Vom Mittäter zum Befreier: Die Figur Peter Kranz in Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ als Vertreter der „Generation der Verführten“

Vom „Letzten Akt“ zum „Untergang“ - Hitlerbilder in Film und Fernsehen bei Eckard Pabst


Vordiplomarbeit, 2006

59 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Historischer Hintergrund der Figur Peter Kranz, die Hitler-Jugend

2. Peters Wandel
2.1 Peter als treuer, tatkräftiger & ausgezeichneter HJ-Nazi
2.2 Peters Abkehr vom Nationalsozialismus
2.3 Peter bewährt sich als von der Nazi-Ideologie Befreiter
2.3.1 Peters Bewährung
2.3.2 Peter als Held

3. Peters Wandel im Vergleich zu den Selbstmorden der andern Protagonisten - Der Umgang mit Verantwortung

Fazit

Anhang
1. Auszüge aus dem Drehbuch
2. Einstellungsprotokoll zu Peters Auftritten im Film:

Einführung

Der Film „Der Untergang“ von Bernd Eichinger und Oliver Hirschbiegel handelt von den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges in Berlin. Hierbei wird dem Zuschauer auf der einen Seite die Welt der Nazielite im Führerbunker präsentiert. Auf der anderen Seite wird durch die gezeigte Außenwelt Berlins die des Bunkers konterkariert. Man sieht die Folgen der Entscheidungen der Führung. Neben dem Grad an Zerstörung der Stadt und der Menschen all-gemein wird hierbei in der Außenwelt ein individuelles Schicksal intensiver beleuchtet, das des Peter Kranz, gespielt von Donevan Gunia.

Peter, ca. 13 Jahre alt, kämpft auf Seiten der Nazis. Durch Jugendorganisationen der Nationalsozialisten geistig indoktriniert und körperlich trainiert, kämpften wie er tausende Hitler-Jungen in den letzten Zügen des Krieges, um das Vordringen der Alliierten zu verhindern. Nicht Wenige verloren hierbei ihr Leben.

Peter, der einzig intensiver Betrachtete außerhalb des Bunkergeschehens, steht exemplarisch für seine Generation der Hitler-Jugend. Erleben wir ihn anfangs als aktiven Helfer der Nazis, so sehen wir ihn im Verlauf des Filmes einen Wandel durchleben, bis er schließlich Fahnen-flüchtige und eine der Hauptpersonen rettet, Traudl Jung, gespielt von Alexandra Maria Lara. Peter vollzieht als Vertreter der „Generation der Verführten“ einen Wandel vom Mittäter zum Befreier.

Eben diesen Wandel soll die Hausarbeit anhand der im Vergleich zum gesamten Film wenigen aber bedeutungsstarken Auftritte Peters aufzeigen. Hierfür soll zunächst der historische Hintergrund beleuchtet und dann gezeigt werden, wie Eichinger und Hirschbiegel diesen historischen Tatsachen Ausdruck verleihen und so einem Publikum vermitteln, das größtenteils nicht Zeitzeuge des Endes der Nazi-Diktatur und des Neubeginns war. Punkt vier der Gliederung verdeutlicht dann die Folgen auf Peters Wandel und seine Symbolik bezüglich des Neubeginnes - des Aufbruchs einer Generation in eine neue Zukunft, deren Jugend und Initiation während des Krieges stattgefunden hat. Das Fazit soll zusammenfassend dann noch einmal auf die These eingehen.

Der Anhang ermöglicht durch die Auszüge aus dem Drehbuch einen schnellen Überblick über die Geschehnisse jeder Szene, in der Peter auftritt. Das Einstellungsprotokoll beleuchtet im Detail die künstlerische Umsetzung, die nicht selten symbolträchtig Hinweise auf die Interpretation des Gesehenen liefert.

1. Historischer Hintergrund der Figur Peter Kranz, die Hitler-Jugend

Basierend auf historischen Fakten schuf Oliver Hirschbiegel die Figur des Peter Kranz. Zunächst soll nun der historische Hintergrund der HJ beleuchtet werden.

