[25] Insbesondere Budd (1999), S. 115 ff. befasst sich mit dem Einfluss von Regulierung auf Finanzplätze.

[26] Der Begriff Offshore stammt aus den Siebziger Jahren, als die ersten Offshore Finanzzentren noch Inseln waren. Dieser Begriff ist jedoch irreführend, da viele Offshore-Finanzplätze heute auch im Festland beheimatet sind und nicht vor einer Küste liegen. So zählen auch Monaco, Bahrain, aber auch Luxemburg, Zürich, Dublin, u.v.m. zu den Offshore-Finanzplätzen, welche im Festland liegen.

[27] Vgl. Borchert (2001), Sp. 664. Bezüglich der steuerlichen Aspekte von Offshore-Finanzplätzen, vgl. . Brittain-Catlin (2005), S. 170 ff. Dabei ist in der Literatur oftmals die Rede von Steueroasen, sogenannten „tax havens“.

[28] Zur kritischen Betrachtung von Offshore-Finanzplätzen im Rahmen globaler Finanzströme, vgl. Brittain-Catlin (2005).

[29] Vgl. o.V. (2007a), S. 18.

[30] Vgl. Huertas (2000), S. 470 ff. Durch den Gramm-Leach-Bliley Act wurde im Jahre 2000 das bis dahin über 60-jährige Trennbankensystem in den USA formal beendet. Ein Trend zu Universalbanken in den USA ist z.B. mit der Citibank zu erkennen, die sowohl das Kreditgeschäft betreibt, als auch zu einer der größten Händler an den Kapitalmärkten der Welt zählt. Bezüglich der Position der Citibank im Wertpapierhandel vgl. Schack (2004), S. 80. Zur Universalisierung des Bankgeschäfts in den USA und Großbritannien vgl. Doerig (1996), S. 33 f.

[31] In Europa löste der Crash am amerikanischen Aktienmarkt einen zeitverzögerten Crash am darauf folgenden Freitag aus. Daher ist die hier bekannte Bezeichnung für die Weltwirtschaftskrise geprägt durch den Begriff „schwarzer Freitag“.

[32] Vgl. Kopper (1998), S. 47.

[33] Vgl. Huertas (2000), S. 470 ff.

[34] Vgl. Ullrich (2005), S. 13.

[35] Vgl. Harrschar-Ehrnborg (2002), S. 21.

[36] Vgl. Hartmuth (2004), S. 56.

[37] Insbesondere die Entwicklung der Internet-Technologie und die Vernetzung mehrerer Terminalcomputer haben z. B. den vollelektronischen Handel ermöglicht.

[38] Die Begriffe „Parkettbörse“ und „Präsenzbörse“ werden im folgenden Synonym verwandt.

[39] Parketthandel im ursprünglichen Sinne bezeichnet den Handel von Wertpapieren ohne elektronische Hilfsmittel, d.h. dass sich Händler die (Verkaufs-)Preise der Wertpapiere zurufen und mit Handzeichen zu verstehen gegeben, dass sie am Kauf zu diesem Preis einverstanden sind. Eine physische Präsenz ist notwendig, um am Handel teilzunehmen. Daher auch die Begriffe Präsenzhandel und Präsenzbörse.

[40] Vgl. Arneth/ Bienert/ Syha (2004), S. 173.

[41] Zu den Vorteilen und Verbreitung elektronischer Handelssysteme und Computerbörsen: Vgl. Picot/Bortenlänger/Röhrl, Börsen im Wandel, (1996), S. 33 ff; Bezüglich der Vorteile Präsenzhandels vgl. Schwilling (1997), S. 435 f.

[42] Vgl. o.V. (2007b), S. 21.

[43] Auf OTC-Märkten findet außerbörslicher direkter Handel mit Wertpapieren und Derivaten zwischen institutionellen Kunden statt. Der OTC-Markt ist unreguliert und unterliegt keiner Aufsicht.

[44] Vgl. Kürten (2006), S. 44.

[45] Vgl. Priewasser (2001), S. 92.

[46] Insbesondere Investmentbanken handeln auf eigene Rechnung, Universalbanken vermehrt auf fremde Rechnung, da ihnen einzelne Kauf- und Verkaufsaufträge von Privatkunden gegeben werden und sie diese lediglich ausführen.

[47] Vgl. Bailey (2005), S. 48. Eine ausführlichere Darstellung von Transaktionskostenbestandteilen aufgesplittet nach einzelnen Transaktionsphasen finden sich bei: Böhme (2003) S. 40 ff.

[48] Vgl. Kollar (1988), S. 24.

[49] Vgl. Kollar (1988), S. 24.

[50] Vgl. Lussi (2001), S. 431.

[51] Vgl. Schmidt (2001), S. 398.

[52] ABS wird hier als Oberbegriff für verbriefte Forderungen aller Art genutzt: z.B. gewerbliche und private Immobilienkredite (CMBS, RMBS), aber auch Forderungen aus Firmenkrediten (CDO) und Forderungen aus Kreditkartenabrechnungen (ABS im engeren Sinne)

[53] Vgl. Schwartz (1997), S. 129 ff.

[54] Vgl. Schmidt (2001), S. 398.

Ende der Leseprobe aus 113 Seiten

Details

Titel
Wettbewerbschancen von Finanzplätzen - Ein Vergleich anhand ausgewählter ost- und westeuropäischer Finanzplätze
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
113
Katalognummer
V89956
ISBN (eBook)
9783638044028
ISBN (Buch)
9783640127658
Dateigröße
1092 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wettbewerbschancen, Finanzplätzen, Vergleich, Finanzplätze
Arbeit zitieren
Andrej Rowek (Autor), 2007, Wettbewerbschancen von Finanzplätzen - Ein Vergleich anhand ausgewählter ost- und westeuropäischer Finanzplätze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89956

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