Die HJ wurde formal als „Hitler Jugend, Bund Deutscher Arbeiterjugend“ als Jugendorganisation der NSDAP im Juli 1926 gegründet. Die Mitgliederzahlen stiegen anfangs nur mäßig an, da es an qualifiziertem Führungspersonal mangelte und die HJ im Bereich der Jugendorganisationen eine sehr isolierte Position innehatte. So wurde 1929 ein Antrag auf Mitgliedschaft der HJ im Reichsverband der deutschen Jugendverbände abgelehnt. 1931 wurde Baldur von Schirach zum „Reichsjugendführer der NSDAP“. Schirach löste 1933 den Reichsverband der deutschen Jugendverbände auf, woraufhin diese in die Verbände der HJ eingegliedert wurden. Mit Unterstützung des Reichsbischofs wurde am 19. Dezember die „Eingliederung der evangelischen Jugend in die HJ“ vollzogen. Auch die katholische Jugend entzog sich nicht auf Dauer der Gleichschaltung der Nazi-Diktatur und wurde im März 1934 in die HJ integriert.

War die Mitgliedschaft in der HJ bis 1936 formell freiwillig (wodurch bis Dezember 1935 nicht einmal 50% aller Jugendlichen in die HJ eingetreten waren), so änderte sich das mit dem Gesetzt über die Hitler-Jugend vom 1. Dezember 1936. In Zusammenhang mit der zweiten „ Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Hitler-Jugend (Jugend-Dienst-Verordnung)“ vom März 1939 wurde der Betritt zur HJ Pflicht. Ab dem zehnten Lebensjahr sollte die deutsche Jugend nach dem Willen der NSDAP geformt werden. Der eigentliche Beitritt in die HJ(für Jungen) und den „Bund deutscher Mädel“ erfolgte dann aber meist erst mit 14 Jahren und wurde feierlich am Abend von Hitlers Geburtstag zelebriert. Folgende Abbildung illustriert den Werdegang eines jungen Deutschen durch das Nazi-Regime mit dem Ziel der Indoktrination und Gleichschaltung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Engagement der HJ bezog sich auf nahezu alle Lebensbereiche. Es wurde Zeltlager veranstaltet, Vertretungen in Betrieben und Schulen gegründet, Berufsberatungen durchgeführt, politische Erziehung auf sog. Heimabenden durchgeführt und Wert auf körperliche Ertüchtigung gelegt. Weiterhin mussten Mitglieder der HJ Dienste übernehmen. Hierzu zählten u.a. der „Wehr- und Arbeitsdienst“, der „Streifendienst“(eine Verhaltenskontrolle der Jungendlichen in der Öffentlichkeit), Tagesfahrten und Sportveranstaltungen. Jugendliche wurden auf Hierarchie, Gehorsam und den Dienst an der Waffe durch „Indianerspiele“ und Sport vorbeireitet. Bereits Elfjährige mussten Schießübungen abhalten. Hierbei stärkte man die Selbständigkeit der Organisation durch die Idee der „Führung der Jugend durch die Jugend“.

Neben dem Luftdienstschutz und Sammelaktionen für Kleidung gehörte die Kinderlandverschickung zu den wichtigsten Aufgaben der HJ während des Zweiten Weltkrieges. Wegen der großen Gefährdung durch Luftangriffe in den Städten wurden teils ganze Schulen in ländliche Räume verschickt.

Auch vor dem tatsächlichen Kampfeinsatz der HJ im Krieg schreckte man nicht zurück. Insbesondere die Jahrgänge 1926 und 1927 wurden mit 17 Jahren nach einer vierwöchigen Grundausbildung an der Flak eingesetzt. Zu trauriger Berühmtheit schaffte es die „12. SS Panzerdivision Hitler-Jugend“, die bei einem Einsatz in der Normandie gegen die Alliierten in kurz Zeit völlig aufgerieben wurde. Diese von den Alliierten als „baby-division“ titulierten „Soldatenverbände“ wurden dann auch in den letzten Kriegstagen u.a. im Kampf um Berlin eingesetzt.

Die NS-Diktatur versuchte mit dem sog. „Volkssturm“ die letzen vorhandenen Kräfte des Volkes zu mobilisieren. Teils mit Jagdwaffen, ohne ausreichender Munition und ausreichenden Ausbildung, wurde jeder Arbeitspflichtige Mann verpflichtet, im Kampf um Berlin sein Leben einzusetzen. Neben allen Männern zwischen 16 und 60 Jahren wurde auch die HJ hierfür eingesetzt. Augenzeugen berichten, dass teils 13- und 14-jährige Jungen und Mädchen diesem Aufruf folgten. Hierbei schlug sich die HJ aufgrund des voragegangenen militärischen Drills teilweise besser als der untrainierte Zivilist im Kriegseinsatz. Zahlreiche Dokumente belegen den Einsatz der HJ zu Kriegsende. In Oliver Hirschbiegels Film Der Untergang findet man zahlreiche Anlehnungen an diese historischen Fakten, unter ihnen zwei Bilder, denen Hirschbiegel auf Basis von Joachim Fests Buch „Der Untergang“ mit dem dreizehnjährigen Hitler-Jungen Peter Kranz Ausdruck verlieh.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Peters Wandel

2.1 Peter als treuer, tatkräftiger & ausgezeichneter HJ-Nazi

Der erste Auftritt Peters in Szene Nr. 16 (Nummern hier und folgend gemäß Drehbuch) präsentiert dem Zuschauer das erste Mal im Film die Straßen von Berlin. Nachdem der Führerbunker, die Wolfsschanze, ein Luftwaffenstützpunkt und die neue Reichkanzlei, also Aufenthaltsorte der Führungselite, vorgestellt wurden, begibt sich der Zuschauer nun das erste Mal unter den „Normalbürger“.

Während sich die NS-Führung bereits mit den ersten Problemen konfrontiert sieht, stehen nun auch wir „auf der [eigentlichen] Bühne, wenn der Vorhang fällt“ (Speer, Ende Szene 15). Man sieht eine zerstörte Straße, auf der hunderte Flüchtlinge unterwegs sind, im Hintergrund heulen die Sirenen. Inmitten dieser Flüchtlingsstraße steht ein Flakstützpunkt als „Bollwerk“ gegen den Feind. Ein schräger Annäherungswinkel der Kamera (Einstellung 2) überrascht, da die Bildsymmetrie der gerade verlaufenden Straße in der vorigen Einstellung nun gestört scheint, und verdeutlicht hierbei die zur Mehrzahl der flüchtenden Menschen gegenläufige Verhaltensweise der am Stützpunkt Verharrenden.

Aber auch das durchschnittliche Volk muss anpacken, wie Einstellung 3 zeigt (siehe Anhang: Filmprotokoll). Unberührt und distanziert schreitet Peters Vater Wilhelm durch das Bild. Er geht entgegengesetzt des Flüchtlingsstroms und scheint durch die Seitenposition der Kamera die Distanz zum Geschehen wie auch die Distanz zum Zuschauer zu wahren, der sich eben noch in Mitten der flüchtenden oder arbeitenden Zivilbevölkerung befand.

Einstellung 4 springt dann in die Sicht Wilhelms. In der nächsten Einstellung wird der Rezipient dann durch die Bewegung auf die Kamera zu verstärkt mit Wilhelm konfrontiert. Wilhelms außen stehende Position wird hier nochmals durch die quer zu seiner Bewegungsrichtung laufenden Flüchtlingen zum Ausdruck gebracht. Eine starke Untersicht verleiht ihm hierbei Autorität. Ein Blick Wilhelms genügt, um Peter dazu zu bringen, ihm zu sagen, dass er abhauen solle. Es wird klar, dass zwischen Peter und seinem Vater bereits ein Konflikt besteht.

Verglichen mit den Kindern verkörpert Wilhelm durch sein Alter Autorität und Weisheit, und sein fehlender Arm lässt auf Kriegserfahrung schließen. Diese Eigenschaften werden, ohne dass Wilhelm auch nur ein Wort sagt, mit Peters Worten „Hau ab! Lass mich in Ruhe!“ und den bösen, irritierten Blicken seiner Kameraden begegnet. Die Mannschaft des Flakstützpunktes weiß sofort, womit Sie konfrontiert wird. Wilhelm fragt einige der Jungen nach ihrem Alter und „degradiert“ sie, indem er ihnen befiehlt, etwas anderes außer Krieg zu spielen. Die Reaktion der Angesprochenen scheint verlegen, als ob sie wüssten, dass sie hier nichts zu suchen hätten. Der junge Oberleutnant repräsentiert als Befehlshaber die Obrigkeit (die Nazis) und versucht Wilhelm bloßzustellen, indem er ihn fragt, wer er denn überhaupt sei, solche Befehle zu geben. Obwohl Wilhelm älter ist und damit als Autorität anerkennt werden müsste, verdeutlicht dieser Dialog, dass derjenige, der nicht Teil oder Diener der Nazis ist, auch nichts zu sagen hat, selbst wenn seine Anliegen vernünftig sind. Anstatt seinen Sohn lebend wiederhaben zu wollen, solle er lieber stolz sein.

Die Vernunft des Objektiven, Außenstehenden prallt auf den blinden Fanatismus der Führung, die die Gleichgeschalteten und Indoktrinierten (HJ-Soldaten) kontrolliert. Peters herausragendes Engagement für den Faschismus wird deutlich durch den Hinweis des Oberleutnants, dass Peter am Nachmittag von Hitler persönlich ausgezeichnet werden würde. Es sind nur die Führung auf Seiten der Nazis und die Fanatischsten (Inge), die sprechen. Die Hitler-Jungen haben anscheinend keine Argumente und überlassen das Denken ihrem Vorgesetzten. Wem die Hierarchie nicht erlaubt zu denken (und damit nicht rechtfertigen kann, was er tut) oder kein Diener Hitlers ist (wie Wilhelm), soll den Mund halten.

Nachdem diese beiden Sichtweisen einander gegenüberstehen, wird eine Position nach der anderen entlarvt. Es stell sich heraus, dass der Befehlshaber keinerlei Fronterfahrung hat, wobei ihm sonst ein Mindestmaß an Erfahrung und Rationalität hätte unterstellt werden können. Inge macht sich als Frau lächerlich indem sie sagt, dass sie „bis zum letzten Mann kämpfen“ werde. Wilhelm erkennt sofort, dass ihre militärische Verteidigungsstellung sinnlos und ihre Waffen völlig ungeeignet sind. Nachdem Wilhelm sie so bloßstellen konnte, ist die einzige Antwort, die Inge hierauf vollkommen irrational zu geben hat: „Wir haben es dem Führer geschworen“. Vernunft kann nicht mehr rechfertigen, was hier geschieht, sondern nur noch die blinde Aufopferung für Hitler. Auch dieses „Argument“ entlarvt Wilhelm durch die Bemerkung, dass der Krieg vorbei sei.

Peter ist im Konflikt zwischen den verschiedenen Positionen der beiden Autoritäten. Auf der einen Seite der geistig einfache Weg des Faschismus, auf der anderen Seite die komplexere, nachdenklichere Sichtweise seines Vaters. Er befreit sich aus dieser Spannungssituation, indem der seinen Vater einen Feigling nennt, obwohl dieser seinen Mut durch seine Kriegsverletzung und durch seine von den Nazis abweichende, vernünftige aber „den Kampfeswillen zersetzende“ Meinung beweist. Peter flüchtet sich in die Irrationalität ähnlich der Argumentation von Inge und läuft dem Konflikt, seinem Vater und damit der Vernunft davon. Als aktiver Unterstützer des Faschismus wählt Peter den gewohnten, einfachsten Weg und muss so die Vernunft nicht an sich herankommen lassen. Wilhelm hat einen Teilerfolg erreicht, indem Peter vom Flakstützpunkt weg ist und versucht nun, die noch Verbleibenden zur Besinnung zu bringen.

Der erste Auftritt Peters übernimmt mehrer Aufgaben für den Verlauf der Handlung: Der Zuschauer wird eingeführt in das Setting und die Figuren, also den Straßenkampf sowie die Figuren Peter und Wilhelm Das Problem wird etabliert, das sich aus den Zielen Peters ergibt: Ist es angesichts der Lagen sinnvoll weiter zu kämpfen und sich für das NS-System einzusetzen?

Der durch seinen Vater entfachte innere Konflikt Peters wird auch wieder in der folgenden Szene 19 indirekt thematisiert, in der er auftritt. Peter kommt fast zu spät zu seinem Treffen mit Hitler. Von einem „treuen Soldaten Hitlers“ hätte man dies nicht erwartet. Einer der bereits in der Reihe strammstehenden Hitler-Jungen fragt ihn, wo er gesteckt habe. Da seit der vorherigen Szene Stunden vergangen seien müssen und Peter vorher seinen Flakstützpunkt verlassen hat, fragt sich auch der Zuschauer, was Peter wohl getrieben haben könnte, wenn schon nicht gekämpft. Eine Antwort wie: „Ich war noch in Kämpfe verwickelt“ oder Ähnliches hätte das Bild Peters als glühenden Nazi wieder aufgegriffen und seine Verspätung gerechtfertigt. Stattdessen muss Peter etwas getan haben, wovon die anderen nichts wissen dürfen (Peter: „Das geht dich ’n Scheißdreck an!“). Zu sagen, er habe nicht gekämpft, weil er habe nachdenken müssen, oder er sei sich nicht sicher gewesen, ob er die Auszeichnung Hitlers entgegennehmen solle, wäre für ihn problematisch geworden. Es lässt sich nur vermuten, dass er dies oder ähnliches getan hat.

Letzten Endes hat Peter wieder zum Nationalsozialismus zurückgefunden und erscheint, um sein eisernes Kreuz entgegenzunehmen. Die Reaktion Peters auf die Auszeichnung, das Lächeln und die Liebkosung Hitlers sind äußerst spärlich und kühl. Die Hitler-Jungen antworten nicht, nachdem Hitler eine kurze Ansprache hält und sie mit den Worten „Heil Euch!“ entlässt. Wie ein Film scheint die Situation an den Ausgezeichneten vorbeizulaufen, die völlig regungslos bleiben. Dass Hitler kein „Sieg Heil“, sondern Schweigen als Antwort erhält, kann als Provokation empfunden werden, als würde keiner der Anwesenden Hitler glauben, wenn der von der Auferstehung „Germanias“ spricht. Hitler kommentiert dies durch einen kurzen, irritierten Seitenblick.

Nochmals wird durch diese Szene das Problem des Helden etabliert.

Peters Mut und Einsatz als Nazi, für den er in Szene 19 ausgezeichnet wurde, wird in Szene 36 noch einmal dargestellt. Hierbei kann der Zuschauer dem Helden dabei zusehen, wie er versucht, seinen Konflikt zu lösen. Für ihn scheint es sinnvoll weiterzukämpfen.

Sein Kamerad, ein älterer Soldat, muss ihn im Kampf um eine Berliner Straße zurückhalten, nachdem Peter nur das Wort „Panzeralarm“ hört und wie automatisiert aus seinem Schützengrabe aufspringt gen Feind. Durch ein Klopfen auf die Schulter lobt sein Kamerad seine Einsatzbereitschaft. Gebannt von der Gelegenheit, weiter Panzer zu zerstören, zeigt er keinerlei Reaktion, als vor ihm zuckend und schreiend Soldaten nach einem Schuss des Panzers sterben. Er hält es in seinem Graben nicht mehr aus, muss aber feststellen, dass er keine Chance hat gegen die Angreifer, und springt wieder in den Graben. Ungläubig und starr sieht er, dass sein Kamerad durch einen Kopfschuss getötet wurde. Seine Unerschrockenheit beim Anblick der Toten und seine auf den Kampf zielgerichteten Handlungen vermitteln den Eindruck, Peter sei ein kampferprobter, abgestumpfter Soldat, der weder Angst um sein eigens Leben hat noch sich scheuen würde, vollen Einsatz für den Sieg der Nazis über die Russen zu zeigen.

Die ersten drei Szenen, in den Peter auftritt, führen ein ins Setting und die Figuren und etablieren den Konflikt, in dem er sich befindet: sein Elternhaus, das gegen seinen Einsatz als Soldat ist, und die NS-Ideologie, die ihn aus Überzeugung dazu bringt, sein Leben einzusetzen, sowie sein Umfeld, also Freunde, die allesamt auch auf Seite der Nazis stehen. Durch seinen Vater einerseits und seinen Vorgesetzten andererseits wird dies zu einem Konflikt zwischen der Vernunft und der fanatischen Überzeugung der Nazis – und damit auch zu einem Konflikt zwischen Vernunft und Gehorsam. Das Individuum (Peter), eingeholt durch die Vernunft (Wilhelm), steht somit dem faschistischen Glauben der Massen (Peters Freunde) entgegen. Peters Antwort bzw. seine Lösung des Konfliktes: ja, es lohnt sich noch für die Nazis zu kämpfen. Er entscheidet sich für das System, für den Gehorsam statt für die Vernunft.

Die eine Seite belohnt ihn mit Auszeichnungen, die andere kritisiert ihn für seine „Heldentaten“. Der durch das System der Nazis geformte Verstand des Jungen kann nicht nachvollziehen, warum ihn sein Vater derart kritisiert. Peter versucht den Konflikt zu lösen, indem er in seine alte Denkweise zurückfällt, sich von Hitler auszeichnen lässt und konsequenterweise wieder den Kampf aufnimmt. Noch scheint er den Nazis verfallen zu sein und kämpft gegen den Willen seines Vaters weiter. Nachdem aber nun dem Zuschauer das erste Mal der Tod in Zusammenhang mit Peter präsentiert wurde, scheinen sich für ihn die Prophezeiungen seines Vaters zu bewahrheiten, als er chancenlos den Kampf auf der Berliner Straße aufgeben muss.

2.2 Peters Abkehr vom Nationalsozialismus

Zeigte Szene 32 bereits, welche Gefahr demjenigen droht, der auf Seiten der Nazis kämpft, nämlich der Tod. Szenen 56 bis 70 illustrieren dieses Thema noch einmal. Eine Parallelmontage wechselt von Ort zu Ort innerhalb Berlins und zeigt so, was alles geschieht, während Magda Goebbels und Eva Braun ihr Testament schreiben. Zuvor wurde über die beste Art des Selbstmordes gesprochen. Es wird deutlich, dass es nun definitiv, wie Wilhelm bereits meinte „dem Ende zugeht“.

Während der Zuschauer die vom Nationalsozialismus bis zum Ende überzeugte Frau Goebbels und die naiv erscheinende, spätere Ehefrau Hitlers, Eva Braun, „schreiben hört“, sieht man, wie es denjenigen ergeht, die noch nicht resigniert haben und weiter für Hitler kämpfen. Haase und Schenk kämpfen weiter, als das Licht über Ihnen anfängt zu flackern. Dies unterstreicht den kommenden Zerfall und Untergang, den vor allem derjenige zu ertragen hat, der nicht fernab in einem Bunker sitzen kann, sondern in Mitten des Geschehens ist.

Während Eva Braun, die die Erschießung ihres Schwagers auf Befehl Hitlers mit den Worten „Du bist der Führer“ vor sich selbst rechtfertigt, noch die Verteilung von Schokolade und Tabak an Familie und Freunde testamentarisch regelt, lässt sich Inge mit Hitlergruß erschießen, und der Oberleutnant an der Flak begeht Selbstmord. Eichinger kontrastiert die Welt des Bunkers mit der Außenwelt. Die Parallelmontage ermöglicht es dem Zuschauer, einen Überblick über die Geschehnisse und Schicksale der Protagonisten zu bekommen, und vergleicht diese. Die Führung weiß bereits, dass es keine Rettung mehr gibt, und die Montage zeigt auf eine perfide Art und Weise, wie die Kindersoldaten, Inge und der Oberleutnant Hitler bis in den Tod folgen. Dieses Schicksal hätte auch Peter erwarten können, wie schon Szene 32 zeigte. Hier (Szene 69) wird dies jedoch noch einmal verstärkt, da es Peters Freunde sind, die Selbstmord begehen. Zuvor war es „nur“ eine älterer Soldat, der starb, nun hat es bereits Peters engste Kreise erreicht.

Für die Fanatischsten (Magda Goebbels, Inge etc.) und die Führung (Oberleutnant, die NS-Führung) gibt es im Bunker wie auch auf im Kampf auf der Straße keinen Ausweg außer dem Suizid, die anderen (jungen) Hitler-Jungen laufen jedoch weg.

Peter, bereits im Konflikt zwischen Vernunft und Nationalsozialismus, findet in Szene 72 die tote Inge. Dies stellt einen Wendepunk in Peters Denken, Handeln und seiner Rolle im Film dar. War Peter zwischenzeitlich weg von dem Ort, an dem sein (innerer) Konflikt begann, kehrt er nun, nachdem ihm der Tod immer näher rückt, wieder an diesen zurück. Er sieht weinend die Konsequenz, die auf den blinden Führer-Glauben folgt. Wilhelms Prophezeiungen haben sich als wahr herausgestellt, die Vernunft (die Opposition) hat Recht behalten, und Peters Lösungsversuch bezüglich seines Konflikts hat sich als falsch und todbringend erwiesen, wie Inges Tod zeigt. All dies geschieht in der dunklen, undurchsichtigen, gefährlichen Nacht. Dies kann mit Tod, zumindest mit „Nicht-Leben“ assoziiert werden. Dieses Symbol für den Tod erzeugt eine Verstärkung der Stimmung der ohnehin grausamen Ereignisse. Vor der anhaltenden Bedrohung durch die Russen muss Peter flüchten und fällt „am Ende seiner physischen und psychischen Kräfte“ (Drehbuch, Szene 73) in einen Bombenkrater. Nachdem er sich bereits im Konflikt befunden hat, seine Lösungsversuche nicht zum Erfolg geführt haben, sondern, wie der Selbstmord Inges gezeigt hat, in den Tod führen, fällt er nun psychisch wie physisch in ein Loch. Die Absichten seines Handelns haben sich in das Gegenteil von dem verkehrt, was er erreichen wollte.

Der nächste Morgen scheint zunächst Gutes zu verheißen, da er als Neuanfang interpretiert werden könnte und den Schrecken der vorherigen Nacht vergessen lässt. Die Zivilbevölkerung wandert ruhig entlang der Trümmer, als plötzlich ein Bombenhagel einschlägt. Peter erwacht mitten im Schlachtfeld und sieht noch die vorbei fliegenden Bomber. Sofort ist er aus seinen Träumen wieder in die Realität des Krieges zurückgeworfen, als er neben sich die Reste einer Leiche entdeckt.

Wie in einem bösen Traum scheint er zu erwachen, umringt vom Tod des Krieges. Um ihn herum das Resultat des Krieges, an dem er selbst partizipiert hat. Indem er aufspringt und den Krater fluchtartig verlässt, wird zum Ausdruck gebracht, dass er nun genug hat vom Krieg und vor diesem davonläuft.

Nachdem Speer im Führerbunker versucht hat, Hitler und seine Begleiter zur Vernunft zu bringen, sich von diesen verabschiedet und sich ihm bezüglich seiner Missachtung der Führerbefehle offenbart hat (Szene 78 bis 86), steht er vor der Reichskanzlei, wendet sich ab und geht gen Licht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Vom Mittäter zum Befreier: Die Figur Peter Kranz in Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ als Vertreter der „Generation der Verführten“
Untertitel
Vom „Letzten Akt“ zum „Untergang“ - Hitlerbilder in Film und Fernsehen bei Eckard Pabst
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
Vom „Letzten Akt“ zum „Untergang“ - Hitlerbilder in Film und Fernsehen bei Eckard Pabst
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
59
Katalognummer
V89957
ISBN (eBook)
9783640099986
ISBN (Buch)
9783640249121
Dateigröße
2687 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Nach Aussage des Dozenten eine "herrausragende" Arbeit. Inklusive umfangreichen Anhang: - Einstellungsprotokoll - Auszug aus dem original Drehbuch
Schlagworte
Mittäter, Befreier, Figur, Peter, Kranz, Oliver, Hirschbiegels, Untergang“, Vertreter, Verführten“, Akt“, Hitlerbilder, Film, Fernsehen, Eckard, Pabst
Arbeit zitieren
Jan-Niklas Bamler (Autor), 2006, Vom Mittäter zum Befreier: Die Figur Peter Kranz in Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ als Vertreter der „Generation der Verführten“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89957

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